{"id":6949,"date":"2005-07-01T00:00:55","date_gmt":"2005-06-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6949"},"modified":"2022-07-26T13:31:28","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:28","slug":"aus-voller-brust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/07\/aus-voller-brust\/","title":{"rendered":"Aus voller Brust"},"content":{"rendered":"<p>Aus aktuellem Anlass hinausposaunen will Struck nun das Credo &#8222;Entschieden f\u00fcr den Frieden&#8220;; ansonsten will man die Feiern zur Gr\u00fcndung der Bundeswehr vor 50 Jahren in aller Bescheidenheit und weitgehend ohne Paraden, Aufm\u00e4rsche oder Waffenschauen begehen. An preu\u00dfischen Militarismus, die herausragende Stellung seines Milit\u00e4rs in der Gesellschaft und dessen Imponiergehabe mit Pauken und Trompeten, soll m\u00f6glichst wenig erinnern. Dennoch spielen Milit\u00e4r und Krieg eine zunehmend bedeutende Rolle in diesem Land: Die Bundeswehr erh\u00e4lt viel Geld, ihre Eins\u00e4tze in Afghanistan, im fr\u00fcheren Jugoslawien und in Afrika werden von einer breiten parlamentarischen Mehrheit getragen, zur Nachwuchswerbung erscheinen regelm\u00e4\u00dfig Anzeigen in Tageszeitungen, und die Jugendoffiziere erreichen j\u00e4hrlich \u00fcber 300.000 Menschen in unmittelbarer Ansprache.<\/p>\n<p>Die Existenz der Bundeswehr und ihre Beteiligung an Kriegen sind inzwischen selbstverst\u00e4ndlich geworden. Gab es in den unmittelbaren Nachkriegsjahren noch eine weitgehende, wenn auch nicht immer antimilitaristisch motivierte Ablehnung einer Wiederaufstellung deutscher Streitkr\u00e4fte, so wurden in den f\u00fcnfziger Jahren in einem konflikthaften Prozess der Aufbau der Bundeswehr und die Wiederbewaffnung gegen heftige Proteste durchgesetzt.<\/p>\n<p>Dies war auch ein erster Schritt zur Remilitarisierung der Gesellschaft und ihrer politischen Kultur. Bis Anfang der achtziger Jahre f\u00fchrten insbesondere einzelne Aufr\u00fcstungsvorhaben, Man\u00f6ver oder \u00f6ffentliche Gel\u00f6bnisse noch zu Protest- und Widerstandsaktionen. Seit Mitte der achtziger Jahre wurde der Einsatz der deutschen Streitkr\u00e4fte als Mittel der Au\u00dfenpolitik st\u00e4rker betont, was in den neunziger Jahren dann eine weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz der Beteiligung der Bundeswehr an Kriegseins\u00e4tzen erleichterte, obwohl diese nicht der Verteidigung des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland dienten.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung einer &#8222;politischen Kultur des Krieges&#8220; (der Soziologe Michael Schwab-Trapp schildert sie in seinem Buch &#8222;Kriegsdiskurse&#8220;) w\u00e4re undenkbar, k\u00f6nnte die Bundeswehr nicht auf ein erhebliches Ma\u00df an Anerkennung in der Bev\u00f6lkerung vertrauen. So unterschiedliches \u00f6ffentliches Auftreten wie die Hilfseins\u00e4tze beim Oder-Hochwasser, Wanderausstellungen mit Kriegsger\u00e4t (Unser Heer), die Pr\u00e4sentation der Bundeswehr mit gro\u00dfen St\u00e4nden bei den Leipziger Buchmessen im M\u00e4rz 2003 und M\u00e4rz 2004 (vgl. GWR 289), Musikveranstaltungen f\u00fcr Jugendliche (BW-Musix &#8217;03), bei der diese u.a. einen Auftritt mit der Big-Band der Bundeswehr gewinnen k\u00f6nnen, &#8222;Informationsveranstaltungen&#8220; mit Jeanette Biedermann oder das milit\u00e4rverherrlichende Marine-Museum von Peter Tamm, das von der Stadt Hamburg durch die \u00dcberlassung eines Geb\u00e4udes und 30 Mio. \u20ac gef\u00f6rdert wird, zeigen exemplarisch, dass die Existenz von Milit\u00e4r und der damit verkn\u00fcpfte Verbrauch gesellschaftlichen Reichtums wie auch die erheblichen staatlich kontrollierten Gewaltmittel h\u00e4ufig unhinterfragt bleiben.<\/p>\n<p>Diesen weit reichenden Ver\u00e4nderungen medial-kultureller Angebote wird in einer am Krieg als Ausnahmezustand orientierten Berichterstattung, Forschung und politischen Gegenbewegung meist sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt.<\/p>\n<p>Zu sprechen ist von jenen zahlreichen Entwicklungen in der Film-, Spiel- und Unterhaltungsindustrie, die zu einer Verallt\u00e4glichung des Milit\u00e4rischen im Zivilen beitragen. &#8222;Banaler Militarismus&#8220; geht in seiner Verallt\u00e4glichung \u00fcber die &#8222;politische Kultur des Krieges&#8220; hinaus und wird &#8211; wie der Nationalismus &#8211; sowohl von den so genannten gesellschaftlichen Eliten wie auch von Teilen der Bev\u00f6lkerung reproduziert; er findet sich in Gestalt der zahlreichen, an Bahnhofskiosken erh\u00e4ltlichen B\u00fccher und Brosch\u00fcren \u00fcber Waffensysteme ebenso wie als Kriegsspielzeug in den Spielwarenabteilungen der Kaufh\u00e4user.<\/p>\n<p>Die Prozesse einer banalen Militarisierung sind nat\u00fcrlich nicht neu &#8211; zu denken w\u00e4re etwa an die Kinder- und Jugendromane im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in denen Krieg als gro\u00dfes Spiel erz\u00e4hlt wurde, oder an die Entwicklung der Vorl\u00e4ufer moderner Kriegsspiele. Auf der Suche nach den Traditionslinien des Kriegsspiels wird rasch deutlich, wie eng schon fr\u00fch Produkte milit\u00e4risch-universit\u00e4rer Kooperation mit St\u00e4tten der Alltagskultur verbunden waren: In Vergn\u00fcgungsparks konnte man bereits Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in 35 Nationen den mechanischen Flugsimulator von Edward Link testen. Inzwischen hat sich die Reichweite dieser Angebote aufgrund erweiterter technologischer M\u00f6glichkeiten signifikant vergr\u00f6\u00dfert. Dies gilt f\u00fcr Kriegsfilme ebenso wie f\u00fcr die Computer-Kriegsspiele, die sich einer millionenfachen Fangemeinde erfreuen. An ihnen lassen sich Darstellungsweisen des Milit\u00e4rs\/Milit\u00e4rischen in seinen (weitgehend) unspektakul\u00e4ren Auspr\u00e4gungen und Erscheinungen, Interaktionen des Milit\u00e4rs mit anderen gesellschaftlichen\/kulturellen Akteuren und Milieus sowie Auswirkungen auf die prim\u00e4r nicht milit\u00e4rischen Teile der politischen und der Alltagskultur beispielhaft erl\u00e4utern:<\/p>\n<p>Zahlreich sind die Kriegsschaupl\u00e4tze, auf denen &#8211; als Einzelspieler oder vernetzt, aus der Ego-Shooter-Perspektive oder als Feldherr &#8211; vergangene, gegenw\u00e4rtige und zuk\u00fcnftige Konfliktszenarien mit Waffengewalt ausgetragen werden. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei der Zweite Weltkrieg mit europ\u00e4ischen, nordafrikanischen und fern\u00f6stlichen Schlachtszenarien sowie die Kriege in Korea und Vietnam; hinzu kommt eine wachsende Zahl aktueller (Liberia, Irak) und zuk\u00fcnftig f\u00fcr m\u00f6glich gehaltener Konflikte (China), bei denen sich die SpielerInnen am heimischen Rechner milit\u00e4risch bew\u00e4hren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zu den weit verbreiteten Spielen geh\u00f6rt nicht nur der Online-Shooter Counterstrike, dessen Spielergemeinde bereits 2002 weit mehr als 10 Millionen Personen umfasste, sondern auch die Battlefield-Serie. Wegen des gro\u00dfen Markterfolgs wurde bald f\u00fcr Erweiterungen und Fortsetzungen von Battlefield 1942 geworben, so in der Zeitschrift PC Action: &#8222;Ein Muss f\u00fcr alle Frontschweine&#8220;. Dass sich unter den MitspielerInnen auch viele Rechtsradikale finden, kann kaum \u00fcberraschen; auf der deutschen Fanseite von Battlefield 1942 teilen sie die Begeisterung f\u00fcr Waffentechnik und Soldatenhandwerk mit Unpolitischen und MilitaristInnen. Im Jahr 2004 folgte Battlefield Vietnam, entwickelt von der Firma Digital Illusions. Im vietnamesischen Urwald, in kleinen D\u00f6rfern oder in st\u00e4dtischen Umgebungen wird der Kampf zwischen der US-Armee und vietnamesischen Soldaten ausgetragen. Was der Spielgemeinde als zunehmend realistischere Darstellung des Krieges angepriesen wird, orientiert sich nach Aussagen der Produzenten des Spiels an dem, was &#8222;die Leute vom Vietnamkrieg erwarten &#8211; und diese Vorstellung basiert vor allem auf Hollywood-Filmen&#8220;. Dass damit die Realit\u00e4t des Krieges mit seinen Massakern an der Zivilbev\u00f6lkerung, dem verbreiteten Einsatz von Napalm durch die US-Streitkr\u00e4fte und dessen Langzeitfolgen nicht im Ansatz vermittelt werden kann, muss kaum weiter erl\u00e4utert werden.<\/p>\n<p>Mit Battlefield 2 wurde der Kriegsschauplatz in den Nahen und Mittleren Osten, nach Zentralasien und Nordchina verlegt. Die digitale Kulisse erinnert an die aktuellen Kriege, die in Europa medial vermittelt wahrgenommen werden. So wird auch die Werbung f\u00fcr die Kriegsspiele am Computer den aktuellen Konflikt- bzw. Kriegslagen angepasst. Die Zeitschrift PC Games (Ausgabe Juni 2004) schw\u00e4rmt, dass das neue Spiel &#8222;schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf fesselnde Stra\u00dfenk\u00e4mpfe in arabisch gepr\u00e4gten St\u00e4dten&#8220; setze, welche &#8222;von Bauweise und Aufmacher her frappierend an die tagt\u00e4glich \u00fcber den Fernseher flimmernden Bilder aus irakischen Widerstandsnestern in Faludscha, Nadschaf oder Basra erinnern&#8220;.<\/p>\n<p>Waren bei der Gestaltung etlicher solcher Spiele Milit\u00e4rveteranen beratend t\u00e4tig, so kooperieren die Herstellerfirmen in vielen anderen F\u00e4llen direkt mit der US-Army. Am Forschungsinstitut Modeling, Virtual Environments and Simulation der Naval Postgraduate School der US-Marine wurden \u00e4hnlich wie in dem seit 1999 von der US-Armee finanzierten Sonderforschungsbereich der University of Southern California mit dem Namen Institute of Creative Technologies Spiele wie Soldiers oder der Egoshooter Operations produziert, mit dem zugleich Rekruten geworben wie &#8222;ganz normale Menschen unterhalten werden sollen&#8220;. 1,2 Millionen CD-ROMs mit dem Spiel wurden \u00fcber Computerspielzeitschriften verbreitet.<\/p>\n<p>Frei \u00fcber das Internet zug\u00e4nglich ist auch die Kriegssimulation Americas Army; dabei registriert die US-Armee alle SpielerInnen mit Usernamen und E-Mailadresse und speichert ihre Fortschritte, denn das Spiel dient ihr gezielt zur Rekrutenwerbung. Die SpielerInnen erhalten eine spezifische Laufbahnausbildung (z.B. als Scharfsch\u00fctze oder Fallschirmspringer) und lernen milit\u00e4rischen Gehorsam: Gefeuert wird nur auf Befehl; wer dagegen verst\u00f6\u00dft, dem droht &#8211; wenn auch nur virtuell &#8211; die Einzelzelle.<\/p>\n<p>Das Interesse des Milit\u00e4rs an Computerspielen w\u00e4chst, denn Simulation wird schon seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend in die Soldatenausbildung einbezogen. Spiele wie &#8222;Counterstrike&#8220; f\u00fchren nach neurowissenschaftlichen Forschungen zu erh\u00f6hter visueller Aufmerksamkeit. Dass auch bisherige NichtspielerInnen nach zehnt\u00e4giger \u00dcbungszeit mehrere Objekte gleichzeitig auf dem Bildschirm wahrnehmen konnten, interessiert die Milit\u00e4rs, die ihre Spezialeinheiten bisher mit Actionvideos schulten, damit sie unbekanntes Territorium schnell sondieren lernten.<\/p>\n<p>Die Kulturindustrie stellt eine Vielzahl von Medien bereit, die es jeder\/m Interessierten erlauben, sich &#8211; zumindest zeitweise und mental &#8211; als milit\u00e4rischer Stratege, Spezialagent, K\u00e4mpfer oder auch Killer zu bet\u00e4tigen. In kapitalistisch verfassten Gesellschaften verbreiten sich hegemoniale Ideen am nachhaltigsten, wenn sie &#8211; als emotionalisierende Erlebnisangebote gestaltet und in Waren transformiert &#8211; medial angepriesen und in den Gesch\u00e4ften verkauft werden sowie auf dem Marktplatz f\u00fcr Nachrichten, Spiele, Musik, Kunst und Literatur zirkulieren. Neben den je aktuell neu bestimmten Konzepten und Richtlinien der Streitkr\u00e4fte f\u00fcr den Umgang mit MedienvertreterInnen und den \u00d6ffentlichkeiten im so genannten Kriegsfall bleibt das langfristige Interesse an Kooperation milit\u00e4rischer Institutionen und Akteure mit Medien- oder Unterhaltungsindustrie auch in Friedenszeiten wirksam. So gilt es, die Frage, wie Milit\u00e4r, Medien und Kulturbetrieb kooperieren und wie diese Verbindungen in die Gesellschaft hineinwirken, zum Gegenstand von Reflexion und Intervention zu machen; die fortschreitende Militarisierung fordert auch und gerade in ihren scheinbar banalsten Formen Protest heraus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus aktuellem Anlass hinausposaunen will Struck nun das Credo &#8222;Entschieden f\u00fcr den Frieden&#8220;; ansonsten will man die Feiern zur Gr\u00fcndung der Bundeswehr vor 50 Jahren in aller Bescheidenheit und weitgehend ohne Paraden, Aufm\u00e4rsche oder Waffenschauen begehen. 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