{"id":7027,"date":"2005-10-01T00:00:32","date_gmt":"2005-09-30T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7027"},"modified":"2022-07-26T14:24:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:28","slug":"einen-langen-atem-entwickeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/einen-langen-atem-entwickeln\/","title":{"rendered":"&#8222;Einen langen Atem entwickeln&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Ihr seid als BeobachterInnen zu                 dem Prozess gegen Mehmet Tarhan gefahren. Mit welcher Motivation                 habt Ihr an dem Verfahren teilgenommen?<\/b><\/p>\n<p><b>Karin Fleischmann: <\/b>Wir waren zu zwei Prozessterminen dort,                 am 4. und am 10. August. Uns ging es darum, Mehmet zu vermitteln,                 dass seine Kriegsdienstverweigerung wahrgenommen wird, dass Solidarit\u00e4t                 aus anderen L\u00e4ndern kommt. Dort anwesend zu sein, bedeutet, ihn                 in seiner Entscheidung zu st\u00e4rken und ihm Mut zu machen. Wir sehen,                 wie er sich pers\u00f6nlich f\u00fcr die Kriegsdienstverweigerung einsetzt,                 und vermitteln dies auf internationaler Ebene.<\/p>\n<p><b>Rudi Friedrich:<\/b> Dar\u00fcber hinaus hat sich immer wieder gezeigt,                 dass internationale \u00d6ffentlichkeit auch ein Schutz f\u00fcr die Betreffenden                 darstellt. <\/p>\n<p>Nach dieser hohen Haftstrafe mag man daran zweifeln. Aber vielfach                 konnten \u00fcber die internationalen Aktivit\u00e4ten Folter verhindert,                 die Gef\u00e4ngnisbedingungen verbessert oder die erneute Einberufung                 verhindert werden. Zudem wird in der T\u00fcrkei die kleine Bewegung                 der Kriegsdienstverweigerer von den Medien praktisch nicht wahrgenommen.                 Es gibt zwar mehrere Hunderttausend Wehrpflichtige, die sich dem                 Milit\u00e4rdienst entziehen. Aber nur etwa 50 Personen haben ihre                 Verweigerung \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt und sich damit ganz bewusst gegen                 das Milit\u00e4r und die Militarisierung der T\u00fcrkei gestellt. Da ist                 es ungeheuer wichtig, ihnen zu vermitteln, dass ihr Anliegen wichtig                 und bedeutungsvoll ist. <\/p>\n<p><b>GWR: Was waren Eure Eindr\u00fccke in Sivas?<\/b><\/p>\n<p><b>Karin Fleischmann: <\/b>Sivas liegt etwa acht Stunden Busfahrt                 \u00f6stlich von Ankara &#8211; mitten in der Provinz. Kurz vor den beiden                 Prozesstagen trafen wir dort die bunte Solidarit\u00e4tsgruppe aus                 Istanbul. <\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Rudi Friedrich:<\/b> Am 4. August machte Mehmet deutlich,                 dass er das Gericht als nicht zust\u00e4ndig ansah. Ein Milit\u00e4rgericht                 k\u00f6nne nicht \u00fcber einen Kriegsdienstverweigerer urteilen. Der Staatsanwalt                 und das Gericht sahen das anders. Hier stellt sich sogar die Frage,                 ob das Milit\u00e4r nicht bewusst daf\u00fcr gesorgt hat, dass Mehmet den                 Befehl &#8222;vor versammelter Mannschaft&#8220; verweigerte, also man die                 Einheit erst versammelt hat, bevor er die Uniform anziehen sollte.                 Das hat n\u00e4mlich eine wesentlich h\u00f6here Strafe von sechs Monaten                 bis zu f\u00fcnf Jahren zur Folge.<\/p>\n<p>Eine &#8222;einfache&#8220; Befehlsverweigerung wird hingegen mit bis zu                 sechs Monaten Haft bestraft.<\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Karin Fleischmann:<\/b> Nach dem Urteil am 10. August war                 die Solidarit\u00e4tsgruppe richtiggehend geschockt. Niemand von ihnen                 hatte ein solch hohes Urteil erwartet. Einige hatten sogar darauf                 gehofft, dass Mehmet freikommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><b>GWR: Mehmet versteht sich als Totalverweigerer. Welche Rolle                 spielte das in der Strategie der Verteidigung?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Rudi Friedrich:<\/b> Mehmet hat ein umfassendes Verst\u00e4ndnis                 von Kriegsdienstverweigerung. Er sagte w\u00e4hrend des Prozesses,                 dass er keinen Milit\u00e4rdienst ableisten, in keiner Armee dienen,                 f\u00fcr keine hierarchische Organisation arbeiten werde und nicht                 bereit sei, sich an der Verbreitung der militaristischen Kultur                 zu beteiligen.<\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Karin Fleischmann:<\/b> In der Strategie der Verteidigung                 spielte das keine Rolle, weil es in der T\u00fcrkei keinerlei Recht                 auf Kriegsdienstverweigerung gibt, weder f\u00fcr das hiesige allgemeine                 Verst\u00e4ndnis von Kriegsdienstverweigerung, noch f\u00fcr Totalverweigerer.                 Das macht in der T\u00fcrkei praktisch keinen Unterschied. Wer den                 Kriegsdienst verweigert, verweigert damit jeden Dienst. Die Verteidigerinnen                 wiesen in ihrem Pl\u00e4doyer auf internationale Beschl\u00fcsse zur Kriegsdienstverweigerung                 hin und folgerten daraus, dass es ein Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung                 g\u00e4be und die T\u00fcrkei Mehmet Tarhan als erkl\u00e4rten Kriegsdienstverweigerer                 daher nicht wegen Befehlsverweigerung verurteilen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p><b>GWR: Glaubt Ihr, dass Mehmets \u00f6ffentliches Bekenntnis, schwul                 zu sein, ein Grund f\u00fcr dieses ma\u00dflose Urteil ist?<\/b><\/p>\n<p><b>Karin Fleischmann:<\/b> Es ist schon offensichtlich, dass gegen                 Mehmet in besonderer Weise vorgegangen wird. Es kommt ja hinzu,                 dass er im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis in Sivas mit Wissen der Gef\u00e4ngnisleitung                 von anderen Gefangenen misshandelt und bedroht worden ist. Offensichtlich                 soll mit dem Urteil ein Exempel statuiert werden.<\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Rudi Friedrich:<\/b> Die Frage ist nur, an wen richtet sich                 das? Nur an die Bewegung der Kriegsdienstverweigerer oder etwa                 auch an die erstarkende Bewegung von Schwulen, die z.B. in Istanbul                 relativ aktiv und \u00f6ffentlich f\u00fcr ihre Rechte einsteht?<\/p>\n<p>Viele Schwule gehen anders als Mehmet mit der Wehrpflicht um                 und lassen sich ausmustern, was nach einem entw\u00fcrdigendem Pr\u00fcfungsverfahren                 in der T\u00fcrkei m\u00f6glich ist. Mehmet hatte sich aber geweigert, wegen                 seiner Homosexualit\u00e4t ausgemustert zu werden. So ist doch zu vermuten,                 dass das Milit\u00e4r Mehmet als leichteres Opfer begreift.<\/p>\n<p>Weil er schwul ist, kann er einfacher ausgegrenzt und verfolgt                 werden, ohne dass das Milit\u00e4r eine gr\u00f6\u00dfere Solidarit\u00e4tswelle bef\u00fcrchten                 m\u00fcsste. Er kann in doppelter Weise stigmatisiert werden, als Kriegsdienstverweigerer                 und als Schwuler.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie sch\u00e4tzt Ihr die Situation der Solidarit\u00e4tsgruppen                 in der T\u00fcrkei ein?<\/b><\/p>\n<p><b>Karin Fleischmann:<\/b> Bislang ist die Gruppe der Kriegsdienstverweigerer                 und ihrer Unterst\u00fctzerInnen ein kleiner, vor allen Dingen anarchistischer                 Zirkel. Sie sind engagiert, sto\u00dfen aber sehr schnell an ihre Grenzen.                 Einige leben praktisch in der Illegalit\u00e4t, sie m\u00fcssen st\u00e4ndig                 mit Repressionen des Milit\u00e4rs rechnen. Andere sind hilflos angesichts                 einer Situation, in der sie nicht wirklich wissen, wie sie Mehmet                 weiter unterst\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Rudi Friedrich: <\/b>Es w\u00e4re wohl wichtig, eine breitere Basis                 f\u00fcr die Unterst\u00fctzung zu organisieren, z.B. die Schwulenbewegung                 st\u00e4rker in die Soliarbeit einzubinden oder mehr Menschen zu finden,                 die sich \u00f6ffentlich zur Kriegsdienstverweigerung positionieren.               <\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Karin Fleischmann: <\/b>Es w\u00e4re ja schon hilfreich, wenn in                 der T\u00fcrkei das Thema Kriegsdienstverweigerung wirklich diskutiert                 werden k\u00f6nnte. Es wird schon verstanden, dass es M\u00e4nner gibt,                 die nicht zum Milit\u00e4r gehen wollen. Und mehrere Hunderttausend                 M\u00e4nner haben sich dem Milit\u00e4rdienst entzogen, sind ins Ausland                 gefl\u00fcchtet oder untergetaucht in der T\u00fcrkei. Aber kaum einer diskutiert                 \u00fcber die Verpflichtung zum Milit\u00e4rdienst. Das sei eben ein Muss,                 dem &#8222;mann&#8220; sich zu f\u00fcgen habe.<\/p>\n<p><b>GWR: Gab es nach der Verurteilung weitere Aktivit\u00e4ten der                 Solidarit\u00e4tsgruppen in der T\u00fcrkei?<\/b><\/p>\n<p><b>Rudi Friedrich:<\/b> Anfang September haben in Istanbul etwa                 100 Personen eine Demonstration f\u00fcr Mehmet Tarhan durchgef\u00fchrt.                 Zwei weitere haben dort ihre Kriegsdienstverweigerung erkl\u00e4rt,                 \u00fcber 30 Verweigerer, die schon in der Vergangenheit ihre Verweigerung                 \u00f6ffentlich machten, bekr\u00e4ftigten diese in Solidarit\u00e4t mit Mehmet.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie k\u00f6nnen wir Mehmet konkret unterst\u00fctzen?<\/b><\/p>\n<p><b>Rudi Friedrich:<\/b> Mehmet muss die Solidarit\u00e4t auch im Knast                 sp\u00fcren. Deshalb ist es wichtig, ihm Briefe oder Karten zu schreiben.                  ((1)) Dar\u00fcber hinaus ben\u00f6tigt                 die Gruppe in Istanbul Geld. Bei Connection e.V. gibt es daf\u00fcr                 ein eigenes Konto. Als wir dort waren, konnten wir der Gruppe                 1.000 Euro \u00fcbergeben, ein sehr wichtiger Zuschuss f\u00fcr ihre Arbeit.<\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Karin Fleischmann:<\/b> Auf unserer Homepage l\u00e4uft noch eine                 Unterschriftenaktion &#8211; zumindest bis \u00fcber die Berufung von Mehmet                 gegen das hohe Urteil entschieden worden ist. Dar\u00fcber hinaus gibt                 es verschiedene Ideen, die wir verfolgen, aber noch nicht konkretisiert                 haben: Anzeigen in t\u00fcrkischen Zeitungen schalten, \u00fcber das Europ\u00e4ische                 Parlament und die Parlamentarische Versammlung des Europarates                 Druck auf die T\u00fcrkei aus\u00fcben, Aktive aus der T\u00fcrkei einladen.                 \u00dcber unseren E-Mail-Verteiler informieren wir dar\u00fcber.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Juli erschien in der GWR 301 ein Artikel von Rudi                 \u00fcber die T\u00fcrkei, die EU, Militarismus und Kriegsdienstverweigerung.                 Eine Chance auf Ver\u00e4nderungen werde es nur geben, wenn ein st\u00e4rkerer                 Druck von unten mobilisiert und \u00f6ffentlich gemacht werden k\u00f6nne,                 so Dein Res\u00fcmee. Wie k\u00f6nnen wir diesen Druck f\u00fcr die Durchsetzung                 des Menschenrechts auf Kriegsdienstverweigerung verst\u00e4rken?<\/b><\/p>\n<p><b>Rudi Friedrich:<\/b> Wir sagten ja schon, dass die Gruppe in                 der T\u00fcrkei noch relativ klein ist.<\/p>\n<p>Nun steckt sie zudem noch in einer sehr schwierigen Situation,                 in der es darum gehen muss, l\u00e4ngerfristige Perspektiven zu entwickeln.                 Wir haben erlebt, wie wichtig es f\u00fcr die Gruppe war, dass wir                 dort waren, an dem Prozess teilgenommen haben und sie auch weiter                 unterst\u00fctzen wollen. F\u00fcr Mehmet wie auch f\u00fcr eine Arbeit von unten                 ist es unbedingt notwendig, dass die Gruppe internationale Aufmerksamkeit                 und Solidarit\u00e4t erf\u00e4hrt, damit sie einen langen Atem entwickeln                 kann.<\/p>\n<p><b>GWR: Ihr seid seit vielen Jahren in der antimilitaristischen                 Bewegung aktiv. Wie habt Ihr Euch politisiert?<\/b><\/p>\n<p><b>Karin Fleischmann:<\/b> Meine erste Auseinandersetzung mit                 diesen Themen entstand aufgrund der Einplanung von Frauen als                 Schwesternhelferinnen \u00fcber die Notstandsgesetzgebung. Das geschieht                 mit einer Verpflichtung im Rahmen des &#8222;Freiwilligen Sozialen Jahres&#8220;.                 Wir haben dazu aufgerufen, dass Frauen ihre Beteiligung daran                 verweigern &#8211; auch nachtr\u00e4glich. Dar\u00fcber kam ich in M\u00fcnchen zum                 Frauenarbeitskreis der DFG-VK und generell zur antimilitaristischen                 Arbeit.<\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Rudi Friedrich: <\/b>Ich empfand es als Zumutung in ein Gewaltsystem                 eingebunden werden zu sollen: Der Job der Soldaten ist es, andere                 umzubringen. Deswegen war f\u00fcr mich schon fr\u00fch klar, dass ich den                 Kriegsdienst verweigern wollte. <\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus stellte ich fest, dass die Verweigerung oder Desertion                 gerade in einem Krieg ein ganz zentrales Element des Milit\u00e4rs                 angreift: das Befehls- und Gehorsamsprinzip. Daher kann die individuelle                 Entscheidung zur Verweigerung eine enorm gro\u00dfe Bedeutung haben                 und ist ein wichtiger Teil der Arbeit gegen den Krieg.<\/p>\n<p><b>GWR: Was war f\u00fcr Euch der Anlass, vor zw\u00f6lf Jahren den Verein                 Connection zu gr\u00fcnden?<\/b><\/p>\n<p><b>Rudi Friedrich: <\/b>Wir haben gesehen, dass die internationale                 Arbeit f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer und Deserteure zu umfangreich                 wurde, um sie ehrenamtlich zu leisten. Es ist ja auf der einen                 Seite die Solidarit\u00e4tsarbeit mit Verweigerern in anderen L\u00e4ndern                 wie mit Mehmet Tarhan. Auf der anderen Seite beraten und unterst\u00fctzen                 wir Fl\u00fcchtlinge, die vor der Rekrutierung geflohen sind und denen                 der asylrechtliche Schutz in der Regel verwehrt wird. Wir waren                 geradezu erstaunt, wie viele es sind: aus Russland, dem ehemaligen                 Jugoslawien, den USA, Algerien, T\u00fcrkei usw. Das machen wir mit                 Connection e.V. gezielt zum Thema.<\/p>\n<p><b>GWR: Herzlichen Dank.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Ihr seid als BeobachterInnen zu dem Prozess gegen Mehmet Tarhan gefahren. Mit welcher Motivation habt Ihr an dem Verfahren teilgenommen? Karin Fleischmann: Wir waren zu zwei Prozessterminen dort, am 4. und am 10. August. Uns ging es darum, Mehmet zu vermitteln, dass seine Kriegsdienstverweigerung wahrgenommen wird, dass Solidarit\u00e4t aus anderen L\u00e4ndern kommt. 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