{"id":7048,"date":"2005-10-01T00:00:00","date_gmt":"2005-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7048"},"modified":"2022-07-26T14:15:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:03","slug":"anarchismus-und-lebensreform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/anarchismus-und-lebensreform\/","title":{"rendered":"Anarchismus und Lebensreform"},"content":{"rendered":"<p>Aber es sind nicht wenige Einzelg\u00e4nger, die ganz f\u00fcr sich Befreiung von Herrschaft und Gewalt suchten und einen Weg auch \u00f6ffentlich vorschlugen, der Selbstver\u00e4nderung und Gesellschaftsver\u00e4nderung verbinden sollte.<\/p>\n<p>Einen von ihnen stellt uns Reinhard M\u00fcller in seinem vorbildlich recherchierten und sch\u00f6n illustrierten Band ((1)) vor: Franz Prisching (1864-1919), einen aus \u00e4rmsten Verh\u00e4ltnissen stammenden Autodidakten. Der Sohn eines Schuhmachers und Kr\u00e4utersammlers muss den Eltern von fr\u00fch an bei der Arbeit helfen. F\u00fcr den Schulbesuch bleiben in seinem ganzen Leben nur wenige Wintermonate, in denen er unter dem Hohn der Kinder reicher Leute und unter der Pr\u00fcgelstrafe des Pfarrers leidet.<\/p>\n<p>Vielleicht war er aber nicht trotz, sondern gerade wegen seiner mangelnden Schulbildung zeitlebens an Bildung interessiert und nicht gebrochen &#8211; wohl aber entschieden gegen die Einsch\u00fcchterung, die sich dagegen richtet, dass Menschen sich ihres eigenen Verstandes bedienen.<\/p>\n<p>Als Franz 13 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter, und er muss als Tagel\u00f6hner arbeiten, um den Vater zu unterst\u00fctzen, der an Lungenschwindsucht erkrankt war und daran 1885 stirbt. Franz wechselt h\u00e4ufig seinen Wohnort, und er trinkt unm\u00e4\u00dfig. Aber es gelingt ihm, der ein begeisterter Leser ist und als Au\u00dfenseiter der Gesellschaft Erfahrungen der Ausgrenzung erlebt, sich von den herrschenden Ideologien zu befreien, die Armut und Rechtlosigkeit als &#8222;g\u00f6ttliche Weltordnung&#8220; besch\u00f6nigen.<\/p>\n<p>Etwa 1891 findet er Anschluss an die sozialistische Arbeiterbewegung, und er kann eine Handwerkerlehre beginnen: Der Maurerberuf soll ihm das n\u00f6tige Geld und die Freizeit verschaffen, sich zu bilden. Schnell wendet er sich den Anarchisten (&#8222;Unabh\u00e4ngige Socialisten&#8220;) zu und erlebt deren Verfolgung durch die Beh\u00f6rden, was nicht selten von der Sozialdemokratie begr\u00fc\u00dft wird. In diesen pr\u00e4genden Jahren tritt Prisching auch aus der Kirche aus und schlie\u00dft sich den Freireligi\u00f6sen an. Ab 1897 agiert er \u00f6ffentlich, auch durch Zuschriften an deutsche anarchistische Zeitungen. Er beginnt, anarchistische Agitationstexte zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begeistert er sich f\u00fcr theosophische \u00dcberzeugungen. Elemente dieser Weltanschauung bleiben auch sp\u00e4ter seinem Anarchismus erhalten, vor allem, dass der Mensch sich selbst ver\u00e4ndern m\u00fcsse, um eine bessere Gesellschaft zu erreichen. Er verbindet anarchistische und lebensreformerische Konzepte, wird Vegetarier und hat kein Bed\u00fcrfnis mehr nach Alkohol.<\/p>\n<p>1903 ver\u00f6ffentlicht er im Selbstverlag seine auf dem absoluten T\u00f6tungsverbot aufbauenden sozialen Ideen. Es ist der Beginn langer Jahre \u00f6ffentlicher Agitation f\u00fcr einen christlichen und lebensreformerischen Anarchismus, der sich schnell von der Klassenbindung l\u00f6st und sich an &#8222;alle Freunde der Gewaltlosigkeit, der Freiheit&#8220; richtet.<\/p>\n<p>Bis 1914 bringt Franz Prisching dann unter gro\u00dfen Opfern und immer um Geld verlegen seine Zeitschrift heraus: &#8222;Der g&#8217;rode Michl&#8220;. Es ist ein selbstbewusstes Organ des autodidaktischen Arbeiters, das eine direkte, ungek\u00fcnstelte Sprache spricht. Bis 1905 versucht er, mit den &#8222;Freien Sozialisten&#8220; zusammenzuarbeiten, danach bricht er mit ihnen und bek\u00e4mpft noch st\u00e4rker jedes F\u00fchrertum und jede Parteipolitik, weil sie die Selbstbewusstseinsentwicklung, den Idealismus und Kampfesmut der Arbeiter l\u00e4hmen.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich werden seine Ideen auch von manchen Anarchisten herablassend behandelt oder durch den Kakao gezogen, so dass auch zu den anarchistischen Gruppen die Distanz nach 1907 gr\u00f6\u00dfer wird. Die Siedlungsfrage besch\u00e4ftigt Franz Prisching zunehmend, ebenso der Tierschutz und der Kampf gegen Tierversuche; 1910\/11 versucht er, eine &#8222;Hilfsstation f\u00fcr Tiere&#8220; zu errichten. Der &#8222;g&#8217;rode Michl&#8220; bekommt 1913 die Beilage &#8222;Recht den Rechtlosen. Organ f\u00fcr den gesamten Tierschutz&#8220;, die jedoch bald wieder eingestellt werden muss.<\/p>\n<p>All die Jahre leiden Franz Prisching, seine Frau Johanna Struckl und deren Kinder Not; zeitweise versuchen sie, sich als Selbstversorger von einem kleinen St\u00fcck Land zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<p>Diese Armut mag der Hintergrund daf\u00fcr sein, dass Franz 1913 in die Evangelische Kirche eintritt (seine Frau hatte diesen Schritt schon fr\u00fcher getan) und beide sich kirchlich trauen lassen. Sie sind auf materielle Unterst\u00fctzung angewiesen.<\/p>\n<p>1913 \u00f6ffnet Prisching den &#8222;G&#8217;roden Michl&#8220; der &#8222;Neu-Jesus-Bewegung&#8220;, die ein antikonfessionelles und pazifistisches Reich-Gottes-Christentum propagiert.<\/p>\n<p>1914 muss der &#8222;G&#8217;rode Michl&#8220; das Erscheinen einstellen. 1919 stirbt Franz Prisching kurz nach seiner am 21. Mai geborenen Tochter wie diese an den Pocken.<\/p>\n<p>&#8222;Als Tagel\u00f6hner, Maurergehilfe und selbstversorgender Landwirt schuf er eine der interessantesten Zeitschriften der deutschsprachigen alternativen Bewegungen, als Anarchist und Pazifist versuchte er, Menschen zu einem besseren Leben zu f\u00fchren und zu einer gl\u00fccklicheren Gesellschaft. Betrachten wir unsere gegenw\u00e4rtige Gesellschaft, scheint wenig von seinen Ideen geblieben zu sein, doch niemand von uns kann sagen, wie die Welt heute auss\u00e4he, h\u00e4tte es nicht solche Menschen gegeben wie Franz Prisching.&#8220;<\/p>\n<p>Der Band dokumentiert ausf\u00fchrlich die Leserschaft und die Mitarbeiter des &#8222;G&#8217;roden Michl&#8220;, die Verbreitung der Zeitschrift &#8211; und ihre Finanzsorgen.<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt eine sorgf\u00e4ltig bearbeitete Bibliographie von bewundernsw\u00fcrdiger Genauigkeit und last but not least das &#8222;AbeCe des G&#8217;roden Michl&#8220;, eine Sammlung charakteristischer Passagen, die alphabetisch von &#8222;Anarchie&#8220; bis &#8222;Zum Schlu\u00df&#8220; einen sehr guten Einblick in die Gedankenwelt und die eigenwillige Sprache Prischings gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber es sind nicht wenige Einzelg\u00e4nger, die ganz f\u00fcr sich Befreiung von Herrschaft und Gewalt suchten und einen Weg auch \u00f6ffentlich vorschlugen, der Selbstver\u00e4nderung und Gesellschaftsver\u00e4nderung verbinden sollte. 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