{"id":7068,"date":"2005-10-01T00:00:20","date_gmt":"2005-09-30T22:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7068"},"modified":"2022-07-26T14:24:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:28","slug":"die-dritte-welt-im-2-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/die-dritte-welt-im-2-weltkrieg\/","title":{"rendered":"Die Dritte Welt im 2. Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. Oktober 1935 \u00fcberfiel eine riesige Streitmacht der italienischen Armee ohne Kriegserkl\u00e4rung \u00c4thiopien, nachdem Mussolini am Tag zuvor in Rom verk\u00fcndet hatte, dass die dort lebenden Menschen &#8222;in den Augen der ganzen Welt nicht wert seien, zu den zivilisierten V\u00f6lkern zu geh\u00f6ren&#8220; ((1)). Im Dezember 1937 schlachteten die japanischen Truppen nach dem \u00dcberfall auf Korea und die Mandschurei im Massaker von Nanking ca. 20.000 ChinesInnen ab ((2)). Trotzdem beginnt in der europ\u00e4ischen Geschichtsschreibung der 2. Weltkrieg im September 1939. Hier wird augenf\u00e4llig, wie notwendig das Buch &#8222;Unsere Opfer z\u00e4hlen nicht&#8220; ist, da die Auswirkungen dieses Krieges auf L\u00e4nder au\u00dferhalb Europas und der USA bisher kaum Ber\u00fccksichtigung fanden. Mit dem Ende des 2. Weltkrieges verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Selbst mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945 waren die Kriegshandlungen nicht \u00fcberall beendet. Auf den Philippinen setzten Partisanen ihren Befreiungskampf 1945 nahtlos fort. Der Krieg in China endete erst 1949 mit dem Sieg von Maos revolution\u00e4rer Volksarmee. Der Krieg um Vietnam schlie\u00dflich, eine Folge des 2. Weltkriegs, sollte noch fast drei Jahrzehnte andauern.<\/p>\n<p>Auch die deutsche Linke, insbesondere die Internationalismusbewegung, hat den weitreichenden Konsequenzen f\u00fcr die 3. Welt kaum Beachtung geschenkt.<\/p>\n<p>Ob in Papua-Neuguinea, im Sudan, in Brasilien, Laos, \u00fcberall tobte der Weltkrieg, riss Abertausende in den Tod, zerst\u00f6rte ziviles Leben, verseuchte die Natur und hinterlie\u00df bis heute Spuren. Auf fast allen Kontinenten rekrutierten die kriegsf\u00fchrenden Armeen Kolonialsoldaten. Ob das &#8222;Pacific Island Regiment&#8220; aus Neu-Guinea, die &#8222;Indian National Army&#8220; oder die zentralafrikanischen &#8222;Forbes Francaises Libres&#8220;, alle, die hier k\u00e4mpften, wurden in der Regel nicht entsch\u00e4digt, erhielten keine Rente. In vielen L\u00e4ndern wurden ZivilistInnen zu Hilfsdiensten f\u00fcr die Armeen verpflichtet. &#8222;Wie schnell die angeblich so zivilisierten Wei\u00dfen jegliche Achtung vor Recht und Gesetz ablegten&#8220; (John Waiko, S. 321), entsetze die Menschen in Neuguinea, nachdem das australische Milit\u00e4r alle M\u00e4nner zu Kriegsdiensten zwang. Immer wieder wurde den Menschen nach jahrzehntelanger Kolonialzeit die Unabh\u00e4ngigkeit versprochen, um sie zum Soldatenleben zu bewegen. EinwohnerInnen der Inselgruppe Neukaledoniens k\u00e4mpften aufgrund des Versprechens der Erlangung der B\u00fcrgerrechte f\u00fcr das Freie Frankreich in der libyschen W\u00fcste gegen italienische und deutsche Truppen.<\/p>\n<p>Es ist ein Verdienst des Rheinischen JournalistInnenb\u00fcros, mit seiner Arbeit eine Geschichtsschreibung von unten betrieben zu haben, die diesem Anspruch gerecht wird. &#8222;Wir wollten die Geschichte der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg soweit wie m\u00f6glich aus der Perspektive der Kolonialisierten beschreiben.<\/p>\n<p>Ihre Stimmen zu sammeln und zu Geh\u00f6r zu bringen, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs &#8218;von unten&#8216; zu beleuchten, ist eines der Hauptanliegen diese Buches.&#8220; (S. 22) Dies ist trefflich gelungen. Immer wieder wird \u00f6ffentliche Geschichtsschreibung erfolgreich demaskiert. Ein Beispiel: In der TV-Dokumentation &#8222;Der Krieg im Pazifik&#8220; in der Reihe &#8222;ZDF-History&#8220; von Guido Knopp wird behauptet, die meisten umk\u00e4mpften pazifischen Inseln seien unbewohnt gewesen. Das entlarvt sich als eine unglaubliche Verf\u00e4lschung, liest mensch das Kapitel \u00fcber Ozeanien.<\/p>\n<p>Eine naive Darstellung der Dritten Welt als ausschlie\u00dfliches Opfer wird vermieden. So waren &#8222;die Kolonialisierten nicht blo\u00df Opfer. Einige nationalistische und antikoloniale Bewegungen sympathisierten offen mit der faschistischen Kriegsallianz&#8220; (S. 19). Die Geschichte von Amin al-Husseini, dem Gro\u00dfmufti von Jerusalem, ein aktiver Unterst\u00fctzer der Nazipolitik und beteiligt am Holocaust, belegt das.<\/p>\n<p>Immer wieder wird der Rassismus kritisch unter die Lupe genommen. Sei es die Selektion von schwarzen franz\u00f6sischen Kriegsgefangenen durch deutsche Truppen (S. 145), die Trennung von Blutkonserven von Farbigen durch das US-amerikanische Rote Kreuz (S. 156) oder der rassistisch begr\u00fcndete Ausschluss von Aborigines aus den australischen Truppen (S. 364).<\/p>\n<p>An Faktenreichtum ist das Buch kaum zu \u00fcbertreffen: ob \u00fcber die Kolonialpl\u00e4ne der Nazis, den Zusammenhang von Weltkriegsveteranen und Befreiungsbewegungen, \u00fcber kaum bekannte Kriegsgebiete im Nahen Osten, in Afrika, Asien, Ozeanien und S\u00fcdamerika oder die Menschenversuche der japanischen Armee. Z.B. wird detailreich innerhalb eines Kapitels \u00fcber den Streik bolivianischer Minenarbeiter 1942 gegen die billigen Zinnausfuhren f\u00fcr die US-R\u00fcstungsindustrie, die K\u00e4mpfe des brasilianischen Expeditionskorps bei Monte Castello (Italien) im Februar 1945 oder das Leben des im KZ Neuengamme ermordeten antikolonialistischen Widerstandsk\u00e4mpfers Anton de Kom aus Surinam berichtet. Die unterschiedlichsten Fakten verwirren gelegentlich, geben in ihrer Summe allerdings ein interessantes Gesamtbild.<\/p>\n<p>Einige Berichte von ZeitzeugInnen sind in ihrer militaristischen Sprache und Logik f\u00fcr AntimilitaristInnen schwer ertr\u00e4glich. So bedauert der Afroamerikaner Erskine Moore mit verletztem Stolz: &#8222;Wir waren gut ausgebildet, kampfbereit und wollten nach \u00dcbersee, aber wir mussten in Arbeitseinheiten dienen, als Quartiermeister, Lastwagenfahrer.&#8220; (S. 156) Und Sprichw\u00f6rter wie: &#8222;Wenn ein Krieger auf dem Schlachtfeld stirbt, ist ein anderer zur Stelle, um seinen Platz einzunehmen&#8220; (S. 377) von den Maoris, bleiben, egal von wem formuliert, absto\u00dfend.<\/p>\n<p>Das Rheinische JournalistInnenb\u00fcro hat mit dem hervorragend recherchierten Band ein Dokument von unsch\u00e4tzbarem Wert vorgelegt, in dem der 2. Weltkrieg aus der Sicht der Kolonialisierten betrachtet wird.<\/p>\n<p>Ein fundiertes Nachschlagewerk, das in keiner \u00f6ffentlichen Bibliothek fehlen sollte. Es wird sowohl publizistischen wie auch wissenschaftlichen Anforderungen gerecht. Noch nie zuvor sind so detailreich die Auswirkungen des 2. Weltkriegs auf die 3. Welt im Zusammenhang aufgezeichnet und erl\u00e4utert worden ((3)).<\/p>\n<p>Hierbei gelingt der Spagat, unterschiedlichste Kriegsschaupl\u00e4tze zu beleuchten, Hintergr\u00fcnde aufzuzeigen und Motive zu analysieren, ohne in unzul\u00e4ssige Vergleiche abzurutschen.<\/p>\n<p>Das umfangreiche Bildmaterial und die sch\u00f6ne Gestaltung sorgen f\u00fcr ein angenehmes Lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. Oktober 1935 \u00fcberfiel eine riesige Streitmacht der italienischen Armee ohne Kriegserkl\u00e4rung \u00c4thiopien, nachdem Mussolini am Tag zuvor in Rom verk\u00fcndet hatte, dass die dort lebenden Menschen &#8222;in den Augen der ganzen Welt nicht wert seien, zu den zivilisierten V\u00f6lkern zu geh\u00f6ren&#8220; ((1)). 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