{"id":6901,"date":"2005-06-01T00:00:12","date_gmt":"2005-05-31T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6901"},"modified":"2022-07-26T14:24:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:29","slug":"vietnam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/06\/vietnam\/","title":{"rendered":"Vietnam"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es nicht diesen drei\u00dfigsten Jahrestag g\u00e4be, den Fall von Saigon am 30. April 1975 und damit das Ende eines fast drei\u00dfigj\u00e4hrigen Welt-Krieges in diesem uns so fernen s\u00fcdostasiatischen Land -, w\u00fcrde sich derzeit kaum jemand noch f\u00fcr Vietnam interessieren. Und selbst dieser Jahrestag steht im Schatten der offiziellen Erinnerungen an das uns Europ\u00e4ern jedenfalls n\u00e4herliegende Datum des 8. Mai 1945 und wird M\u00fche haben, \u00fcberhaupt wahrgenommen zu werden. Aber die Anstrengung mu\u00df gemacht werden. Man kann drei Vietnam-Probleme thematisieren mit unterschiedlichem Erkenntnisinteresse, unterschiedlicher Intensit\u00e4t des Betroffenseins und unterschiedlichen offenen Fragen.<\/p>\n<p>Da ist einmal Vietnam selbst. Die deutsche Frage an den 8. Mai: &#8222;Zusammenbruch oder Befreiung&#8220; stellt sich auch f\u00fcr den 30. April: &#8222;Fall oder Befreiung von Saigon?&#8220; F\u00fcr die weltweit nach Millionen z\u00e4hlenden SympathisantInnen mit dem vietnamesischen Befreiungskrieg war das keine Frage: Das Ziel war erreicht, Vietnam war nach einhundert Jahren Kolonialherrschaft endlich frei, Saigon hie\u00df nun Ho-Tschi-Minh-Stadt, der Imperialismus hatte eine Schlacht verloren, der Sozialismus konnte aufgebaut werden.<\/p>\n<p>Was die Solidarit\u00e4tsbewegung nicht zur Kenntnis nahm &#8211; oder mit der linken Hand abtat -, war das Ph\u00e4nomen der &#8222;Boat People&#8220;: Fast eine Million S\u00fcdvietnamesInnen verlie\u00dfen das Land als Fl\u00fcchtlinge &#8211; nicht nur die Kriegsprofiteure und Kollaborateure der US-amerikanischen Besatzung, die hatten sich schon beizeiten abgesetzt. Das neue Regime war alles andere als eines der Freiheit und der Selbstbestimmung &#8211; was als &#8222;\u00dcbergangserscheinung&#8220; einer Diktatur noch legitimierbar schien, wurde zum Dauerzustand.<\/p>\n<p>&#8222;Alle aufs\u00e4ssigen B\u00fcrger des S\u00fcdens wurden ins Gef\u00e4ngnis oder in Lager gesteckt; ihr Besitz wurde beschlagnahmt; Mischlingskinder wurden diskriminiert, die Gesellschaft wurde von Intellektuellen \u201ages\u00e4ubert&#8216;, die Kultur S\u00fcdvietnams vernichtet, Karrieren und Menschenleben wurden zerst\u00f6rt. Verhalten sich so rechtm\u00e4\u00dfige Sieger?&#8220;, fragt die in Deutschland lebende Schriftstellerin Pham Thi Hoai. Heute ist Vietnam ein kapitalistisches Land, regiert von einer korrupten kommunistischen B\u00fcrokratie; und es ist eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder Asiens, das um Hilfe und Unterst\u00fctzung betteln mu\u00df. Um dort angekommen zu sein, wo andere L\u00e4nder ohne Befreiungskrieg, ohne drei Millionen Tote, ohne auf Dauer verw\u00fcstetes und vergiftetes Land, ohne zwei Millionen gesundheitlich erbgesch\u00e4digte Menschen auch sind, ist die Frage erlaubt: War das den aufopferungsvollen, man darf auch unpathetisch sagen: heldenhaften Krieg gegen die \u00fcberlegene und r\u00fccksichtslos operierende US-amerikanische Kriegsmaschine wert?<\/p>\n<h3>W\u00e4re (historisch ist, was m\u00f6glich war!) eine Strategie des gewaltfreien Widerstandes nicht menschlicher und vor allem weniger zerst\u00f6rerisch gewesen?<\/h3>\n<p>Einzelne buddhistische symbolische Widerstandshandlungen verweisen auf ein solches Potential. Solche Fragen sind in Vietnam tabu. Der Krieg wurde ins Museum abgeschoben, aber unter der oberfl\u00e4chlich geheilten Wunde schwelt, wie Pham Thi Hoai sagt, &#8222;ein Tumor&#8220;: Das Land ist noch immer gespalten.<\/p>\n<p>Wir hier in Europa &#8211; und \u00fcberall in der Welt &#8211; haben nicht nur den &#8222;Sieg im Volkskrieg&#8220; erleichtert bejubelt, wir haben auch den Weg dahin mit Zustimmung und Solidarit\u00e4t unterst\u00fctzt und f\u00fcr richtig gehalten.<\/p>\n<p>Dann ist da das Vietnam-Kapitel USA. Man mu\u00df es gewisserma\u00dfen vom Ende her lesen: Der intellektuelle Architekt des Krieges, der damalige Verteidigungsminister McNamara, der mehr als drei Millionen ermordete VietnamesInnen und fast sechzigtausend US-amerikanische Soldaten (Wehrpflichtige und Freiwillige und \u00fcberwiegend aus den armen Schichten der Bev\u00f6lkerung kommend, Schwarze) zu verantworten hat, erkl\u00e4rt heute &#8211; und das wird ihm als &#8222;mutig&#8220; und &#8222;selbstkritisch&#8220; hoch angerechnet -, das Ganze sei ein &#8222;Irrtum&#8220; gewesen, ein &#8222;Fehler&#8220; &#8211; &#8222;a mistake&#8220;. Wieviel Zynismus kann die Politik noch vertragen, ohne Schaden an ihrer Seele zu nehmen?<\/p>\n<p>Politik hat, ernst genommen, eine &#8222;Seele&#8220;, die nicht zuletzt vom Gr\u00fcndungsdokument der US-amerikanischen Republik menschheitsgeschichtlich als &#8222;Leben, Freiheit und das Streben nach Gl\u00fcck&#8220; formuliert worden war &#8211; und Ho Tschi Minh hatte explizit eben diese Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung in seinen nicht zur Kenntnis genommenen Briefen an den ehemaligen Pr\u00e4sident Truman als ein Versprechen auch f\u00fcr sein Land eingeklagt. McNamara, es mu\u00df offen ausgesprochen werden, ist ein Kriegsverbrecher, der den kriminellen Zerst\u00f6rungskrieg mit Bombenteppichen, Napalm und Chemie auch dann noch weiter betrieb, als er ihn l\u00e4ngst als sinnlos erkannt hatte &#8211; weil er &#8222;dem Pr\u00e4sidenten diente&#8220;. &#8222;I served&#8220;, ich diente, war sein Amtsethos. Die Gener\u00e4le Hitlers hatten dasselbe Rollenverst\u00e4ndnis. Man mag es ihm vor dem Totengericht eines Tages zugute halten, da\u00df er die &#8222;Pentagon-Papiere&#8220; in Auftrag gab, die, ein einmaliges Dokument, den bodenlosen Zynismus, die abgrundtiefe Heuchelei und L\u00fcge der \u00f6ffentlichen Kriegsdarstellung ans Licht brachten; Brecht h\u00e4tte ihn, wie seinen &#8222;Lucullus&#8220;, trotzdem &#8222;ins Nichts&#8220; verdammt.<\/p>\n<p>Viel gelernt wurde daraus historisch nicht: Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter fiel die US-amerikanische Presse-\u00d6ffentlichkeit bei der Vorbereitung des Irakkriegs auf dieselben L\u00fcgen wieder herein. Dem arroganten Machbarkeitswahn der Kennedys und deren Intellektuellen &#8211; &#8218;wenn die anderen Guerillakrieg machen k\u00f6nnen, dann k\u00f6nnen wir das auch&#8216; &#8211; entspricht der realit\u00e4tsblinde Missionarismus der Bush-Leute heute. Es ist zum Verzweifeln mit der Demokratie &#8211; ohne Erinnerung, ohne Langzeitged\u00e4chtnis sind demokratische Gesellschaften orientierungslos dazu verurteilt, ihre Regierenden dieselben Verbrechen wieder und wieder begehen zu sehen. Darum mu\u00df des 30. Aprils gedacht werden.<\/p>\n<p>Nicht, da\u00df es damit angefangen h\u00e4tte, da\u00df hier die &#8222;Urs\u00fcnde&#8220; US-amerikanischer imperialer Kriegspolitik zu suchen sei &#8211; aber weil das Verbrechen unges\u00fchnt ist, konnten die n\u00e4chsten geschehen; und das Ende des Mordens im Irak ist alles andere als abzusehen &#8211; noch hat es erst 100.000 Tote gegeben, die &#8222;Kollateral-Opfer&#8220; sind um ein Mehrfaches gr\u00f6\u00dfer, wie in Vietnam auch.<\/p>\n<p>Das dritte Vietnam-Kapitel w\u00e4re das eigene, das europ\u00e4ische bzw. das deutsche. Die zehn Jahre, in denen dieser Krieg fast t\u00e4glich die Schlagzeilen und nicht zuletzt die Bilderwelt beherrschte, haben Verw\u00fcstungen und Verwerfungen auch in unseren K\u00f6pfen und Herzen hinterlassen. Das \u00fcber den W\u00e4ldern verspritzte Gift hat auch bei uns gewirkt. Die Gewalt wurde relegitimiert. Wie konnte man nicht solidarisch sein mit dem &#8211; so nahmen wir es wahr &#8211; geschundenen und gequ\u00e4lten Volk von armen Reisbauern mit einer gro\u00dfen Vergangenheit, das endlich frei sein wollte und es nicht durfte, weil das nicht ins strategische Kalk\u00fcl der Aufteilung der Welt in Bl\u00f6cke und Einflu\u00dfzonen pa\u00dfte? Wie anders als mit Waffen konnte sich dieses Volk gegen die franz\u00f6sische Herrschaft wehren (und besiegte sie sogar im mythenumwobenen Festungskampf von Dien Bien Phu), dann gegen deren Marionetten und dann gegen die Supermacht USA selbst? Solidarit\u00e4t mit diesem Befreiungskampf hie\u00df darum auch Einverst\u00e4ndnis mit seinen Methoden. Aber war das zwangsl\u00e4ufig? Vor allem: Es war eine einseitige Solidarit\u00e4t, denn was die K\u00e4mpfenden mit ihr machten, auch was sie politisch daraus machten, darauf hatten die sich Solidarisierenden keinen Einflu\u00df; man gab also gewisserma\u00dfen seine Unterst\u00fctzung einer eigentlich ganz oder doch weitgehend unbekannten Unternehmung. Das sollte sich sp\u00e4ter r\u00e4chen &#8211; und r\u00e4cht sich bis heute: Wo gibt es noch kritisches Engagement f\u00fcr das befreite, aber verelendete vietnamesische Volk? Wir sind entt\u00e4uscht \u00fcber das Ergebnis &#8211; aber selber mit schuld an der Entt\u00e4uschung.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Gift der Gewalt: Indem unsere MeinungsmacherInnen und politischen Klassen, die kritiklos-loyalen europ\u00e4ischen B\u00fcndnispartner der US-Regierung, den Unterdr\u00fcckungskrieg in Vietnam zum Verteidigungskrieg des Freien Westens gegen die weltweit sich ausbreitende kommunistische Diktatur erkl\u00e4rten &#8211; Westberlin produzierte kleine Porzellanmodelle der Freiheitsglocke f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen gefallener US-Soldaten -, identifizierten sie sich und ihre Freiheit mit einer immer deutlicher als solche sichtbaren Mord- und Zerst\u00f6rungsstrategie. Damit unterminierten sie jeden Anspruch auf Moral und Humanit\u00e4t, die doch zur Freiheit geh\u00f6ren wie Menschenrechte zur Demokratie, bzw. sie lie\u00dfen die von ihnen repr\u00e4sentierten &#8222;freiheitlich-demokratischen Verfassungsordnungen&#8220; als gewaltgest\u00fctzte Ordnungen erkennen &#8211; sei es in Deutschland oder Frankreich, Italien oder England.<\/p>\n<p>Der blinde Ha\u00df, der den Vietnam-Protesten entgegenschlug, die bornierte Amerika-unterw\u00fcrfige Presse, die feigen Loyalit\u00e4tserkl\u00e4rungen der meisten europ\u00e4ischen Klassen gegen\u00fcber der US-Regierung (halbe Ausnahmen: die Skandinavier) sind unveressen oder sollten doch wenigstens erinnert werden. Karl Kraus hatte sich f\u00fcr die Kriegsjournaille des 1. Weltkriegs als h\u00e4rteste Strafe gew\u00fcnscht, diese Meinungsmacher in ein gro\u00dfes Stadion zu sperren und ihnen ihre Kriegsschreiberei laut vorzulesen; so etwas w\u00e4re heute nicht nur ein reinigendes Gewitter, es h\u00e4tte uns vielleicht auch die publizistischen Wiederholungstaten zu Kosovo und Irak teilweise erspart &#8211; schlie\u00dflich leben viele von diesen Leuten noch, die mit der massenm\u00f6rderischen US-amerikanischen Strategie den Freien Westen verteidigt sahen. Wie um den latenten Gewaltcharakter der liberalen Demokratie zu beweisen, bek\u00e4mpften sie den anschwellenden Protest einer \u00fcberwiegend moralisch, nicht strategisch-politisch motivierten studentischen und jugendlichen Generation zus\u00e4tzlich mit Bereitschaftspolizeien und Wasserwerfern. In den USA, mit dessen phantasiereicher Protestbewegung ein gut funktionierendes Netz des anti-imperialistischen Internationalismus gekn\u00fcpft wurde, kam es sogar zu den vier Toten der Kent State University.<\/p>\n<p>Die Neue Linke, die sich seit Mitte der 60er Jahre formierte (und das historisch und politisch festzuhalten, ist von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit!), fand die Gewalt, die angeblich von ihr ausging, auf den eigenen Stra\u00dfen und in der medienwirksam sichtbaren US-amerikanischen Vietnam-Kriegsf\u00fchrung vor. Die demonstrative und sich durchweg an symbolischen Objekten manifestierende Gewaltt\u00e4tigkeit von &#8222;68&#8220; war eine Reaktion auf die \u00fcberhaupt nicht symbolische repressive Gewalt, die das t\u00e4gliche Brot der Nachrichten ausmachte. Wenn heute in historischer und provinzieller Verk\u00fcrzung mit &#8222;wissenschaftlichen Studien&#8220; behauptet wird, der deutsche SDS und Rudi Dutschke seien nicht nur die geistigen, sondern auch wirklichen V\u00e4ter der Baader-Meinhof-RAF (und diese dann geistiger Vorl\u00e4ufer von Bin Laden&#8230;), so wird v\u00f6llig ausgeblendet, da\u00df es sich hier um ein internationales Ph\u00e4nomen gehandelt hat, an dessen Ursprung die Ohnmachtserfahrung stand, mit der eine moralisch (auch durch die NS-Erfahrung) sensibilisierte Generation verzweifelt mit anschauen mu\u00dfte, wie hier ein kleines, armes, aber selbstbewu\u00dftes und stolzes Volk erkl\u00e4rterma\u00dfen &#8222;ins Steinzeitalter zur\u00fcckgebombt&#8220; werden sollte. RAF, Rote Brigaden, Weathermen waren die Folgen des Giftes, das mit diesem zynischen &#8222;irrt\u00fcmlichen&#8220; Krieg in die Welt der 70er Jahre gekommen war und sich ausgebreitet hatte.<\/p>\n<p>Aber die Hoffnung darf ausgesprochen werden, da\u00df jenes Gift der Gewalt sein Gegengift zu finden begonnen hat: Dieselben, die vor 30 Jahren guten Glaubens und Gewissens f\u00fcr den Sieg im Volkskrieg auf die Stra\u00dfe gegangen waren, sind heute \u00fcberwiegend PazifistInnen &#8211; oder zumindest beginnen sie zu verstehen, da\u00df Gewalt kein Mittel ist, die Gewalt und damit den Krieg aus der Welt zu schaffen. McNamaras &#8222;Irrtum&#8220; war auf andere Weise auch der unsere, die wir damals nicht deutlich und radikal genug erkannten, da\u00df der gute Zweck &#8211; in diesem Falle die Befreiung Vietnams &#8211; nie das schlimme Mittel, Mord und Gewalt, rechtfertigt. Aus einem so gewonnenen Krieg konnte, das w\u00e4re die historische Lehre, keine neue, bessere Gesellschaft entstehen. Wir sind zwar noch weit davon entfernt, da\u00df sich diese moralisch-politische Wahrheit in den K\u00f6pfen und Herzen einer Mehrheit oder wenigstens einer bewu\u00dftseinsbildenden Minderheit der Menschen durchgesetzt hat &#8211; aber vielleicht doch auf dem Wege dazu. Niemand braucht sich dieses Irrtums zu sch\u00e4men &#8211; er ist korrigierbar; die Millionen Toten auf dem Konto der gro\u00dfen Politikspieler aller damals direkt und indirekt beteiligten Staaten, die sind nicht wiedergutzumachen und klagen bis heute an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es nicht diesen drei\u00dfigsten Jahrestag g\u00e4be, den Fall von Saigon am 30. April 1975 und damit das Ende eines fast drei\u00dfigj\u00e4hrigen Welt-Krieges in diesem uns so fernen s\u00fcdostasiatischen Land -, w\u00fcrde sich derzeit kaum jemand noch f\u00fcr Vietnam interessieren. 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