{"id":7018,"date":"2005-10-01T00:00:20","date_gmt":"2005-09-30T22:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7018"},"modified":"2022-07-26T14:24:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:28","slug":"die-umgelenkte-arbeiterinnen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/die-umgelenkte-arbeiterinnen-revolution\/","title":{"rendered":"Die umgelenkte ArbeiterInnen-Revolution"},"content":{"rendered":"<p>Bereits am 14. August, dem Datum des Streikbeginns vor 25 Jahren, protestierten vor den Toren der Danziger Werft mehr als 1000 WerftarbeiterInnen f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und &#8222;ein w\u00fcrdiges Leben&#8220;.<\/p>\n<p>Wie vor 25 Jahren brachten sie an dem Werfttor Nummer 2 ein Schild mit ihren Forderungen an und unterschrieben es als Komitee zur Verteidigung der Danziger Werft NSZZ &#8222;Solidarnosc&#8220;.<\/p>\n<p>Der f\u00fcr seine antisemitischen Ansichten bekannte Pfarrer Henryk Jankowski hielt in der Hl. Brigide eine Messe, in der er, ankn\u00fcpfend an seine damaligen Gottesdienste zur Unterst\u00fctzung der Streikenden, mit den &#8222;Feinden&#8220; Polens abrechnete:<\/p>\n<p>&#8222;Ein Schauer \u00fcberkommt mich, wenn uns Gesetze aufgezwungen werden, die in katholisch-feindlichen Freimaurer-Kammern, von j\u00fcdischen Bankiers oder atheistischen Sozialisten erschaffen werden.&#8220;<\/p>\n<p>Als die WerftarbeiterInnen nach der Messe vor das Denkmal der im Dezember 1970 ermordeten Arbeiter zogen, begr\u00fc\u00dften sie dort anwesende Gr\u00fcnder der Solidarnosc, Bronislaw Geremek, Tadeusz Mazowiecki und Bogdan Lis mit: &#8222;Da kommen die Juden &#8211; Fort nach Br\u00fcssel!&#8220;<\/p>\n<p>Keine Genugtuung brachte dabei die Erkl\u00e4rung des einstigen Gewerkschaftsf\u00fchrers Lech Walesa, er wolle aus der Solidarnosc austreten: &#8222;&#8230; weil es sich nicht mehr um die Organisation von fr\u00fcher handelt&#8220;.<\/p>\n<p>Die Feierlichkeiten, welche am 31. August ihren H\u00f6hepunkt erreichen sollten, werden von einer Debatte um das Copyright f\u00fcr die Revolution und deren Erbe \u00fcberschattet. Eine n\u00fcchterne Bilanz wird nur von den Arbeitslosen gezogen. Sie ist jedoch durch den starken Einfluss der katholischen Kirche nicht von antisemitischer Hetze befreit.<\/p>\n<p>Aus der Revolution der ArbeiterInnen wurde eine Restauration des Kapitalismus und der Vor-Kriegsverh\u00e4ltnisse in Polen. Die Logik eines solchen Evolutionsprozesses hat bekanntlich Karl Marx bereits in seiner Brosch\u00fcre &#8222;Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte&#8220; untersucht.<\/p>\n<p>Der Streit zwischen Mitgliedern der Solidarnosc ist fast so alt wie die Gewerkschaft selbst. Er resultiert aus der Notwendigkeit, nach den Niederlagen der Arbeiterproteste 1956, 1970 und 1976 eine breite gesellschaftliche Erneuerungsbewegung zu gestalten. Der Kompromiss zwischen ArbeiterInnen und Intellektuellen ging einher mit der B\u00fcndelung heterogener und widerspr\u00fcchlicher Kr\u00e4fte. Die verschiedenen Gruppen der Gewerkschaft besa\u00dfen unterschiedliche Zielvorstellungen, die sie auch auf eine eventuelle System- und Gesellschaftsumw\u00e4lzung projizierten. Die St\u00e4rke der Gewerkschaft begr\u00fcndete somit zugleich deren Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Den gegenw\u00e4rtigen Deutungs-Diskurs der Evolution der Solidarnosc untersuchte auf Einladung der Zeitschrift &#8222;telegraph&#8220; Przemys\u00b3aw Wielgosz, polnischer Schriftsteller, Journalist und Mitherausgeber der Zeitschrift &#8222;Lewa Noga&#8220;. Das Instytut Pamieci Narodowej, die polnische Gauck-Beh\u00f6rde, ver\u00f6ffentlichte zu den Gedenkveranstaltungen ein Sonderbulletin mit allen Ausgaben der Gewerkschaftszeitschrift &#8222;Tygodnik Solidarnosc&#8220; von 1981. Es fehlt lediglich die Ausgabe Nummer 29 mit dem dort ver\u00f6ffentlichten &#8222;Programm zur Selbstverwaltung der Betriebe&#8220;, die auf dem I. Gewerkschaftstag der Solidarnosc, entgegen den Vorschl\u00e4gen des damaligen Gewerkschafts-Vorstands, angenommen wurde. Das Dokument war das wichtigste der Gewerkschaft und ein bedeutungsvolles Zeitdokument f\u00fcr die revolution\u00e4re Stimmung im ganzen Land.<\/p>\n<p>Damit soll, so Wielgosz, die einstige Massenbewegung, die um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen k\u00e4mpfte, in eine zahnlose religi\u00f6se Prozession umdefiniert werden, und es soll so von den heutigen sozialen Problemen abgelenkt werden.<\/p>\n<p>So wie die Februartage 1848 den Sturz Louis-Philippes und eine Wahlreform bezweckten, wodurch der Kreis der politisch Privilegierten unter der besitzenden Klasse selbst erweitert und die bisherige ausschlie\u00dfliche Herrschaft gest\u00fcrzt werden sollte, hofften die polnischen ArbeiterInnen 1980, wieder das zu erreichen, was der Sozialismus ihnen versprochen hat: die Qualit\u00e4t eines gesellschaftlichen Subjekts. In dem erw\u00e4hnten Aufsatz schreibt Marx mit beachtenswerter Aktualit\u00e4t: &#8222;Als es aber zum wirklichen Konflikt kam, das Volk auf die Barrikaden stieg, die Nationalgarde sich passiv verhielt, die Armee keinen ernstlichen Widerstand leistete und das K\u00f6nigtum davonlief, schien sich die Republik von selbst zu verstehen.<\/p>\n<p>Jede Partei deutete sie in ihrem Sinn. Von dem Proletariat, die Waffen in der Hand, ertrotzt, pr\u00e4gte es ihr seinen Stempel auf und proklamierte sie als soziale<em> <\/em>Republik.&#8220;<\/p>\n<p>Die zweite Periode der von Marx untersuchten Revolution vom 4. Mai 1848 bis Ende Mai 1849 war die Periode der Konstituierung<em>, <\/em>der Begr\u00fcndung der b\u00fcrgerlichen Republik. Diese Phase wurde in Polen durch die Ausrufung des Kriegszustandes 1981-83 und der Internierung der Gewerkschaftsf\u00fchrer zeitlich um einige Jahre (bis zur Aufnahme erster geheimer Gespr\u00e4che zwischen Regierenden und Opposition in der Villa Magdalenka bei Warschau im September 1988) verschoben.<\/p>\n<p>Darauf folgten offizielle Gespr\u00e4che am Runden Tisch im Fr\u00fchjahr 1989 und die ersten halb-freien Wahlen im Juni.<\/p>\n<p>Marx notiert:<\/p>\n<p>&#8222;Die Nationalversammlung, die am 4. Mai 1848 zusammentrat, aus den Wahlen der Nation hervorgegangen, repr\u00e4sentierte die Nation. Sie war ein lebendiger Protest gegen die Zumutungen der Februartage und sollte die Resultate der Revolution auf den b\u00fcrgerlichen Ma\u00dfstab zur\u00fcckf\u00fchren. (\u2026) Der 15. Mai hatte bekanntlich kein anderes Resultat, als Blanqui und Genossen, d.h. die wirklichen F\u00fchrer der proletarischen Partei, f\u00fcr die ganze Dauer des Zyklus, den wir betrachten, vom \u00f6ffentlichen Schauplatz zu entfernen.&#8220;<\/p>\n<p>Das Auseinanderbrechen der einst so starken Arbeiterbewegung war damit in Polen bereits vollzogen. Als sich die ArbeiterInnen gegen diese Zumutungen dennoch im Sommer noch einmal aufrafften und sich mit einer Streikwelle wehrten, wurden sie durch die Eliten der nunmehr etablierten Solidarnosc<em> <\/em>pazifisiert. Karl Marx diagnostizierte: &#8222;Der Auswurf der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft bildet schlie\u00dflich die heilige Phalanx der Ordnung, und Held Krap\u00fclinski zieht in die Tuilerien ein als &#8218;Retter der Gesellschaft&#8216;<em>&#8222;. <\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Die Niederlage der InsurgentInnen des hei\u00dfen Sommers 1988 hatte nun allerdings das Terrain vorbereitet und geebnet, worauf die b\u00fcrgerliche Republik begr\u00fcndet und aufgef\u00fchrt werden konnte; aber sie hatte zugleich gezeigt, dass es sich in Europa um andere Fragen handelt als um &#8218;Demokratie oder Diktatur&#8216;.<\/p>\n<p>Schon 1984 protestierte die sich noch im Untergrund befindende Solidarnosc, dass mit polnischer Steinkohle Margaret Thatchers Kampf gegen die britischen Bergarbeiter gef\u00fchrt werde. Polen war nur das erste Opfer der Globalisierung, die nach dem Ende das Kalten Krieges mit der europ\u00e4ischen Lissabon-Strategie, der Bolkestein-Richtlinie und mit Hartz IV ihren Siegeszug fortsetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits am 14. August, dem Datum des Streikbeginns vor 25 Jahren, protestierten vor den Toren der Danziger Werft mehr als 1000 WerftarbeiterInnen f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und &#8222;ein w\u00fcrdiges Leben&#8220;. 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