{"id":6848,"date":"2005-05-01T00:00:58","date_gmt":"2005-04-30T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6848"},"modified":"2022-07-26T13:56:49","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:49","slug":"auszuge-aus-der-petition-von-paul-brune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/05\/auszuge-aus-der-petition-von-paul-brune\/","title":{"rendered":"Ausz\u00fcge aus der Petition von Paul Brune"},"content":{"rendered":"<p>Das Personal dieser Abteilung bestand aus der kleinen untersetzten Nonne Fidelis, der Pflegerin Wilhelmine Englisch und dem &#8222;Hausburschen&#8220; Wilhelm Schulte. Die Nonne Fidelis k\u00fcmmerte sich ausschlie\u00dflich um die Essensangelegenheiten. Ich habe sie nicht anders in Erinnerung, als sie st\u00e4ndig nur Brotschnitten, mit Margarine kratzend, schmieren zu sehen. Sie sprach auch nicht mit uns Kindern. Sie war unentwegt stumm manuell t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Absolute Herrscherin der Station war Wilhelmine Englisch. &#8230; Sie hatte ihre Station &#8222;absolut im Griff&#8220;, wie sie immer stolz betonte. Den ganzen Tag mussten wir Kinder schweigend auf den langen B\u00e4nken und an den Tischen sitzen. Sprechen war absolut verboten. Wurde ein Kind dabei erwischt, welches versuchte, sich fl\u00fcsternd mit dem Nachbarn zu unterhalten, wurde es von Wilhelmine Englisch &#8222;vertubackt&#8220;, wie sie es nannte. Sie fuhr dem &#8222;S\u00fcnder&#8220; mit ihrer Faust knetend im Gesicht herum, riss ihn an den Ohren. Es gab kaum ein Kind auf der &#8222;tiefstehenden Station&#8220; &#8211; so der offizielle Name dieser Station &#8211; welches nicht bunte Flecken von diesem &#8222;Vertubacken&#8220; der Englisch im Gesicht davon trug. Absolute Grabesruhe auf einer Station von f\u00fcnfzig Kindern im Alter von 4 bis 10 Jahren. Die j\u00fcngeren Kinder lernten nicht das Sprechen, die \u00e4lteren, welche es ansatzweise konnten, verlernten es. Hier wurden mit brutalen Methoden Kinder zu Idioten, &#8222;Tiefstehenden&#8220; gemacht, und das \u00e4u\u00dferst erfolgreich. Da wir Kinder &#8222;Tiefstehende&#8220; waren, kamen wir auch nie ins Freie. Wir hockten den ganzen Tag schweigend auf der Station. Da es keine Bewegung gab, nur Stillsitzen den ganzen Tag, verk\u00fcmmerten bei den Kleinen auch vor allem die Beine. Von der erb\u00e4rmlichen Kleidung und dem fehlenden Schuhwerk will ich erst gar nicht reden. Mit kahl geschorenen K\u00f6pfen, das besorgte W. Englisch, vegetierten wir kindlichen Elendsgestalten dahin. Diese &#8222;Pflegerin&#8220; hatte, wie so viele des Anstaltspersonals, die ganze Nazi-Ideologie mit ihrem Untermenschenvokabular verinnerlicht. &#8222;Abschaum der Menschheit&#8220;, &#8222;Minderwertige&#8220;, &#8222;unn\u00fctze Esser&#8220;, &#8222;Bodensatz&#8220;, &#8222;Drohnen&#8220;, Schmarotzer&#8220; usw. Es irritierte diese Frau nicht, dass kein Kind ihre Tiraden verstand. Ich w\u00fcrde diese Frau r\u00fcckblickend als schwere Hysterikerin und Sadistin von primitivster Struktur bezeichnen. Wenn sie ihren freien Tag hatte, war f\u00fcr uns Kinder Weihnachten.<\/p>\n<p>Hatte sie es besonders auf ein Kind abgesehen, so krallte sie ihre Hand in das kindliche Bauchfleisch ihres Opfers und drehte ihre Hand bzw. das Fleisch. Diese schmerzliche Foltermethode hatte riesige, mit der Zeit in allen Regenbogenfarben schillernde Flecken zur Folge. Leider war diese perverse Qu\u00e4lerei der Englisch auch bei anderem &#8222;Pflegepersonal&#8220; der Anstalt beliebt. Diese Folter hatte den Vorteil, dass sie nicht sichtbar war.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p>Im Jahre 1944 wurden die meisten H\u00e4user der Anstalt St. Johannes f\u00fcr die Bochumer Kinderklinik und f\u00fcr das Soldatenlazarett ger\u00e4umt. Viele Kinder wurden nach Hadamar oder Idstein transportiert, wo sie h\u00f6chstwahrscheinlich ermordet wurden. Die restlichen Kinder wurden auf den Anstaltsfluren und in Kellern untergebracht, wo provisorische Stationen eingerichtet wurden. Die Kinder wurden im Zuge dieser Ma\u00dfnahme auf engsten Raum gepfercht, da f\u00fcr sie in der Anstalt kein Platz mehr war. Ich selber kam &#8230; auf die Schuljungenstation K 5 &#8230;<\/p>\n<p>Keine der sog. &#8222;Schulschwestern&#8220; hatte eine Ausbildung oder ein Studium f\u00fcr diesen Beruf. Ein paar hatten einen Vierwochenkurs absolviert. Allein ausschlaggebend war, dass die Nonnen einen Volksschulabschluss besa\u00dfen. Es handelte sich bei diesen Nonnen um den &#8222;dienenden Orden&#8220; der Vinzentinerinnen. &#8230; Diese sog. &#8222;Schulschwestern&#8220; standen auf dem Standpunkt, dass Wissen f\u00fcr uns Kinder sch\u00e4dlich sei. Entsprechend war der &#8222;Unterricht&#8220;. Es wurde gebetet, gebetet, gebetet. Wir lernten das Gesang- und Gebetbuch von hinten nach vorn, von vorn nach hinten auswendig. Da viel in der Anstalt gestorben wurde, es war ein Totenhaus, aber kein Kinderhaus, sangen wir Kinder dieses Lied in der Totenmesse in der Anstaltskirche:<\/p>\n<p>&#8222;Was plagt mich Angst und Not,<br \/>\nbin ich nicht, oh mein Gott,<br \/>\nein S\u00fcnder hier auf Erden.<br \/>\nVerlohnts sich wohl der M\u00fch,<br \/>\ndass ich mich kranke hie,<br \/>\nBald lieg ich auf der Bahre.<br \/>\nDann bin ich Staub,<br \/>\ndes Todes Raub,<br \/>\nIm Grab der W\u00fcrmer Speise&#8220; &#8230;<\/p>\n<p>In der &#8222;Schulpause&#8220; hatten wir Kinder schweigend vom Schulgeb\u00e4ude durch die unterirdischen G\u00e4nge, die die einzelnen H\u00e4user der Anstalt miteinander verbanden, zu den Stationen zu gehen. Was hei\u00dft hier gehen? In geordneten Zweierreihen hatten wir Kinder zu den Stationen zu marschieren, ohne ein Wort zu sprechen. Dieser Gang fand ohne eine Aufsichtsperson statt. Einem Kinde wurde das &#8222;ehrenvolle \u00c4mtchen&#8220; des Aufpassers \u00fcbertragen, das sich die Namen der Kinder merken musste, welche auf dem Weg von der &#8222;Schule&#8220; zur Station geschw\u00e4tzt hatten. &#8230; Das leiseste Wispern, Fl\u00fcstern wurde als &#8222;Schw\u00e4tzen&#8220; gemeldet. &#8222;Schw\u00e4tzen&#8220; war ein Kapitalverbrechen und wurde als solches geahndet. &#8230; Der &#8222;Schw\u00e4tzer&#8220; musste hervortreten, die zwei st\u00e4rksten Sch\u00fcler ebenfalls. Diese hatten die Aufgabe, den &#8222;Schw\u00e4tzer&#8220; an den Armen festzuhalten. Derart wehrlos, zog die Schulnonne Brunis den S\u00fcnder an der Nase, damit er den Kopf nicht bewegen konnte, und schlug mit aller Kraft auf den &#8222;Schw\u00e4tzermund&#8220;. &#8230; Der Mund und das Zahnfleisch bluteten. &#8230; Ich zittere noch heute, wenn ich an diese sch\u00e4ndliche und grausame Tortur denke. Wir Kinder waren auf Gnade bzw. Ungnade aller abgefeimten Willk\u00fcr ausgeliefert. Um uns &#8222;Minderwertige&#8220;, um uns &#8222;Abschaum der Menschheit&#8220; k\u00fcmmerte sich kein Mensch. Es gab keinen Arzt in der Anstalt. &#8230; Das unqualifizierte Personal unterstand keinerlei Kontrolle. &#8230;<\/p>\n<p>Der Schulbesuch fiel aus, wenn Arbeit f\u00fcr uns Kinder vorhanden war. Die gab es reichlich. Der Anstalt war ein gro\u00dfer landwirtschaftlicher Betrieb, die sog. &#8222;\u00d6konomie&#8220;, angeschlossen. Wochenlang lagen wir Schuljungen auf den Anstaltsfeldern und haben R\u00fcben vereinzelt, R\u00fcben gehackt, Unkraut gej\u00e4tet, Kartoffeln gepflanzt, Kartoffelk\u00e4fer gesammelt, Kartoffeln aufgelesen. In der Beerenzeit mussten von morgens bis abends in den weiten W\u00e4ldern Blaubeeren, Himbeeren, Brombeeren gesammelt werden. Am Abend kehrten wir Kinder wie &#8222;Kriechtiere&#8220; (Bezeichnung der Marsberger Bev\u00f6lkerung f\u00fcr uns Kinder) todm\u00fcde mit den gef\u00fcllten riesigen K\u00fccheneimern in die Anstalt zur\u00fcck. Von den Fr\u00fcchten unseres Flei\u00dfes sahen wir nichts. Die l\u00f6sten sich in Luft auf. Ein Teil unserer M\u00fchen verschwand in der K\u00fcche des Anstaltspfarrers, welcher auch der Schulrat der Anstaltsschule war. Eine Schulaufsichtsbeh\u00f6rde gab es f\u00fcr uns Kinder nicht.<\/p>\n<p>Diese Sammelt\u00e4tigkeit war schwerste Arbeit, da ein hohes &#8222;Pensum&#8220; vorgesehen war. Ein Kind, welches dieses &#8222;Pensum&#8220; nicht erf\u00fcllte, wurde damit bestraft, dass ihm die kl\u00e4gliche Hungerration entzogen und den &#8222;Flei\u00dfigen&#8220; gegeben wurde. Eine schreckliche Strafe &#8230; Herrschte allgemein schon Hunger, so in der Anstalt besonders gr\u00e4sslich. Wir Kinder weinten des nachts in den Betten oft aus Hunger. Unser Sinnen und Trachten drehte sich ausschlie\u00dflich um Nahrung. Da diese nicht vorhanden war, mussten wir Kinder diese im Fr\u00fchjahr und Sommer beschaffen. Mit den gro\u00dfen Anstaltsw\u00e4schek\u00f6rben zogen wir los und rupften die Stra\u00dfengr\u00e4ben von Gei\u00dffu\u00df blank. Dieses kam ohne jede Zutat, nur gesalzen in die K\u00fcche und wurde gekocht. Waren schon die ersten jungen Pflanzen ungenie\u00dfbar, so drehte sich der Magen um, je \u00e4lter dieses Unkraut im Laufe des Sommers wurde. Wir erbrachen diese &#8222;Suppe&#8220; aus Gei\u00dffu\u00df in unsere Blechn\u00e4pfe, mussten das Erbrochene aber unter Pr\u00fcgeln wieder aufessen. Der Magen gab diese scheu\u00dfliche Nahrung einfach wieder von sich. Uns fielen die Haare aus. Wir hatten Hunger\u00f6deme und Kr\u00e4tze. Jedes Kind versuchte, sich auf Kosten des anderen Kindes Nahrungsvorteile zu verschaffen, in dem es flei\u00dfiger sein wollte als die anderen, um an dessen Butterbrot, nicht an die Gei\u00dffu\u00dfsuppe, zu kommen. Wir waren entmenschte Kreaturen.<\/p>\n<p>Aber die schlimmste Zeit unserer kindlichen Zwangsarbeit war die Bucheckernzeit. Diese Sammeltortur endete erst, wenn die Natur so barmherzig mit uns Kindern war und den Waldboden mit Schnee bedeckte. Wie viele Zentner Bucheckern haben wir in einer Saison von dem nassen, kalten Waldboden geklaubt. Ein Kind, das den ganzen Tag am Boden liegt, um sein &#8222;Pensum&#8220; zu erf\u00fcllen, ist kein Kind mehr. Bis weit in den Dezember ging diese schwere Arbeit.<\/p>\n<p>Was geschah mit den m\u00fchevoll gesammelten Bucheckern? Sie wurden zu \u00d6l verarbeitet. Leider nicht f\u00fcr uns, sondern f\u00fcr w\u00fcrdigere M\u00e4gen als die unseren. Der Anstaltspfarrer bekam seinen Teil. Der Caritasdirektor des Bistums Paderborn kam mit seinem schwarzen Mercedes ins St. Johannes-Stift und holte sich &#8222;seine&#8220; \u00d6lflaschen ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Personal dieser Abteilung bestand aus der kleinen untersetzten Nonne Fidelis, der Pflegerin Wilhelmine Englisch und dem &#8222;Hausburschen&#8220; Wilhelm Schulte. Die Nonne Fidelis k\u00fcmmerte sich ausschlie\u00dflich um die Essensangelegenheiten. Ich habe sie nicht anders in Erinnerung, als sie st\u00e4ndig nur Brotschnitten, mit Margarine kratzend, schmieren zu sehen. Sie sprach auch nicht mit uns Kindern. 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