{"id":6812,"date":"2005-05-01T00:00:33","date_gmt":"2005-04-30T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6812"},"modified":"2022-07-26T13:56:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:50","slug":"8-mai-1945-ein-tag-der-befreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/05\/8-mai-1945-ein-tag-der-befreiung\/","title":{"rendered":"8. Mai 1945 &#8211; ein Tag der Befreiung?"},"content":{"rendered":"<h3>Der 8. Mai 1945 als &#8222;Tag der Befreiung&#8220;?<\/h3>\n<p>Die L\u00e4nder, die der deutsche Faschismus mit seiner Kriegsmaschinerie und seinen brutalen Zugriffen \u00fcberzogen hatte, waren nun, sozusagen in aller Form, von diesem expansiven Herrschaftsanspruch befreit. Und befreit war das europ\u00e4ische Judentum, soweit es noch die systematischen Mordtaten des hitlerdeutschen Staates hatte \u00fcberleben k\u00f6nnen, vom Vernichtungswillen der &#8222;Herrenrasse&#8220;. Befreit waren die \u00dcberlebenden in den Gefangenenlagern, in den KZs und Todesfabriken, die politischen H\u00e4ftlinge in Zuchth\u00e4usern. Aber was war mit der gro\u00dfen Mehrheit der Deutschen? Objektiv, mit dem Blick auf die Geschichte politischer Systeme, l\u00e4sst sich der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung auch f\u00fcr die deutsche Gesellschaft kennzeichnen &#8211; sie war von ihrem faschistischen und rassistischen Staatswesen befreit.<\/p>\n<p>Aber wenn man an die Subjekte denkt, die damals lebenden und agierenden Deutschen in ihrer Majorit\u00e4t, dann lenkt der Begriff &#8222;Befreiung&#8220; von der historischen Realit\u00e4t ab, verdeckt die unangenehme Wirklichkeit, wirkt auf sehr fragw\u00fcrdige Weise selbstentlastend. Vermutlich hat dies dazu beigetragen, dass die Formulierung von der &#8222;Befreiung&#8220; hierzulande an Akzeptanz gewonnen hat.<\/p>\n<p>Mit ihrer Hilfe l\u00e4sst sich eine Legende am Leben erhalten, die gleich aber 1945 &#8211; quer durch die politischen Gruppierungen &#8211; im deutschen Diskurs hochbeliebt war: Es sei eine &#8222;kleine Clique von Politkriminellen&#8220; gewesen, die sich ab 1933 &#8222;das deutsche Volk unterworfen&#8220; und &#8222;im deutschen Namen&#8220; Unheil \u00fcber die Welt und dann \u00fcber Deutschland selbst gebracht habe.<\/p>\n<p>Ganz gewiss ist diese Lesart der Geschichte des &#8222;Dritten Reiches&#8220; und des Zweiten Weltkrieges l\u00e4ngst durch vielerlei historische Forschungen und Dokumentationen widerlegt, aber dennoch h\u00e4lt sie sich z\u00e4h im Geschichtsbewusstsein, und die derzeit modische Erz\u00e4hlung von den &#8222;deutschen Opfern&#8220;, den Bombardierten und Vertriebenen, gibt dem neue Nahrung; sie tritt ja nicht nur in ihrer neonazistischen Version auf, sondern auch in einer, die als verfassungskonform gilt. Da erscheint dann das &#8222;deutsche Schicksal&#8220; von 1933 bis 1945 als Werk von &#8222;Gewalthabern&#8220; und &#8222;Verf\u00fchrern&#8220; &#8211; eine Deutung, die mit dem neuen deutschen Patriotismus gut vereinbar ist.<\/p>\n<h3>Die Deutschen 1945 &#8211; f\u00fchlten sie sich befreit, hatten sie die Befreiung erhofft? Oder gar selbst etwas f\u00fcr diese Befreiung getan?<\/h3>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gab es &#8222;die&#8220; Deutschen nicht. Es gab deutsche KommunistInnen, LinkssozialistInnen, AnarchistInnen, auch manche SozialdemokratInnen und einige Konservative, Liberale oder Anh\u00e4ngerInnen anderer b\u00fcrgerlicher Po1itikprogrogramme, auch etliche antifaschistische oder pazifistische ChristInnen, die seit jeher GegnerInnen des &#8222;Dritten Reiches&#8220; gewesen waren und die Verfolgung durch das Nazi-Regime \u00fcberstanden hatten. Sie hatten auf Befreiung gehofft, viele von ihnen auch von innen her versucht, zur Niederlage Hitler-Deutschlands beizutragen. Andere von ihnen, die ins Exil hatten gehen m\u00fcssen, hatten sich von au\u00dfen an diesem Versuch beteiligt. Der deutsche Widerstand allerdings, in welcher Form auch immer, war nicht imstande gewesen, dem &#8222;Dritten Reich&#8220; ein Ende zu machen. Dessen Sturz wurde machtpolitisch allein von au\u00dfen her bewirkt, durch die milit\u00e4rischen Kr\u00e4fte der Alliierten.<\/p>\n<p>Ferner gab es einige Angeh\u00f6rige der deutschen Funktionseliten, die zun\u00e4chst dem &#8222;Dritten Reich&#8220; gedient, dann aber dessen Spitze auszuschalten versucht hatten. Einige kamen mit dem Leben davon, und sie konnten sich nach dem Sieg der Alliierten befreit f\u00fchlen. Aber diese Art der Befreiung hatten sie mit ihrem Widerstand nicht herbeif\u00fchren wollen, die Niederlage Deutschlands hatten sie nicht gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Und dann gab es Deutsche, gar nicht so wenige, die ohne dieses oder jenes politische Programm im Laufe des Krieges zu Verweigerern geworden waren, im Extremfall: zu Deserteuren. Es gab auch junge Leute, die sich dem &#8222;Dienst f\u00fcr das Volk&#8220; an der &#8222;Heimatfront&#8220; verweigerten, sogenannte Edelwei\u00dfpiraten oder Swing-Jugendliche zum Beispiel, auch solche, die aus der illegalen b\u00fcndischen Szene kamen. Einige davon hatten sich zum aktiven Widerstand entschlossen.<\/p>\n<p>Soweit solche Menschen Krieg und Verfolgung \u00fcberstanden hatten, f\u00fchlten auch sie sich 1945 befreit.<\/p>\n<p>Aber bei alldem handelte es sich um Minorit\u00e4ten. Die Mehrheit der Deutschen war bis zum bitteren Ende regimekonform geblieben, aus unterschiedlichen Motiven: weil sie (mitunter bei Vorbehalten in dieser oder jener Frage) das faschistische System und seinen Krieg f\u00fcr erfolgstr\u00e4chtig hielten, weil sie vom &#8222;Dritten Reich&#8220; profitierten, weil sie rassistischen Weltbildern anhingen, weil sie militaristisch gepr\u00e4gt waren, weil sie staatsgl\u00e4ubig waren, weil sie Widerspruch nie gelernt hatten, usw. usf.; da gab es mancherlei Motivb\u00fcndel.<\/p>\n<p>Diese Mehrheit der Deutschen hatte auch 1945 mit &#8222;Befreiung&#8220; nichts im Sinn, viele waren zum Schluss des Systems erleichtert, dass die Strapazen des Krieges vorbei waren, andere &#8211; und nicht wenige &#8211; hofften bis kurz vor dem Abgang des &#8222;F\u00fchrers&#8220; noch auf eine milit\u00e4rische Wende.<\/p>\n<p>Und selbst in den Tagen vor dem 8. Mai gab es noch zahlreiche Deutsche, die damit rechneten, dass die Koalition wechseln werde &#8211; die westlichen Alliierten nun gemeinsam mit den Deutschen gegen den &#8222;bolschewistischen Hauptfeind&#8220;&#8230;<\/p>\n<p>So ergab sich denn, nimmt man &#8222;Befreiung&#8220; beim Wort, nach dem 8. Mai 1946 eine h\u00f6chst eigent\u00fcmliche historische Situation:<\/p>\n<p>Die &#8222;Befreiten&#8220;, in ihrer Majorit\u00e4t jedenfalls, mussten durch alliierte Milit\u00e4rverwaltungen, durch Besatzungsmacht also, davon abgehalten werden, ihre wirklichen Gef\u00fchle und Ideologien frei zur Geltung zu bringen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Befreier&#8220; wiederum, auch da ist eine realistische Sicht der Geschichte zu empfehlen, f\u00fchrten den Krieg gegen Hitler-Deutschland nicht etwa (wie neulich in einem Leitartikel der &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220; zu lesen war) &#8222;zur Befreiung Deutschlands&#8220;. Sie hatten andere Sorgen, andere Motive.<\/p>\n<p>Erstens waren ihre L\u00e4nder vom Deutschen Reich angegriffen worden, besonders brutal die UdSSR, in deren Terrain Hitler-Deutschland riesige Eroberungen machen wollte, in riesigem Umfange Bev\u00f6lkerung zu eliminieren gedachte und dann in der Tat in extremer Weise das Land verheerte und Menschen zu Tode brachte. Der Krieg wurde vom Westen wie vom Osten her gegen das &#8222;Dritte Reich&#8220; gef\u00fchrt, um dessen Aggression abzuwehren oder die Aggressoren wieder zu vertreiben. Und zugleich wurde angezielt, durch den milit\u00e4rischen Sieg einen Zustand herbeizuf\u00fchren, der zuk\u00fcnftige deutsche Aggressionen gegen die Alliierten ausschlie\u00dfen sollte.<\/p>\n<p>Als Nebenabsichten wurden dabei aber auch imperiale Ziele im Konflikt der Westm\u00e4chte und der UdSSR wirksam, das B\u00fcndnis gegen Hitler-Deutschland war eine Einigung auf Zeit und auf einen spezifischen Zweck hin, es betraf nicht die Vorgehensweise nach dem Sieg \u00fcber den deutschen Faschismus. Eben deshalb kam es in den Westzonen nach dem Mai 1945 ziemlich bald dazu, dass die vom Faschismus &#8222;befreiten&#8220; Deutschen frei genug wurden, bestimmte ideologische Teilst\u00fccke und personelle Best\u00e4nde aus der faschistischen Zeit weiterzutradieren oder wiederzuverwenden, insbesondere dazu, die Front gegen den &#8222;Osten&#8220; im Kalten Krieg zu st\u00e4rken. Der Antibolschewismus des &#8222;Dritten Reiches&#8220; wurde leicht variiert wieder genutzt, teils auch als Antirussismus und als genereller Antisozialismus, und in der B\u00fcrokratie, Justiz, Ideologieproduktion und dann im neu gebildeten Milit\u00e4r konnten Leistungstr\u00e4ger aus dem faschistischen System weiter ihre Arbeit tun. Auch die ehemaligen Wehrwirtschaftsf\u00fchrer waren bald wieder im Gesch\u00e4ft. Sie alle waren &#8222;befreit&#8220; zur Wiederverwendung, ganz zu schweigen von ehemaligen SD-Leuten, die nun Dienste f\u00fcr die westlichen Geheimapparate verrichteten.<\/p>\n<p>Nicht so, als sei die 1949 errichtete Bundesrepublik ein westlich verkleidetes Nazi-System gewesen &#8211; aber es gab viele Linien der Kontinuit\u00e4t zwischen den gesellschaftlichen Strukturen im Deutschen Reich vor 1945 und in Westdeutschland nach 1945, mit Folgen bis in die Gegenwart hinein.<\/p>\n<p>Auch in der Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR bedienten sich die Milit\u00e4rverwalter und dann die deutschen F\u00fchrungsgruppen der N\u00fctzlichkeit ehemaliger faschistischer Funktion\u00e4re, allerdings geschah dies individuell, die Funktionseliten generell wurden ausgewechselt. Viele Leistungstr\u00e4ger aus der Zeit vor 1945 wanderten ab nach Westdeutschland. Und die DDR, deren staatliche Existenz teils der hitlerdeutschen Niederlage, teils der vom Westen betriebenen Verhinderung einer gesamtdeutschen L\u00f6sung zuzuschreiben war, definierte sich historisch als Produkt eines deutschen Antifaschismus. Das aber war sie nicht, auch wenn deutsche GegnerInnen des faschistischen Staates beim Aufbau der DDR mitwirkten. Wenn heute in Ostdeutschland neonazistische Gruppierungen ihren Boden finden, so verweist dies auf untergr\u00fcndige Tradierungen auch hier (was nicht hei\u00dft, faschistische Mentalit\u00e4ten seien eine ostdeutsche Besonderheit).<\/p>\n<p>Fazit: In ihrer Mehrheit waren die Deutschen 1945 nicht in einer mentalen politischen Verfassung, die dem Begriff ihrer &#8222;Befreiung&#8220; vom Faschismus recht geben k\u00f6nnte, selbst wenn eine solche das Kriegsmotiv der Alliierten gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Mentalit\u00e4tsgeschichtlich und in der gesellschaftlichen Realit\u00e4t musste und muss immer noch eine Befreiung von faschistischen Erbschaften nachgeholt werden; auch der Wechsel der Generationen besorgt dies nicht von selbst. Und nach wie vor ist die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr faschistische Denkweisen und Praktiken kein deutsches Spezifikum, auch wenn die rassistische Ausrichtung und das Ausma\u00df der Staatsverbrechen im deutschen Faschismus historisch singul\u00e4r waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 8. Mai 1945 als &#8222;Tag der Befreiung&#8220;? Die L\u00e4nder, die der deutsche Faschismus mit seiner Kriegsmaschinerie und seinen brutalen Zugriffen \u00fcberzogen hatte, waren nun, sozusagen in aller Form, von diesem expansiven Herrschaftsanspruch befreit. 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