{"id":6778,"date":"2005-04-01T00:00:30","date_gmt":"2005-03-31T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6778"},"modified":"2022-07-26T14:24:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:31","slug":"bergwandern-in-schottland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/04\/bergwandern-in-schottland\/","title":{"rendered":"Bergwandern in Schottland"},"content":{"rendered":"<p>Doch schauen wir, bevor wir uns auf den langen Weg hinauf zur Heimat von Macbeth und Highlander machen, noch einmal zur\u00fcck in die englische Ebene: Vor 15 Jahren hielten die G7 ihr Treffen schon einmal auf der britischen Insel ab, direkt in der City von London. Dieses Treffen, mitten in einer der gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte der Welt, fand damals ohne besondere Vorkommnisse statt. &#8222;Rote Zonen&#8220;, wie Sperrgebiete jetzt hei\u00dfen, gab es nicht.<\/p>\n<p>Und heute? Ungem\u00fctliche Aussichten f\u00fcr die Regierungschefs, die sich auf ein paar Tage im noblen Gleneagles-Hotel gefreut hatten: Sich in Ledersesseln am flackernden Kaminfeuer Gruselgeschichten aus der Dritten Welt erz\u00e4hlen, Whisky &#8211; je nach Geschmack ger\u00fchrt oder gesch\u00fcttelt &#8211; trinken und zwischendurch eine gepflegte Partie Golf; so sch\u00f6n h\u00e4tte es werden k\u00f6nnen. Doch seit London hat sich viel ge\u00e4ndert in der Welt. Wo immer sich der inzwischen zum G8 gewachsene feine Club trifft, st\u00f6\u00dft er auf Undank. Mehr noch, eine ganze Bewegung ist ihm dicht auf den Fersen und will ihm ans Leder.<\/p>\n<p>Der Mob, der da &#8211; wie einst bei Macbeth der Wald von Birnam &#8211; \u00fcber die schottischen H\u00fcgel naht, hat eigentlich keinen Namen. \u00dcber die letzten Jahre hat sich eine Bewegung herausgebildet, die urspr\u00fcnglich unscharf als &#8222;Anti-Globalisierungs-Bewegung&#8220;, sp\u00e4ter etwas verst\u00e4ndnisvoller, aber gleichzeitig schon leicht vereinnahmend als &#8222;globalisierungskritisch&#8220; bezeichnet wurde. Nun ist dies zwar nicht die erste Bewegung, die sich \u00fcber nationale Grenzen hinweg organisiert, und doch hat sie ein neues Element, das gerade in der Schwierigkeit, ihr einen Namen zu geben, deutlich wird: Sie l\u00e4sst sich nicht auf eine Identit\u00e4t festlegen. &#8222;Ein wichtiger Teil des zapatistischen Kampfes&#8220;, sagt John Holloway, &#8222;bestand darin, (&#8230;) Definitionen zu unterlaufen bzw. zu \u00fcberfliegen, indem sie sagten: Ja, wir sind indigen, aber wir sind mehr als das, unser Kampf ist f\u00fcr die Menschheit bzw. Menschlichkeit.&#8220; ((1))<\/p>\n<h3>Das Empire schl\u00e4gt zur\u00fcck<\/h3>\n<p>Mit den Protesten in Genua im Sommer 2001, den viele als &#8222;Summer of Resistance&#8220; (Sommer des Widerstandes) in Erinnerung haben, erreichte &#8211; zumindest f\u00fcr Europa &#8211; die Konfrontation der Bewegung mit dem Staat einen H\u00f6hepunkt. Im Vorfeld wurde durch die italienische Berlusconi-Regierung die Stimmung gegen die DemonstrantInnen aufgeheizt; der quasi milit\u00e4risch agierenden Staatsmacht stand eine bisher so nie gesehene Vielfalt an Protestierenden gegen\u00fcber. ((2)) Nach den Erfahrungen von Genua hatte &#8222;Widerstand&#8220; etwas von seiner Leichtigkeit eingeb\u00fcsst. Die Repr\u00e4sentantInnen des Empire hatten f\u00fcr einen Augenblick gezeigt, dass sie eine &#8222;Machtfrage&#8220; nicht zulassen w\u00fcrden. &#8222;Die No-Globals sind so global, wie man nur global sein kann. Sie sind innovativ, vernetzt, militant, stark. Isolierten Widerstand gegen Unterdr\u00fcckung gab es immer wieder (&#8230;), jetzt erleben wir, zum ersten Mal seit 1968!, wie ein Kampf den n\u00e4chsten nach sich zieht, es entsteht ein Zyklus von K\u00e4mpfen, von Seattle \u00fcber Genua und weiter. Darum sind sie gef\u00e4hrlich. Die M\u00e4chtigen haben das begriffen.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu einer Alternative zum bestehenden System haben sich in den letzten Jahren zwei Entwicklungen in der Bewegung herausgebildet: zum einen die Ans\u00e4tze der Selbstorganisation, von den intergalaktischen Treffen der Zapatistas bis zu den diversen Sozialforen in Porto Alegre, Mumbai, Paris und London sowie den vielen lokalen Foren und Konferenzen. In ihrer Vielfalt und ihrem radikalen Anspruch an eine Umgestaltung der Welt unterscheiden sie sich zwar von vielen vergleichbaren fr\u00fcheren Versuchen; trotzdem scheinen sie mit jeder &#8211; gr\u00f6\u00dfer werdenden &#8211; Konferenz mehr gegen Vereinnahmung k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen. Parallel dazu entfaltete sich der &#8222;Zyklus von K\u00e4mpfen&#8220;, also von Protesten \u00fcberall dort, wo die selbsternannten M\u00e4chtigen sich symbolisch angreifen lie\u00dfen: in Seattle, Prag, Evian oder Cancun.<\/p>\n<p>Der G8-Gipfel in Genua wurde auch deshalb zum Kristallisationspunkt, mehr noch als zuvor die WTO- ((4)) und Weltbank-Treffen, weil das Treffen der Regierungen, die sich selbst den prahlerischen Titel &#8222;wirtschaftlich bedeutendste Staaten&#8220; gegeben haben, mehr ist als eine blo\u00dfe Konferenz. &#8222;Die F\u00fchrer (&#8230;) scheinen irgendwie losgel\u00f6st von den Ver\u00e4nderungen, die um sie herum stattfinden,&#8220; schrieben Michael Hardt und Antonio Negri zum G8-Treffen in der italienischen Renaissance-Stadt Genua. &#8222;Ein K\u00f6nig, unterst\u00fctzt von niedrigeren Monarchen.<\/p>\n<p>Das ist kein Bild der Zukunft. Es ist eher ein Foto aus dem Archiv&#8230;&#8220; ((5)) Die G8, die sich auf ihre wirtschaftliche St\u00e4rke berufen, um ihren umfassenden Machtanspruch zu rechtfertigen, sind die damit deutlichste Repr\u00e4sentanz dessen, was Hardt und Negri als &#8222;Empire&#8220; ((6)) bezeichnen.<\/p>\n<p>Der &#8222;Zyklus der K\u00e4mpfe&#8220; ist nach Genua nicht abgerissen, auch wenn die Proteste w\u00e4hrend der WTO-Konferenz in Cancun in Europa weniger wahrgenommen wurden. Genua ging auch nicht spurlos am Club der Acht vor\u00fcber: Konnten sie in K\u00f6ln 1999 noch vor dem Dom posieren oder es in Genua wagen, im Hafen anzulegen, zog sich das Treffen in der Folge der Proteste in kleine Orte oder unwegsames Gel\u00e4nde zur\u00fcck, sei es ins schlecht erreichbare Evian, auf Inseln weitab von jeder gro\u00dfen Stadt oder, wie jetzt, ins abgelegene schottische Hochland.<\/p>\n<p>Mit dem R\u00fcckzug aus den Metropolen \u00e4nderte sich auch die vorgebliche Thematik der Gipfel: Statt &#8222;Liberalisierung&#8220; und &#8222;eigenen Interessen&#8220; steht heute &#8222;Entschuldung der armen Staaten&#8220; auf der Gipfel-Agenda. Der Sprachduktus der G8-Gruppe n\u00e4hert sich in vielen Teilen den Flugbl\u00e4ttern der NGOs ((7)), selbstverst\u00e4ndlich ohne Folgen f\u00fcr die Politik. Die Mainstream-Presse ist voll von teils lobenden Kommentaren wie &#8222;erstaunlicherweise auf der Agenda&#8220; oder &#8222;Zugest\u00e4ndnissen&#8220;. Tony Blair, nicht ber\u00fchmt f\u00fcr seine sozial engagierte Politik, hat durchgesetzt, &#8222;Afrika&#8220; und &#8222;Klimawandel&#8220; als Schwerpunkte f\u00fcr den kommenden Gipfel festzuschreiben. &#8222;Greenwash (Gr\u00fcnwaschen)&#8220;, eine dreckige Politik durch sprachliche Kunstfertigkeit zu s\u00e4ubern, wird dies im englischsprachigen Raum genannt.<\/p>\n<blockquote><p><strong><em>&#8222;oh! ye&#8217;ll take the high road and I&#8217;ll take the low road<\/em> <em>and I&#8217;ll be in Scotland afore ye.&#8220; ((16))<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h3>Farbenlehre<\/h3>\n<p>Die Mobilisierung gegen das G8-Treffen in Schottland wird im Wesentlichen von drei Gruppen getragen. Unter dem Motto &#8222;Make Poverty History (Armut zur Geschichte machen)&#8220; mobilisiert eines der gr\u00f6\u00dften B\u00fcndnisse von NGOs, das es je gegeben hat, zu einer Demonstration f\u00fcr Schuldenerlass und Armutsbek\u00e4mpfung nach Edinburgh am Samstag vor Beginn des G8-Gipfels. Medien und OrganisatorInnen rechnen mit \u00fcber 100.000 Menschen. ((8))<\/p>\n<p>Gleichzeitig scheint es Sorge der Medien zu sein, dass diese Demonstration zu &#8222;Zust\u00e4nden wie in Genua&#8220; f\u00fchren k\u00f6nnte, wenn sich &#8222;Anarchisten und andere&#8220; unter den Protestmarsch mischten. Eine Angst, die von einigen der NGOs geteilt wird. Dementsprechend gibt es zwischen den Organisationen dieses B\u00fcndnisses und den Gruppen, die eine &#8222;Verhinderung des G8-Gipfels&#8220; fordern, wenig Austausch. Die eher allgemein gehaltenen politischen Forderungen veranlassten jetzt sogar den britischen Schatzkanzler Gordon Brown, dazu aufzurufen, sich &#8222;in Edinburgh zu versammeln und sich f\u00fcr eine Bek\u00e4mpfung der Armut einzusetzen&#8220;. Ob sich die NGOs gegen diese Versuche der &#8222;Assimilierung&#8220; wehren k\u00f6nnen (oder wollen), wird sich zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das unter dem Namen &#8222;G8 Alternatives (G8-Alternativen, G8A)&#8220; agierende B\u00fcndnis organisiert sich weitgehend in Schottland selbst und ist zur Zeit ein gern gesehener Ansprechpartner der Medien. Teile der Gewerkschaftslinken und die SCND (Scottish Campaign for Nuclear Disarmament), aber auch verschiedene von der Socialist Workers Party (SWP) dominierte Organisationen wie &#8222;Globalize Resistance&#8220; sind dort vertreten.<\/p>\n<p>Die G8A planen zur Zeit eine Gro\u00dfdemonstration an der Bahnstation in Gleneagles, wenige Kilometer vom Hotel entfernt. Leider ist der Einfluss der trotzkistischen SWP in dem B\u00fcndnis nicht unbedeutend; KritikerInnen werfen dem B\u00fcndnis, speziell der SWP, vor, nach au\u00dfen hin basisdemokratisch aufzutreten, in Wirklichkeit aber alle wesentlichen Entscheidungen hinter verschlossenen T\u00fcren zu treffen und damit die schlechten Erfahrungen des Europ\u00e4ischen Sozialforums in London fortzusetzen. ((9)) Trotzdem gibt es, wie ein Blick in das G8A-Internetforum zeigt, eine gewisse Offenheit gegen\u00fcber den &#8222;Anarchisten&#8220;. Der Anarcho-Syndikalismus wird dort ausdr\u00fccklich als eine der &#8222;Alternativen&#8220; aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Kommen wir nun also zu den Menschen, die in der britischen Presse schlicht &#8222;die Anarchisten&#8220; genannt werden: Unter dem Namen &#8222;<em>Dissent!Network<\/em>&#8220; hat sich in den letzten zwei Jahren ein Netzwerk gebildet, dem freie Gruppen angeh\u00f6ren, von denen sich viele als &#8222;anarchistisch&#8220;, alle aber als basisdemokratisch verstehen. Als gemeinsame Grundlage haben sich die Gruppen auf die PGA-Hallmarks ((10)), die Grunds\u00e4tze von Peoples&#8216; Global Action, verst\u00e4ndigt. Es gibt keine feste Organisation oder Struktur, auch keine SprecherInnen. Oder wie es in einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung hei\u00dft: &#8222;Wer im Namen des Netzwerkes spricht, der l\u00fcgt.&#8220; Wie der Name <em>Dissent!<\/em> unschwer erraten l\u00e4sst, geht es um grunds\u00e4tzliche Kritik am G8-Treffen. Ziel ist es dabei nicht nur, eine Massenmobilisierung zu der ein oder anderen Aktion zu erreichen. Vielmehr &#8222;soll mit anderen Menschen aus Europa und der ganzen Welt zusammengearbeitet und diskutiert werden, um zu entscheiden, was wir &#8211; als eine globale Bewegung &#8211; aus dieser Bewegung machen wollen.&#8220; ((11)) Obwohl gerade die Gruppen des <em>Dissent!<\/em>-Netzwerkes schlechte Erfahrungen mit der SWP gemacht haben, findet zwischen <em>Dissent!<\/em> und Teilen der G8 Alternatives ein Austausch statt. Wie viele Gruppen und Einzelpersonen sich dem Netzwerk angeschlossen haben, das sich inzwischen auf ganz Europa erstreckt, ist kaum einzusch\u00e4tzen. Das Spektrum reicht von MigrantInnen bis zu Anarcho-ChristInnen. Auffallend ist der hohe Anteil an Gruppen, die sich selbst als &#8222;anarchistisch&#8220; oder &#8222;libert\u00e4r&#8220; bezeichnen. Insofern liegt die Presse mit ihrem Pr\u00e4dikat &#8222;anarchistisch&#8220; sogar ungewollt richtig.<\/p>\n<p>Die Vorbereitungen von <em>Dissent!<\/em> sind der britischen Presse nicht selten rei\u00dferische Artikel wert. So konstatierte der Sunday Herald, dass &#8222;einige der entschlossensten Demonstranten der Welt hier versammelt sind.&#8220; ((13)) Der als einigerma\u00dfen seri\u00f6s bekannte &#8222;Scotsman&#8220; meint, in den offen angek\u00fcndigten Vernetzungstreffen anarchistische &#8222;Top-Level Meetings&#8220; und in Schottland &#8222;geheime Ausbildungslager f\u00fcr Anarchisten&#8220; ((14)) erkannt zu haben. Aus dem <em>Dissent!-<\/em>Netzwerk<em> <\/em>sind eine F\u00fclle von Ideen und Pl\u00e4ne von direkten Aktionen hervorgegangen.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Stellen wir uns die Schlagzeile vor: Die Polizei warnt, dass AnarchistInnen in die Stadt kommen und Kaffee f\u00fcr umsonst anbieten.&#8220; ((12))<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Hillwalking (Bergwander)-Gruppen, die sich das Ziel gesetzt haben, Gleneagles \u00fcber die Highlands zu erreichen, die Blockade-Gruppen und nicht zuletzt die PGA(sic!), die &#8222;Peoples&#8216; Golfing Association&#8220;, die sich mehr oder weniger golfspielend dem Hotel (dem &#8222;neunzehnten Loch&#8220;!) n\u00e4hern will. Erg\u00e4nzt werden die Aktionen vor Ort durch weltweite Aktionstage.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen die bereits angek\u00fcndigten &#8222;Pies&#8220; (Kuchen)-Attacken auf die im Vorfeld stattfindenden Ministertreffen. Um eine Hierarchie der Aktionen zu vermeiden, verzichtet <em>Dissent!<\/em> bewusst darauf, selbst zu einer bestimmten Aktion oder zu Demonstration aufzurufen. Stattdessen stellt <em>Dissent! <\/em>allen AktivistInnen, egal ob Teil des Netzwerkes oder nicht, Infrastruktur, rechtliche Unterst\u00fctzung und Kommunikationsmittel rund um die Proteste zur Verf\u00fcgung. Eine mehrw\u00f6chige Fahrradkarawane von S\u00fcdengland bis Schottland oder die seit langem durchs Land tourende T.R.A.P.E.S.E -Roadshow erg\u00e4nzen die Mobilisierung, genauso wie das f\u00fcr April geplante &#8222;Dissent-Festival&#8220; in Lanark (S\u00fcdschottland).<\/p>\n<p>Ob die NGOs, die G8 Alternatives und <em>Dissent! <\/em>zu einer gemeinsamen Sprache des Protests finden, vielleicht sogar voneinander lernen, wird sich wohl erst w\u00e4hrend des Gipfels zeigen. Bei allen Differenzen gibt es aber kleine Zeichen der Hoffnung, dass sich die Gruppen nicht spalten lassen werden: Bisher respektieren alle Beteiligten die angek\u00fcndigten Aktionen der anderen.<\/p>\n<p>Die anarchistischen Weltuntergangs-Szenarien in der britischen Presse spiegeln sich auch in der Sicherheitsdiskussion: Die Rede ist von &#8222;no go areas&#8220;, also &#8222;roten Zonen&#8220; in den Highlands und Edinburgh, und Ausweispflicht f\u00fcr die AnwohnerInnen. F\u00fcr die personalausweislosen BritInnen ist das ein Skandal. F\u00fcr die Auftaktdemo sind &#8211; unbekannt bisher in Gro\u00dfbritannien &#8211; &#8222;Container als Gefangenensammelstellen&#8220; geplant. F\u00fcr Mitteleurop\u00e4erInnen klingt die Diskussion etwas seltsam, ob die Polizei Wasserwerfer einsetzen sollte oder nicht. Bisher hat es solche auf den britischen Inseln nicht gegeben. Und auch wenn die Ank\u00fcndigung, es sei mit &#8222;10.000 Polizisten der gr\u00f6\u00dfte Einsatz der neueren britischen Geschichte&#8220; ((15)) geplant, f\u00fcr Menschen mit Erfahrungen aus dem Wendland oder Berlin etwas provinziell anmuten mag, sollte man sicht nicht t\u00e4uschen: Der Gipfel wird milit\u00e4risch abgeschirmt, und der Staat wird sein Bestes tun, die Rechte der DemonstrantInnen zu beschneiden, wo es nur geht. Der ganze Aufwand macht aber auch deutlich, dass aus dem einstigen schottischen Stolz, Gastgeber des G8 zu sein, eine zweifelhafte Ehre geworden ist.<\/p>\n<h3>&#8222;Right To Roam&#8220; als &#8222;Recht auf Protest&#8220;<\/h3>\n<p>Apropos Bergwandern. Die Aktionsform des &#8222;Hillwalking&#8220; hat in Schottland nicht nur f\u00fcr Wanderfans ihren Reiz, sondern verweist ironischer Weise auf eine lokale Diskussion: Seit langem findet in Schottland eine intensive Auseinandersetzung \u00fcber das &#8222;Right to Roam&#8220; statt, eine Art Gewohnheitsrecht darauf, beim Wandern privates Gel\u00e4nde \u00fcberqueren zu d\u00fcrfen. Historisch sollte eine scharfe Gesetzgebung in Schottland verhindern, dass Farmer, die w\u00e4hrend der &#8222;Higland Clearances&#8220; vertrieben wurden, wieder auf ihre L\u00e4ndereien zur\u00fcckkehren. Wenn nun DemonstrantInnen das Recht auf &#8222;roaming&#8220;, also &#8222;umherziehen&#8220;, f\u00fcr sich beanspruchen, bzw. ihnen dies verwehrt werden sollte, k\u00f6nnte dies in Schottland eine interessante Debatte \u00fcber &#8222;\u00f6ffentlichen Raum&#8220; ausl\u00f6sen.<\/p>\n<h3>Bewegung hei\u00dft &#8222;sich bewegen k\u00f6nnen&#8220;<\/h3>\n<p>Mit dem Slogan &#8222;We are everywhere&#8220; (Wir sind \u00fcberall), d.h. den G8 zu ihren Treffen \u00fcberall hin in der Welt zu folgen oder schon dort zu sein, formuliert der Protest gleichzeitig Ziel und Anspruch einer weltweiten Bewegung: Das Recht, sich \u00fcberall zu bewegen und zu organisieren, sich \u00fcber alle Grenzen zu vernetzen. Dazu geh\u00f6rt, dass das Recht, sich zum Protest zusammenzufinden, erk\u00e4mpft werden muss.<\/p>\n<p>Seitdem Bundesinnenminister Schily 2001 sein Machtwort &#8222;Es gibt kein Grundrecht auf Ausreise&#8220; verk\u00fcndete, um die Anreise zu den Protesten zu unterbinden, ist klar, dass die Organisation von grenz\u00fcberschreitenden Protesten ein eigener sozialer Kampf geworden ist. So sind im Vorfeld des Gipfels Protestaktionen beiderseits des Kanals geplant: Die f\u00fcr Dover-Calais angedachten Aktionen sind ein wichtiger Hinweis darauf, dass &#8222;Bewegungsfreiheit&#8220; eine Vorbedingung zum gemeinsamen Protest ist und f\u00fcr viele Menschen nicht selbstverst\u00e4ndlich. Es ist zu hoffen, dass die NGOs, die zur Auftaktdemo nach Edinburgh mobilisieren, dies nicht aus dem Blick verlieren und sich an den Aktionen dazu beteiligen.<\/p>\n<p>Bei allen Verschiedenheiten der Anliegen sind die Anzeichen f\u00fcr ein &#8222;wir&#8220;, ein &#8222;gemeinsam&#8220; in den Protesten un\u00fcbersehbar. Die gro\u00dfe MigrantInnen-Demonstration in Genua, bei der sich unter dem Slogan &#8222;tutti siamo clandestini&#8220; &#8211; &#8222;Wir sind alle Illegale&#8220; &#8211; Zehntausende mit den K\u00e4mpfen der illegalisierten Fl\u00fcchtlinge solidarisierten, war ein eindrucksvolles Beispiel daf\u00fcr. Nat\u00fcrlich haben die einzelnen Menschen, die sich zu den Protesten zusammenfinden, verschiedene Anliegen: sei es Armut, die Rechte f\u00fcr MigrantInnen, Umwelt oder prek\u00e4re Arbeit. Gleichzeitig besteht aber die Entschlossenheit, sich aufeinander zu beziehen und nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Es ist schon etwas ironisch, dass das G8-Treffen selbst f\u00fcr eine thematische Ausweitung der Gegenbewegung sorgt, in dem es z.B. &#8222;Klima&#8220; neben &#8222;Weltwirtschaft&#8220; auf die Tagesordnung bringt.<\/p>\n<p>Auch wenn die Gemeinsamkeit oft nicht \u00fcber ein &#8222;Dagegen-sein&#8220;(Hardt\/Negri) hinausgeht. Es ist dieses unverhandelbare &#8222;Dagegen&#8220;, dass das Besondere dieser Bewegung ausmacht, der grunds\u00e4tzliche Dissenz, ohne eine erf\u00fcllbare Forderung zu stellen: &#8222;Es ist dieser undefinierte Kampf, mit dem das Kapital nicht umgehen kann, weil es ihn nicht integrieren kann, es kann noch nicht einmal vorgeben, seine Forderungen zu erf\u00fcllen.&#8220; ((17))<\/p>\n<h3>Tempor\u00e4re R\u00e4ume schaffen<\/h3>\n<p>Hier wird deutlich, dass die Gegen\u00fcberstellung, die oft das &#8222;Gipfelhopping&#8220; und &#8222;den M\u00e4chtigen hinterher rennen&#8220; kritisiert und in den Kontrast zum &#8222;Konstruktiven&#8220; der Sozialforen stellt, ein nicht zutreffendes Klischee bedient: Nicht nur politische Fragen wie das Recht, Grenzen zu \u00fcberschreiten und sich weltweit zu organisieren, wurden erst durch die Proteste aufgeworfen. Durch die Erfahrung des &#8222;gemeinsamen Kampfes&#8220;, und damit ist nicht eine Verherrlichung des Kampfbegriffs gemeint, sondern die gemeinsam unternommene Anstrengung, sich selbst, frei von staatlich verordneten Kategorien wie Nationalit\u00e4t, zu organisieren; auch und vor allem gegen den Druck von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Projekte wie Indymedia und das Bewusstsein, wie wichtig eine selbstorganisierte und ungehinderte Kommunikation \u00fcberhaupt ist, entstanden aus dieser Erfahrung und der Notwendigkeit, politische K\u00e4mpfe sichtbar zu machen und weltweit aufeinander zu beziehen.<\/p>\n<blockquote><p><strong>&#8222;Ich denke, dass diese Bewegungen bewaffnet sein m\u00fcssen &#8211; bewaffnet mit gutem Willen, mit der F\u00e4higkeit und der Intelligenz des Respekts.&#8220; ((19))<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Dass diese Bewegung keine klare Forderung stellt und quasi &#8222;ziellos&#8220; scheint, ist ihre St\u00e4rke. Die Absage weiter Teile des Protests daran, die Macht zu wollen und die Herrschenden durch andere zu ersetzen, ja, nicht einmal eine starke Gegenmacht aufbauen zu wollen, k\u00f6nnte immer mehr ihr Vorteil werden: &#8222;Wenn ich sage, dass wir vielleicht \u00fcberlegen sollten, nicht auf Organisationen beschr\u00e4nkt zu k\u00e4mpfen, sondern an Ereignissen orientiert, so meine ich nicht, dass Organisieren nicht wichtig w\u00e4re. Offensichtlich k\u00f6nnten diese Ereignisse ohne Organisation gar nicht stattfinden, ebenso wie jede gute Party Organisation ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Aber die Organisation ist nicht der Zweck des Ereignisses.&#8220; ((18)) Warum sollte nicht auch mal eine Bergtour in Schottland zu einem solchen Ereignis werden?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doch schauen wir, bevor wir uns auf den langen Weg hinauf zur Heimat von Macbeth und Highlander machen, noch einmal zur\u00fcck in die englische Ebene: Vor 15 Jahren hielten die G7 ihr Treffen schon einmal auf der britischen Insel ab, direkt in der City von London. 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