{"id":7016,"date":"2005-10-01T00:00:18","date_gmt":"2005-09-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7016"},"modified":"2022-07-26T14:24:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:28","slug":"das-versinken-der-stadt-new-orleans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/das-versinken-der-stadt-new-orleans\/","title":{"rendered":"Das Versinken der Stadt New Orleans"},"content":{"rendered":"<p>1. In der infolge des Hurricanes &#8222;Katrina&#8220; \u00fcberfluteten Stadt New Orleans waren Hunderte von Menschen ums Leben gekommen; zig Tausende befanden sich noch in der Stadt, die ohne Trinkwasser- und Energieversorgung war und in der die Seuchengefahr wuchs. Der Staat war offensichtlich nicht willens oder in der Lage, in dieser Situation angemessen zu helfen.<\/p>\n<p>Darin zeigte sich Konsequenz: Die Deichbr\u00fcche waren u.a. auf eine seit drei Jahren anhaltende Vernachl\u00e4ssigung des Deichschutzes zur\u00fcckzuf\u00fchren; die Gelder daf\u00fcr waren in den Irakkrieg und den Aufbau der sogenannten &#8222;Heimatschutzbeh\u00f6rde&#8220; umgeleitet worden. Da das Prinzip &#8222;Staat&#8220; so vielf\u00e4ltig versagte, waren die Menschen gezwungen, das alternative Prinzip &#8222;Selbsthilfe&#8220; anzuwenden, da freiwilliges Verhungern oder Verdursten offensichtlich keine seri\u00f6se Alternative darstellte.<\/p>\n<p>Dieses Prinzip der Selbsthilfe kann man rechtens Anarchie nennen, solange sich darin keine Herrschaftsstrukturen entwickeln.<\/p>\n<p>Das Aufbrechen eines Lebensmittelladens und die Aneignung der Dinge, die man daraus ben\u00f6tigt, ist in der Situation, von der wir sprechen, v\u00f6llig legitim und zielf\u00fchrend, sofern nicht etwa mit Waffengewalt andere Menschen daran gehindert werden, gleiches zu tun.<\/p>\n<p>Auch die Aneignung eines Post-Transporters mit dem Ziel, das seuchengef\u00e4hrdete Gebiet zu verlassen, ist nicht nur legitim, sondern lobenswert. Not wurde gelindert, ohne dass irgendwem unzumutbarer Schaden zugef\u00fcgt wurde.<\/p>\n<p>2. Selbstverst\u00e4ndlich darf nicht idyllisierend so getan werden, als entst\u00fcnden in Katastrophen-Situationen wie dieser nicht auch &#8222;selbstorganisierte&#8220; Strukturen der Anomie und des Faustrechts: Alte Banden-Rechnungen werden beglichen, Vergewaltigungen finden statt. Tats\u00e4chlich gibt es in Situationen der &#8222;Entfesselung&#8220; von Massen neben der egalit\u00e4ren Selbstorganisation immer auch die M\u00f6glichkeit der Gewaltsamkeit, der Panik.<\/p>\n<p>Und die Menschen sind weithin Produkte der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse: Wer wollte verlangen, dass ein Teenager, den der &#8222;War on Drugs&#8220; zum Junkie gemacht hat, beim Zusammenbrechen der staatlichen Strukturen als Robin Hood agiert?<\/p>\n<p>Erstaunlich ist aber zweierlei: dass es in New Orleans in den ersten Septembertagen <em>trotz<\/em> solcher auch vorhandenen \u201aBrutalit\u00e4t von unten&#8216; zu spontanen Strukturbildungen der Verteilung von Lebensmitteln kam, und dass die Berichterstattung der Presse dies, wie stets, vollst\u00e4ndig unterschlug, um die anomischen Aspekte \u00fcber alle journalistische Sorgfalt hinaus aufzubauschen.<\/p>\n<p>3. In einer chaotischen Ausnahmesituation wie Anfang September in New Orleans ging auch an Vertretern der &#8222;Staatsmacht&#8220;, die sich vor Ort befanden, die Einsicht nicht unbedingt vorbei, dass statt &#8222;Staat&#8220; nun eher &#8222;Anarchie&#8220; hilfreich sein k\u00f6nnte. Im Fernsehen kamen Augenzeugen zu Wort, die \u00e4u\u00dferten, sie seien von Polizisten aufgefordert worden, sich in den herrenlos gewordenen Superm\u00e4rkten mit dem Notwendigen zu versorgen. Filmaufnahmen zeigten uniformierte Polizisten, die selbst mit Einkaufswagen durch die G\u00e4nge der L\u00e4den fuhren und sich mit Waren eindeckten, sicher ohne die Absicht, diese zu bezahlen. In der vorliegenden Situation war auch dagegen wenig einzuwenden.<\/p>\n<p>4. Kurz darauf erfuhren wir aber, dass 1.500 Polizisten, die bis dahin die Aufgabe hatten, sich an &#8222;Rettungseins\u00e4tzen&#8220; zu beteiligen, vor allem also wohl, die Evakuierung der zerst\u00f6rten Stadt zu betreiben, von diesem Einsatz &#8222;abgezogen&#8220; wurden, um &#8222;die Ordnung wiederherzustellen&#8220;, indem sie Pl\u00fcnderungen unterbanden. Das hei\u00dft, der Staat zog seine Kapazit\u00e4ten von der Front ab, wo er &#8222;wohlt\u00e4tiger Staat&#8220; war (von einer Front, wo er ohnedies offensichtlich schw\u00e4chelte), und warf sie auf die Front, wo er als &#8222;strafender Staat&#8220; in Erscheinung trat.<\/p>\n<p>Selbsthilfe war zu unterbinden, auch wenn die Alternative &#8211; staatliche Hilfe &#8211; darunter erst recht leiden musste. Und eine weitere Alternative wurde klar: Die 1.500 Polizisten hatten jetzt nicht mehr mit dem Schutz von Menschen zu tun, sondern mit dem Schutz von Eigentum. Diese Priorit\u00e4tssetzung: Eigentum vor Menschen, liegt der Logik des Staates im Neoliberalismus ungeschminkter zugrunde als sonst.<\/p>\n<p>Wenn einen Tag nach dem Reuters-Foto ein paar hundert frisch aus Bagdad zur\u00fcckgekehrte Elitesoldaten nach New Orleans entsendet wurden, mit dem Befehl &#8222;shoot to kill&#8220;, so waren auch diese selbstredend &#8222;Sicherheitskr\u00e4fte&#8220;. Nicht dass sie die Sicherheit der Menschen in der Stadt erh\u00f6ht h\u00e4tten, aber die Sicherheit des Privateigentums.<\/p>\n<p>5. Die in New Orleans beim Herannahen des Hurricanes zur\u00fcckgebliebenen Menschen geh\u00f6rten im Gro\u00dfen und Ganzen zur Unterschicht. Sie konnten sich ein Verlassen der Stadt aus verschiedenen materiellen Gr\u00fcnden nicht leisten. Das Unterbinden der Pl\u00fcnderungen hatte zweifellos mit diesem Sachverhalt zu tun: Die Verdammten dieser Erde m\u00fcssen mit aller Gewalt und gegen alle Vernunft, gegen alle Moral davon abgehalten werden, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<p>Dieser soziale Aspekt hat ein rassistisches Gesicht: New Orleans war eine Stadt, in der zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung zu den Schwarzen z\u00e4hlten, und bei den Armen d\u00fcrfte der Anteil noch wesentlich h\u00f6her gewesen sein. Wenn man Bilder vom Katastrophen-Einsatz staatlicher Instanzen betrachtet, sieht man meistens, wie Schwarze von uniformierten Wei\u00dfen in Schach gehalten werden.<\/p>\n<p>6. Unser Reuters-Bild ist insofern emblematisch. Betrachten wir es etwas genauer: Sieben anscheinend junge, schwarze M\u00e4nner liegen am Boden. Sie werden von drei gut gen\u00e4hrten, wei\u00dfen Uniformierten bedroht, von denen zwei automatische Gewehre tragen; eine dieser Waffen ist direkt auf die am Boden Liegenden gerichtet. Das Vergehen der Sieben ist, dass sie sich auf eigene Initiative (Anarchie!) einen Weg aus der akuten Perspektive des Verdurstens und der Cholera verschafft haben.<\/p>\n<p>Auf dem Bild ist die Welt des Staates wieder in Ordnung; eines Staates, der nun endlich seinerseits Kreativit\u00e4t entfaltet: Denn seine &#8222;Sicherheitskr\u00e4fte&#8220; sind in diesem Falle keine Polizisten, sondern, wie der Aufdruck auf dem Hemd des einen verk\u00fcndet: &#8222;Wildh\u00fcter&#8220;. Weniger Hege, mehr Waffeneinsatz beim Umgang mit dem menschlichen &#8222;Wild&#8220;: Das ist der Trend des Prinzips Staat im 21. Jahrhundert, wenn man den Staat jenen &#8222;Liberalen&#8220; \u00fcberl\u00e4sst, die vorgeben, ihn zur\u00fcckdr\u00e4ngen zu wollen.<\/p>\n<p>7. New Orleans versank nicht in Anarchie, es versank in Staatlichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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