{"id":7052,"date":"2005-10-01T00:00:38","date_gmt":"2005-09-30T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7052"},"modified":"2022-07-26T14:24:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:28","slug":"tierra-y-libertad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/tierra-y-libertad\/","title":{"rendered":"Tierra y Libertad"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>&#8222;Wenn es euch scheint, dass man die Freiheit nicht gehend erreicht, dann lauft.&#8220;<\/em> (RFM, S. 78)<\/strong><\/p>\n<p>Mir scheint, dass ich die Freiheit nicht sprechend erreiche, darum schreibe ich:<\/p>\n<p>Und das von der Gruppe B.A.S.T.A. herausgegebene Buch &#8222;Tierra y Libertad&#8220; ist es wert, dass mensch dar\u00fcber schreibt. Eigentlich ist es kein Drama, sondern ein s\u00e4uberlich zusammengetragenes Werk mit erstmals ins Deutsche \u00fcbersetzten Texten des mexikanischen Anarchisten Ricardo Flores Mag\u00f3n. Es ist gespickt mit Zeichnungen, Drucken und Fotografien, welche Mag\u00f3n und engere Zeitgenossen portraitieren oder bildliche Darstellungen von damaligen Ereignissen und Zust\u00e4nden zeigen.<\/p>\n<p>Die Leserin merkt, dass dieses Werk von der Herausgeberin mit viel Liebe zum Detail und vor allem zum Thema gestaltet wurde. Der erste Teil besteht aus Hintergrundwissen zum eigentlichen Autor, wof\u00fcr ich als Laiin der mexikanischen Geschichte dankbar bin. Hier werden Einzelheiten zu der mexikanischen Revolution, eine ausf\u00fchrliche Biographie (auch wenn ich pers\u00f6nlich anmerken will, dass ich ausf\u00fchrliche Biografien eher langweilig finde, und zu meiner Schande eingestehen muss, selbige nicht vollends gelesen zu haben) und eine Einf\u00fchrung in die Ideenwelt des Revoluzzers in die Hand gegeben.<\/p>\n<p>Mag\u00f3n ist mitnichten, wie die Mehrheit seiner europ\u00e4ischen Zeitgenossen, ein reiner Theoretiker. Viele seiner Ideen zieht er nicht aus langen \u00dcberlegungen, sondern aus eigenen Erfahrungen, auch tr\u00e4gt er seine Erkenntnisse nicht in trockener Form vor, sondern in bildreicher Sprache, ausformulierten Beispielen und Gleichnissen. Diese Texte, welche haupts\u00e4chlich aus der von Magon gegr\u00fcndeten Zeitung &#8222;Regeneracion&#8220; entnommen wurden, sind von der Herausgeberin bestimmt nicht zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt worden. So halten sich politische und lyrische Texte die Waage, in denen Mag\u00f3n sowohl seine Ideologie argumentativ untermauert als auch propagiert.<\/p>\n<p>Gleichzeitig verteilt er Handlungsanweisungen und Organisationsm\u00f6glichkeiten an Angeh\u00f6rige und Sympathisantinnen der &#8222;Liberalen Mexikanischen Partei&#8220;. Diese wurde von ihm mitgegr\u00fcndet, verf\u00fcgte aber im Gegensatz zu anderen Parteien nicht \u00fcber ein Oberhaupt, sondern \u00fcber eine Organisationsjunta. Das heutige Verst\u00e4ndnis von Parteien ist sicher irref\u00fchrend, da diese nicht aus etwaigen Machtinteressen oder Anspr\u00fcchen heraus agierte, sondern als handlungsf\u00e4hige Organisation. Was f\u00fcr viele heutige Anarchistinnen oder andere Sozialrevolution\u00e4re wohl befremdlich klingen muss, ist, dass sich diese Partei ihre Ideologie nicht in Leuchtbuchstaben auf die Fahne schrieb, sondern Ideen und Handlungsgrunds\u00e4tze hatte, bei denen es darauf ankam, selbige in der Praxis zu vertreten (dies war vielleicht sogar noch wichtiger, als sich im Diskurs dar\u00fcber zu zergehen). So soll es sogar vorgekommen sein, dass die so genannten Mag\u00f3nistinnen mit den Zapatistas im S\u00fcden Mexikos sympathisierten, obwohl Letztgenannte gar keine &#8222;echten&#8220; Anarchisten waren!<\/p>\n<p>Mag\u00f3n, der sich selbst nur selten als Anarchist bezeichnete, ging es darum, mit dem und durch das mexikanische(n) Volk die Regierung sowie die besitzende Klasse zu st\u00fcrzen. Er wollte weder eine neue Regierung einsetzen, denn: &#8222;Wann hat man schon mal gesehen, dass die Regierung den Hungrigen Brot und den Sklaven die Freiheit gegeben hat?&#8220; (S. 150), noch war er gewillt, das enteignete Land neu zu verteilen, da f\u00fcr ihn das Recht auf Eigentum die eigentliche Wurzel allen Unheils und aller Ungerechtigkeit war. Also reicht es nicht, die Regierung zu ersetzen oder abzuschaffen, denn dies w\u00fcrde nicht gen\u00fcgen, um das Recht eines jeden Menschen, an den Vorz\u00fcgen der modernen Gesellschaft teil zu haben (S. 102), zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn ist der Mensch erst frei, wenn er nicht mehr gezwungen ist, seine Arbeit zu vermieten oder sich alleine den Buckel krumm zu schuften, sondern wenn er sich mit anderen gemeinsam organisiert, dort arbeitet, wo seine Bef\u00e4higungen liegen, und die so produzierten G\u00fcter nach den einzelnen Bed\u00fcrfnissen aufgeteilt werden. Hieraus formuliert Mag\u00f3n den Aufruf &#8222;Tierra y Libertad&#8220;, den sp\u00e4ter auch Zapata aufgenommen hat.<\/p>\n<p>Gilt dieses Grundrecht f\u00fcr alle? Auch f\u00fcr all die &#8222;Faulen&#8220;, die einfach nichts zum Wachstum des Bruttosozialproduktes beitragen wollen (ob es in einer solchen Gesellschaft wohl noch ein Bruttosozialprodukt geben wird?) wie jetzt bei uns z.B. die \u00fcber 5 Millionen Arbeitslosen, die auch nach Hartz IV immer noch nicht arbeiten?<\/p>\n<p>Mag\u00f3n hatte schon an Alte, Menschen mit Behinderungen und Kinder gedacht, die, auch wenn sie nicht arbeiten, das Recht auf die Befriedigung ihrer Bed\u00fcrfnisse haben, allerdings h\u00e4lt er es da mit &#8222;arbeitsunwilligen&#8220; Personen anders.<\/p>\n<p>&#8222;Arbeitsunwillig&#8220; sind nicht diejenigen, die ihren Buckel nicht f\u00fcr den Geldbeutel eines reichen Herren krumm machen wollen, &#8222;arbeitsunwillig&#8220; gelten ihm die Mitglieder der &#8222;Dreieinigkeit&#8220;, wie Mag\u00f3n das Zusammenspiel von Staat, Kirche und Kapital bezeichnet. Denn: &#8222;Wenn der Arme lediglich f\u00fcr sich selbst und seine Familie arbeitete, was w\u00fcrde der Reiche dann essen? Woher w\u00fcrde der Reiche dann seinen Luxus beziehen, den er zur Schau stellt? F\u00fcr das Wohlergehen der Reichen ist es unabdingbar, dass der Arme leidet.&#8220; (S. 152) Damit baut er ein Feindbild auf, welches auch in seinen literarischen Texten durch eine Charakterisierung des guten Arbeiters und des b\u00f6sen Kapitalisten versch\u00e4rft wird. Diese gef\u00e4rbte Darstellung ist bisweilen bedauerlich, da sie so wirkt, als ob Mag\u00f3n mit erhobenem Zeigefinger sein Volk im Umgang mit der Revolution unterrichte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig bietet er der Leserin interessante Denkanst\u00f6\u00dfe, da er viele Themen, die immer noch von Relevanz sind, aus anderer Perspektive beleuchtet, als es in heutigen \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00fcblich ist. So hei\u00dft es \u00fcber Krieg und Frieden in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft: &#8220; So lange es Arme und Reiche gibt, wird kein Frieden herrschen. Und dies ist auch nicht w\u00fcnschenswert, weil dieser Frieden auf politische, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit von Millionen Menschen gegr\u00fcndet sein w\u00fcrde.&#8220; (S.110)<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre von Mag\u00f3n regt an, wie auch die im Anhang befindlichen Interviews mit drei mag\u00f3nistischen Gruppen zeigen.<\/p>\n<p>Ich finde die Konsequenz, mit der Mag\u00f3n seine Ideen in die Praxis umzusetzen versucht, beeindruckend. Von der Art, wie er mit anderen Zeitgenossen zusammenarbeitet, die abweichende Vorstellungen haben, k\u00f6nnten wir, die wir uns haupts\u00e4chlich \u00fcber unterschiedliche Ideologien mit unterschiedlichen Tendenzen zerstreiten, eine Scheibe abschneiden. Am wichtigsten ist seine Kernaussage, dass keine Regierung das Elend abschaffen kann, denn das muss mensch selber erledigen, und daf\u00fcr muss mensch das Eigentum abschaffen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn es euch scheint, dass man die Freiheit nicht gehend erreicht, dann lauft.&#8220; (RFM, S. 78) Mir scheint, dass ich die Freiheit nicht sprechend erreiche, darum schreibe ich: Und das von der Gruppe B.A.S.T.A. herausgegebene Buch &#8222;Tierra y Libertad&#8220; ist es wert, dass mensch dar\u00fcber schreibt. 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