{"id":7063,"date":"2005-10-01T00:00:32","date_gmt":"2005-09-30T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7063"},"modified":"2022-07-26T14:15:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:02","slug":"feministisches-und-marxistisches-denken-fur-das-21-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/feministisches-und-marxistisches-denken-fur-das-21-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Feministisches und marxistisches Denken f\u00fcr das 21. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p>Wer der postmodernen Einfl\u00fcsterung zu erliegen droht, marxistisches Denken geh\u00f6re in die Mottenkiste gescheiterter Ideen, kann sich von einer Reihe im Hamburger Argument-Verlag erschienenen B\u00fcchern eines Besseren belehren lassen.<\/p>\n<p>Besonders ergiebig ist das Studium des Historisch-Kritischen W\u00f6rterbuch des Marxismus (HKWM). Dieses Jahr ist der Doppelband 6\/I u. II von insgesamt 15 geplanten B\u00e4nden erschienen. Rund 800 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten an 1.500 Stichworten und haben all jenen ein n\u00fctzliches Nachlagewerk bereitet, denen es um die begriffliche Erfassung und die praktische \u00dcberwindung von Herrschaft geht. Vom etablierten Wissenschaftsbetrieb weitgehend ausgegrenzt und mit nur sp\u00e4rlicher finanzieller Unterst\u00fctzung hat sich das HKWM zu einem pluralistischen Projekt entwickelt, das die vielf\u00e4ltigen, z.T. zerstrittenen Ans\u00e4tze marxistischen Denkens in Ost und West, Nord und S\u00fcd einsammelt und in der Perspektive radikaler Herrschaftskritik f\u00fcr die heutigen Widerstands-Praxen aufbereitet. Dabei bleibt der kritisch-analytische Blick nicht an der Klassenherrschaft kleben, sondern umfasst staatliche Regime, patriarchalische Strukturen, die herrschaftsf\u00f6rmige Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen und die Geschichte der Errungenschaften, aber auch der Verfehlungen und Verbrechen, f\u00fcr die marxistische Theorie und Praxis verantwortlich zeichnet. Es geht nicht um die Ausbuchstabierung marxistischer Orthodoxien, sondern um Begriffe, die f\u00fcr eine radikaldemokratische Ver\u00e4nderung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. F\u00fcr die Leserinnen und Leser der <em>graswurzelrevolution<\/em> k\u00f6nnte besonders interessant sein, dass neben klassisch-marxistischen Grundbegriffen wie &#8222;historischer Materialismus&#8220;, &#8222;industrielle Reservearmee&#8220; oder &#8222;Imperialismus&#8220; auch im vorliegenden Doppelband in Stichworten wie dem umf\u00e4nglichen &#8222;herrschaftsfreie Gesellschaft&#8220;, &#8222;imperatives Mandat&#8220; oder dem von Christoph Spehr verfassten &#8222;Hierarchie\/Anti-Hierarchie&#8220; libert\u00e4re Perspektiven und die neuen sozialen Bewegungen einen gro\u00dfen Raum einnehmen. Michael Zanders Stichwort &#8222;Independent Living&#8220; instruiert knapp, aber gr\u00fcndlich \u00fcber die Entwicklung und Problematik der internationalen Behindertenbewegung. Wer die Stichworte &#8222;Ideologiekritik&#8220; und &#8222;Ideologietheorie&#8220; studiert, ist f\u00fcr jede Seminardiskussion gewappnet und kann dabei lernen, dass unter der Wirkung ideologischer Vergesellschaftung fundamentale Kritik und das Streben nach demokratischer Ver\u00e4nderung zusammengeh\u00f6ren. Lemmata wie &#8222;indoamerikanischer Sozialismus&#8220;, &#8222;Indiofrage&#8220;, &#8222;Indische Frage&#8220; und &#8222;islamische Revolution&#8220; bem\u00fchen sich um die Korrektur eurozentrischer Blickverengungen. Die Behandlung religi\u00f6ser Begriffe wie &#8222;Himmel\/H\u00f6lle&#8220;, &#8222;Hoffnung&#8220; oder &#8222;Jenseits\/Diesseits&#8220; und die Mitarbeit von kritischen Theologen wie Dick Boer und Ton Veerkamp ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass der plurale Marxismus des W\u00f6rterbuchs den egalit\u00e4ren und widerst\u00e4ndigen Traditionen der Religion von unten Respekt zollt und auch hierin begriffliche Ressourcen f\u00fcr eine radikale Herrschaftskritik findet.<\/p>\n<p>Die allenthalben sichtbare \u00d6ffnung auch f\u00fcr nicht im engen Sinn marxistische Ans\u00e4tze ist symptomatisch f\u00fcr den Ansatz, in den Arbeiten von Marx einen notwendigen, aber keinesfalls hinreichenden Schl\u00fcssel f\u00fcr die Analyse von dr\u00e4ngenden Gegenwartsproblemen zu sehen.<\/p>\n<p>Der hohe philologische Standard des Lexikons ist nicht den elit\u00e4ren Regeln eines akademischen Glasperlenspiels geschuldet, sondern soll das selbstt\u00e4tige Weiterforschen und eben dadurch die bestm\u00f6gliche lexikographische Unterst\u00fctzung sozialer Bewegungen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Als wertvolle Handreichung f\u00fcr das kritische Engagement in Geschlechterfragen ist das von Frigga Haug herausgegebene Historisch-Kritische W\u00f6rterbuch des Feminismus gelungen. Dabei handelt es sich nicht um separierte feministische Begriffsarbeit, sondern um eine Zusammenstellung von Stichworten der ersten 6 B\u00e4nde des HKWM, die den feministischen Standpunkt und die Fragen der Geschlechterverh\u00e4ltnisse umfassen. Dass eine ansehnliche, aber \u00fcberschaubare Sammlung solcher Begriffe als Auskoppelung aus dem HKWM n\u00f6tig ist, zeigt an, dass eine zentrale, im Stichwort &#8222;Geschlechterverh\u00e4ltnisse&#8220; nachzulesende Erkenntnis nach wie vor auch f\u00fcr die marxistische Forschung mehr Postulat als Zustandsbeschreibung ist: &#8222;Kein Bereich kann sinnvoll untersucht werden, ohne die Weise, wie Geschlechterverh\u00e4ltnisse formen und geformt werden, mit zu erforschen.&#8220;<\/p>\n<p>Das weitgef\u00e4cherte Spektrum der von Frauen wie M\u00e4nnern verfassten Lemmata umfasst daher nicht nur auf den ersten Augenschein hin feministische Begriffe wie &#8222;feministische Theologie&#8220;, &#8222;Doppelbelastung&#8220; oder &#8222;Gleichstellungspolitik&#8220;, sondern auch ethnologische Stichworte wie &#8222;h\u00e4usliche Produktionsweise&#8220;, &#8222;geschlechtsegalit\u00e4re Gesellschaft&#8220; oder den Begriff der &#8222;Gegen\u00f6ffentlichkeit&#8220;. Der bescheidene Preis und das handliche Taschenbuchformat machen das W\u00f6rterbuch des Feminismus zu einer vielversprechenden Investition f\u00fcr alle an Geschlechterfragen Interessierte.<\/p>\n<p>Unter dem Titel &#8222;Politik ums Kopftuch&#8220; hat j\u00fcngst wiederum Frigga Haug gemeinsam mit Katrin Reimer eine sehr lesenswerte Dokumentation zusammengestellt. An der Frage, ob einer Lehrerin in Baden-W\u00fcrttemberg verboten werden soll, in der Schule ein Kopftuch zu tragen, hat sich eine in immer weitere Dimensionen der Geschlechterverh\u00e4ltnisse ausgreifende Debatte entz\u00fcndet, die das Verh\u00e4ltnis von s\u00e4kularem Staat und religi\u00f6sen Minderheiten, die diversen Situationen von muslimischen Migrantinnen in Mehrheitsgesellschaft und ethnischer oder religi\u00f6ser Subkultur und die Stellungnahme von Feministinnen zu all dem umspannt.<\/p>\n<p>Nachdem das oberste Gericht jedem Bundesland auftrug, selbst zu entscheiden, ob muslimischen Lehrerinnen in seinem Hoheitsbereich das Tragen von Kopft\u00fcchern in der Schule erlaubt oder verboten sein soll, blieb die Frage unter Feministinnen und engagierten Linken aufgrund mannigfacher Widerspr\u00fcche umstritten. Eine Besch\u00e4ftigung mit den verschiedenen historischen Situationen, in denen das Kopftuch (etwa im Iran) zur politischen Artikulation diente, f\u00fchrt zu dem Ergebnis, &#8222;dass das Kopftuch als Symbol polyvalent sein kann je nach dem Kontext von Herrschaft, in dem es steht.&#8220; Die in dem Band gestellte Frage, wie der Anspruch, Politik nicht stellvertretend f\u00fcr unterdr\u00fcckte Frauen zu machen, mit der Notwendigkeit vereinbart werden kann, &#8222;dem Unrecht in den Arm zu fallen, wo man ihm begegnet&#8220;, wird nicht gel\u00f6st, aber auf der Grundlage der vielen Sichtweisen fundiert diskutierbar gemacht. Gleiches gilt f\u00fcr die Frage, inwieweit die ideologische &#8222;Rechtsform als Vehikel f\u00fcr Befreiung zu nutzen&#8220; ist. Nicht zuletzt geht es darin auch um die f\u00fcr herrschaftskritische und libert\u00e4re Bewegungen schwierige Frage, inwieweit staatliche Institutionen von linker Politik f\u00fcr die Befreiungspolitik in Anspruch genommen werden sollen.<\/p>\n<p>Frigga Haug und Katrin Reimer verstehen ihre Intervention in eine verwickelte Lage als Versuch, eine &#8222;Politik der Vernetzung&#8220; zu initiieren, &#8222;die nicht unter dem \u00f6ffentlichen Respekt vor der Kultur der anderen die Unterdr\u00fcckung von Frauen rechtfertigt&#8220;. Die versammelten gut 30 Presseerkl\u00e4rungen, Zeitungs- und Internetaufrufe, Flyer und Analysen von Feministinnen, muslimischen Frauengruppen, Politikerinnen, Juristinnen und antirassistischen Initiativen sind einerseits &#8222;exemplarisch f\u00fcr Politiken, die im gemeinsamen Ziel um mehr universale Gerechtigkeit sich auseinander dividieren, einander bek\u00e4mpfen, als g\u00e4be es keine schlimmeren Feinde als die jeweiligen Mitstreiter&#8220;. Andererseits erm\u00f6glicht erst die Zusammenschau dieser Perspektiven, dass &#8222;alle Positionen in ihrem relativen Recht so diskutierbar werden, dass sie einander st\u00e4rken, nicht vernichten&#8220;.<\/p>\n<p>Zustimmungsf\u00e4hig ist die von Frigga Haug formulierte Hoffnung: &#8222;Es muss doch m\u00f6glich sein, die Kr\u00e4fte des Antirassismus und die f\u00fcr die Rechte von Frauen so zu verkn\u00fcpfen, dass gemeinsame Werte f\u00fcr ein besseres Gemeinwesen erkennbar werden und um sie gestritten werden kann.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer der postmodernen Einfl\u00fcsterung zu erliegen droht, marxistisches Denken geh\u00f6re in die Mottenkiste gescheiterter Ideen, kann sich von einer Reihe im Hamburger Argument-Verlag erschienenen B\u00fcchern eines Besseren belehren lassen. Besonders ergiebig ist das Studium des Historisch-Kritischen W\u00f6rterbuch des Marxismus (HKWM). Dieses Jahr ist der Doppelband 6\/I u. 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