{"id":7024,"date":"2005-10-01T00:00:17","date_gmt":"2005-09-30T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7024"},"modified":"2022-07-26T14:15:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:03","slug":"reaktionare-botschaft-im-pop-gewande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/reaktionare-botschaft-im-pop-gewande\/","title":{"rendered":"Reaktion\u00e4re Botschaft im Pop-Gewande"},"content":{"rendered":"<p>Bei genauerem Hinsehen ergeben sich jedoch einige Widerspr\u00fcche. Wie passt es zusammen, dass der Papst einerseits das Aufeinanderzugehen der Religionen forciert und andererseits anl\u00e4sslich des WJT einen &#8222;vollkommenen Ablass&#8220; verf\u00fcgt (eine Praxis, die vor 500 Jahren zur Abspaltung der evangelischen Kirchen beitrug)? Und selbst einigen ansonsten mitjubelnden Medien fiel auf, dass Benedikt XVI. bei seiner Ansprache in der K\u00f6lner Synagoge den christlichen Antijudaismus nicht erw\u00e4hnte (und damit sogar hinter seinen Vorg\u00e4nger im Amt zur\u00fcckging).<\/p>\n<p>In dieser Rede findet sich ein wichtiger Hinweis auf die tats\u00e4chlichen politischen Ambitionen des Papstes. Denn zur Erkl\u00e4rung der systematischen Ermordung von Millionen europ\u00e4ischer Juden f\u00fchrt er eine Argumentation an, die gerade von deutschen Bisch\u00f6fen immer wieder bem\u00fcht wird: &#8222;Weil man die Heiligkeit Gottes nicht mehr anerkannte, wurde auch die Heiligkeit menschlichen Lebens mit F\u00fc\u00dfen getreten.&#8220; Nun findet sich im deutschen Faschismus eine Str\u00f6mung, die nicht an einen pers\u00f6nlichen Gott im christlichen Sinne glaubte. Ungl\u00e4ubig waren diese Nationalsozialisten deshalb aber nicht; im Gegenteil: Die offizielle Bezeichnung ihrer Weltanschauung lautete &#8222;gottgl\u00e4ubig&#8220;. Zudem fiel es auch der Mehrzahl der Christen offenbar trotz ihres Glaubens nicht allzu schwer, sich am NS-Staat zu beteiligen: Selbst unter SS-Angeh\u00f6rigen bekannte sich knapp die H\u00e4lfte zum protestantischen und \u00fcber ein Viertel zum katholischen Glauben.<\/p>\n<p>Wenn der allgemein als besonders scharfsinnig beschriebene Papst die Abh\u00e4ngigkeit der Menschenrechte vom Gottglauben suggeriert, darf dies nicht als billige rhetorische Finte missverstanden werden, die davon ablenken soll, dass die Jahrhunderte lange Tradition der christlich motivierten Entrechtung und Verfolgung der Juden ein ger\u00fctteltes Ma\u00df zum Aufstieg des v\u00f6lkischen Antisemitismus beigetragen hat. Benedikt XVI., vormals als Joseph Kardinal Ratzinger Chef der R\u00f6mischen Glaubenskongregation, also der Nachfolgeorganisation der Heiligen Inquisition, blickt aus einer v\u00f6llig anderen Perspektive auf die Geschichte. F\u00fcr ihn gibt es einen zentralen &#8222;Betriebsunfall&#8220;, den es zu revidieren gilt: die Aufkl\u00e4rung und die mit ihr einhergehende S\u00e4kularisierung. Bereits im Dezember 2004 hatte Ratzinger davor gewarnt, ein &#8222;radikaler Laizismus&#8220; k\u00f6nne den Humanismus zerst\u00f6ren. Dabei war es ganz im Gegenteil gerade die Vorstellung einer Trennung von Religion und Politik, die wichtige Voraussetzungen daf\u00fcr geschaffen hat, dass eine Pluralit\u00e4t von Lebensentw\u00fcrfen \u00fcberhaupt m\u00f6glich erscheint. (Dass Ratzinger im selben Vortrag gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften polemisierte, spricht f\u00fcr sich.) Die Strategie, die enge Verbindung von Aufkl\u00e4rung und Humanismus in Abrede zu stellen, zeigt durchaus Erfolg. Die rhetorische Figur, dass Auschwitz nicht <em>trotz<\/em>, sondern <em>aufgrund<\/em> der Aufkl\u00e4rung stattgefunden habe, hat mittlerweile den Weg in die Medien gefunden (selbst der Nachruf auf Johannes Paul II. in der taz bem\u00fchte die Idee, um den verstorbenen Papst gegen Kritik zu verteidigen). Das vorrangige Ziel der katholischen Kirche bleibt &#8211; gerade der beim Weltjugendtag gastgebende K\u00f6lner Kardinal Joachim Meisner hat das immer wieder deutlich formuliert &#8211; die Re-Evangelisierung Europas.<\/p>\n<p>Als Symbol, wohin die Reise tats\u00e4chlich gehen soll, kann der Besuch Benedikts XVI. in der St. Pantaleon-Kirche gedeutet werden; diese wird von Priestern des <em>Opus Dei<\/em> geleitet. Der reaktion\u00e4re Orden war eng verbunden mit der Herrschaft Francos und vertritt die Auffassung, dass das gesamte gesellschaftliche Leben nach katholischen Ma\u00dfst\u00e4ben gestaltet werden m\u00fcsse. Das derzeitige Opus Dei-Oberhaupt, der spanische Bischof Javier Echevarr\u00eda, hatte sich unl\u00e4ngst in einem Interview damit gebr\u00fcstet, dass der neue Papst &#8222;das Opus Dei besser kennt als Johannes Paul II. zu Beginn seines Pontifikats 1978&#8220;. Dass Benedikt XVI. zumindest den Opus Dei-Begr\u00fcnder Josemaria Escriva nicht nur kennt, sondern zu sch\u00e4tzen wei\u00df, zeigt er ganz offen: J\u00fcngst hat er eine an der Au\u00dfenmauer des Petersdoms aufgestellte Statue Escrivas eingesegnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei genauerem Hinsehen ergeben sich jedoch einige Widerspr\u00fcche. Wie passt es zusammen, dass der Papst einerseits das Aufeinanderzugehen der Religionen forciert und andererseits anl\u00e4sslich des WJT einen &#8222;vollkommenen Ablass&#8220; verf\u00fcgt (eine Praxis, die vor 500 Jahren zur Abspaltung der evangelischen Kirchen beitrug)? 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