{"id":6913,"date":"2005-06-01T00:00:09","date_gmt":"2005-05-31T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6913"},"modified":"2012-05-10T19:30:59","modified_gmt":"2012-05-10T17:30:59","slug":"ausgrabungsarbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/06\/ausgrabungsarbeiten\/","title":{"rendered":"Ausgrabungsarbeiten"},"content":{"rendered":"<h3>Autobiographische Fragmente<\/h3>\n<p>Ich erinnere mich gut an meine erste Gro\u00dfdemo: 1981 in Bonn mit Hunderttausenden gegen den NATO-Doppelbeschluss.<\/p>\n<p>Damals war ich noch keine 16 und lag im Klinsch mit meinem Klassenlehrer, einem erzreaktion\u00e4ren Christdemokraten, der mir eine Demo-Teilnahme (w\u00e4hrend der Schulzeit) verbieten wollte. So handelte ich mir einen Tadel wegen unerlaubten Entfernens vom Unterricht ein.<\/p>\n<p>Im selben Jahr hatte ich so etwas wie ein &#8222;Schl\u00fcsselerlebnis&#8220;, das f\u00fcr mich ein weiterer Beleg f\u00fcr die m\u00f6gliche Effizienz von gewaltfreiem Widerstand ist. Ein gro\u00dfer Mann vom Typ &#8222;Schl\u00e4gerfaschoproll&#8220; klaute mir zusammen mit einem anderen im Park die M\u00fctze vom Kopf. Ich ging daraufhin zu ihm und sagte, von Gandhi infiziert, ruhig, aber nachdr\u00fccklich: &#8222;Gib mir bitte die M\u00fctze zur\u00fcck, die geh\u00f6rt meiner Mutter, und ich brauche sie.&#8220; Daraufhin schlug er mir mit voller Wucht in den Magen. Nach au\u00dfen hin unbeeindruckt wiederholte ich kurz darauf, immer noch freundlich, meinen Appell, woraufhin er genauso reagierte, wie beim ersten Mal. Als ich dann zum dritten Mal \u00e4u\u00dferlich gelassen mein Anliegen \u00e4u\u00dferte, wurde ich nicht mehr geschlagen. Er gab mir die M\u00fctze zur\u00fcck und entschuldigte sich.<\/p>\n<p>Solche Auseinandersetzungen k\u00f6nnen politisierend sein, sensibilisieren gegen\u00fcber Gewalt-, Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen. Mich langhaarigen Zumselritter best\u00e4rkten sie in antiautorit\u00e4ren, radikalpazifistischen Positionen.<\/p>\n<p>Geradezu aufgesogen habe ich Anfang der 80er Jahre Schriften z.B. von Martin Luther King, Thoreau, Tucholsky, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Marx, Dutschke, Gernot Jochheims Buch &#8222;Gewaltfreie Aktion&#8220;, und nicht zuletzt: &#8222;Krieg dem Kriege&#8220;, das bewegende Werk des libert\u00e4ren Antimilitaristen Ernst Friedrich.<\/p>\n<h3>&#8222;Je mehr Gewalt desto weniger Revolution.&#8220; (Bart de Ligt, in: GWR 56)<\/h3>\n<p>Auf Friedensdemos habe ich neben anderen antimilitaristischen Bl\u00e4ttern wie<em> Zivilcourage <\/em>und<em> antimilitarismusinformation<\/em>, auch meine erste <em>Graswurzelrevolution<\/em> in die Finger bekommen. Es war wohl die Sondernummer Soziale Verteidigung (GWR 56, August 1981), aber 100%ig sicher bin ich mir nicht.<\/p>\n<p>Beim St\u00f6bern in den rund 290 von mir archivierten (und gelesenen!) GWR-Ausgaben, musste ich feststellen, dass ausgerechnet meine erste Ausgabe fehlte. Ich hatte sie einem Schulfreund geliehen, aber nie zur\u00fcckbekommen. F\u00fcr die Abfassung dieses Artikels hab ich mir also extra ein Exemplar der GWR 56 besorgt. Und siehe da, alles, was mich damals beeindruckt hat, steht noch drin: Beitr\u00e4ge \u00fcber Friedensforschung, \u00fcber anarchistische u.a. TheoretikerInnen der Sozialen Verteidigung, Beispiele f\u00fcr soziale Verteidigungsaktionen wie der Widerstand gegen den Kapp-Putsch 1920, Prager Fr\u00fchling 1968, &#8222;Republik Freies Wendland&#8220;, &#8230;<\/p>\n<p>Da ich kein Abonnent der GWR war, es sie in meiner verschlafenen Heimatstadt Unna nicht zu kaufen gab und mir keine GWR-Handverk\u00e4uferInnen \u00fcber den Weg liefen, spielte sie f\u00fcr mich in den folgenden Jahren keine weitere Rolle. Obwohl sie meinen Lebensweg vielleicht beeinflusst hat?<\/p>\n<p>Ich textete platt pathetische Politsongs, klampfte und trommelte in Bluesbands, gr\u00fcndete 1984 eine verbalradikale Sch\u00fclerInnenzeitung, engagierte mich in Dritte Welt-, Theater- und Friedensgruppen, als Jahrgangsstufensprecher, Sch\u00fclervertreter,&#8230; Zu meinen Lieblingscombos geh\u00f6rte Cochise ((1)), die anarchistische Folkrockband aus dem benachbarten Dortmund.<\/p>\n<p>Ich verstand mich wohl als basisdemokratischer Pazifist, undogmatischer Sozialist, antiklerikaler Blasphemist, linksradikaler Sympathisant der gr\u00fcnen Fundis, aber noch nicht als Anarchist. So ist vielleicht zu erkl\u00e4ren, dass ich die anarchistische GWR nicht schon fr\u00fcher abonniert habe. Sie war f\u00fcr mich zun\u00e4chst <em>eine<\/em>, aber noch nicht <em>DIE<\/em> Zeitung.<\/p>\n<p>Zu einer pers\u00f6nlichen Wiederentdeckung kam es erst, als ich 1986 nach M\u00fcnster zog, um dort zu studieren.<\/p>\n<p>Diese 290.000 EinwohnerInnen, 350.000 Fahrr\u00e4der und 50.000 Studis z\u00e4hlende Stadt verstr\u00f6mt(e) neben dem CDU-Spie\u00dfer-Muff und der Tristesse einer katholischen Provinzmetropole auch den verf\u00fchrerischen Duft einer Parallelgesellschaft: linke und linksradikale Gruppen (nicht nur) an der Uni, das Umw\u00e4lzzentrum, die Kronenburg, die zehn Jahre lang instandbesetzte Frauenstra\u00dfe 24, &#8230;<\/p>\n<p>Als leicht zu beeindruckender Kleinstadtfuzzi empfand ich diese beschauliche Polit-Szenerie als das pulsierende Leben, als Paralleluniversum, in dem Utopien von einem selbstbestimmten Leben ohne Chef, Gott und Staat gedeihen k\u00f6nnen. So wurde ich dort 1986 in verschiedenen Gruppen aktiv, u.a. in einer VoBo-Ini, die mit Infost\u00e4nden und direkten gewaltfreien Aktionen f\u00fcr den Boykott der Volksz\u00e4hlung 1987 agitierte. Als Betreiber eines Infostandes bzw. wegen &#8222;Aufforderung zu Straftaten&#8220; (Herausschnibbeln der Kennnummer aus dem Volksz\u00e4hlungsbogen) stand ich 1987 erstmals vor Gericht. Mit einem radikalen Statement erfreute ich die anwesenden FreundInnen und emp\u00f6rte den cholerischen Richter, der bei der Verk\u00fcndung des Strafma\u00dfes \u00fcber die Forderung des Staatsanwalts hinausging und zuvor &#8211; aufgrund von Zwischenrufen &#8211; damit drohte, den Saal r\u00e4umen zu lassen.<\/p>\n<p>Unsere Wohngemeinschaft war eine libert\u00e4re Keimzelle. Wir h\u00f6rten Ton Steine Scherben, und bei unseren politischen Diskussionen spielten (die von uns abonnierten) Zeitungen eine gro\u00dfe Rolle: <em>taz<\/em>, <em>Arbeiterkampf<\/em>, <em>Konkret<\/em>, <em>Direkte Aktion<\/em>,<em> Schwarzer Faden <\/em>und<em> Graswurzelrevolution<\/em>. ((2))<\/p>\n<p>Zwei MitbewohnerInnen engagierten sich bei Alibi, der Anarchistisch Libert\u00e4ren Initiative, die 1987 zum Papstbesuch in M\u00fcnster eine antiklerikale Woche3 organisierte und 1988 das libert\u00e4re Zentrum Themroc4 sowie das anarchistische Magazin <em>PROJEKTil<\/em>5 gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>&#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220;, ein Buch aus dem Karin Kramer Verlag, brachte endg\u00fcltig Gewissheit: Ich bin Anarchist!<\/p>\n<p>Der libert\u00e4r-sozialistische Virus hatte mich befallen. Ab jetzt war jede Ausgabe der Graswurzelrevolution fester Bestandteil meines Lebens.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele &#8222;68er&#8220; l\u00e4ngst den &#8222;langen Marsch in den Arsch der Gesellschaft&#8220; (Die 3 Tornados) angetreten und einstmals linke Bl\u00e4tter wie taz und Co. &#8222;die Chefredaktion&#8220; eingef\u00fchrt haben, funktioniert die GWR auch nach 33 Jahren immer noch nach basisdemokratischen Prinzipien6. Und die Themenvielfalt, die Utopiefreudigkeit, die Analysen aus gewaltfreier und libert\u00e4rer Sicht, die Vitalit\u00e4t globaler Graswurzelbewegungen, die sich in unserem Organ widerspiegelt, das sucht mensch in allen anderen Zeitungen vergebens.<\/p>\n<h3>Und pers\u00f6nlich?<\/h3>\n<p>Sei es bei Hausbesetzungen, Demonstrationen und Aktionen, bei der Gr\u00fcndung einer Freien Alternativschulinitiative, bei der jahrelangen Arbeit an meiner Dissertation \u00fcber &#8222;Libert\u00e4re Presse&#8220;, als Autor, Soziologe, AnArchivar, Infoladenkollektivist, als Mitbewohner in einem alternativen Wohnprojekt, als Freund, Lebensgef\u00e4hrte, (mittlerweile) Vater zweier Kinder, und seit November 1998 als Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution: Der Traum von einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft gibt mir Kraft und bestimmt mein Denken und Handeln.<\/p>\n<p>Und: &#8222;ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autobiographische Fragmente Ich erinnere mich gut an meine erste Gro\u00dfdemo: 1981 in Bonn mit Hunderttausenden gegen den NATO-Doppelbeschluss. 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