{"id":6746,"date":"2005-04-01T00:00:37","date_gmt":"2005-03-31T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6746"},"modified":"2022-07-26T13:31:29","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:29","slug":"fettnapfspringer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/04\/fettnapfspringer\/","title":{"rendered":"Fettnapfspringer"},"content":{"rendered":"<p>1994 und 1998 war der Biograph von Daimler-Chef Schrempp und BMW-Boss Pi\u00ebch Bundestagskandidat f\u00fcr B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen. Nachdem seine Parteikarriere ohne Bundestagsmandat endete, trat er im Sommer 2000 aus der Partei aus. Ihm war bewusst geworden, dass f\u00fcr einen Pazifisten bei den Gr\u00fcnen kein Blumentopf mehr zu holen ist.<\/p>\n<p>Gr\u00e4sslin leistet heute auf verschiedenen Feldern gute Arbeit. Empfehlenswert ist sein Buch \u00fcber Kleinwaffenexporte.<\/p>\n<p>Der Selbstdarsteller ((2)) ist Sprecher der <em>Kritischen Aktion\u00e4rInnen DaimlerChrysler<\/em>, Sprecher des <em>Deutschen Aktionsnetzes Kleinwaffen Stoppen<\/em>, Vorstandsmitglied des <em>R\u00fcstungsInformationsB\u00fcros<\/em> und Bundessprecher der <em>Deutschen Friedensgesellschaft &#8211; Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen<\/em> (DFG-VK).<\/p>\n<p>Die <em>DFG-VK<\/em> ist, wie die <em>GWR<\/em>, Teil der <em>War Resisters&#8216; International<\/em> (WRI). Mit mehreren tausend Mitgliedern ist sie die gr\u00f6\u00dfte antimilitaristische Organisation in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Als Mitglied der DFG-VK hatte mensch des \u00f6fteren die Gelegenheit, sich f\u00fcr &#8222;seinen&#8220; Sprecher zu sch\u00e4men. Es gibt Leute, die springen von einem Fettnapf in den n\u00e4chsten. Einer, der sich auf diese Kunst versteht, ist J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin.<\/p>\n<h3>Fettnapf 1<\/h3>\n<p>Die taz machte am 19. Januar 2004 unter dem rei\u00dferischen Titel &#8222;Kriegserkl\u00e4rung der K\u00e4mpferin&#8220; aus einer gewaltfreien indischen Aktivistin eine vermeintliche Kriegstreiberin: &#8222;Auf dem Weltsozialforum in Bombay fordert die Autorin Arundhati Roy den Krieg der Globalisierungskritiker gegen das Establishment.&#8220;<\/p>\n<p>Statt Roys WSF-Rede ((3)) im Wortlaut zu dokumentieren, riss das regierungsnahe Blatt Zitate aus dem Zusammenhang. ((4))<\/p>\n<p>Wer nur diese und nicht Roys Mumbai-Rede gelesen hatte, konnte den Eindruck gewinnen, dass die f\u00fcr ihren gewaltfreien Widerstand im Sinne Gandhis bekannte Autorin von &#8222;Der Gott der kleinen Dinge&#8220; ins Lager der Terror bef\u00fcrwortenden &#8222;10 Euro f\u00fcr den irakischen Widerstand&#8220; ((5)) -PropagandistInnen abgedriftet sei.<\/p>\n<p>Gr\u00e4sslin hat sich nicht die M\u00fche gemacht, die Rede im Wortlaut zu lesen. Stattdessen hat er sich direkt nach Erscheinen des taz-Artikels in einer Presseerkl\u00e4rung im Namen der gesamten DFG-VK von der Schriftstellerin distanziert. Genauer: von einer Rede, die er nicht kannte.<\/p>\n<p>Gr\u00e4sslin hatte sich zuvor gegen die &#8222;10-Euro-Kampagne&#8220; engagiert. Daf\u00fcr geb\u00fchrt ihm Lob. Aber dann schoss er mit seiner unfundierten Kritik an Roy meilenweit \u00fcbers Ziel hinaus. Wer sich so, mit pawlowschen Reflexen, an einer Diffamierungskampagne beteiligt, schadet der Organisation, f\u00fcr die er spricht.<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tte Gr\u00e4sslin nach Ver\u00f6ffentlichung seiner Presseerkl\u00e4rung vor Scham im Boden versinken m\u00fcssen. Zwar ist er zur\u00fcckgerudert, nachdem sein Text allgemeines Kopfsch\u00fctteln hervorgerufen hatte. Bei Roy hat er sich aber nicht entschuldigt. Sein Amt als DFG-VK-Sprecher hat er nicht niedergelegt. Wir m\u00fcssen weiterhin seine Presserkl\u00e4rungen \u00fcber uns ergehen lassen, zum Beispiel auch zum Treffen von US-Pr\u00e4sident George W. Bush mit Bundeskanzler Schr\u00f6der am 23. Februar 2005 in Mainz.<\/p>\n<h3>Fettnapf 2<\/h3>\n<p>&#8222;Mr. Bush, you are not welcome in Germany!&#8220; erkl\u00e4rte Gr\u00e4sslin im Vorfeld der Mainzer Demonstration und forderte den US-Pr\u00e4sidenten auf: &#8222;Fliegen Sie nach Hause, Mr. Bush. Denn Deutschland ist ein demokratisches und friedliches Land, in dem Sie nicht willkommen sind!&#8220;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich? Ein &#8222;friedliches Land&#8220;? In seiner Presseerkl\u00e4rung kein Wort etwa zum v\u00f6lkerrechtswidrigen NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien, den das &#8222;friedliche&#8220; Deutschland 1999 unter ma\u00dfgeblicher Verantwortung von Schr\u00f6der, Fischer und Co. mit gef\u00fchrt hat. Das &#8222;friedliche&#8220; Deutschland misshandelt mit Vorliebe dunkelh\u00e4utige Menschen und schiebt in Folterstaaten und Kriegsgebiete ab. ((6)) Auch Kriegsdienstverweigerer werden nicht selten abgeschoben, ihr Menschenrecht auf Desertion und KDV nicht anerkannt. Totale Kriegsdienstverweigerer werden kriminalisiert.<\/p>\n<p>Das &#8222;friedliche&#8220; Deutschland ist einer der gr\u00f6\u00dften Exporteure von Waffen, mit denen in aller Welt gemordet wird. Soldaten aus dem &#8222;friedlichen&#8220; Deutschland beteiligen sich am &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; in vielen L\u00e4ndern der Welt. Mit mehr als 2.000 SoldatInnen stellt das &#8222;friedliche&#8220; Deutschland das gr\u00f6\u00dfte nationale Truppenkontingent als Teil der internationalen Besatzungsmacht in Afghanistan. Das, was die Bundeswehreliteeinheit KSK, bis vor anderthalb Jahren noch unter der F\u00fchrung des rechtsextremen Generals Reinhard G\u00fcnzels ((7)), in Afghanistan gemacht hat, ist geheim. D\u00e4umchen gedreht haben die Kommandospezialkr\u00e4fte sicher nicht.<\/p>\n<p>Die Armee des &#8222;friedlichen&#8220; Deutschland wird seit Jahren zur Interventionstruppe ausgebaut. Die Militarisierung der deutschen Innen- und Au\u00dfenpolitik ist kaum \u00fcbersehbar. Die Steigerung der milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten der EU-Staaten wird in der von Schr\u00f6der und Co. mit verantworteten EU-Verfassung ausdr\u00fccklich festgeschrieben.<\/p>\n<p>F\u00fcr den DFG-VK-Bundessprecher sei es unerkl\u00e4rlich, \u00bbweshalb Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der einem Menschen wie George W. Bush ein Forum bietet, der f\u00fcr vielz\u00e4hlige Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Kriegsverbrechen verantwortlich ist\u00ab. Gr\u00e4sslin forderte Schr\u00f6der stattdessen auf, \u00bbseinen Teil dazu beizutragen, dass alle Kriegsverbrecher vor ein internationales Strafgericht gestellt und verurteilt werden\u00ab.<\/p>\n<p>Lieber J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin, jeder Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. M\u00fcsste Schr\u00f6der f\u00fcr seine hierzulande kaum als solche wahr genommenen Kriege, etwa die 1999 in seinem Auftrag von deutschen Tornados vollzogene Bombardierung Jugoslawiens, nicht auch als \u00bbKriegsverbrecher vor ein internationales Strafgericht gestellt und verurteilt werden\u00ab?<\/p>\n<p>Warum ist es so &#8222;unerkl\u00e4rlich&#8220;, dass eine Kr\u00e4he der anderen kein Auge aushackt?<\/p>\n<p>Ist es &#8222;unerkl\u00e4rlich&#8220;, dass ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleiner Kriegsherr und Waffenh\u00e4ndler wie Schr\u00f6der seinem Partner und Konkurrenten, der zugleich m\u00e4chtigster Kriegsf\u00fchrer ist, &#8222;ein Forum bietet&#8220;?<\/p>\n<p>Sind Schr\u00f6der und die von seinem Kriegsminister Struck vertretene Politik, die &#8222;Deutschland am Hindukusch verteidigt&#8220;, nicht ebenso kritikw\u00fcrdig? Machen Schr\u00f6der und sein Club nicht einfach das, was bundesdeutsche Machtpolitiker immer (mit)gemacht haben? Beteiligung an der weltweiten Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung im Dienst der eigenen kapitalistischen Profitmaximierung. Imperialistische Politik, und wenn es nicht anders geht, dann als Hilfssheriff an der Seite der Supermacht.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin m\u00fcsste das alles wissen. Er hat die deutsche und europ\u00e4ische R\u00fcstungs- und Kriegspolitik selbst schon angeprangert.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>In seiner am 23. Februar vor 15.000 Bush-GegnerInnen in Mainz gehaltenen Kundgebungsrede ((8)) hat Gr\u00e4sslin die Bundesregierung kritisiert und den Unsinn vom &#8222;friedlichen Deutschland&#8220; nicht wiederholt. Zum Besten gegeben hat er erneut, dass Bush in &#8222;unserem Land&#8220; nicht willkommen sei. Solche nationalpazifistisch anmutenden Formulierungen hatten VertreterInnen der DFG-VK erfolgreich aus dem ersten Aufrufentwurf streichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nicht jede Gr\u00e4sslin-\u00c4u\u00dferung kann der DFG-VK insgesamt angelastet werden. Einen erfreulichen Kontrast bietet z.B. das Flugblatt, das die DFG-VK Hessen anl\u00e4sslich des Bush-Schr\u00f6der-Treffens herausgebracht hat. ((9))<\/p>\n<p>Gr\u00e4sslins Pressemitteilung stie\u00df auf Protest auch aus der DFG-VK.<\/p>\n<p>Die Fettnapfspringerei von &#8222;Deutschlands wohl prominentestem R\u00fcstungsgegner&#8220; ist f\u00fcr die DFG-VK und die antimilitaristische Szene insgesamt fatal. Wie soll etwa den bellizistischen &#8222;Antideutschen&#8220; in den Radaktionsstuben von Bahamas, Jungle World, Konkret und Co. entgegentreten werden, f\u00fcr die die Mainzer Demo nur eine Verharmlosung der deutschen Milit\u00e4rpolitik war? Sie k\u00f6nnen nun ihre Thesen mit Gr\u00e4sslin-Zitaten unterf\u00fcttern, etwa die These, dass die DFG-VK die L\u00fcge von der friedlichen Politik Deutschlands verbreitet.<\/p>\n<p>Ziel des Antimilitarismus muss die Abschaffung jeglichen Milit\u00e4rs sein, eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft.<\/p>\n<p>Diesem Ziel kommen wir nicht n\u00e4her durch einen staats- beziehungsweise regierungsnahen &#8222;Kuschelpazifismus&#8220;, der die Kriegspolitik der US-Regierung kritisiert und hierzulande den &#8222;R\u00fcstungshaushalt senken&#8220; ((10)) will, sich aber an Machtmenschen wie Gerhard Schr\u00f6der, J\u00fcrgen Schrempp und Co. anbiedert.<\/p>\n<p>Eine herrschaftsfreundliche &#8222;Friedenspolitik&#8220;, welche die Machtstrukturen und -zusammenh\u00e4nge in &#8222;unserem Land&#8220; weitgehend ausblendet, ist naiv, aber nicht glaubw\u00fcrdig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1994 und 1998 war der Biograph von Daimler-Chef Schrempp und BMW-Boss Pi\u00ebch Bundestagskandidat f\u00fcr B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen. 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