{"id":6846,"date":"2005-05-01T00:00:54","date_gmt":"2005-04-30T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6846"},"modified":"2022-07-26T13:56:49","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:49","slug":"was-ubrig-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/05\/was-ubrig-bleibt\/","title":{"rendered":"Was \u00fcbrig bleibt &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Doch am 10. April folgten Tausende H\u00e4ftlinge nicht mehr den Befehlen des Lagerkommandos. Seit Tagen verlie\u00dfen keine Arbeitskommandos das Lager, es gab auch keine Appelle mehr. Am 11. April 1945 griffen schlie\u00dflich Angeh\u00f6rige des illegalen Lagerkomitees zu ihren heimlich versteckten Waffen und konnten \u00fcber 100 SS-M\u00e4nner festnehmen. Die an diesem Tage eintreffenden Erkundungstrupps der Amerikaner fanden ein von den H\u00e4ftlingen selbstbefreites Buchenwald vor.<\/p>\n<p>21.000 M\u00e4nner \u00fcberlebten das nationalsozialistische Konzentrationslager, \u00fcberlebten t\u00e4gliche Dem\u00fctigungen und Drangsalierungen durch die Wachmannschaften, \u00fcberlebten menschenverachtende Zwangsarbeit und Unterern\u00e4hrung. Vernichtung durch Arbeit kennzeichnete den Faschismus im Lager ab 1943. Zum KZ Buchenwald geh\u00f6rten 136 Au\u00dfenkommandos, bis hinein ins Ruhrgebiet. Hinter diesem Begriff verbargen sich zumeist Sklavenlager mit Buchenwaldh\u00e4ftlingen, die weitab von Weimar f\u00fcr deutsche Konzerne schufteten. In dieser Zeit begann der Gro\u00dfeinsatz von Buchenwaldh\u00e4ftlingen in den R\u00fcstungsbetrieben &#8222;Mittel- und Westdeutschlands&#8220;: Flick, Krupp und Thyssen, die IG-Farben, Siemens und AEG, Mercedes Benz und VW sowie unz\u00e4hlige andere Geldgeber des NS-Staates besch\u00e4ftigten in ihren Betrieben zigtausend KZ-H\u00e4ftlinge, deren Ausbeutung zu au\u00dferordentlichen Gewinnspannen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Diese 21.000 M\u00e4nner versammelten sich am 19. April 1945 auf dem Appellplatz, um ihrer verstorbenen Mith\u00e4ftlinge zu gedenken, den Alliierten zu danken und vor allem den Blick in die Zukunft zu richten: <em>&#8222;Wenn uns etwas geholfen hat zu \u00fcberleben, dann war es der Gedanke, dass es eines Tages Gerechtigkeit g\u00e4be. Wir Buchenwalder (&#8230;) k\u00e4mpfen gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, f\u00fcr unsere eigene Befreiung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>60 Jahre sp\u00e4ter versammelten sich noch einmal einige hundert \u00dcberlebende auf dem Appellplatz in Buchenwald. Die Feierlichkeiten zur Befreiung Buchenwalds sind eingebettet in einen Gedenkprozess, welcher mit der Landung der Alliierten in der Normandie vor 60 Jahren begann und am 8. Mai den (vorl\u00e4ufigen) Schlusspunkt erreicht.<\/p>\n<p>Gepr\u00e4gt sind viele dieser Gedenkveranstaltungen von der Perspektive, dass es nun zum letzten Mal m\u00f6glich war, noch einige \u00fcberlebende ZeitzeugInnen zu diesen Ereignissen zu befragen. Der 60. Jahrestag symbolisiert hier eine Z\u00e4sur in der Auseinandersetzung mit dem historischen Faschismus. Aus der erlebten Geschichte wurde die erz\u00e4hlte Geschichte. Und wie wichtig es ist, solange es noch geht, genau zuzuh\u00f6ren, wird deutlich in der aktuellen geschichtspolitischen Debatte.<\/p>\n<p>Allgemein entdecken sich in der gegenw\u00e4rtigen Erinnerungsdiskussion die Deutschen zuallererst als Opfer. J\u00f6rg Friedrichs Buch &#8222;Der Brand&#8220; stellt hier sicher den deutlichsten Beweis dar. &#8222;Der Brand&#8220; war in den letzten Monaten ein vielzitierter Bestseller und wurde von vielen RezensentInnen hoch gelobt. Und diente auch als Redevorlage f\u00fcr die NPD-Entgleisung zum Holocaustgedenktag. Friedrichs Buch ist in einem Kontext zu den j\u00fcngsten Debatten um ein &#8222;Zentrum gegen Vertreibungen&#8220; zu sehen, es schlie\u00dft sich an die ZDF-Dokumentationen von Guido Knopp unter den Titeln &#8222;Die Vertriebenen&#8220;, &#8222;Die Gefangenen&#8220; an und wird begleitet von einer schier un\u00fcberschaubaren Sammlung von &#8222;Erlebnisberichten&#8220; der sogenannten Kriegskindergeneration, die sich nun auch als Opfer entdeckt haben.<\/p>\n<p>J\u00f6rg Friedrich tr\u00e4gt nicht unbedingt durch die Dokumentation der zerst\u00f6rten deutschen St\u00e4dte, wohl aber durch die dabei verwandten Begriffe (&#8222;Vernichtungsangriff&#8220;, &#8222;Vernichtungswalze&#8220;, &#8222;Vernichtungsserie&#8220;, usw.) und durch die bewusste Kontextlosigkeit dazu bei, die Geschichte des Nationalsozialismus zu einem deutschen Opferm\u00e4rchen umzul\u00fcgen.<\/p>\n<p>So erscheint Hitlers Deutschland schon 1939 als Opfer. Der \u00dcberfall auf Polen l\u00e4utete f\u00fcr Friedrich nicht die hemmungslose Unterwerfung und Ausbeutung weiter Teile Europas ein, es bedeutete f\u00fcr ihn nicht den Auftakt zu dem Ziel, mit dem &#8222;Tausendj\u00e4hrigen Reich&#8220; eine expandierende Weltherrschaft zu schaffen, sondern 1939 war f\u00fcr Friedrich die erste Schlacht in einem Krieg, der nach dem Vergeltungsprinzip gef\u00fchrt wurde. Vergeltung f\u00fcr die Niederlage von 1918, f\u00fcr die &#8222;Schmach von Versailles&#8220;, f\u00fcr die Abtrennung Oberschlesiens, usw.<\/p>\n<p>So verkehren sich Ursache und Wirkung. Eine Vers\u00f6hnung aller Opfer, ob \u00dcberlebender der Konzentrationslager oder Kriegerwitwe, wird beschworen. Die T\u00e4terInnen geraten in diesem Prozess selbst zu Opfern, oder sie verschwinden einfach, wie Hannes Heer es ausdr\u00fcckte. Im Dickicht der Gleichmacherei und Aufrechnung entl\u00e4dt sich das Bed\u00fcrfnis nach Entlastung, Schuldumkehr und Wiederherstellung einer zweifelhaften nationalen Ehre.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an den Nationalsozialismus erkl\u00e4rt die Bundesregierung zur Staatsr\u00e4son oder, wie es Bundeskanzler Schr\u00f6der am diesj\u00e4hrigen 10. April beim Staatsakt in Weimar ausdr\u00fcckte: &#8222;Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, an Krieg, V\u00f6lkermord und Verbrechen ist Teil unserer nationalen Identit\u00e4t geworden. Daraus folgt eine bleibende moralische und politische Verpflichtung.&#8220;<\/p>\n<p>Was in diesem allgemeinen Diskurs, die Opfer nun \u00fcberall zu suchen, jedoch \u00fcbrig bleibt von den Erfahrungen des Antifaschistischen Widerstandes, wird spannend bleiben. In Buchenwald im Jahre 2005 wurde jedoch noch einmal deutlich, dass die Generation der ZeitzeugInnen der Konzentrationslager gro\u00dfe Hoffnung gerade auf die j\u00fcngere Generation setzt, letztlich f\u00fcr eine Erinnerung zu streiten, in der antifaschistischer Widerstand nicht negiert wird. Die Auschwitz-\u00dcberlebenden Esther Bejarano und Peter Gingold haben diesen Wunsch einmal so ausgedr\u00fcckt: <em>&#8222;Nehmt es wahr, nehmt wenigstens Ihr es wahr, was von Euren Vorfahren meistens verdr\u00e4ngt, auch diskriminiert und verleugnet wurde: Das Bedeutsamste und Kostbarste aus deutscher Geschichte ist und bleibt der antifaschistische Widerstand.&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doch am 10. April folgten Tausende H\u00e4ftlinge nicht mehr den Befehlen des Lagerkommandos. Seit Tagen verlie\u00dfen keine Arbeitskommandos das Lager, es gab auch keine Appelle mehr. Am 11. 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