{"id":6816,"date":"2005-05-01T00:00:59","date_gmt":"2005-04-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6816"},"modified":"2022-07-26T14:24:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:30","slug":"meine-menschlichkeit-wiedergewinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/05\/meine-menschlichkeit-wiedergewinnen\/","title":{"rendered":"&#8222;Meine Menschlichkeit wiedergewinnen&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Kriegsdienstverweigerung im Irak<\/h3>\n<p>Ich wurde im April 2003 im Irak stationiert und kam im Oktober f\u00fcr zwei Wochen auf Heimaturlaub. Zuhause hatte ich die M\u00f6glichkeit, meine Gedanken zu ordnen und auf mein Gewissen zu h\u00f6ren. Die Leute fragten mich nach meinen Kriegserfahrungen, und indem ich antwortete, kehrten all die Schrecken zur\u00fcck &#8211; die Feuergefechte, die Hinterhalte, der junge Iraki, der an den Schultern durch eine Lache seines eigenen Blutes geschleift wurde; oder der unschuldige Mann, der von unserem Maschinengewehrfeuer gek\u00f6pft wurde; der Soldat, der innerlich zusammenbrach, weil er ein Kind get\u00f6tet hatte; oder der alte Mann, der auf seinen Knien weinend die H\u00e4nde zum Himmel streckte, vielleicht weil er Gott fragte, warum er den leblosen K\u00f6rper seines Sohnes genommen hatte.<\/p>\n<p>Ich dachte an das Leiden eines Volkes, dessen Land in Ruinen lag und das weiterhin durch die Durchsuchungen, Patrouillen und Ausgehverbote einer Besatzungsarmee erniedrigt wurde.<\/p>\n<p>Und es wurde mir klar, dass keiner der Gr\u00fcnde, weshalb wir angeblich im Irak waren, sich als Wahrheit entpuppte. Es gab keine Massenvernichtungswaffen. Es gab keine Verbindung zwischen Saddam Hussein und EI Kaida. Wir haben dem irakischen Volk nicht geholfen, und die Irakis wollten uns dort nicht.<\/p>\n<p>Wir haben nicht den Terrorismus verhindert oder die Sicherheit der US-Amerikaner verbessert. Ich konnte keinen einzigen guten Grund daf\u00fcr finden, dort zu sein, zu schie\u00dfen und beschossen zu werden.<\/p>\n<p>Zuhause erlangte ich die Klarheit, die Grenze zwischen milit\u00e4rischer und moralischer Pflicht zu erkennen. Ich erkannte, dass ich Teil eines Krieges war, von dem ich glaubte, er w\u00e4re unmoralisch und kriminell, ein Aggressionskrieg, ein Krieg imperialer Vorherrschaft. Ich erkannte, dass ein Handeln nach meinen Prinzipien nicht mit meiner Rolle im Milit\u00e4r vereinbar w\u00e4re, und mir wurde klar, dass ich nicht in den Irak zur\u00fcckkehren konnte.<\/p>\n<h3>Indem ich meine Waffe niederlegte, entschied ich mich daf\u00fcr, wieder ein Mensch zu werden<\/h3>\n<p>Ich habe das Milit\u00e4r nicht verlassen oder bin illoyal gegen\u00fcber den Frauen und M\u00e4nnern des Milit\u00e4rs gewesen. Ich bin nicht einem Land gegen\u00fcber illoyal gewesen. Ich bin nur meinen Prinzipien gegen\u00fcber loyal gewesen.<\/p>\n<p>Als ich mit all meinen Bef\u00fcrchtungen und Zweifeln freiwillig ins Gef\u00e4ngnis ging, habe ich das nicht nur f\u00fcr mich selbst getan. Ich tat es f\u00fcr die Menschen im Irak, selbst f\u00fcr die, die auf mich geschossen haben &#8211; sie befanden sich lediglich auf der anderen Seite eines Schlachtfeldes, wo der Krieg selbst der einzige Feind war. Ich tat es f\u00fcr die irakischen Kinder, die Opfer von Minen und abgereichertem Uran sind. Ich tat es f\u00fcr die Tausenden im Krieg get\u00f6teten unbekannten Zivilisten. Meine Zeit im Gef\u00e4ngnis ist ein geringer Preis verglichen mit den Irakis und US-Amerikanern, die mit ihrem Leben bezahlt haben. Ein geringer Preis verglichen mit dem Preis, den die Menschheit f\u00fcr den Krieg bezahlt hat.<\/p>\n<h3>Gew\u00f6hnliche Menschen k\u00f6nnen au\u00dfergew\u00f6hnliche Dinge tun<\/h3>\n<p>Viele haben mich einen Feigling genannt, einige einen Helden. Ich glaube, ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Jenen, die mich einen Helden genannt haben, antworte ich, dass ich nicht an Helden glaube, aber daran, dass gew\u00f6hnliche Menschen au\u00dfergew\u00f6hnliche Dinge tun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jenen, die mich einen Feigling genannt haben, antworte ich, dass sie sich irren, aber trotzdem unwissentlich recht haben. Sie irren sich, wenn sie glauben, ich h\u00e4tte den Krieg aus Angst davor, get\u00f6tet zu werden, verlassen. Ich gebe zu, dass es Furcht gegeben hat, aber es gab auch die Furcht davor, Unschuldige zu t\u00f6ten, Furcht davor, in eine Position zu geraten, wo \u00dcberleben T\u00f6ten bedeutet, Furcht davor, meine Seele zu verlieren bei dem Versuch, meinen K\u00f6rper zu retten, Furcht davor, meiner Tochter, den Menschen, die ich liebe, der Person, die ich war, und der Person, die ich werden wollte, verloren zu gehen. Ich hatte Furcht davor, eines Morgens aufzuwachen und zu erkennen, dass meine Menschlichkeit mich verlassen hatte.<\/p>\n<p>Ohne jeden Stolz sage ich, dass ich meinen Job als Soldat getan habe. Ich habe eine Infanterieeinheit im Kampf befohlen, und wir haben unseren Auftrag immer erf\u00fcllt. Aber jene, die mich einen Feigling nannten, haben Recht, ohne es zu wissen. Ich war ein Feigling, weil ich den Krieg nicht verlassen habe, sondern zun\u00e4chst Teil davon gewesen bin. Meine moralische Pflicht war es, mich diesem Krieg zu verweigern und ihm Widerstand zu leisten, eine moralische Pflicht, die mich zu diesem prinzipiellen Handeln gerufen hat. Ich habe dabei versagt, meine moralische Pflicht als Mensch zu erf\u00fcllen, und hatte mich stattdessen dazu entschlossen, meiner Pflicht als Soldat nachzukommen. Alles nur, weil ich Angst hatte. Ich f\u00fcrchtete mich, ich wollte nicht gegen Regierung und Armee aufstehen, ich hatte Angst vor Bestrafung und Erniedrigung. Ich zog in den Krieg, weil ich in diesem Moment ein Feigling war, und daf\u00fcr entschuldige ich mich bei meinen Soldaten, weil ich nicht die Art von F\u00fchrer war, der ich h\u00e4tte sein sollen.<\/p>\n<p>Ich entschuldige mich auch beim irakischen Volk. Ihm sage ich: die Ausgangsverbote, die Hausdurchsuchungen, die Morde tun mir leid. M\u00f6gen die Irakis mir in ihren Herzen vergeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Freiheit hinter Gittern<\/h3>\n<p>Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass ich mich dem Krieg nicht von Anfang an widersetzt habe, war die Angst davor, meine Freiheit zu verlieren. Heute, wo ich hinter Gittern sitze, erkenne ich, dass es viele Arten von Freiheit gibt und dass ich trotz meiner Gefangenschaft auf vielerlei wichtige Weise frei bleibe. Was ist die Freiheit wert, wenn wir Angst haben, unserem Gewissen zu folgen? Was ist die Freiheit wert, wenn wir nicht mit unserem Handeln in \u00dcbereinkunft leben k\u00f6nnen? Ich bin im Gef\u00e4ngnis eingeschlossen, doch f\u00fchle ich mich mehr als je zuvor mit der ganzen Menschheit verbunden. Hinter diesen Gitterst\u00e4ben sitze ich als freier Mann, weil ich auf eine h\u00f6here Macht, die Stimme meines Gewissens, geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Als ich in Einzelhaft sa\u00df, fand ich das Gedicht eines Mannes, der der Nazi-Regierung in Deutschland widerstand und sich ihr verweigerte. Daf\u00fcr wurde er hingerichtet. Er hie\u00df Albrecht Haushofer ((1)), und er schrieb das Gedicht, w\u00e4hrend er auf die Hinrichtung wartete:<\/p>\n<h3>Schuld<\/h3>\n<p>Ich trage leicht an dem, was das Gericht mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen.<br \/>\nVerbrecher w\u00e4r&#8216; ich, h\u00e4tt&#8216; ich f\u00fcr das Morgen des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.<br \/>\nDoch schuldig bin ich anders als ihr denkt, ich musste fr\u00fcher meine Pflicht erkennen, ich musste sch\u00e4rfer Unheil nennen &#8211; mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt\u2026<br \/>\nIch klage mich in meinem Herzen an:<br \/>\nIch habe mein Gewissen lang betrogen,<br \/>\nich hab mich selbst und andere belogen &#8211; ich kannte fr\u00fch des Jammers ganze Bahn &#8211; ich hab gewarnt &#8211; nicht hart genug und klar!<br \/>\nUnd heute wei\u00df ich, was ich schuldig war\u2026<\/p>\n<p>Jenen, die immer noch schweigen, jenen, die weiterhin ihr Gewissen betr\u00fcgen, jenen, die das B\u00f6se nicht klarer benennen, jenen unter uns, die immer noch nicht genug tun, um sich zu verweigern und Widerstand zu leisten, rufe ich zu: &#8222;Vorw\u00e4rts!&#8220; Ich sage: &#8222;Befreit eure Gedanken.&#8220; Lasst uns gemeinsam unsere Gedanken befreien, unsere Herzen erweichen, die Verwundeten tr\u00f6sten, unsere Waffen niederlegen und uns als Menschen wiedererkennen, indem wir dem Krieg ein Ende bereiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriegsdienstverweigerung im Irak Ich wurde im April 2003 im Irak stationiert und kam im Oktober f\u00fcr zwei Wochen auf Heimaturlaub. 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