{"id":6824,"date":"2005-05-01T00:00:44","date_gmt":"2005-04-30T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6824"},"modified":"2022-07-26T14:24:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:30","slug":"mehmet-liebt-baris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/05\/mehmet-liebt-baris\/","title":{"rendered":"Mehmet liebt Baris!"},"content":{"rendered":"<p>Er war in Izmir, um auf der j\u00e4hrlichen Buchmesse zu arbeiten, und wurde dort zwangsrekrutiert. Die Polizei leitete ihn an die Gendarmerie (Milit\u00e4rpolizei) weiter, die ihn dann an eine Einheit in Tokat \u00fcberstellte. Da Mehmet Tarhan weiterhin zivilen Ungehorsam leistet, wurde er in das Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis Sivas verlegt.<\/p>\n<p>Mehmet Tarhan ist schwuler Aktivist und Anarchist, der seine Kriegsdienstverweigerung am 27. Oktober 2001 in den R\u00e4umen des Menschenrechtsvereins mit den Worten &#8222;Entzieht dem Krieg den Menschen als Ressource. Jede Art von Gewalt ist ein Verbrechen gegen die Menschheit&#8220; erkl\u00e4rt hat. Er hat seitdem seine offenen und angek\u00fcndigten Aktionen Zivilen Ungehorsams gegen Krieg und Militarismus fortgef\u00fchrt, ohne je die Notwendigkeit zu versp\u00fcren, sich oder seine Adresse zu verbergen. Die Festnahme Mehmet Tarhans, der seinen unbedingten Widerstand gegen den Milit\u00e4rapparat und der Wehrpflicht verk\u00fcndet hat, gibt gerade in einer Phase intensivierter rassistischer und nationalistischer Ressentiments Anlass zur Sorge.<\/p>\n<h3>Milit\u00e4rdienst in der T\u00fcrkei: Es herrscht Wehrpflicht.<\/h3>\n<p>Ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung wird nicht anerkannt. Kriegsdienstverweigerer kommen Aufforderungen zum Einzug in die Armee nicht nach und leisten zivilen Widerstand, was mit Inhaftnahme und Gef\u00e4ngnis beantwortet wird.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte sehen Homosexualit\u00e4t als Krankheit an und k\u00fcndigen homosexuellen Offizieren den Dienst.<\/p>\n<p>Homosexuelle, die mit einem Attest (&#8222;Psycho-sexuelle St\u00f6rung: Homosexualit\u00e4t&#8220;) abgestempelt werden, sind in ihrem k\u00fcnftigen sozialen und beruflichen Leben materieller und moralischer Diskriminierung und Rechts\u00fcberschreitungen ausgesetzt.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei ist unter den Nato-Staaten das einzige Land, dessen Streitkr\u00e4fte die Homosexualit\u00e4t offiziell als Krankheit verstehen.<\/p>\n<p>Anarchisten und Zeugen Jehovas verweigern aus Gewissensgr\u00fcnden den Milit\u00e4rdienst in der T\u00fcrkei.<\/p>\n<h3>Militaristische Kultur<\/h3>\n<p>An Sexismus und Homophobie hat es in der t\u00fcrkischen Gesellschaft, die von einer Spirale aus &#8222;M\u00e4nnlichkeit&#8220; und &#8222;Soldatentum&#8220; umfasst ist, nie gemangelt.<\/p>\n<p>Milit\u00e4rinstitutionen haben Homosexuelle, besonders im Zusammenhang mit dem Milit\u00e4rdienst, z\u00fcgellos erniedrigt, gebrandmarkt und ihnen das Leben erschwert. Die Aufnahme in die Armee wurde Homosexuellen als eine unerreichbare Gunst pr\u00e4sentiert. Dass die Armee als Hochburg der &#8222;M\u00e4nnlichkeit&#8220; und des institutionalisierten Militarismus Frauen und homosexuelle M\u00e4nner ausschlie\u00dft, bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass sie f\u00fcr Milit\u00e4rdienst und Kriegsf\u00fchrung nicht geeignet sind.<\/p>\n<p>Diese Ausgrenzung ist ein Resultat der patriarchalen Ideologie. Diese Ideologie und die Armee als eine der f\u00fchrenden Institutionen, in denen sie zu Ausdruck gelangt, reduzieren Homosexualit\u00e4t auf &#8222;Schwulheit&#8220; und erkennen das homosexuelle Individuum nicht als vollwertigen Menschen an, was in Erniedrigungen und Angriffen auf Psyche und Pers\u00f6nlichkeit ausartet. Es wird beleidigt, entwertet.<\/p>\n<p>Die Milit\u00e4rpsychiatrie in der T\u00fcrkei stellt die wissenschaftliche Basis f\u00fcr die ideologische Herangehensweise des Militarismus bereit. Sie beruft sich immer noch auf DSM II ((2)) der American Psychiatric Association (APA)und geht davon aus, dass, entgegen aktueller Psychiatrieliteratur, Homosexualit\u00e4t der psychosexuellen Pathologiezuzuordnen sei. Wer angeblich einer psychosexuellen &#8222;St\u00f6rung&#8220; unterliegt, wird, selbst wenn er es will, nicht rekrutiert. Die gleiche Herangehensweise wird fortgesetzt, falls die Situation sich im Nachhinein kl\u00e4rt. Der Soldat wird auf Basis der rechtlich definierten &#8222;unnat\u00fcrlichen Beziehung&#8220; fr\u00fchzeitig aus den Streitkr\u00e4ften entlassen und somit auch seine Homosexualit\u00e4t von vornherein als unnat\u00fcrlich festgesetzt.<\/p>\n<p>Doch der tats\u00e4chliche Sachverhalt ist nicht immer so simpel. Es ist bekannt, dass viele Homosexuelle ihre Identit\u00e4t verheimlichen und die Wehrpflicht ableisten, w\u00e4hrend viele nicht homosexuelle M\u00e4nner in der Kaserne sexuelle Beziehungen mit anderen M\u00e4nnern eingehen.<\/p>\n<p>Falls diese F\u00e4lle aufgedeckt werden, wird in einer von drei Formen reagiert:<\/p>\n<p>a) geflissentliches \u00dcbersehen, um den Namen der Einheit nicht zu gef\u00e4hrden,<br \/>\nb) Versetzung der involvierten Personen in andere Einheiten,<br \/>\nc) bekennende Homosexuelle attestieren und fr\u00fchzeitig entlassen.<\/p>\n<p>Wie in einzelnen F\u00e4llen gehandelt wird, h\u00e4ngt von der konkreten Situation und den \u00fcbergeordneten Offizieren ab.<\/p>\n<h3>Freiheit f\u00fcr Mehmet Tarhan!<\/h3>\n<p>Der schwule Kriegsdienstverweigerer Mehmet Tarhan hat in seiner \u00f6ffentlichen Verweigerungsdeklaration ausdr\u00fccklich dargelegt, er werde als bekennender Schwuler die M\u00f6glichkeit nicht nutzen, die Wehrpflicht mit einem Attest eines Milit\u00e4rpsychiaters abzustreifen.<\/p>\n<p>Die Kriegsdienstverweigerung muss als Menschenrecht anerkannt werden!<\/p>\n<p>Den Inhaftierungen von Kriegsdienstverweigerern muss ein Ende gesetzt und die inhaftierten Verweigerer m\u00fcssen freigelassen werden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war in Izmir, um auf der j\u00e4hrlichen Buchmesse zu arbeiten, und wurde dort zwangsrekrutiert. 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