{"id":7046,"date":"2005-10-01T00:00:47","date_gmt":"2005-09-30T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7046"},"modified":"2022-07-26T14:15:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:02","slug":"das-a-im-strahlenden-kreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/das-a-im-strahlenden-kreis\/","title":{"rendered":"&#8222;Das A im strahlenden Kreis&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): &#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220;, &#8222;Leben ohne Chef und Staat&#8220;, &#8222;Unter der schwarzen Fahne&#8220; &#8230; Viele B\u00fccher Eures Verlags sind geeignet, Menschen mit dem &#8222;anarchistischen Virus&#8220; zu infizieren. Gab es Schl\u00fcsselerlebnisse, die dazu beigetragen haben, dass Ihr Euch selbst auf die anarchistische Reise begeben habt?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin Kramer:<\/em><\/strong> Also gut: Virus. Viren sind \u00fcberall. Aber eine rechtzeitige Schutzimpfung garantiert lebensl\u00e4ngliche Immunit\u00e4t.<\/p>\n<p>Hat man also bei uns diese Impfung vers\u00e4umt, bedurfte es deshalb keines Schl\u00fcsselerlebnisses, um sich f\u00fcr Anarchismus zu interessieren?<\/p>\n<p>Das hat sich so ergeben, aus der eigenen sozialen Entwicklung, den Zeitumst\u00e4nden und der Besch\u00e4ftigung mit Schriften, z.B. von B. Traven, Jack London, Tucholsky.<\/p>\n<p>Zu Jack London f\u00e4llt mir ein: Meine Mutter ging mit mir und meiner Schwester einmal in der Woche in eine Neuk\u00f6llner Leihbibliothek. Dort &#8222;entdeckte&#8220; ich Jack Londons zweib\u00e4ndiges Werk <em>&#8222;Martin Eden&#8220;.<\/em> Die Beschreibung des sozialen Elends, die Darstellung, wie Martin Eden, fast ein Analphabet, mit Hilfe einer gebildeten Frau (wo und wie sie sich kennen und lieben lernten, habe ich vergessen) langsam einer Welt zugef\u00fchrt wird, die ihm bis dahin verschlossen war, was ihn aus seiner fatalistischen, gottgegebenen miesen Lebenssituation herausholt, nach und nach zum rebellischen Denken und Handeln treibt, das faszinierte mich ungeheuerlich. Raus aus dem Proleten-Ghetto. Lange verband die Liebe beide nicht, die Klassenunterschiede waren dann doch zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Manches treibt einen zum Nonkonformismus.<\/p>\n<p>In unserer Familie gab es \u00fcbrigens ein ganz fr\u00fches Berufsverbot. Mein Gro\u00dfvater, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, muss man heute wohl sagen, illegal <em>SPD<\/em>-Flugbl\u00e4tter in Hausbriefk\u00e4sten verteilte, wurde denunziert und verlor seine Arbeit als G\u00e4rtner bei der Stadt Berlin.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd Kramer:<\/em><\/strong> Es mag katholische, basis-gr\u00fcne, kommunistische, faschistische Viren geben, aber anarchistische auf keinen Fall, denn das Virus ist ein giftiger Saft, und soweit ich informiert bin, gibt es noch kein anarchistisches Getr\u00e4nk. Um bei der biologischen Metapher &#8222;Viren&#8220; zu bleiben: Das Virus ern\u00e4hrt, vermehrt sich auf Kosten eines Lebewesens, und da kommen wir von der Krankheit zur Politik: Das Virus ist ein Parasit, und alle erw\u00e4hnten Gruppierungen sind Schmarotzer.<\/p>\n<p>Ich hatte kein &#8222;Schl\u00fcsselerlebnis&#8220;. Die Hinwendung zu einem bestimmten Denken geschieht meist langsam, fast evolution\u00e4r. Nicht ruckartig: abends verfassungstreu ins Bett, morgens Anarchist.<\/p>\n<p>Ich hatte kein &#8222;Damaskus&#8220;-Erlebnis wie der Judenj\u00e4ger und Schl\u00e4chter Saulus, der, auf dem Weg gen Damaskus, pl\u00f6tzlich von seinem Vorgesetzten &#8211; Gott &#8211; mit bissig-grellem Licht geblendet wurde und die drohende Chefansage vernahm: &#8222;Saulus, Saulus, wandle dich, lass ab von deinem frevelhaften Tun!&#8220; Saulus vernahm es, besserte sich umgehend, wurde zum Paulus &#8211; und erfand das Christentum.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em>Soll das hier eine Religionsstunde werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Bernd Kramer:<\/em><\/strong> Warum nicht?!? Bleiben wir mal bei der Religion, bzw. beim irdischen Personal. Ich nehme an, die wenigsten werden den franz\u00f6sischen Schriftsteller Gilbert Cesbron kennen. Habe alle auf Deutsch \u00fcbersetzten B\u00fccher gelesen. Am eindrucksvollsten finde ich sein <em>&#8222;Die Heiligen gehen in die H\u00f6lle&#8220;.<\/em> Die Hauptfigur, der Priester Pierre, geht in die verrotteten Vorst\u00e4dte von Paris, sieht das verdammte Elend; schuftet als Arbeiter in den Bergwerken und erf\u00e4hrt dort am eigenen Leib, was brutalste Ausbeutung bedeutet. Nach und nach wird ihm klar, hier hilft kein &#8222;Gotteswort&#8220;, Bekehrung und Missionieren sind hier fehl am Platz. Beten beruhigt ihn zwar zeitweilig, \u00e4ndert aber das soziale und auch mentale Elend der Kumpels nicht. Der erbarmungslose Verschlei\u00df menschlicher Arbeit und Lebenskraft emp\u00f6rt ihn mehr und mehr, entfremdet ihn von seiner vorgesetzten Beh\u00f6rde, der katholischen Kirche. Er beteiligt sich an kommunistischen Streiks und wird exkommuniziert.<\/p>\n<p>Rebellion an allen &#8222;Fronten&#8220;: Ignazio Silone. <em>&#8222;Fantomara&#8220;. <\/em>Partisanen in der Auseinandersetzung mit dem Absolutheitsanspruch der Kommunistischen Partei Italiens. <em>&#8222;Die Abenteuer eines armen Christen&#8220;. <\/em>Christen ohne Kirche k\u00e4mpfen gegen die Macht der r\u00f6mischen Kirche.<\/p>\n<p>Wie wir wissen, manchmal kommt es auch auf die Bewohner des Elternhauses an. Ein Haus hatten wir zwar nicht, aber wer einen Vater als Mitbewohner in einer Drei-Zimmer-Wohnung hat, der aus der Kommunistischen Partei wegen des Hitler-Stalin-Paktes austrat und seinem Spr\u00f6ssling u.a. B. Travens Buch <em>&#8222;Ein General kommt aus dem Dschungel&#8220; <\/em>in die Hand dr\u00fcckt, der hat einen guten Vater. Im Buch wird erstmals die Taktik des Guerillakampfes s\u00fcdamerikanischer Indios gegen die Gro\u00dfgrundbesitzer und das Milit\u00e4r beschrieben.<\/p>\n<p>Ja, wer liest, entdeckt, und wenn einer auf seiner Lesereise Texte von Albert Camus, Ignazio Silone, Jack London, Graham Greene, Jaroslav Ha\u0161ek, Arthur Koestler, Vera Figner usw. usf. mitnimmt, dem begegnet irgendwann das A im strahlenden Kreis.<em> <\/em><\/p>\n<p><strong>GWR: Ihr habt im Februar 1968 zusammen mit anderen Mitgliedern der gleichnamigen Berliner Kommune die <em>Linkeck<\/em> als &#8222;erste antiautorit\u00e4re Zeitung&#8220; gegr\u00fcndet. Ein neoanarchistisches Blatt, das sich mit antiklerikalen, staats- und <em>SDS<\/em>-feindlichen Collagen und Cartoons, zum Teil pornographischen Fotos, sowie Texten z.B. von Bakunin und den <em>Linkeck<\/em>-KommunardInnen sehr von den marxistisch gepr\u00e4gten Organen des <em>Sozialistischen Deutschen Studentenbundes<\/em> (SDS) der damaligen Zeit absetzte. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie waren die Reaktionen inner- und au\u00dferhalb der <em>Au\u00dferparlamentarischen Opposition<\/em>? <\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Karin:<\/strong><\/em> Gro\u00dfe Korrektur: <em>linkeck <\/em>wird klein geschrieben.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> K\u00f6nnt Ihr mal das Binnen-I weglassen?!?<em> <\/em>Mich wundert, dass nicht gefragt wird: Wieso <em>linkeck<\/em>? Ein politisches Blatt m\u00fcsste doch zum Beispiel hei\u00dfen: <em>Revolution\u00e4rer Sturm, Klassenkampf, Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft.<\/em> &#8211; Beantworte die nicht gestellte Frage also selbst. Wir wollten, wir mussten eine Zeitung machen, mit einer Zeitung beginnt alle politische Arbeit. Wie sollte unser Blatt nun hei\u00dfen? Wir hechelten verschiedene radikale Namen durch, bis einer von uns ein Rechteck zeichnete. Da sollte der Name rein. Aber dann die Erleuchtung: Wenn es ein Rechteck gibt, dann muss es auch ein <em>linkeck <\/em>geben.<\/p>\n<p>Nicht nur die Politische Polizei war von <em>linkeck <\/em>&#8222;begeistert&#8220;, was sich in emsigen Beschlagnahmungen ausdr\u00fcckte, auch liebe Genossen verschiedener Fraktionen \u00fcbten sich in bigotten Reaktionen, flei\u00dfiger Denunziation und riefen zum Kaufboykott auf. &#8211; Ein Beispiel daf\u00fcr, wie kleinb\u00fcrgerlich ein Teil der Szene war. In <em>linkeck <\/em>(Nummer habe ich vergessen) druckten wir einige brave &#8222;Pornos&#8220; ab.<\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Die waren so was von liederlich: Staatsanwalt treibt&#8217;s &#8211; und hat noch S\u00f6ckchen an!<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Ein Aufschrei: frauenverachtend, menschenunw\u00fcrdig, eklig. &#8211; Nur seltsam: Diese Ausgabe verkaufte sich blendend.<\/p>\n<p>Noch ein Beispiel f\u00fcr den damaligen &#8222;Common-sense&#8220; (\u00fcbersetzt: gew\u00f6hnliche Sense): irgendein 1. Mai. Auf rotem Grund im wei\u00dfen Kreis sollte ein Hakenkreuz auf die Titelseite von <em>linkeck. <\/em>(Der schusselige Drucker hatte aber eine Druckplatte falsch eingerichtet, und so landete das schwarze Hakenkreuz nicht im wei\u00dfen Kreis, sondern darunter. Gefiel uns auch ganz gut.)<\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Wir wollten unser Blatt bei einer Veranstaltung in der Hasenheide, Berlin-Neuk\u00f6lln, auf der u.a. auch Rudi Dutschke, Bernd Rabehl vom <em>SDS<\/em> und der &#8222;linke&#8220; <em>SPD<\/em>-Mann Harry Ristock sprachen, verkaufen. Tumult. Einige Genossen versuchten uns daran zu hindern. Ziemliches Gerangel. &#8222;Linke verkaufen eine Zeitung mit Hakenkreuz!!!&#8220; &#8211; Die hatten die Ironie gar nicht kapiert: Die Nazis hatten den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag erkl\u00e4rt. &#8211; Das war unsere politisch-provokative Botschaft.<\/p>\n<p>Fast vergessen: Zwei, drei Genossen von der <em>linkeck<\/em>-Redaktion waren zur Druckerei marschiert und klauten die Hakenkreuz-Druckplatten. Zum Gl\u00fcck hatten wir aber noch die Negativfilme und konnten so einen Nachdruck machen. &#8211; Die drei haben wir dann rausgeschmissen. Sie gr\u00fcndeten das Blatt <em>CharlieKaputt. <\/em>Nach drei Ausgaben gab&#8217;s Charlie nicht mehr. (Was uns freute.)<\/p>\n<p><strong>GWR: Das dadaistisch inspirierte Schnibbellayout und der schrill-provokative Stil von <em>linkeck<\/em> waren 1968 ein Novum und f\u00fcr viele danach herausgekommene Anarchobl\u00e4tter eine Inspirationsquelle. Vor <em>linkeck<\/em> publizierte anarchistische Zeitschriften waren eher &#8222;seri\u00f6s&#8220; bzw. bleiw\u00fcstig aufgemacht. Kanntet Ihr andere anarchistische Periodika wie z.B. die von 1965 bis 1966 erschienene <em>Direkte Aktion &#8211; Bl\u00e4tter f\u00fcr Gewaltfreiheit und Anarchismus<\/em> aus Hannover? Gab es Kontakte zu Alt-AnarchistInnen? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Ja, das war das Sch\u00f6ne, viele Zeitungen und Zeitschriften kopierten <em>linkeck; <\/em>so auch eine Sch\u00fcler-Zeitung aus Berlin-Spandau: <em>Radikalinski. <\/em>Einen riesigen Wirbel verursachten damit die Sch\u00fcler, weil sie u.a. ihren Direktor, mit Wohnanschrift, sehr robust angriffen. &#8211; Sicher, die <em>Direkte Aktion <\/em>kannten wir, war uns jedoch zu brav.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Das war das Wunderbare, viele alte Genossen kamen zu uns, wir gingen zu ihnen. Auf Anhieb fallen mir ein: Cajo Brendel aus Holland, Daniel Gu\u00e9rin aus Frankreich, Martha W\u00fcstemann, lebte in M\u00fcnchen, hatte am Spanischen B\u00fcrgerkrieg teilgenommen, Fritz Scherer aus Berlin, war in der &#8222;Kundenbewegung&#8220; (vgl. GWR 295), Augustin Souchy, Willy Huhn, Johannes Agnoli, Georg Hepp, Rudolf de Jong, Willy Hupperts, Reinhold Ellenrieder, Maria Hunnink und Arthur Lehning vom <em>Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte<\/em> in Amsterdam, Rob van Gennep, Buchh\u00e4ndler in Amsterdam (er unterst\u00fctzte uns bei der Herausgabe der drei Bakunin-B\u00e4nde). &#8211; Cajo Brendel, Daniel Gu\u00e9rin und Johannes Agnoli hatten wir zum Kronstadt-Kongre\u00df in Berlin eingeladen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was waren Eure Inspirationsquellen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Amsterdamer Provos?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Inspirationsquellen? Da floss vieles zusammen. Wir hatten Kontakte mit den Leuten von den &#8222;Situationisten&#8220; in Frankreich, mit den &#8222;Umherschweifenden Haschrebellen&#8220; in Berlin, Georg von Rauch, Tommy Wei\u00dfbecker, Bodo Saggel, G\u00fcnter Langer, Shorty usw. Von den Provo-Leuten kannten wir nur deren Pamphlete und Schriften.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Wilhelm Reich wurde entdeckt. <em>&#8222;Der sexuelle Kampf der Jugend&#8220;.<\/em> (Sp\u00e4ter wurden sogenannte Raubdrucke seiner Schriften, die nicht im Handel, also nicht zug\u00e4nglich waren, gedruckt.)<\/p>\n<p>Und dann eben Bakunin! Auf ihn sind wir letztlich gekommen durch den d\u00fcmmlichen Satz von Ernst Bloch: &#8222;Bakunin lehrte eine gef\u00e4hrlich leere Leidenschaft.&#8220; Da musste aber mal nachgelesen werden!!! Resultat: <em>&#8222;Staatlichkeit und Anarchie&#8220; <\/em>war f\u00e4llig. Damals tricksten wir: Nicht aus dem Russischen, konnte ja niemand von uns, sondern aus dem Franz\u00f6sischen wurde das Buch von Hansj\u00f6rg Viesel \u00fcbersetzt. Betreibt heute zusammen mit seiner Frau Karin das wunderbare Antiquariat <em>Magister Tinius <\/em>in Falkensee. Dann die drei B\u00e4nde von Bakunins Gesammelten Schriften.<\/p>\n<p><strong>GWR: Vier angebliche <em>linkeck<\/em>-MitarbeiterInnen wurden<em> <\/em>wegen &#8222;Beleidigung&#8220; und &#8222;Verbreitung unz\u00fcchtiger Schriften&#8220; verurteilt. <em>BILD<\/em> machte eine Hetzkampagne gegen das &#8222;linke Terrorblatt&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p><strong>War die Repression der Grund daf\u00fcr, dass <em>linkeck<\/em> 1969, nach Erscheinen der Nr. 9, beerdigt wurde?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Nicht &#8222;angebliche&#8220; <em>linkeck<\/em>-Herausgeber, sondern wahrhaftige Blattmacher mussten die Staatskasse f\u00fcttern. Um den \u00dcberblick \u00fcber die diversen Verfahren und Strafgeldzahlungen nicht zu verlieren, wurden Listen angelegt; die Geldstrafen (bisweilen 800 DM) stotterten wir, schon allein um die Staatsdiener zu \u00e4rgern, in 5-, mal in 10-Mark-Raten ab.<\/p>\n<p>Der uns aufgedr\u00e4ngte, \u00fcberdurchschnittlich emsige Schriftverkehr mit Polizei- und Gerichtsbeh\u00f6rden hatte eine grandiose &#8222;Erfindung&#8220; zur Folge. Alle Brieftexte unserseits an diese Dienststellen schrieben wir so eng an den linken Rand, dass ein normales Lochen geschweige denn ordentliches Abheften in die staatlichen Aktenordner unm\u00f6glich war. Die <em>Kommune 1<\/em> hat unsere &#8222;Erfindung&#8220; freudig \u00fcbernommen.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Einer unserer &#8222;Lieblingsfeinde&#8220; war Hans-Joachim Stenzel, ein Springer-Karikaturist schlimmster Sorte. Schmierte f\u00fcr die <em>B.Z.<\/em> Absoluter <em>St\u00fcrmer<\/em>-Stil. Wir hatten ihn &#8222;Faschisten-Stenzel&#8220; genannt, das kostete 800 DM Strafe wegen Beleidigung.<\/p>\n<p><em>linkeck<\/em> unterst\u00fctze damals die Kampagne <em>Enteignet Springer<\/em> mit Stenzel-Karikaturen, die wir auf Postkarten mit der Parole &#8222;Enteignet Springer&#8220; druckten und verkauften.<\/p>\n<p>Ein anderer Springer-Karikaturist, er war f\u00fcr <em>DIE WELT <\/em>zust\u00e4ndig, zeichnete Rudi Dutschke nach dem Attentat als angeschossenen Depp.<\/p>\n<p>Heute kaum noch in Erinnerung, wie die Springer-Schmei\u00dfbl\u00e4tter damals gegen die Linke hetzten, und da entbl\u00f6det sich im September 2005 der Europa-Abgeordnete der <em>Gr\u00fcnen<\/em>, Michael Cramer, nicht, im Hinblick auf die Umwidmung einer Stra\u00dfe in Berlin in Rudi-Dutschke-Stra\u00dfe, kundzutun: &#8222;Sowohl Dutschke als auch Springer h\u00e4tten sich niemals mit der deutschen Teilung abgefunden&#8220;, das seien ihre Gemeinsamkeiten gewesen.<\/p>\n<p>Schwachsinn. (Pikant ist ja, dass die Dutschke-Stra\u00dfe am Gel\u00e4nde des Axel-Springer-Verlages sein wird.) &#8211; Rudi, Rudi, bitte kehr&#8216; zur\u00fcck und stell diesen Gr\u00fcnen an die Wand &#8211; und lass ihn stehen.<\/p>\n<p>In unserem Buch <em>&#8222;Gefundene Fragmente&#8220;<\/em> wird ausf\u00fchrlich auf die damalige Kampagne gegen Springer hingewiesen: Altvater \/ Blanke \/ Dutschke \/ Krahl \/ Schauer: <em>&#8222;Die demokratische \u00d6ffentlichkeit ist zerst\u00f6rt&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war es auch die polizei-staatliche F\u00fcrsorge, die l\u00e4stig und l\u00e4stiger wurde, und die Geldstrafen trafen uns empfindlich. Letztendlich jedoch waren dann pers\u00f6nliche Reibereien f\u00fcr die Einstellung des Blattes und Aufl\u00f6sung der Wohngemeinschaft ausschlaggebend. (Der Irrsinn kannte ja keine Grenzen: Eine von der <em>Kommune 1<\/em> in die <em>linkeck<\/em>-8-Zimmer-Wohngemeinschaft eingezogene Genossin bestand darauf, dass alle Zimmert\u00fcren ausgehangen werden sollten, sogar die Lokust\u00fcr, damit wir unsere kleinb\u00fcrgerlichen, verspie\u00dften Verhaltensweisen abbauen, und um der reinen Lehre Willen: Aufl\u00f6sung der Zweierbeziehungen.)<\/p>\n<p><strong>GWR: Mit welcher Motivation habt Ihr 1970 den <em>Karin Kramer Verlag<\/em> gegr\u00fcndet?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Die Umst\u00e4nde hatten sich ge\u00e4ndert. Waren wir fr\u00fcher mit einem Stapel B\u00fccher im ersten politischen Buchladen in Berlin bei Karin R\u00f6hrbein aufgekreuzt und hatten gleich kassiert, war das irgendwann nicht mehr m\u00f6glich (wir hatten unter &#8222;Verlag f\u00fcr sozial-revolution\u00e4re Schriften&#8220;, &#8222;Kollektiv-Verlag&#8220;, &#8222;underground-press (l)&#8220; B\u00fccher herausgegeben).<\/p>\n<p>Die B\u00fccherproduktion hatte erheblich zugenommen, es musste ein Gewerbe angemeldet werden. Aus mir unbekannten Gr\u00fcnden konnten wir keinen der drei Verlagsnamen nehmen, dann eben: <em>Karin Kramer Verlag<\/em>.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Na, und KKV h\u00f6rte sich doch gut an.<\/p>\n<p><strong>GWR: K\u00f6nnt Ihr von Eurer Verlagsarbeit leben?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Ich werde das oft gefragt und antworte dann immer: &#8222;Es kommt auf die Bed\u00fcrfnisse an.&#8220;<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Was posaunt der Pausenclown La-Springbrunnen? &#8222;Linke m\u00fcssen nicht arm sein, aber gegen die Armut k\u00e4mpfen!&#8220; &#8211; Oskar, bitte notieren: <em>Karin Kramer Verlag<\/em>, Berliner Sparkasse, Konto-Nummer 141 000 4658 \/ BLZ 100 500 00.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das wohl umstrittenste Buch, das bei Euch erschienen ist, ist <em>&#8222;Silvio Gesell &#8211; der Marx der Anarchisten&#8220;<\/em>, in dem der Freiwirtschaftler und Sozialdarwinist Gesell wenig reflektiert abgefeiert wird. <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Allm\u00e4chtiger: Nicht schon wieder. Man lese meinen Brief an Frau Ditfurth in der <em>\u00d6koLinks<\/em>. &#8211; Das Einzige, was man Gesell h\u00e4tte vorwerfen k\u00f6nnen, dass er w\u00e4hrend der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik nicht die Banken besetzen lie\u00df, sondern aus der deutschen W\u00e4hrung austrat.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gibt es &#8222;Lieblingsb\u00fccher&#8220;, auf die Ihr besonders &#8222;stolz&#8220; seid, dass sie bei Euch erschienen sind?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Jedes Kind ist mir das liebste. Mal eine schwere Geburt, mal eine leichte.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Bevorzuge ich ein Buch, vernachl\u00e4ssige ich seine Br\u00fcder und Schwestern. Nun denn: Uli Bohnen\/Dirk Backes: <em>&#8222;Der Schritt, der einmal getan wurde, wird nicht zur\u00fcckgenommen&#8220; <\/em>(\u00fcber die Rheinischen Konstruktivisten); <em>&#8222;Vom Wesen der Anarchie und Verwesen der Wirklichkeit&#8220;<\/em>; Harry Pross <em>&#8222;Lob der Anarchie&#8220;<\/em>; <em>&#8222;Der Heilige Berg Athos im Wandel der Zeit&#8220;<\/em>; und der Katalog zur Bakunin-Ausstellung.<\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong><em> &#8222;Staatlichkeit und Anarchie&#8220;<\/em>; Emma Goldman <em>&#8222;Gelebtes Leben&#8220;<\/em>; <em>&#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220;<\/em>; <em>&#8222;Revolution\u00e4rer oder restaurativer Bildersturm?&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p><strong>GWR: Mal angenommen, alle AnarchistInnen w\u00fcrden auf eine &#8222;einsame&#8220; Insel oder auf den unwirtlichen Planeten Anarres verbannt. Welche B\u00fccher w\u00fcrdet Ihr mitnehmen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Auf jeden Fall die alten Russen, h\u00e4ngt aber auch vom Zeitpunkt und der eigenen Verfassung ab.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Ich mag keine &#8222;einsamen&#8220; Inseln und Verbannung sowieso nicht. Ich bleibe in Berlin-Neuk\u00f6lln, Braunschweiger Stra\u00dfe 22, 2. Stock links, und Niemetzstra\u00dfe 19, parterre. Gelesen werden mal wieder Schriften von E. M. Cioran, Kropotkin und Herzen und ein paar alte Griechen.<\/p>\n<p><strong>GWR: <em>Attac<\/em>-Sprecher Sven Giegold hat in der <em>taz<\/em> vom 20.9.02 in einem Gespr\u00e4ch mit dem Ex-Anarchisten Daniel Cohn-Bendit auf die Frage, ob er &#8222;auch mal R\u00e4tekommunist gewesen&#8220; sei, geantwortet: <em>&#8222;Ja, aber nicht Jahre, sondern viel k\u00fcrzer. Im ersten Semester Politik habe ich begriffen, dass Anarchismus Unsinn ist und dass Selbstverwaltung eine gute Idee f\u00fcr Leute ist, die so leben wollen &#8211; aber keine Vision f\u00fcr die ganze Gesellschaft.<\/em>&#8220; Giegold ist keine Ausnahme. Viele tummeln sich nur ein, zwei Jahre in der anarchistischen Szene und ziehen sich dann zur\u00fcck. Was meint Ihr, woran das liegt? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Mon dieu, diese Schwatzbacke Cohn-Wende-it. Ein salbadernder Schwadroneur. Woher sollte ich wissen, weshalb etliche Zeitgenossen die &#8222;Seiten&#8220; wechselten?<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie erkl\u00e4rt Ihr Euch, dass Ihr nun schon so lange der anarchistischen Idee, dem Traum von einer herrschaftslosen Gesellschaft, treu geblieben seid und nicht die Seite gewechselt habt?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Es hat sich nichts Besseres angeboten.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Wohin sollte ich denken, wenn rechts und links, oben und unten, vorne und hinten nichts zu erblicken ist, was das bisherige Denken zu einem &#8222;Seitenwechsel&#8220; animieren k\u00f6nnte?!? Ich bin konservativ: erhalten, was sich bew\u00e4hrt hat. Neues gibt es genug. Weiter suchen, nicht in saturierter Unbeweglichkeit erstarren.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was ist Eure Lebensphilosophie?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Nicht unbedingt: Tages Arbeit, abends G\u00e4ste, saure Woche, frohe Feste &#8211; eher: &#8230; denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> &#8222;Lebensphilosophie&#8220;? &#8211; Leben. Miete zahlen. Die hedonistischen Antriebskr\u00e4fte nicht versiegen lassen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was plant Ihr zuk\u00fcnftig, und welche Perspektiven seht Ihr, als Verlag, pers\u00f6nlich und als Teil der anarchistischen Bewegung?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Was sagte der olle Brecht? &#8222;Mach nur einen Plan&#8230;&#8220; &#8211; Ein satter Lottogewinn muss her, um u.a. endlich Max Nettlaus beide volumin\u00f6sen, handschriftlichen B\u00e4nde zu transkribieren und zu drucken. &#8211; Die anarchistischen Bewegungen m\u00f6gen weiterhin so rege und phantasievoll bleiben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Habt Ihr Ratschl\u00e4ge, die Ihr jungen Menschen mit auf den Weg geben m\u00f6chtet?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Karin:<\/em><\/strong> Eher nicht.<\/p>\n<p>Rat und Schlag! Wichtig: immer neugierig bleiben.<\/p>\n<p><strong><em>Bernd:<\/em><\/strong> Mein Gott, was soll ich darauf antworten?!?<\/p>\n<p>Bin kein P\u00e4dagoge, habe keine Richtlinienkompetenzen.<\/p>\n<p>Vielleicht das: Da sprach der Herr zum Knecht: mir geht es aber schlecht. Da sprach der Knecht zum Herren: das h\u00f6rt man aber gern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): &#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220;, &#8222;Leben ohne Chef und Staat&#8220;, &#8222;Unter der schwarzen Fahne&#8220; &#8230; Viele B\u00fccher Eures Verlags sind geeignet, Menschen mit dem &#8222;anarchistischen Virus&#8220; zu infizieren. Gab es Schl\u00fcsselerlebnisse, die dazu beigetragen haben, dass Ihr Euch selbst auf die anarchistische Reise begeben habt? Karin Kramer: Also gut: Virus. Viren sind \u00fcberall. Aber &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/das-a-im-strahlenden-kreis\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Das A im strahlenden Kreis\" - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution (GWR): \"Was ist eigentlich Anarchie?\", \"Leben ohne Chef und Staat\", \"Unter der schwarzen Fahne\" ... 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