{"id":6932,"date":"2005-06-01T00:00:23","date_gmt":"2005-05-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6932"},"modified":"2022-07-26T14:15:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:04","slug":"antimilitarismus-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/06\/antimilitarismus-revisited\/","title":{"rendered":"Antimilitarismus revisited"},"content":{"rendered":"<p>Zum Aush\u00e4ngeschild nationaler Errungenschaften lassen sich historische Nobelpreistr\u00e4gerinnen allemal besser rekrutieren als gegenw\u00e4rtige. Fast hundert Jahre vor Elfriede Jelinek wurde als erste Frau \u00fcberhaupt ebenfalls eine \u00d6sterreicherin ausgezeichnet, die sich in das diesj\u00e4hrige Jubil\u00e4umsjahr &#8211; 60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre Staatsvertrag, 10 Jahre EU-Beitritt &#8211; offenbar ohne weiteres integrieren l\u00e4sst. Der 100. Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises an Bertha von Suttner flie\u00dfe, so hei\u00dft es in einem Bulletin des Bildungsministeriums, &#8222;in die laufenden Ma\u00dfnahmen im Bereich der Politischen Bildung ein&#8220;.<\/p>\n<p>Obwohl sie nicht ohne Stolz &#8222;die rote Bertha&#8220; genannt wurde, eine Staatsfeindin war Suttner nicht. Das wird vor allem in der Gegen\u00fcberstellung deutlich, die Beatrix M\u00fcller-Kampel in ihrem aktuellen Buch vornimmt. Die b\u00fcrgerlichen Friedensvorstellungen der \u00f6sterreichischen Gr\u00e4fin werden darin mit den anarchistischen Konzepten eines ebenfalls aus \u00d6sterreich stammenden Schriftstellers und Aktivisten konfrontiert: Pierre Ramus. W\u00e4hrend die Nobelpreistr\u00e4gerin in Staats- und Parteikreisen verkehrt und dort ihre Verb\u00fcndeten sucht, hat Ramus f\u00fcr solcherlei Bem\u00fchungen nur Spott \u00fcbrig. Er weist vielmehr auf den Zusammenhang von Gewalt, \u00d6konomie und Staat hin, der heute selbst in der Friedensforschung nicht mehr diskutiert wird. Gerade weil mittlerweile davon ausgegangen wird, Kriege gesch\u00e4hen vor allem dort, wo Staatlichkeit verschwunden ist, lohnt die Auseinandersetzung mit der vergessenen Tradition des anarchistischen Antimilitarismus. Erst mit Aufkommen einer &#8222;organisierten Macht innerhalb der sozialen Gemeinschaft&#8220;, des Staates, so Ramus, sei das Ph\u00e4nomen Krieg \u00fcberhaupt entstanden. Die Keimzelle des Krieges gegen andere Nationen macht Ramus in &#8222;einem ununterbrochenen Krieg gegen die Besitzlosen&#8220; aus.<\/p>\n<p>Bei allen Differenzen im Staatsverst\u00e4ndnis arbeitet M\u00fcller-Kampel aber auch die \u00dcbereinstimmungen der beiden Kriegsgegner heraus. Diese bestehen in programmatischer Hinsicht vor allem darin, die Wichtigkeit der Bildung zu betonen. Eingedenk der Tatsache, dass Kriegsbegeisterung und Nationalismus anerzogene Gef\u00fchlsregungen und Programme sind, die ihre \u00dcbernahme durch relevante Bev\u00f6lkerungsteile kognitiven Leistungen verdanken, erscheinen \u00dcberzeugungsarbeiten nach wie vor als ad\u00e4quate Ma\u00dfnahmen zu ihrer Bek\u00e4mpfung. Im Hinblick auf die theoretischen Anleihen und Inspirationen sind die wesentlichen Gemeinsamkeiten im Bezug auf Leo Tolstoj zu finden. Aber auch auf Jesus Christus. Dieser R\u00fcckgriff liest sich allerdings etwas befremdlich, zumal er erstaunlicher Weise mehr noch vom Anarchisten Ramus als von Suttner f\u00fcr eine moralische Haltung in Anschlag gebracht wird. Radikaler Pazifismus, so viel wird deutlich, ist bei beiden nicht nur Weltanschauung, sondern auch Ethik.<\/p>\n<p>Nicht weniger \u00fcberraschend als die Jesus-Referenz ist vielleicht der eindeutige Bezug auf Klassenverh\u00e4ltnisse bei Suttner: Wie Ramus betont sie, der Krieg zwischen Nationen fu\u00dfe auf dem Grundsatz, dass &#8222;Gewalt das notwendige und legitime Mittel ist, die verschiedenen G\u00fcter dieser Erde zu erobern und zu erhalten.&#8220; Um dagegen anzugehen, vertraute sie &#8211; im Gegensatz zu Ramus &#8211; nicht zuletzt auf den Gang der Geschichte und dementsprechend auf die &#8222;fortschrittlichsten&#8220; Kr\u00e4fte, die sie in der Sozialdemokratie sah. Das volle Ausma\u00df der Entt\u00e4uschung \u00fcber die sozialdemokratische Zustimmung zu den Kriegskrediten blieb ihr vermutlich erspart, starb sie doch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges.<\/p>\n<p>Die Herausgeberin stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Protagonisten sch\u00f6n heraus. Etwas zu wenig Gewicht legt sie dabei vielleicht auf die Rezeptionsgeschichte. Diese w\u00e4re insbesondere f\u00fcr potenzielle Ankn\u00fcpfungen gegenw\u00e4rtiger Antikriegsmobilisierungen von Bedeutung. Denn leicht antiquiert wirken sie schon, die im Anschluss an M\u00fcller-Kampels Studie versammelten historischen Texte. Ein Ph\u00e4nomen wie die gegenw\u00e4rtige Privatisierung des Krieges, auch wenn es keinesfalls mit dem herbeigeredeten Absterben des Nationalstaates einhergeht, l\u00e4sst sich mit jenen Artikeln und Pamphleten jedenfalls kaum mehr analytisch in den Griff bekommen oder angemessen intellektuell bek\u00e4mpfen. Frappierend aktuell sind allerdings die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Krieg, gegen die sich Suttners und Ramus&#8216; Agitation richtet &#8211; es habe sie immer gegeben, sie w\u00fcrden im Auftrag Gottes oder aus Selbstverteidigung gef\u00fchrt etc.<\/p>\n<p>Aufschlussreich sind die offensichtlich unterschiedlichen Nachwirkungen der beiden: Die auf institutionelle Regulierung ausgerichtete Politik Suttners hat ihr einen Platz im kollektiven Ged\u00e4chtnis und auf der \u00f6sterreichischen Zwei-Euro-M\u00fcnze gesichert. Ramus hingegen, der auf ein aktionistisches Programm mit seiner Betonung der kollektiven Aktion, des zivilen Ungehorsams und der individuellen Verweigerung setzte, geh\u00f6rt zu den aus der Geschichte Ausgeschlossenen. Bertha von Suttners sch\u00f6ner Satz von den drei Etappen, die jede geistige Bewegung durchzustehen habe &#8211; erst verlacht, dann bek\u00e4mpft und sp\u00e4ter dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, offene T\u00fcren einzurennen -, gilt eben nicht f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Durchsetzung von Ideen bleibt eine Frage kultureller Hegemonie.<\/p>\n<p>Der Verlag Graswurzelrevolution setzt mit der Publikation seine Geschichtsschreibung von Konzepten und Bewegungen radikaler Gewaltfreiheit fort.<\/p>\n<p>Nachdem die libert\u00e4ren Aspekte in der Philosophie Albert Camus freigelegt und der zivile Ungehorsam im schwarzen US-amerikanischen Widerstand der 1960er Jahre untersucht wurde, wird sich nun n\u00e4her liegenden KlassikerInnen zugewandt. Neben Artikeln von Tolstoj, Suttner und Ramus werden auch andere Originaltexte aus der historischen Friedens- bzw. Antikriegsbewegung durch den Band wieder zug\u00e4nglich gemacht. Dass diese keineswegs nur anachronistisch daherkommen, \u00e4u\u00dfert sich nicht blo\u00df in einer weiteren Einigkeit zwischen Suttner und Ramus: der Ablehnung von Patriotismus und nationalem Pathos. Damit lie\u00dfe sich nicht nur gegen die aktuellen Feierlichkeiten des offiziellen \u00d6sterreich angehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Aush\u00e4ngeschild nationaler Errungenschaften lassen sich historische Nobelpreistr\u00e4gerinnen allemal besser rekrutieren als gegenw\u00e4rtige. Fast hundert Jahre vor Elfriede Jelinek wurde als erste Frau \u00fcberhaupt ebenfalls eine \u00d6sterreicherin ausgezeichnet, die sich in das diesj\u00e4hrige Jubil\u00e4umsjahr &#8211; 60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre Staatsvertrag, 10 Jahre EU-Beitritt &#8211; offenbar ohne weiteres integrieren l\u00e4sst. Der 100. 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