{"id":6805,"date":"2005-05-01T00:00:31","date_gmt":"2005-04-30T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6805"},"modified":"2022-07-26T13:56:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:50","slug":"lebensunwert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/05\/lebensunwert\/","title":{"rendered":"&#8222;Lebensunwert&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Schau Dir das mal an&#8220;, war der knappe Kommentar von Paul Wulf ((1)), als er mir Anfang der 80er Jahre knapp siebzig eng beschriebene Schreibmaschinenseiten \u00fcberreichte. Es handelte sich um die Petitionsschrift eines Paul Brune, die dieser 1966 an den Petitionsausschuss des Landtages von Nordrhein-Westfalen gerichtet hatte.<\/p>\n<p>Paul Wulf hatte ich als engagierten Antifaschisten und Verfolgten des Naziregimes w\u00e4hrend meiner Studienzeit in M\u00fcnster\/Westfalen kennen gelernt.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre war er ein Freund geworden.<\/p>\n<p>Wie keinem Zweiten gelang es ihm immer wieder, Dokumente aus Archiven ans Tageslicht zu holen, die eigentlich unter Verschluss bleiben sollten. So auch das Petitionsgesuch Paul Brunes. Ich traute meinen Augen nicht und wollte das Gelesene kaum glauben. Zu viel Unrecht war hier einem einzelnen Menschen zugef\u00fcgt worden. H\u00e4tte ich nicht bereits die Geschichte von Paul Wulf vor Augen gehabt, der als &#8222;rassisch Minderwertiger&#8220; von den Nazis zwangsweise sterilisiert worden war, h\u00e4tte ich den Text von Paul Brune als Fantasieprodukt zur Seite gelegt.<\/p>\n<p>Als achtj\u00e4hriger Schuljunge entging er nur knapp der Ermordung durch Nazi-\u00c4rzte und sollte noch in den 50er Jahren als gef\u00e4hrlicher &#8222;Psychopath&#8220; f\u00fcr immer hinter Anstaltmauern verschwinden. Weder Paul Wulf noch mir gelang es damals, Paul Brune ausfindig zu machen, und so geriet sein Bericht allm\u00e4hlich wieder in Vergessenheit.<\/p>\n<p>Ende 2002 fiel der Bericht mir wieder in die H\u00e4nde. Paul Wulf war inzwischen verstorben.<\/p>\n<p>Mein erneuter Versuch, Paul Brune ausfindig zu machen, verlief ergebnislos. Im Januar 2003 von einer Reise zur\u00fcckgekehrt, bewog mich ein unbestimmtes Gef\u00fchl, den Stapel Zeitungen, der sich w\u00e4hrend meiner Abwesenheit aufgeh\u00e4uft hatte, nach wichtigen Artikeln durchzubl\u00e4ttern. Ich stie\u00df auf eine lange Reportage \u00fcber Paul Brune. Der Landtag von Nordrhein-Westfalen hatte ihn offiziell als Verfolgten der Nazi-Psychiatrie anerkannt. Nun war es ein Leichtes, seine Adresse herauszufinden. Paul Brune war bereit, sich mit mir zu treffen. Bei unserer ersten Begegnung stellten wir fest, dass wir uns bereits anl\u00e4sslich der Gedenkfeier f\u00fcr Paul Wulf 1999 schon einmal kurz gesprochen hatten. Paul Wulf und Paul Brune hatten sich einige Jahre zuvor w\u00e4hrend einer Veranstaltung f\u00fcr die Ermordeten der Heilanstalt Dortmund-Aplerbeck kennen gelernt. Vor mir sa\u00df der Mann, dessen Petitionsschrift mir so ungeheuerlich vorgekommen war.<\/p>\n<p>Mir wurde klar, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, einen Dokumentarfilm \u00fcber das Schicksal Paul Brunes zu machen. Eine Aufgabe, die mir Paul Wulf viele Jahre zuvor gestellt hatte.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war dieses Vorhaben gleichzeitig eine nachtr\u00e4gliche Verbeugung vor der lebenslangen Anstrengung Paul Wulfs, die Erinnerung an das Schicksal der Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasie wach zu halten. Die sp\u00fcrbare Diskriminierung, zum &#8222;rassisch Minderwertigen&#8220; gez\u00e4hlt zu werden, der namenlose Schrecken, als &#8222;schwachsinnig&#8220; und &#8222;erblich untauglich&#8220; eingestuft zu werden, ist den noch lebenden betroffenen Menschen auf die Haut geschrieben und in die Seele eingebrannt. Aus Furcht und Scham sind sie in die Anonymit\u00e4t gefl\u00fcchtet. Bis heute leben sie in der Angst, erneut den Finger der Denunziation auf sich gerichtet zu sehen. Nur ganz wenige sind aus der Sprachlosigkeit herausgetreten und haben ihr Recht eingeklagt. Zu ihnen geh\u00f6ren Paul Wulf und Paul Brune, dessen Leben und Kampf hier dokumentiert wird. Paul Brune ist es gelungen, in seiner Petitionsschrift das Unvorstellbare in Worte zu fassen.<\/p>\n<p>1935 wird er in Altengeseke am Rande des Sauerlandes geboren. Er ist das Kind einer au\u00dferehelichen Beziehung seiner Mutter. W\u00e4hrend ihr Mann, ein einfacher Arbeiter, nachts in die Zementwerke in Geseke arbeiten geht, trifft sie sich heimlich mit dem Sohn eines reichen Bauern. Der betrogene Ehemann misshandelt seine Frau wegen ihres Seitensprungs so schwer, dass sie sich und drei ihrer Kinder im Dorfteich zu ertr\u00e4nken versucht. Ein Kind stirbt, und die Verwandten der Mutter erkl\u00e4ren sie f\u00fcr geistesgest\u00f6rt, um sie vor dem drohenden Todesurteil wegen Kindesmord zu bewahren. Die Mutter wird in eine &#8222;Irrenanstalt&#8220; eingewiesen und zwangssterilisiert, die Kinder werden auf Heime verteilt.<\/p>\n<p>Paul kommt als Einj\u00e4hriger in das katholische Waisenhaus Lippstadt, das von Vinzentinerinnen gef\u00fchrt wird. Strenge Zucht herrscht dort. Stillsitzen und stillschweigen, tagein, tagaus. Der aufgeweckte kleine Paul aber will spielen, will seine Umgebung erforschen. F\u00fcr die Nonnen ist er die Frucht der S\u00fcnde. In der Horst Wessel-Schule erf\u00e4hrt der Schulrektor Josef Sasse, ein \u00fcberzeugter Faschist und Anh\u00e4nger der &#8222;Rassenhygiene&#8220;, durch die Nonnen von der Vorgeschichte Paul Brunes. Sasse stellt einen Antrag auf Erfassung und Begutachtung nach dem &#8222;Euthanasie&#8220;-Erlass.<\/p>\n<p>Paul Brune wird dem Gutachter Dr. Heinrich Stolze vorgef\u00fchrt. Er ist Mitglied der NSDAP und mitverantwortlich f\u00fcr die Transporte der Kranken aus Westfalen in die Vernichtungslager.<\/p>\n<p>Stolze untersucht Paul nicht.<\/p>\n<p>Ihm gen\u00fcgen die Tatsache, dass Pauls Mutter zur &#8222;geisteskranken Epileptikerin&#8220; erkl\u00e4rt wurde, und die Angaben des Schuldirektors Sasse, um festzustellen: &#8222;Verbleiben in der Schule und dem Kinderheim wegen des ausgesprochen asozialen Verhaltens nicht m\u00f6glich. Der Untersuchte ist wegen Geisteskrankheit anstaltspflegebed\u00fcrftig.&#8220; Das bedeutet in dieser Zeit h\u00f6chste Todesgefahr.<\/p>\n<p>Paul Brune ist acht Jahre alt, als er in die &#8222;Kinderfachabteilung&#8220; der Heilanstalt Dortmund-Aplerbeck gebracht wird. Der kleine Junge wei\u00df nicht, dass sich hinter dem Begriff &#8222;Kinderfachabteilung&#8220; eine Mordanstalt verbirgt. Hier werden Kinder begutachtet und die zur T\u00f6tung ausgew\u00e4hlten Kinder direkt umgebracht.<\/p>\n<p>Der Anstaltsdirektor Dr. Fritz Wernicke ist meist nicht anwesend. Er selektiert f\u00fcr die Vernichtung im Osten. Sein Stellvertreter Dr. Theo Niebel, bekannt als Alkoholiker, leitet die Kinderfachabteilung und das Morden. Wie viele Kinder in der Anstalt Aplerbeck umgebracht worden sind, l\u00e4sst sich bis heute nicht genau feststellen.<\/p>\n<p>Zu den Methoden der Nazi-\u00c4rzte geh\u00f6rt die Untersuchung des Hirnwassers. Damit wollen sie den &#8222;Ballastexistenzen&#8220; einen &#8222;Wasserkopf&#8220; nachweisen. Die ber\u00fcchtigte Lumbalpunktion geht so vor sich: Eine Schwester klemmt Pauls Kopf zwischen ihre Oberschenkel. So ist er gefesselt, wehrlos gemacht. Dann setzt Niebel die Spritze ins R\u00fcckenmark an.<\/p>\n<p>Paul Brune entgeht nur knapp der Vernichtung. Wahrscheinlich haben seine guten schulischen Leistungen ihn gerettet. In einem Gutachten hei\u00dft es: &#8222;Er macht den Eindruck eines normal begabten Kindes&#8230; Der Junge ist keinesfalls hilfsschulbed\u00fcrftig.&#8220; Doch das positive Gutachten \u00e4ndert nichts mehr an dem einmal gef\u00e4llten \u00e4rztlichen Urteil: &#8222;Geisteskrank&#8220;. Paul Brune wird 1943 in die &#8222;Idiotenanstalt&#8220; St. Johannesstift in Marsberg im Sauerland verlegt.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten zehn Jahre verbringt er in der &#8218;Obhut&#8216; der &#8222;Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul&#8220;. Um ihn herum Hunger, Gewalt, Missbrauch und Tod. Nichtigkeiten werden mit Pr\u00fcgel, Kaltwasserb\u00e4dern, Essensentzug und Zwangsjacke bestraft. Die anstaltseigene Schule ist eine reine Verwahranstalt. Die Nonnen stehen auf dem Standpunkt, dass Wissen sch\u00e4dlich sei, dass es die Kinder verderbe. So wird meist nur gebetet. Auch f\u00fcr F\u00fchrer, Volk und Vaterland beten die Kinder. Am Morgen begr\u00fc\u00dfen sie die Nonnen: &#8222;Heil Hitler, Gr\u00fc\u00df Gott, Schwester &#8211; mit Jesus und Maria!&#8220; Die H\u00e4nde an der Hosennaht und stramm gestanden. Paul Brune ist doppelt ausgeliefert: Nach der Ideologie des Nationalsozialismus gilt er als &#8222;lebensunwertes&#8220; Leben. Und nach den mittelalterlichen Vorstellungen von Teilen der katholischen Kirche ist er als Geisteskranker vom Teufel besessen. Ein von den Nazis bestelltes Gutachten des Paderborner Moraltheologen Joseph Mayer ((2)) rechtfertigt die T\u00f6tung von Geisteskranken.<\/p>\n<p>Als Paul Brune in das St. Johannes-Stift kommt, ist die erste, zentral organisierte Phase der Euthanasie vor\u00fcber. Es entstand zu viel Beunruhigung in der Bev\u00f6lkerung. In Marsberg verteilen Mitglieder der katholischen Gemeinde Flugbl\u00e4tter mit Predigten des M\u00fcnsteraner Bischofs von Galen. Der protestiert gegen die Euthanasie-Aktion.<\/p>\n<p>In den Anstalten geht das Morden dennoch weiter: durch Medikamente, Hunger und Gewalt. Paul Brune erlebt, wie die Essensrationen von Tag zu Tag kleiner werden. Viele seiner Leidensgenossen verhungern im wahrsten Sinne des Wortes. Er selbst \u00fcberlebt, weil er noch kr\u00e4ftig genug ist, sein Essen selbst zu suchen. Die Kinder gehen mit gro\u00dfen Waschk\u00f6rben die Waldr\u00e4nder und Stra\u00dfengr\u00e4ben entlang, um Gei\u00dffu\u00df zu pfl\u00fccken. Dieses Unkraut w\u00e4chst von April bis Oktober. Es wird in gro\u00dfen Kesseln mit etwas Salz gekocht. Das ist dann die Nahrung. Hin und wieder kommen ein paar Kartoffeln dazu. Wer nicht genug arbeitet, dem wird das Butterbrot entzogen.<\/p>\n<p>Daran \u00e4ndert sich auch nach 1945 nichts. Paul Brune fragt sich bis heute, wie er diese Kinderh\u00f6lle \u00fcberlebt hat. Von 1943 bis Anfang der 50er Jahre sind rund 400 Kinder in der Anstalt St.-Johannes-Stift gestorben.<\/p>\n<p>Paul Brune sieht selbst mit an, wie auch nach 1945 Kinder an den von Pflegern und Aufseherinnen zugef\u00fcgten Verletzungen sterben.<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte, unter denen Paul Brune gelitten hat, m\u00fcssen nach 1945 nicht b\u00fc\u00dfen. Der Gutachter Dr. Stolze wird in einem Prozess freigesprochen. Obwohl er erwiesenerma\u00dfen an der Verlegung von Kranken in die T\u00f6tungsanstalten beteiligt war, geht man von einer Unschuldsvermutung aus. Er sei sich zum Zeitpunkt des Verbrechens nicht \u00fcber die &#8222;Unrechtm\u00e4\u00dfigkeit seines Tuns&#8220; im Klaren gewesen. Ein Persilschein, mit dem sich in der Nachkriegszeit zahlreiche \u00c4rzte reinwaschen konnten. Dr. Niebel und Dr. Wernicke, die in Dortmund-Aplerbeck f\u00fcr die Kindermorde verantwortlich waren, praktizieren unbehelligt weiter. Dr. Niebel bleibt einer der verantwortlichen \u00c4rzte in der Anstalt Dortmund-Aplerbeck.<\/p>\n<p>An der Lage der Eingeschlossenen \u00e4ndert sich nichts. An einen Neuanfang oder gar die erhoffte Freiheit ist nicht zu denken. Paul Brune gilt nach wie vor als &#8222;anstaltspflegebed\u00fcrftig&#8220;. Das hindert den neuen Direktor nicht daran, ihn regelm\u00e4\u00dfig nach dem Mittagessen in sein B\u00fcro kommen zu lassen.<\/p>\n<p>Er ist nicht der Einzige, der Paul Brune regelm\u00e4\u00dfig sexuell missbraucht.<\/p>\n<p>Als 15j\u00e4hrigen gibt ihn die Anstalt zu einem Bauern im Sauerland in &#8222;Familienpflege&#8220;. Der ist hocherfreut \u00fcber die billige Arbeitskraft aus der Anstalt und beutet ihn nach Strich und Faden aus. Bis zu 15 Stunden t\u00e4glich muss Paul Brune arbeiten, f\u00fcr ein winziges Taschengeld. Er f\u00fchlt sich wie ein Auss\u00e4tziger. Wenn fremde Knechte im Dorf auftauchen, die &#8222;Familienpfleglinge&#8220;, wei\u00df jeder, dass sie aus der &#8222;Idiotenanstalt&#8220; kommen.<\/p>\n<p>Alle tragen die gleiche Anstaltskleidung. Jeder erkennt sie sofort. Irgendwann h\u00e4lt Paul Brune die Misshandlungen des Bauern nicht mehr aus. Er versucht, sich mit E 605 das Leben zu nehmen.<\/p>\n<p>Er wird zur\u00fcck in die Anstalt verlegt.<\/p>\n<p>Dieses Mal landet er &#8222;zur Strafe&#8220; in der geschlossenen Station f\u00fcr die schwerstbehinderten Kinder. Im Anstaltsjargon hei\u00dft sie &#8222;der Schutthaufen&#8220;. Trotz der unmenschlichen Verh\u00e4ltnisse und sadistischen Qu\u00e4lereien auf dieser Station gibt Paul Brune nicht auf. Bei einem seiner Fluchtversuche schl\u00e4gt er sich nach Altengeseke zu seiner Familie durch. Onkel und Tante wollen ihn aufnehmen, aber die Anstalt l\u00e4sst ihn wieder abholen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wird er in die geschlossene Anstalt Marienthal nach M\u00fcnster gebracht, wo er f\u00fcr immer hinter Anstaltsmauern verschwinden soll. Dort aber findet er einen Menschen, der ihm hilft: ein katholischer Priester, der wegen Kindesmissbrauchs<em> <\/em>verurteilt ist. Er k\u00fcmmert sich um Paul, bringt ihm das Schachspiel bei, besorgt ihm B\u00fccher und schreibt Briefe f\u00fcr ihn. Auch an das Vormundschaftsgericht. Und das hat erstmals Folgen. Paul Brune wird aus der geschlossenen Anstalt erneut in Familienpflege entlassen.<\/p>\n<p>Nach weiteren vier Jahren Knechtschaft auf einem Bauernhof erreicht Paul Brune schlie\u00dflich, dass das Vormundschaftsgericht seine Entm\u00fcndigung aufhebt. Es ist das Jahr 1957. &#8222;Ich habe Gl\u00fcck gehabt&#8220;, sagt Paul Brune, &#8222;es h\u00e4tte alles noch viel schlimmer kommen k\u00f6nnen. Was ist Niedermarsberg gegen Auschwitz?&#8220;<\/p>\n<p>Paul Brune k\u00e4mpft. Er schl\u00e4gt sich als Hilfsarbeiter durch und nutzt jede freie Minute zum Lernen. Immer wieder versucht er durch Petitionen, eine Entsch\u00e4digung zu erreichen und auf die in den Anstalten ver\u00fcbten Verbrechen hinzuweisen. Vergeblich. Irgendwann in dieser Zeit ist ein Vermerk in seine Akte gekommen. Paul Brune sei ein &#8222;unverbesserlicher Querulant, der die Beh\u00f6rden bel\u00e4stigt&#8220;.<\/p>\n<p>Vor allem k\u00e4mpft er um das Recht, die ihm verweigerte Bildung nachzuholen. Es gelingt ihm, das Abitur zu machen. Anfang der 70er Jahre, mit 36 Jahren, beginnt er an der Bochumer Universit\u00e4t das Studium der Germanistik und Philosophie.<\/p>\n<p>Er will Lehrer werden. Kurz vor Ende seines Studiums l\u00e4uft sein Baf\u00f6g aus, er beantragt Sozialhilfe, um sein Examen machen zu k\u00f6nnen. Er erh\u00e4lt eine Vorladung zum Gesundheitsamt. Der Psychiater vom Dienst Dr. Johannes John ist ber\u00fcchtigt f\u00fcr seine 3-Minuten-Diagnosen und willk\u00fcrlichen Zwangseinweisungen nach Eickelborn. Eine Beschwerdestelle Psychiatrie k\u00e4mpft gegen den Amtsmissbrauch des ehemaligen Leiters des westf\u00e4lischen Landeskrankenhauses Eickelborn. Diese Anstalt gilt bis in die 80er Jahre hinein als eine der ber\u00fcchtigsten Psychiatrien der BRD.<\/p>\n<p>John l\u00e4sst sich Unterlagen kommen. Da ist sie wieder, die Irrenhausakte, die Paul Brune sein Leben lang begleitet. F\u00fcr den Amtsarzt ist Paul Brune ein &#8222;Schulbeispiel f\u00fcr asoziales Verhalten infolge Erbanlage&#8220;. Paul Brune muss vor Gericht gehen, um sein Referendariat machen und das zweite Staatsexamen ablegen zu k\u00f6nnen. Psychiatrischer Gutachter in diesem Prozess ist Prof. Paul Bresser ((3)), leitender Gerichtspsychiater in K\u00f6ln. An dessen &#8222;Psychopathenwissenschaft&#8220; haben Fachkollegen vernichtende Kritik ge\u00fcbt. Bresser ist ber\u00fcchtigt f\u00fcr seine Gegengutachten, wenn psychiatrische Gutachter auf verminderte Schuldf\u00e4higkeit pl\u00e4dieren oder Straft\u00e4ter vorzeitig aus der Haft entlassen werden sollen. Paul Brune muss sich einer erniedrigenden Begutachtung stellen. Ebenso wenig wie Dr. John interessiert Prof. Bresser der Lebensweg von Paul Brune.<\/p>\n<p>Er ordnet ihn der Gruppe der &#8222;Degenerierten&#8220; zu. M\u00f6glicherweise habe Paul Brune &#8222;fr\u00fcher einmal einen schizophrenen Erkrankungsschub durchgemacht&#8220;. F\u00fcr den Dienst im Lehramt sei er nicht geeignet. Der Anwalt Paul Brunes weigert sich, ihm das Gutachten zu geben. Es sei zu schlimm. Wenn er damals das Gutachten gekannt h\u00e4tte, sagt Paul Brune heute, dann h\u00e4tte er aufgegeben. So aber k\u00e4mpft er weiter und gewinnt den Prozess. Er schlie\u00dft sein Studium erfolgreich ab. In den Schuldienst wird er nicht \u00fcbernommen. Die erste Lehrerschwemme zu Beginn der 80er Jahre entbindet das Schulamt von jeder weiteren Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Paul Brune hat \u00fcberlebt. Aber das Stigma, einmal als &#8222;lebensunwert&#8220; abgestempelt zu sein, begleitet ihn ein Leben lang.<\/p>\n<p>Seine kleine Wohnung in einem Hochhausviertel nahe der Bochumer Uni ist \u00fcber und \u00fcber voll mit B\u00fcchern. Von Spinoza \u00fcber Noam Chomsky bis zu den Erinnerungen von Claire Goll ist alles da, was man sich zu lesen w\u00fcnscht. Auf dem liebevoll gepflegten Balkon bl\u00fchen die ersten Hyazinthen.<\/p>\n<p>&#8222;Sie haben ein unwahrscheinliches Gl\u00fcck gehabt, Herr Brune, dass Sie \u00fcberhaupt lebendig aus dieser Schlangengrube herausgekommen sind. Ihre Akte ist ungeheuerlich. Sie m\u00fcssten ein Monstrum sein, das es gar nicht gibt. Alle Geisteskrankheiten, welche es gibt, hat man Ihnen angeh\u00e4ngt. Von den Verdammungsurteilen ganz zu schweigen&#8220;, sagt 1966 eine Nerven\u00e4rztin zu Paul Brune. Sie macht ihm Mut, sich mit aller Kraft gegen die an ihm begangenen Verbrechen zu wehren und f\u00fcr die Wiederherstellung seiner W\u00fcrde zu k\u00e4mpfen. Insgesamt f\u00fcnf Petitionen verfasst er im Laufe der Jahre. Jahrzehntelang streiten die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden jede Verantwortung ab und ziehen die minuti\u00f6s festgehaltenen Erlebnisse grunds\u00e4tzlich in Zweifel. Bei seiner letzten Eingabe im Jahr 2000 wird er aktiv von zwei Abgeordneten des Landtags unterst\u00fctzt. Nach zwei weiteren Jahren ist der Petitionsausschuss zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass &#8222;der Petent ein nationalsozialistisches Verfolgungsschicksal erlitten hat&#8220;. Er &#8222;empfiehlt der Landesregierung &#8230;, eine laufende Beihilfe zu bewilligen&#8220;.<\/p>\n<p>Im Jahr 2003, nach 60 Jahren, wird Paul Brune als Verfolgter des Nazi-Regimes anerkannt.<\/p>\n<p>Kaum einem Opfer der Nazi-Psychiatrie ist das gelungen.<\/p>\n<p>Nun erh\u00e4lt er monatlich etwa 260 Euro, die h\u00f6chstm\u00f6gliche Entsch\u00e4digung, die das Land Nordrhein-Westfalen bereit ist, an einen \u00dcberlebenden der nationalsozialistischen Psychiatrieverbrechen zu zahlen.<\/p>\n<p>Paul Brune hat seinen Kampf schlie\u00dflich doch noch gewonnen. Aber es bleiben bittere Fragen: Wie viel kostet die Lebenszeit, die ein Mensch einem solchen Alptraum opfern musste? Wie war es m\u00f6glich, dass die menschenverachtenden Verh\u00e4ltnisse in den psychiatrischen Anstalten jahrzehntelang fortbestanden? Warum war die Demokratie so lange unf\u00e4hig, auf der Ideologie der &#8222;Rassenhygiene&#8220; beruhende Urteile aufzuheben? Warum mussten die Opfer erfahren, was Primo Levi, \u00dcberlebender von Auschwitz, beschrieben hat: dass niemand h\u00f6rt, was berichtet wird; dass niemand glaubt, was geh\u00f6rt wird; dass es weiter geht, wie es immer weiter geht &#8211; der Alptraum des \u00dcberlebens.<\/p>\n<p>Die Arbeit am Film ist nicht leicht gewesen. Zu viele \u00c4ngste und Zweifel mussten \u00fcberwunden werden. Wie kann man Vertrauen in Menschen haben, wenn man sein Leben lang missbraucht worden ist? Ist es richtig, mit einer solchen Geschichte an die \u00d6ffentlichkeit zu gehen? Werden die Medien sie als Futter verwenden f\u00fcr den erbarmungslosen Trieb, die Ohnmacht anderer auszubeuten, so lange man noch nicht selbst betroffen ist? Einmal mussten wir die Dreharbeiten abbrechen.<\/p>\n<p>Durch die ermutigende Unterst\u00fctzung einiger Freunde konnten wir die schwierige Aufgabe gemeinsam bew\u00e4ltigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Schau Dir das mal an&#8220;, war der knappe Kommentar von Paul Wulf ((1)), als er mir Anfang der 80er Jahre knapp siebzig eng beschriebene Schreibmaschinenseiten \u00fcberreichte. Es handelte sich um die Petitionsschrift eines Paul Brune, die dieser 1966 an den Petitionsausschuss des Landtages von Nordrhein-Westfalen gerichtet hatte. 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