{"id":6742,"date":"2005-04-01T00:00:16","date_gmt":"2005-03-31T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6742"},"modified":"2022-07-26T13:56:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:50","slug":"fluchtlingsschutz-ist-hip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/04\/fluchtlingsschutz-ist-hip\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlingsschutz ist hip!"},"content":{"rendered":"<p>Der gemeine Fl\u00fcchtlingsunterst\u00fctzer ist seit 35 Jahren Stammgast bei s\u00e4mtlichen evangelischen Kirchentagen &#8211; genau seit dem Zeitpunkt, seit dem er sich auch t\u00e4glich anderthalb Stunden der Lekt\u00fcre der Frankfurter Rundschau widmet. Der gemeine Fl\u00fcchtlingsunterst\u00fctzer ist ebenso betroffen wie w\u00fctend dar\u00fcber, dass alles immer schlimmer wird. Der gemeine Fl\u00fcchtlingsunterst\u00fctzer ertr\u00e4nkt seit 35 Jahren seine Wut in trockenem Rotwein aus einem \u00f6kologisch wirtschaftenden, famili\u00e4r gef\u00fchrten Weingut in S\u00fcdfrankreich und seine Betroffenheit in fadem, weil selbstverst\u00e4ndlich nicht aromatisierten Rooibuschtee von der GEPA. Der gemeine Fl\u00fcchtlingsunterst\u00fctzer h\u00f6rt dazu \u00fcblicherweise Konstantin Wecker, weil der sich so erfrischend ungeschminkt zu pers\u00f6nlichen Fehlern bekennt, und Franz-Josef Degenhardt, weil der noch nie Fehler gemacht hat.<\/p>\n<p>Das ist doch alles ziemlich uncool, hat sich j\u00fcngst Pro Asyl gedacht.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsste doch mal endlich was machen, damit auch die Jugend merkt, dass Fl\u00fcchtlingsunterst\u00fctzung in Wirklichkeit hip, sexy und total knorke ist. Also hat Pro Asyl gemeinsam mit der Produktionsfirma der Toten Hosen eine Schallplatte aufgenommen &#8211; oder wie das jetzt auf neudeutsch hei\u00dft: eine Diskette. Oder so. Herausgekommen ist jedenfalls eine Benefiz-Scheibe, von der die Rotwein trinkenden, beige-grau bekleideten und Degenhardt h\u00f6renden Pro-Asyl-Vorstandsmitglieder glauben, dass sie auch auf der diesj\u00e4hrigen Abi-Feier des durchschnittlichen linksliberalen Gymnasiums einer beliebigen deutschen Gro\u00dfstadt rauf und runter gespielt werden k\u00f6nnte. Also: Die Toten Hosen, Mousse T., Sportfreunde Stiller, Paul van Dyk, Rosenstolz, Bierm\u00f6sl Blosn, Mia.<\/p>\n<p>Mia? Sind das nicht die, die jetzt auch wieder stolz sein k\u00f6nnen auf Deutschland? Die finden: &#8222;Fragt man mich jetzt woher ich komme \/ tu ich mir nicht mehr selber leid \/ (&#8230;) \/ Wohin es geht, das woll&#8217;n wir wissen und betreten neues deutsches Land&#8220;? Was wiederum zum Beispiel das NPD-Blatt &#8222;Deutsche Stimme&#8220; ausgesprochen cool findet.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn auch noch von keinem nennenswerten Einfluss einer Neuen Rechten oder der nationalen Opposition auf die Popkultur die Rede sein kann, so ist dort doch Deutschsein vom Nachteil zum Mehrwert geworden&#8220;, analysiert das Innere Organ f\u00fcr den pseudo-intellektuellen Rassisten. Aber was suchen Mia dann auf einem Sampler von Pro Asyl?<\/p>\n<p>&#8222;Mit der Planung des CD-Projekts sind wir seit fast zwei Jahren besch\u00e4ftigt&#8220;, sagt Pro-Asyl-Mitarbeiterin Nicole Viusa. &#8222;Zu diesem Zeitpunkt wurde die Diskussion \u00fcber m\u00f6gliche ,rechte&#8216; Inhalte der Musik von Mia noch nicht \u00f6ffentlich gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Mia fand unser Projekt toll und war eine der ersten Bands, die zugesagt hatten, ein Lied zu spenden.&#8220; Nach den anschlie\u00dfenden kontroversen Diskussionen ist Pro Asyl zu dem Schluss gekommen: Mia sollen auf dem Sampler bleiben. Nicht zuletzt wegen der Statements, in denen die Bandmitglieder Stellung nehmen zu den Nationalismus-Vorw\u00fcrfen: &#8222;es gibt keine schlussstriche in der geschichte. unsere vergangenheit ist schwer belastet. sie wird es auch bleiben&#8220;, erkl\u00e4rt etwa Trommler Gunnar in linksradikaler Kleinschreibung. &#8222;es gibt leute, denen ,frische spuren in den weissen sand&#8216; gereicht haben, uns geschichtsblindheit zu unterstellen.&#8220; Und Nhoah, Mittexter des umstrittenen Songs, schreibt: &#8222;das lied ,was es ist&#8216;, welches im zeichen der stimmung der deutschen anfang 2003, sich massiv gegen den irakkrieg auszusprechen, entstanden ist, hat gesagt: liebe, respekt, toleranz und mut. wie vertr\u00e4gt sich denn der vorwurf von nationalismus mit toleranz? er schlie\u00dft sich doch eindeutig aus!&#8220;<\/p>\n<p>Warum Mia sich bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlen, der Auseinandersetzung mit nationaler Identit\u00e4t eine so zentrale Rolle einzur\u00e4umen, bleibt jedoch weiterhin im Dunkeln. Alle Antworten der Bandmitglieder auf diese Frage bleiben derma\u00dfen verschwurbelt, dass es f\u00fcr rational denkende Leser faktisch unm\u00f6glich ist, den k\u00fcnstlerischen Intentionen zu folgen. Aber das gilt im \u00dcbrigen nicht nur f\u00fcr das Thema Deutschland &#8211; Mia scheinen grunds\u00e4tzlich eine etwas verschwurbelte Denkstruktur zu haben.<\/p>\n<p>Kostprobe aus einem Interview mit S\u00e4ngerin Mieze auf der Band-Homepage:<\/p>\n<p>Frage: &#8222;Was bedeutet es f\u00fcr dich, deutsch zu sein?&#8220;<br \/>\nAntwort: &#8222;Ich hab nichts zu meinem Deutschsein dazugetan, ich bin es einfach, und ich lerne gerade, es zu sein ohne Stolz und ohne Scham.&#8220;<br \/>\nFrage: &#8222;Was hast du in letzter Zeit intensiv erfahren?&#8220;<br \/>\nAntwort: &#8222;Die Macht des Geistes.&#8220;<br \/>\nFrage: &#8222;Welches andere Leben w\u00fcrdest du gern mal ausprobieren?&#8220;<br \/>\nAntwort: &#8222;Ich lebe erstmal dieses Abenteuer, bevor ich als singendes Aboriginim\u00e4dchen, ausger\u00fcstet mit Aboriginizauber, durch die W\u00fcste ziehe.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es ist was es ist: Saud\u00e4mlich&#8220;, urteilte einmal die taz \u00fcber den umstrittenen Liedtext. Diese Einsch\u00e4tzung trifft ganz offensichtlich nicht nur darauf zu. Ob allerdings die gro\u00dfe Nationalismuskeule die angemessene Antwort auf solch saud\u00e4mliches Geblubber ist, darf trotz allem bezweifelt werden\u2026<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu der Pro-Asyl-Schallplatte: &#8222;On the Run&#8220; hei\u00dft sie, was wohl soviel hei\u00dft wie &#8222;Auf dem Sprung&#8220;. Auf dem Cover erkennt der interessierte Betrachter einen unrasierten Berliner Autonomen mit schwarzer H+M-M\u00fctze, au\u00dferhalb des sichtbaren Bildausschnitts verborgen Bolzenschneider und Hakenkralle haltend, die revolution\u00e4r funkelnden Augen durch den Stacheldraht d\u00fcster-entschlossen auf den flutlicht-glei\u00dfenden Castor-Verladebahnhof Dannenberg-Ost gerichtet. Zugegeben: Mit viel Fantasie kann man in dem jungen Mann auch einen bedauernswerten s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Armutsfl\u00fcchtling ausmachen, der verkl\u00e4rt und verbittert durch den eisernen Vorhang der Festung Europa in Richtung kapitalistische Metropole blickt, die so nah und doch so unerreichbar vor ihm liegt, und vermutlich dar\u00fcber sinniert, wie er jetzt noch an ein falsches deutsches Touristenvisum kommen kann.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, das wird wohl das Geheimnis des Fotok\u00fcnstlers bleiben. Und es kommt schlie\u00dflich auf den Inhalt einer Schallplatte an und nicht auf ihre Verpackung. Und der ist: gar nicht schlecht. Neben ein paar m\u00e4\u00dfigen bis peinlichen St\u00fccken von Klee, Patrice &amp; Laygwan Sharkie, Italo Reno &amp; Germany feat. Curse, Laith Al-Deen (kein Wunder bei solchen Namen) und den Toten Hosen als Mitinitiatoren des Sampler-Projekts findet sich so manches Sch\u00e4tzchen auf dem Scheibchen. Zum Beispiel der arschcoole Funny van Dannen mit dem bisher unver\u00f6ffentlichten Song &#8222;Indisch Essen&#8220;. In 1 Minute 56 eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, mit der andere Leute in einem ganzen Roman nicht fertig werden, das schafft nur er. Oder die ebenfalls arschcoolen Tocotronic mit dem Live-Titel &#8222;Racist Friend&#8220;. Einen simplen Aussagesatz auf \u00fcber f\u00fcnf Minuten aufzubl\u00e4hen, das schaffen nur unsere Hamburger Jungs. Aber die Musik ist top. Richtig gut auch Astra Kid mit &#8222;Liga ohne Endspiel&#8220; und hinrei\u00dfend sch\u00f6n Rosenstolz mit &#8222;Laut&#8220;. Der Hit ist und bleibt aber nat\u00fcrlich &#8222;Dada packmas mpfda&#8220; von den grandiosen Bierm\u00f6sl Blosn. Die werden im \u00dcbrigen (sch\u00e4tzungsweise) viel zu selten auf Abi-Parties gespielt.<\/p>\n<p>&#8222;On the Run&#8220; ist also nicht nur musikalisch, sondern auch politisch ein Spaltpilz. Sogar die neurechte &#8222;Junge Freiheit&#8220; widmete im Februar der CD ein St\u00fcck ihres kostbaren Papiers: &#8222;Deutsche Pop-Gr\u00f6\u00dfen sammeln Geld f\u00fcr linksradikales Projekt&#8220; &#8211; na also, das h\u00f6rt sich doch gar nicht schlecht an! Obwohl &#8211; die linksradikale Szene ist gar nicht prim\u00e4re Zielgruppe: &#8222;Uns geht es mit dem CD-Projekt darum, \u00fcber den Kreis der Menschen hinaus, die wir bisher erreichen konnten, eine breitere Zielgruppe f\u00fcr die Themen Flucht, Asyl und Fremdenfeindlichkeit zu sensibilisieren&#8220;, so Nicole Viusa von Pro Asyl. Vielleicht gelingt es ja, \u00e4hnlich wie in Frankreich, auch in Deutschland endlich ein breites B\u00fcndnis zu schmieden, das der Forderung nach einem Bleiberecht f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und der Legalisierung von Fl\u00fcchtlingen h\u00f6rbar Nachdruck verleihen k\u00f6nnte. Und gleichzeitig streckenweise sogar Spa\u00df machen kann. Ein Anfang ist gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gemeine Fl\u00fcchtlingsunterst\u00fctzer ist seit 35 Jahren Stammgast bei s\u00e4mtlichen evangelischen Kirchentagen &#8211; genau seit dem Zeitpunkt, seit dem er sich auch t\u00e4glich anderthalb Stunden der Lekt\u00fcre der Frankfurter Rundschau widmet. Der gemeine Fl\u00fcchtlingsunterst\u00fctzer ist ebenso betroffen wie w\u00fctend dar\u00fcber, dass alles immer schlimmer wird. 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