{"id":6814,"date":"2005-05-01T00:00:16","date_gmt":"2005-04-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6814"},"modified":"2022-07-26T13:56:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:50","slug":"fluchtling-verbrennt-in-seiner-zelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/05\/fluchtling-verbrennt-in-seiner-zelle\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtling verbrennt in seiner Zelle"},"content":{"rendered":"<p>Oury Jallow war 21 Jahre alt und stammte aus Sierra Leone. Er wurde von der Polizei verhaftet, da er angeblich im betrunkenen Zustand Frauen bel\u00e4stigt haben soll. Da sich Jallow der Verhaftung widersetzte, wurde er gewaltsam auf das Dessauer Revier gebracht und in einer Zelle an Armen und Beinen gefesselt.<\/p>\n<p>Einige Stunden sp\u00e4ter starb er an einem Hitzeschock.<\/p>\n<p>Nach Angaben der Polizei gab es aufgrund der starken Rauchentwicklung keine M\u00f6glichkeit mehr, in die Zelle vorzudringen und ihn zu retten.<\/p>\n<p>Als die Feuerwehr eintraf, war Jallow schon tot.<\/p>\n<p>Die Ermittlungen, die seitens der Staatsanwaltschaft aufgenommen wurden, waren sehr ungenau und l\u00fcckenhaft.<\/p>\n<p>Erst unter Druck der \u00d6ffentlichkeit wurden die Untersuchungen intensiviert, wobei viele Punkte noch lange nicht gekl\u00e4rt sind.<\/p>\n<p>Von einem Suizid kann nicht ausgegangen werden. W\u00e4hrend der Verhaftung wurde Jallow durchsucht, ein Feuerzeug wurde nicht gefunden. Er h\u00e4tte auch keines finden k\u00f6nnen, da die Zelle vorher gr\u00fcndlich gereinigt wurde. Wie h\u00e4tte er sich also verbrennen k\u00f6nnen, wenn die M\u00f6glichkeit ausgeschlossen ist, an ein Feuerzeug zu gelangen? Und selbst, wenn Jallow eins bei sich gehabt h\u00e4tte, wie h\u00e4tte er im gefesselten Zustand an das Feuerzeug gelangen und sich selbst in Brand stecken k\u00f6nnen? Des Weiteren bestand die Matratze aus einem feuerfesten Material und h\u00e4tte somit nicht in Flammen aufgehen k\u00f6nnen. Um die Matratze in Brand zu setzen, h\u00e4tte sie besch\u00e4digt sein m\u00fcssen, da nur das Innenmaterial entflammbar ist.<\/p>\n<p>Nach Angaben der Polizei wurde vorschriftsm\u00e4\u00dfig jede halbe Stunde der Zustand von Jallow \u00fcberpr\u00fcft. Der Feueralarm wurde zweimal ausgel\u00f6st, der Dienstgruppenleiter schaltete ihn aber wieder aus, mit der Begr\u00fcndung, dass der Alarm in der Vergangenheit \u00f6fter von alleine angegangen war. Das Prasseln des Feuers, das aus der Gegensprechanlage der Zelle zu h\u00f6ren war, wurde als ein &#8222;Pl\u00e4tschern&#8220; wahrgenommen, dem die Polizisten keine weitere Beachtung schenkten. Erst als sich der L\u00fcftungsschalter einschaltete, wurden sie aufmerksam &#8211; doch f\u00fcr Oury Jallow kam jede Hilfe zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Bei dieser Aussage gibt es Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>So behauptete der diensthabende Polizist, dass der Feueralarm kaputt gewesen sei. Allerdings wurde er schon vor einigen Monaten repariert, und seitdem traten keine Fehlermeldungen mehr auf. Dieser Tatsache war sich auch der Polizist bewusst. Trotzdem ignorierte er den Alarm. Ferner ist fraglich, warum die Polizisten neben dem &#8222;Pl\u00e4tschern&#8220; nicht auch Schreie und Hilferufe geh\u00f6rt und darauf reagierten haben.<\/p>\n<p>Trotz der widerspr\u00fcchlichen und fragw\u00fcrdigen Aussagen wird von der Staatsanwaltschaft eine Fremdverschuldung ausgeschlossen. Unmittelbar nach dem Vorfall ging die Staatsanwaltschaft von einer Selbstt\u00f6tung aus und enthielt der \u00d6ffentlichkeit vor, dass das Opfer an seiner Pritsche fixiert war. Bedingt durch die Nachforschungen der Beratungsstelle f\u00fcr Opfer rechtsextremer Gewalt wurden Informationen an die \u00d6ffentlichkeit frei gegeben. Mit einem Monat Versp\u00e4tung wurde die Information \u00fcber die Fesselung nach au\u00dfen getragen.<\/p>\n<p>Bereits im Oktober 2002 kam ein 36-j\u00e4hriger Mann unter demselben Dienstgruppenleiter ums Leben. Die Ursachen sind nicht aufgekl\u00e4rt worden, und das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Angeblich zog er sich vor der Verhaftung einen Sch\u00e4delbruch und innere Verletzungen zu, an denen er im Gewahrsam starb.<\/p>\n<p>Als nicht mehr verleugnet werden konnte, dass an dem Vorfall etwas nicht stimmt, wurde ein Ermittlungsverfahren gegen drei Polizisten eingeleitet. Zu diesem Zeitpunkt lag der Tod von Jallow schon sechs Wochen zur\u00fcck. Der Dienstgruppenleiter wurde erst versetzt und anschlie\u00dfend suspendiert. Gegen ihn wird wegen K\u00f6rperverletzung mit Todesfolge ermittelt, weil er den Feueralarm ignorierte, gegen die anderen beiden Polizisten nur wegen des Verdachtes auf fahrl\u00e4ssige T\u00f6tung.<\/p>\n<p>In Dessau sind die rassistischen Vorgehensweisen der PolizistInnen unter MigrantInnen bekannt. Im Juni 2004 wurde ein 37-j\u00e4hriger Asylbewerber von drei Polizisten niedergeschlagen und getreten. Erst danach gaben sie sich zu erkennen. Sie entkleideten ihn in der \u00d6ffentlichkeit, durchsuchten und nahmen ihn anschlie\u00dfend mit auf das Revier, wo er erneut ausgezogen wurde. Nach Angaben eines Mitarbeiters der Beratungsstelle f\u00fcr Opfer rechtsextremer Gewalt in Dessau stehen Farbige unter Generalverdacht, mit Drogen zu dealen. Vier \u00e4hnliche F\u00e4lle wurden in der Beratungsstelle gemeldet. Es wird vermutet, dass die Dunkelziffer h\u00f6her liegt. Wenn MigrantInnen eine Anzeige gegen Polizeibeamte aufgeben, werden sie durch eine Gegenanzeige eingesch\u00fcchtert.<\/p>\n<p>Polizeigewalt gegen\u00fcber MigrantInnen ist keineswegs etwas Un\u00fcbliches. Die Vorf\u00e4lle, die sich in Dessau ereignet haben, zeigen, dass rassistische \u00dcbergriffe nicht alleine von der rechtextremen Szene ausge\u00fcbt werden, sondern sich tagt\u00e4glich in gesellschaftlichen Strukturen wieder finden und von staatlicher Seite gef\u00f6rdert werden. So bestand ein gro\u00dfes Interesse von der Staatsanwaltschaft und den Beh\u00f6rden, die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit so gering wie m\u00f6glich zu halten und die Polizei zu decken.<\/p>\n<p>In diesem Fall drang die polizeiliche Repression dank der Recherchen verschiedener Organisationen nach au\u00dfen. Von Seiten der Politik werden rassistische Hintergr\u00fcnde kategorisch ausgeschlossen und die Vorf\u00e4lle als Einzellf\u00e4lle dargestellt. Von den meisten Medien wird dies unreflektiert \u00fcbernommen. Die diskriminierenden, rassistischen Vorgehensweisen k\u00f6nnen so ungehindert fortgesetzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oury Jallow war 21 Jahre alt und stammte aus Sierra Leone. Er wurde von der Polizei verhaftet, da er angeblich im betrunkenen Zustand Frauen bel\u00e4stigt haben soll. Da sich Jallow der Verhaftung widersetzte, wurde er gewaltsam auf das Dessauer Revier gebracht und in einer Zelle an Armen und Beinen gefesselt. 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