{"id":7071,"date":"2005-10-01T00:00:41","date_gmt":"2005-09-30T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7071"},"modified":"2022-07-26T14:15:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:02","slug":"operaismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/operaismus\/","title":{"rendered":"Operaismus"},"content":{"rendered":"<p>Im Zusammenhang mit den globalen Protestbewegungen der letzten Jahre sind neben anarchistischen Ideen auch undogmatische neo-marxistische Ans\u00e4tze wieder st\u00e4rker in linke Diskussionen eingeflossen. Zu diesen geh\u00f6rt auch der autonome Marxismus, zu dessen Entstehung der Operaismus, der innerhalb der italienischen Arbeiterbewegung der 1960\/70er Jahre zeitweise eine einflussreiche Rolle spielte, ma\u00dfgeblich beigetragen hat.<\/p>\n<p>Den Ausgangspunkt des Operaismus bildete die Kritik dissidenter Intellektueller an den etablierten sozialistischen und kommunistischen Partei- und Gewerkschaftsapparaten Italiens in den 1950er Jahren, gegen\u00fcber deren reformorientierten b\u00fcrokratischen Strukturen und Strategien die Bedeutung der subjektiven Erfahrungen und der autonomen Selbstt\u00e4tigkeit der Subjekte f\u00fcr den Emanzipationsprozess betont wurde.<\/p>\n<p>Autonomie meinte dabei gleicherma\u00dfen die Autonomie der Klasse gegen\u00fcber dem Kapital und den etablierten Arbeiterorganisationen wie auch die Autonomie verschiedener Sektoren innerhalb der Klasse. Von hier aus entwickelte sich ein neuartiger klassenpolitischer Ansatz, der in den Auseinandersetzungen der 1960\/70er in Italien f\u00fcr erhebliche Furore sorgte.<\/p>\n<p>Neue Aufmerksamkeit erhielt der Operaismus in j\u00fcngster Zeit vor allem durch die Ver\u00f6ffentlichungen Antonio Negris. Negri geh\u00f6rte in den 1970er Jahren zu den wichtigsten Vertretern des Operaismus, und in gewisser Weise lassen sich die Arbeiten &#8222;Empire&#8220; und &#8222;Multitude&#8220; als Versuche einer zeitgem\u00e4\u00dfen Weiterentwicklung operaistischer Konzepte lesen. Neben dieser theoretischen Ebene ist der Operaismus aber auch politisch-praktisch in mancherlei Hinsicht noch pr\u00e4sent. Zwar darf den sozialen Bewegungen in Italien, die in den globalisierungskritischen Protesten der letzten Jahre viel internationale Aufmerksamkeit auf sich zogen, nicht pauschal ein Operaismus-Etikett aufgepappt werden, jedoch finden sich im Selbstverst\u00e4ndnis und den Organisations- und Aktionsformen mancher Gruppierungen, wie etwa den besetzten sozialen Zentren, den freien Radios oder manchen Basisgewerkschaften, Ideen wieder, die teilweise in den operaistischen Diskussionen vorgepr\u00e4gt wurden. In der Bundesrepublik blieb die Resonanz auf den italienischen Operaismus lange auf enge Kreise und einige Schlagw\u00f6rter begrenzt. Einfl\u00fcsse zeigten sich teilweise in der Entwicklung der Gewerkschaftslinken und der Lehrlingsbewegung in den sp\u00e4ten 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahren sowie in der Entwicklung der Autonomen seit den sp\u00e4ten 1970er Jahren. Gegenw\u00e4rtig ist es vor allem die Zeitschrift Wildcat, die sich bem\u00fcht, Diskussionen um eine kritisch an den klassischen Operaismus ankn\u00fcpfende politische Theorie und Praxis voranzutreiben. N\u00e4he zu operaistischen Konzepten weisen au\u00dferdem verschiedene neuere Initiativen wie die Gruppe Kolinko mit ihrer Untersuchung zu Arbeitsbedingungen und Widerstandsformen in Call-Centern auf.<\/p>\n<p>Mit Steve Wrights &#8222;Den Himmel St\u00fcrmen&#8220; ist nun erstmals eine historische Darstellung des Operaismus in deutscher Sprache erschienen, die es erlaubt, dessen Entwicklung von den Anf\u00e4ngen um die Zeitschriften Quaderni Rossi (Rote Hefte) und Potere Operaio (Arbeitermacht) seit Beginn der 1960er Jahre bis zur Zeit der Gruppen der Autonomia Operaia (Arbeiterautonomie) und deren Niedergang in den 1970er Jahren nachzuvollziehen. Wrights Buch, das die Wege und Irrwege operaistischen Denkens anschaulich und kritisch nachzeichnet, f\u00fcllt damit eine theoriegeschichtliche L\u00fccke in der deutschsprachigen Bewegungsliteratur, die nicht nur f\u00fcr BewegungshistorikerInnen und ItalienspezialistInnen interessant ist. &#8222;Den Himmel st\u00fcrmen&#8220; ist keine trockene Theoriegeschichte, sondern bindet diese auf informative Weise ein in die Entwicklung der Arbeiterbewegung und der Neuen Linken in Italien insgesamt. Somit ergeben sich Querbez\u00fcge zu vergleichbaren Prozessen in anderen L\u00e4ndern und aktuellen Entwicklungen. Wright liegt es fern, mit der einen oder anderen Str\u00f6mung des klassischen, des Post- oder des Neo-Operaismus \u00fcberzeugen zu wollen. Er pl\u00e4diert f\u00fcr eine kritische Auseinandersetzung mit dem Operaismus, um ihn darauf hin zu befragen, welche seiner Konzepte f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis der heutigen gesellschaftlichen Produktionsweise noch hilfreich und welche seiner Ideen f\u00fcr die Entwicklung ad\u00e4quater Rebellionsweisen noch interessant sein k\u00f6nnen, aber auch, welche getrost vergessen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zu ersteren lassen sich z.B. die Konzepte der Klassenzusammensetzung, der Autonomie und die Orientierung an Basisaktivit\u00e4t, zu letzteren eine gewisse Arbeitert\u00fcmelei, die teils plumpe Militanz-Verherrlichung und die R\u00fcckf\u00e4lle in leninistisches Avantgarde-Denken z\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zusammenhang mit den globalen Protestbewegungen der letzten Jahre sind neben anarchistischen Ideen auch undogmatische neo-marxistische Ans\u00e4tze wieder st\u00e4rker in linke Diskussionen eingeflossen. 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