{"id":7010,"date":"2005-07-01T00:00:54","date_gmt":"2005-06-30T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7010"},"modified":"2022-07-26T13:31:28","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:28","slug":"pika-don-und-hibakusha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/07\/pika-don-und-hibakusha\/","title":{"rendered":"Pika-Don und Hibakusha"},"content":{"rendered":"<p>Hiroshima blieb bis zum 6. August 1945 von Bombardements weitgehend verschont.<\/p>\n<p>Dann detonierte um 8 Uhr 15 und 43 Sekunden 580 bis 600 m \u00fcber dem Shima-Krankenhaus die Uran 235-Bombe Little Boy mit einer Sprengkraft von 12,5 Kilotonnen TNT. F\u00fcnf Stunden Flug ben\u00f6tigte der B-29-45-MO-Bomber (Seriennummer 44-86292), den der Pilot Paul Tibbets Enola Gay nannte, vom 2.500 km s\u00fcd\u00f6stlich entfernten US-St\u00fctzpunkt auf der Insel Tinian, bis die Ladung in einer Flugh\u00f6he von 8.500 m ausgeklinkt wurde.<\/p>\n<p>Am 9. August 1945, einen Tag nach der Kriegserkl\u00e4rung der im Pazifikkrieg bisher neutralen UdSSR an Japan, fiel Fat Man auf das Urakami-Tal in Nagasaki. Sprengkraft diesmal: 22 KT TNT; Material: Plutonium 239.<\/p>\n<p>Konstruiert wurden die Atombomben im geheimen Manhattan Project unter Leitung von General Leslie Groves und J. Robert Oppenheimer in den Los Alamos National Laboratories, New Mexico, erstmals getestet unter dem Codenamen Trinity im nahen White Sands am 16. Juli 1945.<\/p>\n<p>In Japan hei\u00dfen sie offiziell Genshi Bakudan, umgangssprachlich aber Pika-Don (Lichtblitz, Ersch\u00fctterung), offenbar von Augenzeugen in weiterer Entfernung in Bezug auf die sofort wahrnehmbaren Wirkungen gepr\u00e4gt, da atsu (Hitzeschlag) keinen Eingang fand.<\/p>\n<p>Die Hitzestrahlung war im Hypozentrum (im Augenblick der Explosion mindestens 6.000\u00b0C) die eigentliche Todesursache. Die Hitze- und Druckwellen richteten verheerende Zerst\u00f6rungen an; Betongeb\u00e4ude und Stahlger\u00fcste wurden massiv demoliert. 90 % des besiedelten Gebietes waren niedergebrannt. Als fast einziges Geb\u00e4ude blieb die Ausstellungshalle der Industrie- und Handelskammer der Pr\u00e4fektur Hiroshima stehen, wenn auch in den Grundmauern ausgebrannt: der heutige Atomdom.<\/p>\n<p>Betroffen wurde, trotz der offiziellen Rhetorik von milit\u00e4rischen Zielen, in erster Linie die Zivilbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>In Hiroshima lebten vorher ungef\u00e4hr 350.000 bis 400.000 Menschen. 1955 ver\u00f6ffentlichte die Stadtverwaltung die Zahl von 260.000 Toten, sprach aber gleichzeitig von 163.293 Vermissten. 90 % des medizinischen Personals wurden get\u00f6tet oder selbst schwer verletzt; die mangelhafte medizinische Behandlung verursachte weitere Todesf\u00e4lle. In Nagasaki gab es mindestens 70.000 Tote &#8211; bei einer Gesamtbev\u00f6lkerung von etwa 270.000 Menschen. In beiden St\u00e4dten starben die Meisten innerhalb der ersten vier Monate nach der Explosion, z.B. an den schweren Verbrennungen. Die Zahl der an den Sp\u00e4tfolgen Gestorbenen wird auf 350.000 in Hiroshima und 270.000 in Nagasaki beziffert. Die widerspr\u00fcchlichen Daten r\u00fchren u.a. in der Zerst\u00f6rung von Einwohnermelde\u00e4mtern. US-amerikanische Kriegsgefangene und koreanische Zwangsarbeiter wurden statistisch nicht erfasst.<\/p>\n<p>Letztere, sch\u00e4tzungsweise 10 % der Bev\u00f6lkerung in Hiroshima, vermutlich 20.000 bis 30.000 Tote in Hiroshima und Nagasaki, wurden, als Opfer zweiter Klasse marginalisiert und stigmatisiert, erst in den 1990ern offiziell anerkannt.<\/p>\n<p>Zudem wurden die Krankheiten durch die radioaktive Sekund\u00e4rstrahlung nur langfristig entdeckt. Sie \u00e4u\u00dferten sich in Symptomen wie allgemeinen Unwohlsein, Kopfschmerzen, \u00dcbelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Durchfall, Fieber, An\u00e4mie (Blutarmut), Haarausfall, Mund- und Rachenbeschwerden, h\u00e4morrhagische Diathese (Blutungs\u00fcbel) und Leukopenie (krankhafte Verminderung der wei\u00dfen Blutk\u00f6rperchen). Nach Jahren tauchten auch F\u00e4lle von Grauem Star, Leuk\u00e4mie, Schilddr\u00fcsen-, Brust- und Lungenkrebs auf. Nach dem Abklingen der akuten gesundheitlichen Sch\u00e4den bildeten sich \u00fcber den Wunden und Narben h\u00f6ckerartige Wucherungen, sog. Narbenkeloide.<\/p>\n<p>Augenzeugen berichteten vom fall-out, dem schwarzen Regen, auf wei\u00dfen W\u00e4nden unausl\u00f6schbar und gro\u00dfr\u00e4umig den Boden verseuchend. Die Wirkungen von Radioaktivit\u00e4t waren nicht sichtbar und damals unbekannt.<\/p>\n<p>Einen Anteil daran zeitigte auch die rigorose Zensur der US-Besatzungsbeh\u00f6rden bis 1952, die jede Kommunikation zwischen den betroffenen St\u00e4dten systematisch verunm\u00f6glichte. Medizinische Unterlagen, Blut- und Gewebeproben wurden beschlagnahmt; die japanische Verwaltung durfte nicht die Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes in Anspruch nehmen. Japanischen Experten wurde der Zugang zu relevanten Daten verweigert. Daf\u00fcr untersuchten US-amerikanische Wissenschaftler von den Oak Ridge-Labors in Tennessee, die die Hiroshima-Bombe entwickelten, die Hibakusha, die Atombomben\u00fcberlebenden, jedoch ohne sie medizinisch zu behandeln. Hiroshima und Nagasaki waren, zynisch gesprochen, Freilandversuche f\u00fcr die neue Waffenart.<\/p>\n<p>Die Hibakusha wurden psychisch destabilisiert. Sie erfahren bis heute in ihrem Kampf um Rehabilitation soziale Diskriminierung und gesellschaftliche Ignoranz, die sich auch in einer mythologisierten offiziellen Geschichtsschreibung niederschl\u00e4gt. In den USA werden die Atombomben seit Harry Truman als kriegsbeendend und &#8222;lebensrettend&#8220; legitimiert. Japan hingegen nimmt trotz seiner Kriegsverbrechen in China und anderen s\u00fcdostasiatischen L\u00e4ndern (z.B. Massaker von Nanking, Bataan, Manila) eindimensional die Opferperspektive ein. Die Atombombenabw\u00fcrfe stellten eine Machtdemonstration an die Adresse Stalins dar und beschleunigten eher den Kalten Krieg als die Kapitulationserkl\u00e4rung Japans am 15.8.1945 durch den immun bleibenden Kaiser Sh\u00f4wa Tenn\u00f4 Hirohito.<\/p>\n<p>F\u00fcr das latente Bedrohungsgef\u00fchl der traumatisierten Hibakusha besteht unvermindert Anlass, denn weltweit sind 30.000 Atomwaffen stationiert, wovon sich 7.000 in st\u00e4ndiger Alarmbereitschaft befinden. Die Atomwaffentests belasten immer noch die Atmosph\u00e4re; alte Waffensysteme werden modernisiert, neue forciert, z.B. f\u00fcr einen niedrigschwelligen Einsatz (sog. Mini-Nukes, Bunker Buster). Allein in den USA wurden im Haushaltsjahr 2004 6,4 Milliarden Dollar daf\u00fcr ausgegeben. Die Enola Gay, noch vor ihrer Ausmusterung 1949 bei Tests im Pazifik verwendet, wird \u00fcbrigens, dem historischen Kontext entfremdet als technischer Meilenstein gepriesen, im Nationalmuseum f\u00fcr Luft- und Raumfahrt in Washington, D.C., ausgestellt. Die Kampagne &#8222;&#8230; auf keinem Auge blind! atomwaffenfrei bis 2020&#8220; k\u00e4mpft daf\u00fcr, dass man zuk\u00fcnftig auch die atomare Bedrohung nur aus Museen und Geschichtsb\u00fcchern kennen muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hiroshima blieb bis zum 6. August 1945 von Bombardements weitgehend verschont. 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