{"id":6720,"date":"2005-03-01T00:00:08","date_gmt":"2005-02-28T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6720"},"modified":"2022-07-26T14:24:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:31","slug":"der-irokesenbund-als-egalitare-konsensdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/03\/der-irokesenbund-als-egalitare-konsensdemokratie\/","title":{"rendered":"Der Irokesenbund als egalit\u00e4re Konsensdemokratie"},"content":{"rendered":"<p><em>In j\u00fcngerer Zeit sind mit der Dissertation Ralf Burnickis und der Textsammlung der Werkstatt f\u00fcr gewaltfreie Aktion Baden gleich zwei B\u00fccher erschienen, die sich auf eine kritische und konstruktive Weise mit dem Konsensprinzip auseinandersetzen. ((2)) <\/em><\/p>\n<p><em>Ihre St\u00e4rke ist, dass sie beide im hohen Ma\u00dfe an der Praxis und Theorie von Konsensverfahren in den aktuellen sozialen Bewegungen orientiert sind. Was bislang noch zu kurz kommt, ist eine genaue Kenntnis konsensdemokratischer Verfahren, die f\u00fcr viele politische Verb\u00e4nde staatsloser Gesellschaften charakteristisch sind und vielerorts bis in die Gegenwart hinein praktiziert werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Zuge der Arbeit an meinem Buch zur amerikanischen Debatte um den Einfluss des Irokesenbundes auf die Entwicklung der US-Verfassung habe ich eine interessante Variante des Konsensprinzips kennen gelernt. Im ersten Teil meines Artikels skizziere ich die Grundz\u00fcge der irokesischen Politik, wie sie den europ\u00e4ischen Kolonisten begegnete. Im zweiten Teil zeige ich, dass das Konsensprinzip auch in der nun schon 200 Jahre dauernden Reservationsperiode nicht an politischer Bedeutung verloren hat.<\/em><\/p>\n<p>Im Juni 1998 portraitierte der Journalist Frank Nienhuysen in der S\u00fcddeutschen Zeitung die dem Irokesenbund angeh\u00f6renden Mohawks der Akwesasne-Reservation in der kanadischen Provinz Qu\u00e9bec ((3)) als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Tr\u00e4umer, die vergeblich versuchten, das Rad der Geschichte zur\u00fcckzudrehen und die kanadische Herrschaft zugunsten ihrer konsensorientierten politischen Traditionen abzusch\u00fctteln. Ich meine dagegen, dass gerade ihr Festhalten an \u00fcberlieferten Formen egalit\u00e4rer Selbstregierung und konsensdemokratischer Entscheidungsprinzipien wesentlich zum \u00dcberleben der Mohawks und anderer &#8222;First Nations&#8220; ((4)) als eigenst\u00e4ndige politische Gemeinschaften beigetragen hat. ((5))<\/p>\n<p>Nachdem die gewaltsame Landnahme durch Siedlerkolonisten, die Expansion von Handelsgesellschaften, die US-Armee, die systematische Vernichtung von Nahrungsgrundlagen und eingeschleppte Krankheiten die Gesellschaften der &#8222;ersten Amerikaner&#8220; bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend dezimiert hatten, wurden die \u00fcbriggebliebenen Menschen als Angeh\u00f6rige einer &#8222;verschwindenden&#8220; oder &#8222;aussterbenden Rasse&#8220; angesehen, die auf Resten ihrer ehemaligen Territorien dahinvegetierten und bei Strafe des Untergangs zur vollst\u00e4ndigen Assimilation an die moderne amerikanische Gesellschaft gezwungen waren.<\/p>\n<p>Die politischen Organisationsformen der &#8222;Native Americans&#8220; galten nun entweder als bereits zerst\u00f6rt oder als anachronistische Relikte einer archaischen Fr\u00fchzeit, denen keine \u00dcberlebenschance mehr einger\u00e4umt wurde. Einige dieser &#8222;befriedeten&#8220; Ersten Nationen haben sich jedoch immer wieder dem Zugriff staatlicher Beh\u00f6rden verweigert und beharren seit Jahrhunderten auf ihrer fortbestehenden politischen Souver\u00e4nit\u00e4t. Den militantesten Widerstand haben neben den Lakota nicht zuletzt immer wieder Angeh\u00f6rige des Irokesenbundes gezeigt. Dabei handelt es sich um eine Konf\u00f6deration, die die politisch souver\u00e4nen St\u00e4mme oder Nationen der Mohawks, Oneidas, Cayugas, Onondagas, Senecas und Tuscaroras miteinander verbindet.<\/p>\n<p>Seit Jahrhunderten bewohnen die Angeh\u00f6rigen des Irokesenbundes Gebiete, die heute zum Hoheitsgebiet des US-Bundesstaates New York sowie der kanadischen Provinzen Quebec und Ontario gez\u00e4hlt werden. Den englischen Kolonisten waren die Irokesen seit der Mitte des 17. Jahrhunderts als Confederation oder League of the Iroquois bekannt. Gebr\u00e4uchlich war die Bezeichnung Five Nations, und als im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts die Tuscaroras als sechste Nation durch Adoption in den Bund aufgenommen worden waren, wurden daraus: die Six Nations. Die Irokesen selbst rufen sich nach ihrem bevorzugten Haustyp auch Haudenosaunee: das Langhausvolk.<\/p>\n<p>Die im Irokesenbund bereits vor Jahrhunderten praktizierten Konsensverfahren geh\u00f6ren auf vielen Reservationen nach wie vor wie selbstverst\u00e4ndlich zum politischen Leben. Konservative Anh\u00e4ngerInnen der Langhausreligion und Mitglieder der militanten Warrior-Organisationen haben gro\u00dfe Teile der Reservationsbev\u00f6lkerung auf ihrer Seite, wenn sie gegen\u00fcber den mehrheitsdemokratischen Verfahren der US-amerikanischen und kanadischen Autorit\u00e4ten die \u00dcberlegenheit eines irokesischen Politikmodells behaupten, dass weder Befehle erlaubt noch Gehorsam verlangt und kollektive Entscheidungen nur dann als legitim und bindend anerkennt, wenn sie vom allgemeinem Konsens getragen werden. Die komplizierten Verfahren der irokesischen Konsensdemokratie m\u00f6chte ich nun in den Grundz\u00fcgen darstellen. Dass die \u00dcberg\u00e4nge zwischen &#8222;Innen&#8220;- und &#8222;Au\u00dfenpolitik&#8220; flie\u00dfend sind, stellt sich heraus, betrachtet man die Formen der irokesischen Diplomatie im 18. und 19. Jahrhundert genauer. Das Konsensprinzip blieb dann in der Reservationszeit ein Orientierungsma\u00dfstab der oft genug in den Untergrund gedr\u00e4ngten traditionellen Stammesr\u00e4te und geh\u00f6rt zum ideologischen Kernbestand eines militanten Ethnonationalismus, der seit den 1970er Jahren insbesondere unter den Mohawks gro\u00dfen Zuspruch erfuhr.<\/p>\n<h3>Die Konf\u00f6deration der Haudenosaunee im 17. und 18. Jahrhundert<\/h3>\n<p>Wie lange der Irokesenbund bereits existiert, wurde bislang nicht endg\u00fcltig gekl\u00e4rt. Konservative Sch\u00e4tzungen f\u00fchren seine Entstehung auf einen Zeitraum in der Mitte des 16. Jahrhunderts zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der irokesische Gr\u00fcndungsmythos beschreibt das Ereignis als Ergebnis eines schwierigen Verhandlungsprozesses. Deganawidah und Hiawatha sind in dieser Erz\u00e4hlung die legend\u00e4ren Gr\u00fcnderheroen, denen es nur durch m\u00fchsame und langdauernde \u00dcberzeugungsarbeit gelingt, die sich in Blutfehden bekriegenden St\u00e4mme zu einer Konf\u00f6deration zu vereinen und ihnen Regeln f\u00fcr das friedliche Zusammenleben zu geben: das Great Law of Peace (Kaienerekowa). Aus diesem Friedensgesetz werden die bis heute geltenden Entscheidungsverfahren und politischen Titel hergeleitet. Auch die ethnohistorische Forschung sieht in der Beendigung langdauernder Fehden einen wichtigen Grund f\u00fcr den Zusammenschluss der St\u00e4mme.<\/p>\n<p>Der Konf\u00f6deration geh\u00f6rten wohl nie mehr als 15.000 Menschen an, die verschiedene Dialekte sprachen.<\/p>\n<p>\u00d6konomische Grundlage war die Landwirtschaft, erg\u00e4nzt durch Sammeln von Waldfr\u00fcchten, Jagd und Fischfang. Anfallende Arbeiten auf den Mais-, Bohnen- und K\u00fcrbisfeldern, auf der Jagd oder beim Hausbau wurden von Frauen- oder M\u00e4nnergruppen geleistet. Die M\u00e4nner k\u00fcmmerten sich um den Hausbau, schlugen Holz, errichteten Palisaden, bauten Kanus, Werkzeuge, Sportger\u00e4te, Pfeifen und Waffen. Die Frauen wiederum kultivierten in ihren G\u00e4rten Sonnenblumen zur \u00d6lgewinnung, Melonen und Obstb\u00e4ume. Die Ertr\u00e4ge der von den M\u00e4nnern durchgef\u00fchrten Jagd- und Fischz\u00fcge sowie der gemeinschaftlichen Herbstjagden erg\u00e4nzten die landwirtschaftliche Produktion.<\/p>\n<p>\u00d6konomie und Politik basierten auf dem Prinzip der Machtteilung. Oft wurden zwei \u00c4mter zur gegenseitigen Kontrolle gegen\u00fcbergestellt. Man war streng darauf bedacht, dass die in beiden sozialen Sph\u00e4ren tempor\u00e4r entstehende Ungleichheit immer wieder auf ein ertr\u00e4gliches Ma\u00df nivelliert wurde. Alle F\u00fchrungspositionen kamen ohne Erzwingungsstab aus und blieben grundlegend von der Zustimmung von Gefolgschaften abh\u00e4ngig, als deren blo\u00dfes Sprachrohr sie sich zu verstehen verpflichtet waren. Das Prinzip der Versammlung strukturierte die formalen und informalen politischen Zusammenk\u00fcnfte in der Ohwachira, die Beratungen von Frauen- und M\u00e4nnergruppen, die Besprechungen der Arbeits- oder Kriegskollektive, die Clanversammlungen, den Siedlungsratschlag, den jeweiligen Stammesrat sowie den H\u00e4uptlingsrat der Konf\u00f6deration.<\/p>\n<p>Schon die Ebene der weiblichen Abstammungsgruppe, der Ohwachira, war fundamental f\u00fcr eine bemerkenswerte Machtbalance zwischen den Geschlechtergruppen. Wortf\u00fchrerinnen der fr\u00fchen Frauenbewegung in den USA sprachen im 19. Jahrhundert vom Matriarchat der Irokesen. ((6)) Die Zurechnung zur \u00f6konomischen, sozialen und politischen Solidargemeinschaft einer Verwandtschaftsgruppe erfolgte \u00fcber die weibliche Abstammungslinie. Die Ethnologie nennt das Matrilinearit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Kinder einer Frau geh\u00f6rten ihr ganzes Leben lang, also auch nach der Heirat, dem Langhaus der Mutter an. Der ethnologische Terminus daf\u00fcr ist Matrilokalit\u00e4t. Die verheirateten Frauen bildeten mit ihren jeweiligen Partnern, die formell weiter dem Langhaus ihrer weiblichen Vorfahren angeh\u00f6rten, und ihren Kindern separate Wohngemeinschaften innerhalb eines Langhauses mit einer eigenen Kammer und Feuerstelle. Weil jedes Individuum sein ganzes Leben lang ein und derselben Verwandtschaftsgruppe angeh\u00f6rte, war eine Verbesserung der sozialen Stellung durch berechnende Heirat ausgeschlossen. Die Eheleute behielten jeweils ihr angestammtes Eigentum, das sie im Falle einer Trennung wieder mit sich nahmen und das im Todesfall an ihren jeweiligen Herkunfts-Clan ging. Frauen hatten bei einer Trennung von ihrem Ehemann oder im Falle der unehelichen Geburt keine soziale Unsicherheit zu f\u00fcrchten. Die verwandtschaftliche Zurechnung des Kindes zur m\u00fctterlichen Linie stand fest, f\u00fcr seine materielle und emotionale Versorgung stand die Familiengruppe solidarisch ein. Alles Land war Gemeineigentum und wurde ebenso von den Frauen verwaltet wie die Nahrungsmittel aus Feldarbeit, Jagd oder Sammelt\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Eine \u00c4lteste der Ohwachira besorgte die Verteilung des gemeinsam zubereiteten Essens an die einzelnen &#8222;Familien&#8220; des Langhauses. Das Amt war erblich. Doch musste die \u00c4lteste von einer Versammlung der Frauen best\u00e4tigt werden und wurde bei Missfallen abgesetzt.<\/p>\n<p>Einer der t\u00fcchtigsten M\u00e4nner des Langhauses stand der \u00c4ltesten zur Seite. Sie war die Treuh\u00e4nderin des im Besitz der Ohwachira befindlichen &#8222;symbolischen Kapitals&#8220; an Titeln, \u00c4mtern und Ritualgegenst\u00e4nden, koordinierte die Arbeit der Frauen und verlautbarte das Schicksal von Kriegsgefangenen.<\/p>\n<p>In manchen Familienlinien war einer der f\u00fcnfzig H\u00e4uptlingstitel des Bundesrates erblich. In diesem Falle hie\u00df die \u00c4lteste Go Yani, geh\u00f6rte zu den weiblichen Vorsteherinnen ihres Clans und hatte dort eine zus\u00e4tzliche politische Aufgabe: Nach Beratungen mit den Frauen- und M\u00e4nnergruppen ihrer Ohwachira schlug sie den m\u00e4nnlichen und weiblichen &#8222;H\u00e4uptlingen&#8220; des Clans, der n\u00e4chsth\u00f6heren Integrationsstufe des Irokesenbundes, einen aus ihrer eigenen Verwandtschaftslinie stammenden Kandidaten f\u00fcr das H\u00e4uptlingsamt im Bundesrat vor. In ihrer Rolle als Clan-Vorsteherin bereitete eine Go Yani Feste und Ratssitzungen vor.<\/p>\n<p>Die Irokesen kannten neun Clans, die sich auf die verschiedenen Nationen verteilten. Ein Clan bestand aus mehreren Verwandtschaftslinien (Ohwachiras). In jedem Clan hielten Frauen- und M\u00e4nnerversammlungen voneinander unabh\u00e4ngige Beratungen ab. Der Frauenrat teilte den landwirtschaftlich nutzbaren Boden unter den Ohwachiras auf und organisierte die gemeinsame Feldarbeit. Im M\u00e4nnerrat wurden entsprechende Pl\u00e4ne f\u00fcr Jagd- und Handelsaktivit\u00e4ten gemacht. Frauen und M\u00e4nner arbeiteten zusammen, wenn es darum ging, gemeinsame Feste und Zeremonien vorzubereiten, Streitigkeiten zwischen Clanmitgliedern zu schlichten und Verhandlungen mit anderen Clans zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste politische Integrationsebene, die Langhaussiedlung, ist nicht verwandtschaftlich, sondern territorial bestimmt. Einige hundert, aber selten mehr als 1.500 Angeh\u00f6rige verschiedener Clans lebten in den palisadengesch\u00fctzten Ortschaften zusammen. Diese H\u00f6chstgrenze hat sicher auch damit zu tun, dass die Verfahren der Konsensgr\u00fcndung mit zunehmender Gr\u00f6\u00dfe immer schwieriger wurden. ((7)) Die lokale Politik gestaltete sich plural. Das hei\u00dft, hier organisierten und verhandelten eine Vielzahl von Frauen- und M\u00e4nnerr\u00e4ten der Ohwachiras, der Clans und davon wiederum gesonderte Dorfversammlungen und \u00c4ltestenr\u00e4te die \u00f6ffentlichen Angelegenheiten.<\/p>\n<p>In den h\u00e4ufigen Ratsversammlungen der einzelnen St\u00e4mme oder Nationen konnten sich neben den m\u00e4nnlichen und weiblichen Clan-Vorstehern und den von den M\u00e4nnern gew\u00e4hlten Kriegsh\u00e4uptlingen (Pine Tree Chiefs) auch einfache M\u00e4nner und Frauen Geh\u00f6r verschaffen. Falls sie ein besonderes Interesse an den Diskussionsthemen entwickelten, hielten Frauen einer oder mehrerer Ohwachiras eigene Ratsversammlungen ab, deren Ergebnisse durch Sprecher weitergeleitet wurden. Wenn die Frauen es verlangten, wurde ein vom Stammesrat behandelter Gegenstand der Zustimmung aller Stammesmitglieder \u00fcberantwortet. Auf diese Weise blieb der Nationalrat an die &#8222;Basis&#8220; angebunden.<\/p>\n<p>Im H\u00e4uptlingsrat des Irokesenbundes hatten die von den Go Yani ausgew\u00e4hlten f\u00fcnfzig H\u00e4uptlinge mit erblichem Titel ihren st\u00e4ndigen Sitz. Jeder H\u00e4uptling konnte durch sein Veto eine gemeinsame Entscheidung verhindern. Wenn auch nach mehreren Anl\u00e4ufen ein gemeinsamer Entschluss nicht gelang, wurde der strittige Punkt beiseite gelegt. Ein offener Streit wurde als Gefahr f\u00fcr den Zusammenhalt des Bundes gewertet. Grundlegend f\u00fcr die Versammlungen war daher ein gemeinsames Friedensritual: die Kondolenzzeremonie f\u00fcr einen verstorbenen H\u00e4uptling.<\/p>\n<p>Die Kondolenzzeremonie ist bis heute ein wichtiger Bestandteil der irokesischen Politik. Sie hat ihr Vorbild im mythischen Gr\u00fcndungsakt der Konf\u00f6deration.<\/p>\n<p>Spannungen und Konflikte zwischen den St\u00e4mmen sollen auf rituelle Weise einged\u00e4mmt, die Fortsetzung des friedlichen Modus politischer Kommunikation auf diese Weise m\u00f6glich werden. Gemeinsames Trauern stellt mithin den zeremoniellen Rahmen f\u00fcr die Verbindung von zwei potentiell antagonistischen Parteien bereit. Mohawks, Onondagas und Senecas bilden die H\u00e4lfte der \u00c4lteren Br\u00fcder oder der Angeh\u00f6rigen des Vaters, und die Oneidas und Cayugas (sowie die ihnen sp\u00e4ter zugeordneten Tuscaroras) die H\u00e4lfte der J\u00fcngeren Br\u00fcder oder Neffen. Die Angeh\u00f6rigen beider Parteien betonen immer wieder ihre Absicht, Konflikte auf gewaltlose Weise zu l\u00f6sen. Wenn ein Bundesh\u00e4uptling stirbt, obliegt es den St\u00e4mmen der gegen\u00fcberliegenden H\u00e4lfte, im Kondolenzritual initiativ zu werden und das Gem\u00fct der trauernden Seite wieder aufzurichten. Dazu wird zun\u00e4chst der Pfad beschritten: Die H\u00e4lfte mit dem klaren Geist (clearminded) geht zum Ratsplatz der trauernden H\u00e4lfte und stimmt dabei den Lobgesang (Roll Call) f\u00fcr die Gr\u00fcnder des Irokesenbundes an. An der Waldlichtung wird sie von den Trauernden begr\u00fc\u00dft. Dem folgt die Wiederbelebungs-Ansprache (Requickening Address).<\/p>\n<p>Dann werden die sechs Lieder f\u00fcr die verstorbenen H\u00e4uptlinge gesungen. F\u00fcnfter und obligatorisch letzter Programmpunkt ist die langdauernde Rezitation des Great Law of Peace.<\/p>\n<p>Die Entscheidungsverfahren in den dann folgenden Ratsversammlungen sind hochformalisiert und darauf ausgerichtet, Konflikte und Spannungen zwischen den Verhandlungspartnern einzud\u00e4mmen. Die Bundesh\u00e4uptlinge bilden dazu aber nicht zwei, sondern drei Parteien.<\/p>\n<p>Die \u00e4lteren Br\u00fcder (Mohawks, Senecas) sitzen \u00f6stlich des von den Onondagas geh\u00fcteten Bundesfeuers und die j\u00fcngeren Br\u00fcder (Oneidas, Cayugas) ihnen gegen\u00fcber westlich davon. Als H\u00fcter des Feuers geben die n\u00f6rdlich vom Feuer platzierten Onondagas die Diskussionsthemen zun\u00e4chst an die Mohawks und Senecas. Die Mohawks besprechen sich untereinander, treffen eine konsensuale Entscheidung und reichen das Thema an die Senecas weiter, die es nach ihrer Beratschlagung an die Mohawks zur\u00fcckgeben. Die Mohawks leiten die so erreichte \u00dcbereinkunft \u00fcber das Feuer an die &#8218;j\u00fcngeren Br\u00fcder&#8216; weiter. Dort wird sie zun\u00e4chst von den Oneidas und dann von den Cayugas er\u00f6rtert. Die Oneidas geben den Diskussionstand dann zur\u00fcck an die Mohawks, die schlie\u00dflich die gemeinsame Ansicht der Onondagas bekannt geben. Wenn die Onondagas zustimmen, gibt der aus der aus ihren Reihen stammende Sprecher des H\u00e4uptlingsrates (Tadodaho) den so gefundenen Konsens bekannt.<\/p>\n<h3>Waldlanddiplomatie<\/h3>\n<p>Elementare Aspekte der irokesischen Konsensdemokratie strukturierten auch die Form der Au\u00dfenbeziehungen der Konf\u00f6deration. Die B\u00fcndnisse zu anderen indianischen Nationen und den europ\u00e4ischen Kolonien unterschieden sich in irokesischer Sicht nicht grundlegend vom Aufbau und der Zwecksetzung der Konf\u00f6deration selbst. In beiden F\u00e4llen war keine herrschaftliche Zentralinstanz vorhanden, die inneren Frieden durch repressive Ma\u00dfnahmen herzustellen in der Lage gewesen w\u00e4re. Auch in der &#8222;Au\u00dfenpolitik&#8220; gebot das irokesische Protokoll die vorsichtige Ann\u00e4herung von zwei (oder mehr) Parteien \u00fcber ein Trauer- und Beileidsritual. ((8)) In beiden F\u00e4llen hatten souver\u00e4n bleibende Alliierte und Verhandlungspartner miteinander zu tun, die auf konsensuale Entscheidungsverfahren und wiederholte rituelle Friedensstiftung angewiesen blieben. ((9))<\/p>\n<p>Die historisch folgenreichste Allianz im Rahmen der sogenannten Forrest Diplomacy war die ca. 100 Jahre dauernde und in diesem Zeitraum ein stabiles Dach f\u00fcr Handel und kulturellem Austausch bietende Covenant Chain (Bundeskette) von Irokesen und englischen Kolonien gegen die in Pelzhandel und um Gebietsanspr\u00fcche konkurrierende franz\u00f6sische Kolonialmacht und deren indianische Verb\u00fcndete. ((10)) Die an einem friedlichen Handel und indianischen Verb\u00fcndeten interessierten Kolonien des 17. und 18. Jahrhundert mussten sich an die in der gesamten Region verbreiteten Spielregeln der indianischen Diplomatie anpassen. Dazu geh\u00f6rte die kostspielige Verteilung von Geschenken. Die Gesandten ihrer Majest\u00e4t \u00e4rgerten sich aber h\u00e4ufig \u00fcber das Verhandlungsgebaren ihrer indianischen Alliierten. Nicht selten beklagten sie sich bei ihren Verhandlungspartnern \u00fcber die Anwesenheit zu vieler Menschen am Ort der Konferenz. Wenn das Thema wichtig war, machte sich eine gro\u00dfe Anzahl von H\u00e4uptlingen, Kriegsf\u00fchrern, aber auch von gew\u00f6hnlichen M\u00e4nnern, Frauen und Kindern noch zum entferntesten Verhandlungsort auf. Im Rahmen ihrer Konsensdemokratie war die Wahrscheinlichkeit, dass die erreichte \u00dcbereinkunft f\u00fcr den Irokesenbund schlie\u00dflich bindend sein w\u00fcrde, desto gr\u00f6\u00dfer, je mehr Menschen bei einer Verhandlung teilnahmen bzw. deren Vorschl\u00e4ge beratschlagen konnten. Der Verhandlungsprozess selbst hatte einen langen Vorlauf und war aufw\u00e4ndig. An dieser Stelle kann das Verfahren nicht im Detail geschildert werden. ((11))<\/p>\n<p>Gleichwohl macht es Sinn, auf einige typische Merkmale einzugehen, die mit der konsensualen Politikverst\u00e4ndnis der Irokesen zusammenh\u00e4ngen. So waren die Sprecher der indianischen Seite, im Gegensatz zu dem, was sich die europ\u00e4ischen Verhandlungspartner oft vorstellten, in der Regel keine besonders hervorgehobenen Autorit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Vielmehr verlautbarte ein Sprecher, ohne dass er dabei unterbrochen werden durfte, im gepflegten Redestil der Bundesratsversammlungen lediglich eine ihm im genauen Wortlaut aufgetragene Botschaft. Wechselte der Gegenstand der Verhandlung, wurde der Sprecher nicht selten durch einen anderen ersetzt.<\/p>\n<p>Wenn der erste Sprecher der einen Seite des Feuers seine Rede beendet hatte, durften die Zuh\u00f6rer von der anderen Seite des Feuers Verst\u00e4ndnisfragen stellen. Schlie\u00dflich ergriff ihr eigener Sprecher das Wort, um durch einen Dolmetscher zu verk\u00fcnden, dass seine Gruppe sich nun zur Beratung einer Antwort zur\u00fcckziehen werde. Eine solche Besprechung dauerte gew\u00f6hnlich den Rest des Verhandlungstages. Un\u00fcblich war es, eine Antwort noch am gleichen Tag zu \u00fcberbringen. Die Herstellung einer konsensualen Antwort gebot vielmehr, eine Nacht \u00fcber den Sachverhalt zu schlafen, um am n\u00e4chsten Morgen mit einer Stimme sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Antwort hielt sich dann eng an die Form der urspr\u00fcnglichen Vorschl\u00e4ge. Jeder einzelne Punkt wurde noch einmal zusammengefasst und dann jeweils einzeln beantwortet. Waren alle Vorschl\u00e4ge der ersten Seite beantwortet, durfte die zweite ihrerseits eigene Vorschl\u00e4ge machen, die wiederum auf die gleiche Weise beantwortet wurden.<\/p>\n<p>Neue Vorschl\u00e4ge konnten w\u00e4hrend einer laufenden Ratsverhandlung zwar noch unterbreitet werden: Ob sie w\u00e4hrend der laufenden Konferenz noch beantwortet wurden, stand jedoch auf einem anderen Blatt, denn sie verlangten unter Umst\u00e4nden erst eine lange Phase der Konsensfindung im H\u00e4uptlingsrat. Manche Verhandlungen, aus denen die kolonialen Vertreter bindende Verpflichtungen ableiteten, hatten die Irokesen als blo\u00dfe Vorgespr\u00e4che angesehen, bei denen die Ansichten der beiden Parteien erstmals zu Geh\u00f6r gebracht wurden. Wurde auf der irokesischen Seite \u00fcber einen bestimmten Punkt im Vorfeld einer Vertragsverhandlung keine Einigung erreicht, beauftragte man die Unterh\u00e4ndler damit, zwar an einer bereits verabredeten Konferenz teilzunehmen, vor einer bindenden Vereinbarung aber erst den heimischen Konsens einzuholen. Ein &#8222;Vertrag&#8220; galt erst dann als g\u00fcltig, wenn die Gesandten genau nach ihrer Anweisung gehandelt hatten. Waren sich die Gesandten der Zustimmung der Daheimgebliebenen nicht sicher, wurden die laufenden Verhandlungen unterbrochen, bis deren Meinung eingeholt worden war. Den Gesandten der Kolonialm\u00e4chte kamen die irokesischen Methoden der Konsensfindung sehr langwierig und umst\u00e4ndlich vor. Sie mussten sich an den anderen Zeittakt ihrer indianischen Gegen\u00fcber gew\u00f6hnen, die f\u00fcr kalendergewohnte europ\u00e4ische Augen ungenaue Zeitangaben machten, sich nicht selten versp\u00e4teten und wichtige Angelegenheiten mit einer Bed\u00e4chtigkeit angingen, die koloniale Politiker nerv\u00f6s machte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In j\u00fcngerer Zeit sind mit der Dissertation Ralf Burnickis und der Textsammlung der Werkstatt f\u00fcr gewaltfreie Aktion Baden gleich zwei B\u00fccher erschienen, die sich auf eine kritische und konstruktive Weise mit dem Konsensprinzip auseinandersetzen. 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