{"id":7073,"date":"2005-10-01T00:00:13","date_gmt":"2005-09-30T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7073"},"modified":"2022-07-26T14:24:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:28","slug":"realzapatistischer-kollektivismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/realzapatistischer-kollektivismus\/","title":{"rendered":"Realzapatistischer Kollektivismus"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;A ver si funciona&#8220; &#8211; &#8222;Mal schau&#8217;n, ob&#8217;s funktioniert&#8220;. Dieses Motto der zapatistischen Bewegung, die sich am 1. Januar 1994 gegen die rassistische Diskriminierung der UreinwohnerInnen und gegen die neoliberale Praxis der Staatselite f\u00fcr &#8222;Land und Freiheit&#8220; erhoben hatte und bis heute ihre Rebellion fortf\u00fchrt, spiegelt den Aufbauprozess der autonomen Gemeinden in S\u00fcdmexiko selbstkritisch wieder.<\/p>\n<p>Der Ethnologe und Solidarit\u00e4tsaktivist Philipp Gerber hat mit &#8222;Das Aroma der Rebellion&#8220; ein attraktives Buch vorgelegt, das alle, die sich mit dem Aufstand der Zapatistischen Armee zur nationalen Befreiung (EZLN) besch\u00e4ftigen oder allgemein an alternativer \u00d6konomie interessiert sind, fesseln wird. In jahrelanger Arbeit entstand ein &#8222;Schmankerl&#8220;, das wissenschaftlichen Kriterien standh\u00e4lt, das sich mit Wunsch und Wirklichkeit des zapatistischen Aufstands und des solidarischen Kaffeehandels allgemein sowie mit der dahinter stehenden globalen Wirtschaftspolitik befasst.<\/p>\n<p>Gerber vereint intensive Literaturrecherche mit aktiver Pr\u00e4senz vor Ort. Durch Interviews &#8211; die erst nach \u00dcberzeugungsarbeit m\u00f6glich wurden, da die Menschen vor Ort jahrzehntelang schlechte Erfahrungen mit vermeintlichen Forschern und Beratern machten &#8211; liefert er eine authentische Einsch\u00e4tzung der Lage.<\/p>\n<p>Intensiv untersuchte er die Kooperative &#8222;Mut Vitz&#8220; (dt. Berg der V\u00f6gel) aus dem chiapanekischen Hochland, in der zur Zeit \u00fcber 600 Familien von Tzotzil-Ind\u00edgenas organisiert sind, die zur Basis der EZLN z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Genossenschaft ist interessant: Viele der heute \u00fcber 70-J\u00e4hrigen arbeiteten vor Jahrzehnten auf den Fincas der Gro\u00dfgrundbesitzer, die zum Teil aus Deutschland stammten, wie z.B. die Familie Setzer. So berichtet der 85-j\u00e4hrige Don Eduardo: &#8222;Wir h\u00f6rten sp\u00e4t mit der Arbeit auf und litten viel. Und was verdiente man? Nichts. Einmal gab es einen Verwalter auf der Finca, der hatte eine Lederpeitsche, um die Leute zu schlagen, und wenn er nicht mit der Peitsche schlug, dann mit einem Gurt oder mit der Machete.&#8220; (S. 26) Gerber verf\u00e4llt in seinen Ausf\u00fchrungen nicht in einfache Freund-Feind-Schemata. Er thematisiert auch die Rolle der indigenen Vorarbeiter, die den Gro\u00dfgrundbesitzern den Zugriff auf ihre Lohnsklaven vereinfachte: &#8222;Denn die jahrzehntelange Reproduktion dieses quasi feudalen Ausbeutungssystems war wohl nur m\u00f6glich durch ein Partizipieren aller Parteien.&#8220; (S. 34)<\/p>\n<p>In den 1980er Jahren wuchs die b\u00e4uerlich-indigene Bewegung in Chiapas an. Mit eigenen Kr\u00e4ften, aber auch mit Unterst\u00fctzung von au\u00dferhalb &#8211; Befreiungstheologen gr\u00fcndeten Kooperativen, marxistische und maoistische AktivistInnen bauten Vereinigungen auf &#8211; eigneten sich die Menschen des Hochlands den Boden durch Kauf oder Besetzung an. Eine unabh\u00e4ngige Organisierung im fast alles durchdringenden mexikanischen Staat wurde so zu einer lohnenswerten Sache f\u00fcr die Ind\u00edgenas.<\/p>\n<p>Doch maoistische Kader wie Adolfo Orive kollaborierten schlie\u00dflich doch mit Staat und Kapital. Sie wandelten sich zu Handlangern der neoliberalen Kr\u00e4fte um Ex-Pr\u00e4sident Salinas de Gortari (1988-1994) und arbeiten heute in der antizapatistischen Aufstandsbek\u00e4mpfung.<\/p>\n<p>Die BewohnerInnen der Region haben diesen Verrat der &#8222;ausw\u00e4rtigen&#8220; BeraterInnen nie vergessen und organisierten sich daher ab 1994 autonom unter dem Dach der EZLN, die sich bem\u00fcht, emanzipatorische indigene Traditionen mit undogmatisch-linksradikalen Str\u00f6mungen zu vereinen und weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>Im aktuellen Organisationsprozess der zapatistischen Kooperative scheint die Identit\u00e4t als Bio-Bauern und -b\u00e4uerinnen wichtig zu sein, denn im Gegensatz zu allen anderen Bauernvereinigungen akzeptieren die zapatistischen Kooperativen auch 11 Jahre nach Beginn ihres Aufstands keine Hilfsgelder der Regierung: Bei den Rebellen gibt es keine Pestizide und D\u00fcnger, wohingegen sie den Regierungsanh\u00e4ngern vielerorts vom Staat geschenkt werden, um die Menschen an die etablierten Strukturen zu binden. Der Autor schildert anschaulich die Vorteile und Schwierigkeiten des cargo-Systems, das auf indigene Traditionen zur\u00fcckgeht, die von den Zapatistas wieder best\u00e4rkt werden. Ein cargo (deutsch: Amt; aber auch: Last) bedeutet den unverg\u00fcteten Einsatz f\u00fcr die Gemeinschaft. Dies verhindert in den meisten F\u00e4llen Korruption, hinterl\u00e4sst die Verantwortlichen aber nicht selten mit einem kleinen Schuldenberg, wenn z.B. ihre Amtszeit als Kooperativenpr\u00e4sident endet, da das Ideal, dass alle Gemeindemitglieder die Kaffee-Felder der cargo-Tr\u00e4ger mitpflegen, selten erreicht wird.<\/p>\n<p>Abgerundet wird der gelungene Band durch eine Analyse der aktuellen Aufbauprozesse der zapatistischen Autonomie und der weltwirtschaftlichen Kontexte, von denen sich auch die Strukturen des solidarischen Handels nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz ist die Geschichte des zapatistischen Kaffees bisher ein gro\u00dfer Erfolg, der von der Disziplin auf der ProduzentInnenseite und dem engagierten Arbeiten der Vertriebsstrukturen in Europa und den USA erm\u00f6glicht wird, wobei die Zusammenarbeit auch zu vielen Missverst\u00e4ndnissen und Schwierigkeiten f\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;A ver si funciona&#8220; &#8211; &#8222;Mal schau&#8217;n, ob&#8217;s funktioniert&#8220;. 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