{"id":6790,"date":"2005-04-01T00:00:36","date_gmt":"2005-03-31T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6790"},"modified":"2012-05-10T17:09:38","modified_gmt":"2012-05-10T15:09:38","slug":"allmacht-und-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/04\/allmacht-und-gewalt\/","title":{"rendered":"Allmacht und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Als das Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung sich aus den Vorbereitungen f\u00fcr die Berliner RAF-Ausstellung ausgeklinkt hatte, lagen wohl die Entw\u00fcrfe f\u00fcr Katalogtexte schon in den Schubladen. So ist jetzt ein kleines B\u00e4ndchen mit drei Aufs\u00e4tzen erschienen, das sich der Geschichte der 1998 aufgel\u00f6sten Stadtguerilla widmet. Zu deren Aufarbeitung kann allerdings einzig Wolfgang Kraushaar mit seinem Beitrag \u00fcber Rudi Dutschkes Beziehung zum bewaffneten Kampf beitragen. Der Chronist der deutschen Protestbewegungen findet bei der Auswertung von Briefen Hinweise darauf, dass Dutschke schon im Februar 1966 erste \u00dcberlegungen zu einem Guerillakonzept in den Metropolen angestellt hatte. Damit zeugt nicht erst das ber\u00fchmte Organisationsreferat, das er mit Hans-J\u00fcrgen Krahl 1967 vorlegte und in dem die GenossInnen dazu aufgerufen wurden, &#8222;Guerilla-Mentalit\u00e4t&#8220; zu entwickeln, von der nicht-pazifistischen Haltung des Studentenf\u00fchrers. Dass Dutschke ein Feind der RAF blieb, stellt Kraushaar ebenso heraus wie seine unzeitgem\u00e4\u00dfe Parteinahme f\u00fcr Israel. Deutlich soll aber auch werden: Konzepte der Gewaltanwendung sind nicht Ergebnis des Zerfallsprozesses der Studierendenbewegung, sondern bereits vor ihrem H\u00f6hepunkt angelegt &#8211; und somit auch nicht allein als Reaktion auf staatliche Repression zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Obwohl sie sich gerade gegen die allgemein verbreitete These wehren, die RAF sei ein Splitterprodukt der 68er-Bewegung gewesen, geh\u00f6ren alle drei Pamphlete doch eindeutig in die Reihe der Abrechnungsliteratur mit dem Denken und Handeln von &#8217;68. Denn die gesamte bundesdeutsche Linke steht, zumindest in den Texten von Wieland und Reemtsma, auf der Anklagebank: Mit ihrer gar nicht so klammheimlichen Sympathie f\u00fcr den Terrorismus der RAF trage sie letztlich auch die Schuld f\u00fcr die Gewaltexzesse einer kleinen Minderheit. Dass Reemtsma seine Argumentation ausgerechnet am Beispiel des Friedensaktivisten und linksliberalen Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter vorf\u00fchrt, verr\u00e4t wohl mehr \u00fcber die Gr\u00fcndlichkeit seines Abgrenzungsbed\u00fcrfnisses als \u00fcber die Plausibilit\u00e4t seiner These. Wer die RAF verstehen will, m\u00fcsse die &#8222;Lebensform&#8220; (114) der Stadtguerilleros verstehen. Und diese sei nicht etwa, wie gemeinhin angenommen, einem Ohnmachtsgef\u00fchl entsprungen, sondern habe aus Macht und Gewalt bestanden. Bei der Lebensform der RAF habe es sich um eine gehandelt, &#8222;die Machterfahrungen mit sich brachte wie keine andere&#8220; (113). Abgesehen davon, dass zwischen der wohl von vielen geteilten Motivation, sich der RAF anzuschlie\u00dfen, und den sich sp\u00e4ter innerhalb der Gruppe entwickelnden Dynamiken nicht mehr unterschieden wird &#8211; hier steht tats\u00e4chlich &#8222;wie keine andere&#8220;, und das ist ernst gemeint. Dass SozialdemokratInnen die angesichts der permanenten und von konkreten Anl\u00e4ssen unabh\u00e4ngigen Verbesserungen von Sicherheitstechnologien nach wie vor skurrile These vertreten, die RAF habe Stammheim gebaut, ist ja nichts Neues. F\u00fcr Reemtsma aber ist das Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis eine Art Schloss, von dem die TerroristInnen wie K\u00f6nige ihre Macht genossen. Und so wird die Geschichte der Neuen Linken nach 1968 die eines Hofstaates, dessen Zusammenhalt vor allem durch eines gew\u00e4hrleistet wurde: &#8222;es ist wohl ein <em>gemeinsames Verleugnen<\/em> &#8211; und eine geleugnete Gemeinsamkeit im Verleugnen &#8211; der <em>Macht<\/em>&#8220; (110).<\/p>\n<p>Dass Reemtsma seine zentralen Begriffe &#8211; Macht und Gewalt &#8211; dabei mit keinem Wort n\u00e4her definiert, ist im Grunde egal. Es geht ihm n\u00e4mlich gerade nicht um das Verst\u00e4ndnis eines Lebensgef\u00fchls, sondern um dessen Abkanzelung, und zwar auf allen Ebenen. Und daf\u00fcr ist es nat\u00fcrlich ganz praktisch, wenn zwischen beispielsweise der Ermordung von Repr\u00e4sentanten aus Staat und Wirtschaft, dem Vietnamkrieg und einer p\u00e4dagogisch gemeinten Ohrfeige nicht unterschieden werden muss. Alles Gewalt. Leider steht Reemtsma mit dieser von sozialen, politischen, historischen und den meisten anderen Spezifizierungen des Gewaltbegriffes absehenden Verwendung nicht alleine da. In den Sozialwissenschaften hat sich in den letzten Jahren um Wolfgang Sofsky und Trutz von Trotha ein Diskurs etabliert, der &#8222;Gewalt&#8220; weder als soziale Konstruktion bestimmt noch aus sozialen Verh\u00e4ltnissen heraus erkl\u00e4rt, sondern als anthropologische Konstante ausmacht. Und auch politisch gesehen ist Reemtsma keinesfalls ein einsamer Rufer. Er reiht sich ein in die gro\u00dfe Riege von Ex-Linken, die sich nicht zuletzt ihre eigene Vergangenheit vom Hals schreiben. Die Interpretation von 1968 ist da einer der beliebtesten Gegenst\u00e4nde. Das Schlimmste daran ist eigentlich &#8211; neben vielen anderen \u00c4rgernissen &#8211; die Umdeutung der Geschichte. Schon in Gerd Koenens Geschichte der K-Gruppen, aus der in dem vorliegenden Band gerne zitiert wird, erscheint die Revolte von 1968 als das Ausflippen von ein paar Narzissten mit paranoider Selbst- und Weltwahrnehmung. Nazis in F\u00fchrungspositionen, autorit\u00e4re Strukturen in Familie, Schule und Hochschule, die letzten Gefechte des Kolonialismus, all das waren nur Phantasmen von ein paar Leuten, die zu viel gelesen hatten. Auch Karin Wieland geht davon aus, dass die politische und soziale Modernisierung ohnehin &#8222;im Sinne von Demokratisierung&#8220; (64) voranschritt, nicht etwa durch soziale K\u00e4mpfe, sondern einfach so. Und w\u00e4hrenddessen hatten ein paar gef\u00e4hrliche Knallk\u00f6pfe nichts besseres zu tun, als sich aus dem Nichts heraus mit den Opfern ihrer Eltern zu identifizieren: &#8222;Meinhof, die als junge Frau durch eine Sophie-Scholl-Frisur zu beeindrucken wusste, mobilisierte mit ihrem Opferneid eine breite Unterst\u00fctzerszene.&#8220; (96) Nicht etwa die Inhalte ihrer Kolumnen in <em>konkret<\/em>, wie bislang vermutet, waren entscheidend f\u00fcr Meinhofs \u00dcberzeugungskraft, sondern das outfit. Mag sein, dass auch die Stilgeschichte der RAF bisher zu wenig beachtet worden ist. F\u00fcr Wieland allerdings ist \u00fcberhaupt alles nur eine Frage des Stils. Die ganze Bewegung, die die Revolution &#8222;nur aus B\u00fcchern&#8220; kannte, sehnte sich nach &#8222;Inszenierung ihrer eigenen Heldenzeit&#8220; (63) und \u00fcbersah dabei schlicht, wie super alles war: &#8222;R\u00fcckblickend gewinnt man den Eindruck, als habe diese Generation alles unternommen, um zu vertuschen, dass sie zu den gro\u00dfen Gewinnern der Bundesrepublik geh\u00f6rte.&#8220; (63) Andreas Baader, gegen den Wieland in ihrem Essay anschreibt, mag ein gewaltbesessener Aufschneider gewesen sein. Und die RAF war sicherlich eine Gruppe von Leuten, die aus mangelndem Bezug zu ihren Urspr\u00fcngen wie auch zunehmend zur \u00fcbrigen Wirklichkeit das Morden zum Programm erhob. Daraus aber abzuleiten, die 1960er Jahre seien eine quasi paradiesische Zeit und &#8211; in Umkehrung der Mao-Losung &#8211; Rebellion sei alles andere als gerechtfertigt gewesen, ist nichts anderes als ein politisches Statement. Und das von Leuten, die &#8211; bei Kraushaar mit Einschr\u00e4nkungen &#8211; dem Aufbruch von 1968 im Grunde jeden politischen Inhalt absprechen. Wer die RAF verstehen will, erf\u00e4hrt in diesem Buch jedenfalls nichts, was relevant und neu w\u00e4re. Wer verstehen will, wie mit der Geschichte der Neuen Linken abgerechnet wird, schon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als das Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung sich aus den Vorbereitungen f\u00fcr die Berliner RAF-Ausstellung ausgeklinkt hatte, lagen wohl die Entw\u00fcrfe f\u00fcr Katalogtexte schon in den Schubladen. So ist jetzt ein kleines B\u00e4ndchen mit drei Aufs\u00e4tzen erschienen, das sich der Geschichte der 1998 aufgel\u00f6sten Stadtguerilla widmet. 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