{"id":7056,"date":"2005-10-01T00:00:36","date_gmt":"2005-09-30T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7056"},"modified":"2022-07-26T14:15:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:02","slug":"nelly-sachs-und-simone-weil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/nelly-sachs-und-simone-weil\/","title":{"rendered":"Nelly Sachs und Simone Weil"},"content":{"rendered":"<p>Sie waren zwei assimilierte J\u00fcdinnen, die philosophisch unterschiedlicher nicht ausgerichtet sein konnten und sich doch nahe kamen: die franz\u00f6sische Anarchistin und sp\u00e4tere Christin Simone Weil (1909-1943) und die Deutsche &#8222;mosaischen Glaubens&#8220; (S. 45) Nelly Sachs (1891-1970), die erst am 16. Mai 1940 mit einer der letzten Passagiermaschinen nach Schweden ausreisen und dadurch der Shoah entkommen konnte. Beide sind sich nie pers\u00f6nlich begegnet, doch Nelly Sachs hat Simone Weil lesend kennen gelernt und gesch\u00e4tzt: &#8222;Sie ist da gewesen, eine gro\u00dfe Beunruhigende (&#8230;) Simone Weil.&#8220; (zit. nach S. 485)<\/p>\n<p>Erika Schweizers Buch ist die beeindruckende Darstellung der von verschiedenen religi\u00f6sen Traditionen ausgehenden, dann aber konvergierenden theologischen und philosophischen Positionen beider. Im Mittelpunkt der Dissertation stehen die theologische Interpretationen der Lyrik von Nelly Sachs, Mitglied der Gruppe 47 und 1966 Literaturnobelpreistr\u00e4gerin, sowie vieler Aufzeichnungen, religi\u00f6ser Texte, \u00fcberraschender Theaterst\u00fccke und einiger Gedichte, die Simone Weil verfasst hat. Die Lekt\u00fcre ist ein literaturwissenschaftlicher Genuss und jenen zu empfehlen, die bisher theologisch weniger interessiert waren oder bewandert sind, wie z.B. der Rezensent selbst.<\/p>\n<p>Nelly Sachs hat \u00fcber Simone Weil in den f\u00fcnfziger Jahren in Briefen geschrieben und einen Prosatext (&#8222;Stille und Schmerz&#8220;, bislang unver\u00f6ffentlicht, im Anhang abgedruckt) sowie ein Gedicht (um 1960 herum) \u00fcber sie verfasst. Das Gedicht hei\u00dft &#8222;In W\u00fcsten gehn&#8220; und hat als Untertitel &#8222;Simone Weil zum Ged\u00e4chtnis&#8220;. Es spricht, wie ich finde, sensibel und treffend von Simone Weil, etwa in der ersten Strophe:<\/p>\n<p>&#8222;Pl\u00f6tzlich aufstehn<br \/>\nvom Mittagstisch<br \/>\nnur mit dem Leib bewaffnet<br \/>\nzu den lachenden Hy\u00e4nen wandern.&#8220;<\/p>\n<p>Die &#8222;lachenden Hy\u00e4nen&#8220;, mit denen es Simone Weil zu tun hatte, waren Hitler, Franco und die monotone Maschinerie der Arbeitswelt. Dagegen k\u00e4mpfte sie &#8222;nur mit dem Leib bewaffnet&#8220; und blieb, so lange es ihr m\u00f6glich schien, pazifistische Anarchistin, auch noch w\u00e4hrend und nach ihrer Beteiligung an der Kolonne Durruti in der spanischen Revolution 1936. Sie unterst\u00fctzte erst nach dem \u00dcberfall der Nazis auf die Tschechoslowakei 1938 die alliierte Kriegsf\u00fchrung, was zeitlich mit ihrer Hinwendung zur Christin zusammenfiel.<\/p>\n<p>In ihrer biographischen Zusammenfassung umrundet Erika Schweizer ein wenig den anarchistischen und anarchosyndikalistischen Lebensabschnitt Simone Weils (S. 64ff.), der subtil, aber durchaus sp\u00fcrbar auch in ihrer sp\u00e4teren, christlichen Lebensphase wirksam blieb.<\/p>\n<p>Immerhin wird ihre Zugeh\u00f6rigkeit zum &#8222;revolution\u00e4ren Syndikalismus&#8220; (S. 69) benannt. Eine im Verlag Graswurzelrevolution f\u00fcr das kommende Jahr geplante Ver\u00f6ffentlichung eines franz\u00f6sischsprachigen Werkes zu &#8222;Simone Weil und der Anarchismus&#8220;, herausgegeben von Charles Jacquier, wird hierzu die notwendige Erg\u00e4nzung liefern.<\/p>\n<p>Ein Verdienst der Autorin ist es, mit Hilfe des bisher unbekannten Textes von Nelly Sachs auf den wunden Punkt von Simone Weil hinzuweisen:<\/p>\n<p>&#8222;Simone Weil war J\u00fcdin. Sie liebte ihr Volk nicht. Sie, die die Gaben ihres Geistes in die Arbeiterh\u00fctten trug und die Gefahren umarmte, sie erw\u00e4hnt die unerh\u00f6rten Leiden ihres Volkes nicht. Sie schlie\u00dft die Pforte vor seinem Urquell, dem alten Testament.&#8220; (Sachs, zit. n. S. 486)<\/p>\n<p>Erika Schweizer analysiert ausf\u00fchrlich den christlichen Antijudaismus von Simone Weil, der umso \u00fcberraschender ist, weil sie sich ja selbst als Betroffene (Lehrverbot) des Vichy-Regimes gegen das &#8222;Statut des Juifs&#8220; vom 3.10.1940 wandte. Sie tat das als assimilierte J\u00fcdin und kritisierte in einem Protestbrief das &#8222;Wort Jude&#8220; in zeitgen\u00f6ssischer, f\u00fcr Assimilierte typischer, der Aufkl\u00e4rung verpflichteter Form als f\u00fcr sie nicht zutreffend. Hier unterscheiden sich Nelly Sachs und Simone Weil: Letztere, die F\u00fcrsprecherin der Fl\u00fcchtlinge und Verfolgten, entwickelte eine christliche, auf das neue Testament orientierte Mystik und kritisierte gerade in jener Zeit das alte Testament (1940-42), in der J\u00fcdinnen und Juden massenhaft verfolgt und vernichtet wurden. Auch wenn Simone Weil &#8222;nicht um das ganze Ausma\u00df der Shoa gewusst haben kann&#8220; (S. 110), kommt Erika Schweizer zu dem Schluss: &#8222;Sie behandelt die Not j\u00fcdischer Menschen allenfalls individuell auf menschenrechtlicher Ebene, und es ist ihr darum selbstverst\u00e4ndlich, einem j\u00fcdischen Fl\u00fcchtling, wie jedem anderen auch, zu helfen. So bleibt der harte Widerspruch, dass sie zwar bereit ist, ihr Exil und ihr Leiden unter der Gewaltherrschaft des Faschismus anzunehmen, aber unf\u00e4hig bleibt, dieses Schicksal als Wirklichkeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu begreifen und in Solidarit\u00e4t mit dem j\u00fcdischen Volk zu verstehen.&#8220; (S. 111)<\/p>\n<p>Nelly Sachs geht den entgegengesetzten Weg. Sie stellt ihre Lyrik in die kabbalistische Tradition j\u00fcdischer Sch\u00f6pfungsmystik mit Schwerpunkt altem Testament und betont die Leidens-Solidarit\u00e4t mit den Opfern der Shoah. Sachs \u00fcber Weil: &#8222;Wenn sie den Gott der Juden ablehnt ebenso wie Rom, so kann sie nur das Autoritative, jenen Volksgott meinen, den eine fr\u00fche primitive Vorstellung schuf und der ja bei den Propheten l\u00e4ngst ewige Dimensionen annahm. In diesen Dingen bin ich oft nicht mit ihr einig.&#8220; (Sachs, zit. nach S. 89) Simone Weil kannte die j\u00fcdische Tradition zu wenig und beging Interpretationsfehler.<\/p>\n<p>Trotzdem ist gerade die sich zur j\u00fcdischen Verfolgungsgeschichte hinwendende Nelly Sachs fasziniert von Simone Weil und fragt in &#8222;Stille und Schmerz&#8220;, ob denn Simone Weil vielleicht &#8222;dennoch die Verwandtschaft (&#8230;)&#8220; ahnte? (S. 486) Wie zentrale Motive der christlichen Mystik von Simone Weil und der j\u00fcdischen Mystik von Nelly Sachs konvergieren, das zeigt Erika Schweizer in ihrem umfangreichen Hauptteil anhand der von beiden verwendeten Sprachsymboliken von &#8222;Licht, Finsternis und Liebe&#8220; sowie in beider Auseinandersetzung mit Hiob, Antigone, Jesus Christus, Franz von Assisi, Baalschem (j\u00fcdischer Mystiker, 18. Jh.), um nur einige Personen innerhalb dieser faszinierenden Abhandlung zu nennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie waren zwei assimilierte J\u00fcdinnen, die philosophisch unterschiedlicher nicht ausgerichtet sein konnten und sich doch nahe kamen: die franz\u00f6sische Anarchistin und sp\u00e4tere Christin Simone Weil (1909-1943) und die Deutsche &#8222;mosaischen Glaubens&#8220; (S. 45) Nelly Sachs (1891-1970), die erst am 16. 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