{"id":7054,"date":"2005-10-01T00:00:09","date_gmt":"2005-09-30T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7054"},"modified":"2022-07-26T14:15:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:03","slug":"anarchismus-in-der-postmoderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/anarchismus-in-der-postmoderne\/","title":{"rendered":"&#8222;Anarchismus in der Postmoderne&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr viele Linke und Libert\u00e4re ist die &#8222;Postmoderne&#8220; nach wie vor ein Schimpfwort, zuweilen abgekanzelt als theoretisch-methodische Beliebigkeit, passend zum bastelbiographischen Individualismus linksliberaler Lifestyle-Eliten.<\/p>\n<p>Ein Pudding, der durch die Diskurse wabert, nicht so recht in die gewohnten Schubladen und Denkschablonen passt, kein agitprop-freundliches Schwarz-Wei\u00df und keine greifbare Handlungsanweisung, keine Wahrheit, nicht alles fein logisch abgeleitet bis zum bitteren Ende und zum geschlossenen Weltbild.<\/p>\n<p>Das von J\u00fcrgen M\u00fcmken herausgegebene und nun im Frankfurter Verlag Edition AV erschienene B\u00e4ndchen &#8222;Anarchismus in der Postmoderne&#8220; versucht, libert\u00e4res Denken und Handeln anhand der unter &#8222;Postmoderne&#8220; subsumierten Debatten und Theoriestr\u00f6mungen zu aktualisieren. Der Buchtitel verleitet sprachlich jedoch zu Kurzschl\u00fcssen, in dem er <em>einen<\/em> Anarchismus in <em>eine<\/em> Beziehung zu <em>einer<\/em> Postmoderne setzt. Tats\u00e4chlich schlagen die acht Beitr\u00e4ge einen weiten Bogen und verkn\u00fcpfen unterschiedliche Aspekte linker Theorie und Praxis zu einem dichten und keinesfalls widerspruchsfreien Geflecht.<\/p>\n<p>Die Postmoderne wird als keineswegs &#8222;beliebige&#8220; theoretische Str\u00f6mung konzipiert. Sie verneint jeden Wahrheits- und Objektivit\u00e4tsanspruch, nicht jedoch moralisch begr\u00fcndete Kritik der Gesellschaft. Zum Zwecke des Verst\u00e4ndnisses wendet sie sich den kognitiven, sprachlichen und kulturellen Praktiken der Selbstkonstitution und Machtaus\u00fcbung zu. Hierzu z\u00e4hlen etwa Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus und Postfeminismus (Michel Foucault, Jacques Derrida, Judith Butler&#8230;). Zur postmodernen Zeitdiagnose geh\u00f6ren neue hegemoniale Regime unter den Stichw\u00f6rtern Neoliberalismus, Biopolitik und ein Wandel der Herrschaftspraktiken unter dem Schlagwort &#8222;Gouvernementalit\u00e4t&#8220;: das &#8222;Regierung-Denken&#8220;, oder die zunehmende Durchdringung der Gesellschaft mit den Herrschaftsmechanismen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklungen, so die Diagnose, m\u00fcssen auch neue Formen der Widerst\u00e4ndigkeit hervorbringen, weil &#8222;einige der Voraussetzungen des klassischen Anarchismus \u00fcberholt sind&#8220; (Klappentext). Durch die Brille der Postmoderne werden daher Probleme des Klassenkampfes, Perspektiven traditionell-herrschaftsfreier Gesellschaften, Veganismus und die Praxis des Zapatismus betrachtet, der von einigen Autoren als &#8222;erste Rebellion des 21. Jahrhunderts&#8220; gesehen wird und oft als Referenz f\u00fcr die gesuchte neue, &#8222;postmoderne&#8220; Widerst\u00e4ndigkeit herhalten muss. Manch land- oder besser stadtl\u00e4ufiger Anarchist w\u00fcrde einiges hiervon als \u00fcberaus unanarchistisch gei\u00dfeln, aber das nur nebenbei.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke dieses Buches liegt f\u00fcr mich vor allem in der guten theoretischen Fundierung der meisten Beitr\u00e4ge und der nachvollziehbaren Anbindung dieser an libert\u00e4re Debatten. Es erscheint daher lohnens- und lesenswert f\u00fcr alle, die sich f\u00fcr aktuelle Denkans\u00e4tze interessieren, welche der Diskussion von Perspektiven linker Praxis dienlich sein k\u00f6nnten. Wie diese konkret aussehen k\u00f6nnten &#8211; dazu gibt es vor allem Fragen. &#8222;Nun, fragend schreiten wir voran&#8230;&#8220; (Torsten Bewernitz, S. 134)<\/p>\n<p>Was fehlt, obwohl in der postmodernen Diskussion kaum zu umgehen: die Geschlechterfrage. In diesem Band finden nur ziemlich beil\u00e4ufige Ann\u00e4herungen daran statt &#8211; am wenigsten unkonkret, jedoch auf einem merkw\u00fcrdigen Umweg \u00fcber Anthropozentrismus und Veganismus im Beitrag von Bernd-Udo Rinas. Wie die Autoren &#8211; neben den genannten Jens Kastner, Ralf Burnicki und Olaf Kaltmeier &#8211; selbst zugeben, klafft hier eine wesentliche L\u00fccke. Auch beim Lektorat haben M\u00fcmken und AV Mut zur L\u00fccke bewiesen, manchem Beitrag h\u00e4tte eine \u00dcberarbeitung gut getan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr viele Linke und Libert\u00e4re ist die &#8222;Postmoderne&#8220; nach wie vor ein Schimpfwort, zuweilen abgekanzelt als theoretisch-methodische Beliebigkeit, passend zum bastelbiographischen Individualismus linksliberaler Lifestyle-Eliten. 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