{"id":6773,"date":"2005-04-01T00:00:09","date_gmt":"2005-03-31T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6773"},"modified":"2022-07-26T14:24:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:31","slug":"ein-festival-fur-deserteure","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/04\/ein-festival-fur-deserteure\/","title":{"rendered":"Ein Festival f\u00fcr Deserteure"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;<em>Der Himmel war blau am Morgen des 23. Februar 1944 in Grosny. Die BewohnerInnen der Stadt waren eingeladen worden, auf einem Platz den 26. Jahrestag der Gr\u00fcndung der Roten Armee zu feiern. Der Vize-Kommandeur des \u00f6rtlichen Regiments der Roten Armee trat auf die Trib\u00fcne und richtete einen harschen Satz an die gesamte Nation: &#8222;&#8230; Die kommunistische Partei und die sowjetische Regierung haben entschieden, alle Tschetschenen und Inguscheten zu deportieren. Widerstand ist zwecklos, das Zentrum der Region ist von bewaffnete Kr\u00e4ften eingeschlossen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Entsetzt marschierte die Menge in Viererreihen zu Sammelpunkten, wo sie auf LKWs geladen wurde, die zum Bahnhof fuhren. Dies geschah in der gesamten Republik; in einigen D\u00f6rfern begann die Deportation am Abend, nachdem die BewohnerInnen zu Gesang und Tanz am Lagerfeuer eingeladen worden waren. Im Dorf Haibah ordnete ein &#8222;colonel&#8220; des NKWD (Vorl\u00e4ufer des sp\u00e4teren KGB und heutigen FSB), Gveshiani, an, alle 700 BewohnerInnen lebendig zu verbrennen, eine Tat, die sp\u00e4ter von NKWD-Chef Berija gefeiert wurde. Dieser war drei Tage zuvor in der Republik angekommen, um pers\u00f6nlich die Operation zu befehligen, die als &#8222;Chechewitsa&#8220; (Linsen) bekannt wurde.<\/p>\n<p><em>\u00dcber 14.200 G\u00fcterwaggons und 1.000 Personenwaggons mit 480.000 Menschen fuhren in die Steppen Kasachstans und Kirgistans. Die Reise dauerte fast einen Monat, und ein F\u00fcnftel der PassagierInnen erreichte das Ziel nie. Es gab Hunger, Durst und Typhus in den ungeheizten und \u00fcberf\u00fcllten Waggons. Zahllose weitere starben an Hunger und Krankheiten in der Steppe in den Jahren danach. Erst im Jahr 1956 durften die TschetschenInnen und InguschetInnen in den Kaukasus zur\u00fcckkehren.<\/em>&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Der Krieg in Tschetschenien &#8211; Russlands &#8222;Krieg gegen Terrorismus&#8220; &#8211; hat seine Wurzeln in der Geschichte der Deportationen durch Stalin, auch wenn diese allein den Krieg sicherlich nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Die zwei Tschetschenien-Kriege seit 1990 haben diese Geschichte f\u00fcr die TschetschenInnen wiederbelebt. Wiederbelebt wurde aber auch die rassistische Einstellung in Russland gegen\u00fcber den Menschen aus dem Kaukasus &#8211; eine Entwicklung, die sich durch die Repression in Tschetschenien, terroristische Anschl\u00e4ge und Geiselnahmen (wie in Beslan) und Polizeima\u00dfnahmen als Antwort darauf gegenseitig hochschaukelt. Einher geht damit eine allgemeine Militarisierung der russischen Gesellschaft, die die rudiment\u00e4re postsowjetische parlamentarische Demokratie immer mehr in Richtung einer autokratischen Pr\u00e4sidial&#8220;demokratie&#8220; verwandelt.<\/p>\n<h3>Eine Antikriegsbewegung?<\/h3>\n<p>Die russische Antikriegsbewegung ist klein und zersplittert. Ein Teil der Antikriegsbewegung besteht aus liberalen Gruppen, die zwar gegen den Krieg Russlands in Tschetschenien sind, aber z.B. die Kriege der USA in Afghanistan und im Irak begr\u00fc\u00dfen. Der russische Zweig der Transnationalen Radikalen Partei ((2)), Teil des Moskauer Antikriegsb\u00fcndnisses, demonstrierte z.B. am 27. M\u00e4rz 2003 in Moskau &#8222;<em>in Solidarit\u00e4t mit den US-amerikanischen und britischen Soldaten<\/em>&#8220; ((3)). Die Moskauer Gruppe der Autonomen Aktion war bis vor ca. einem Jahr Mitglied des Antikriegsb\u00fcndnisses, stieg jedoch endg\u00fcltig aus, als das Antikriegsb\u00fcndnis sich bei den russischen Wahlen f\u00fcr eine der liberalen Parteien aussprach.<\/p>\n<p>Radikaler, antimilitaristischer Widerstand gegen den Krieg tut sich schwer in Russland. Auch wenn der Krieg unter Wehrpflichtigen nicht popul\u00e4r ist &#8211; er stellt einen der Gr\u00fcnde f\u00fcr die hohe Zahl der Wehrpflichtvermeidungen dar -, so genie\u00dft Pr\u00e4sident Putin doch politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Kriegspolitik in Tschetschenien.<\/p>\n<h3>Das Festival der Deserteure<\/h3>\n<p>In diesem Jahr organisierte die Autonome Aktion Moskau ein &#8222;Festival der Deserteure&#8220;, um antimilitaristische Kritik am Krieg in Tschetschenien und am russischen Militarismus st\u00e4rker in die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Es wurde eine Massenzeitung mit dem Titel &#8222;Deserteur&#8220; produziert ((4)), es gab eine Reihe von Diskussions- und Informationsveranstaltungen rund ums Thema Milit\u00e4r und Antimilitarismus, Punk-Konzerte und eine Antikriegsdemonstration am &#8222;Tag der Verteidiger des Vaterlandes&#8220;. Zur \u00dcberraschung der OrganisatorInnen &#8222;genossen&#8220; diese Aktivit\u00e4ten eine unerwartet hohe Aufmerksamkeit von Seiten der Polizei und des Inlandsgeheimdienstes FSB. So konnte z.B. eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Antimilitarismus und War Resisters&#8216; International in einer Galerie nicht zu Ende gef\u00fchrt werden, da die Polizei Druck auf die Galerieverwaltung aus\u00fcbte, was diese wiederum zum Anlass nahm, das Ende der Veranstaltung zu fordern. Der FSB \u00fcbte Druck auf die Leitung eines kommunalen Jugendclubs aus, der von der Autonomen Aktion als Treffpunkt genutzt wird ((5)).<\/p>\n<p>F\u00fcr den &#8222;Tag der Verteidiger des Vaterlandes&#8220; selbst waren eine &#8222;Food not Bombs&#8220;-Aktion geplant sowie eine Demonstration gegen den Krieg und die Abschaffung von zahlreichen Milit\u00e4rdienstausnahmen. Die Autonome Aktion hatte sich vergeblich bei den Moskauer Beh\u00f6rden um eine Genehmigung f\u00fcr &#8222;Food not Bombs&#8220; bem\u00fcht, sich dann aber entschieden, die Aktion auch ohne Genehmigung durchzuf\u00fchren. Um 13 Uhr versammelten sich daher ca. 30 AktivistInnen gegen\u00fcber dem McDonalds-Restaurant in der Arbat-Strasse, und einige AktivistInnen begannen mit der kostenlosen Verteilung von Essen.<\/p>\n<p>Zahlreiche Kamerateams waren vertreten &#8211; und die Polizei, die in Moskau sowieso \u00fcberall pr\u00e4sent ist, wurde sehr schnell aufmerksam. Nach nur 15 Minuten forderte die Polizei ein Ende der Aktion, und da es nicht das Ziel war, hier bereits in eine Konfrontation mit der Polizei zu geraten, wurde dieser Forderung nachgekommen.<\/p>\n<p>Eine Dreiviertelstunde sp\u00e4ter trafen sich dieselben Leute &#8211; und ein paar mehr &#8211; dann &#8222;zuf\u00e4llig&#8220; an einem anderen Ort, und innerhalb weniger Minuten begann eine Antikriegsaktion mit ca. 50 TeilnehmerInnen durch die Strassen (meist auf dem B\u00fcrgerInnensteig) im Zentrum Moskaus. Zun\u00e4chst beschr\u00e4nkte die Polizei sich darauf, die Demonstration zu begleiten, doch als der Demonstrationszug nach ca. 30 Minuten in die Arbat-Strasse einbog, versuchten die Uniformierten, die Demonstration durch die Verhaftung der vermeintlichen Anf\u00fchrerInnen zu stoppen. Insgesamt gab es wohl sieben Verhaftungen. Die restlichen DemonstrantInnen zerstreuten sich, um einer Verhaftung zu entgehen. Alle Verhafteten wurden am gleichen Tag wieder freigelassen, doch einer von ihnen wurde auf der Polizeiwache zusammengeschlagen.<\/p>\n<p>Am Abend endete das Festival der Deserteure mit Filmvorf\u00fchrungen sowie einer Diskussion und Auswertung des Festivals.<\/p>\n<h3>Nachwort<\/h3>\n<p>Die Diskussion sowie der Ablauf des Festivals zeigten deutlich, unter welch schwierigen Bedingungen die antimilitaristische Bewegung in Russland operiert. Einerseits westlich finanzierte Nichtregierungsorganisationen, die sich an westlichen Menschenrechtsmodellen orientieren und auf dieser Grundlage einen alternativen Zivildienst eingefordert und durchgesetzt haben, ohne jegliche antimilitaristische Grundlage, andererseits liberale Antikriegsgruppen, denen der Antimilitarismus ebenfalls fehlt und die zwar &#8222;anti-Putin&#8220;, doch &#8222;pro-USA&#8220; agieren. Die Autonome Aktion ist zwar ebenfalls nicht pazifistisch, doch hat sie zumindest eine klar anarchistisch begr\u00fcndete antimilitaristische Position. In Diskussionen zur Gewaltfreiheit kam sie jedoch immer wieder auf die Frage des &#8222;Rechts auf Selbstverteidigung&#8220;, z.B. gegen staatliche Gewalt oder faschistische Angriffe, zu sprechen. Es fehlt zum einen an einem Verst\u00e4ndnis radikaler Gewaltfreiheit, zum anderen ist die Diskussion aber auch von Erfahrungen interpersonaler Gewalt und einem hohen Gewaltpotential in der russischen Gesellschaft gepr\u00e4gt, die Gewaltfreiheit f\u00fcr viele als Illusion erscheinen lassen. Eine gewaltfreie Bewegung steckt daher noch in den Anf\u00e4ngen, auch wenn es durchaus Interesse an direkter gewaltfreier Aktion gibt. Eine undogmatische, von Toleranz gepr\u00e4gte Kooperation erscheint mir hier sehr sinnvoll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Himmel war blau am Morgen des 23. Februar 1944 in Grosny. 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