{"id":7092,"date":"2005-11-01T00:00:56","date_gmt":"2005-10-31T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7092"},"modified":"2022-07-26T13:56:49","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:49","slug":"patridioten-sound","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/11\/patridioten-sound\/","title":{"rendered":"Patridioten-Sound"},"content":{"rendered":"<p>Viele Magazine und Zeitungen haben sich ausgiebig der scheinbaren Problematik gewidmet, der Durchschnittsb\u00fcrger dieses Landes w\u00fcrde zuviel jammern und solle sich gef\u00e4lligst mal eine Scheibe vom &#8222;selbstverst\u00e4ndlich&#8220; propagierten Patriotismus anderer Staaten (hier werden oft Frankreich oder die USA angef\u00fchrt) und deren B\u00fcrger abschneiden. Gerne wird das Bild der Deutschen im Ausland herangezogen. Ob Kultur, Technik oder Landschaft &#8211; es g\u00e4be viele Gr\u00fcnde, auf dieses Land ein bisschen stolz zu sein.<\/p>\n<p>Da die kulturschaffende Szene nicht nur ein Spiegelbild der Befindlichkeiten der Menschen eines Landes herzustellen vermag, sondern auch eine Einflussnahme hinsichtlich Akzeptanz bestimmter Denkweisen und Attit\u00fcden nicht von der Hand zu weisen ist, lohnt es sich, einen Blick auf das Revival der &#8222;Neuen Deutschen Welle&#8220; in der Popmusik zu werfen oder zutreffender: die Ohren zu spitzen.<\/p>\n<p>Rammstein verdienen seit geraumer Zeit mit deutscher Rockmusik ihr Geld. Zwischen dem Ph\u00e4nomen Rammstein und neueren Ausw\u00fcchsen nationaler Popmusik besteht aber ein Unterschied.<\/p>\n<p>Rammstein benutzen die faschistoide \u00c4sthetik sowie das &#8222;B\u00f6sewicht&#8220;-Bild der Deutschen, welches in den letzten Jahrzehnten immer wieder gerne z.B. in James Bond Filmen zum Einsatz kam, um eben dieses Klischee zum Unterhaltungswert zu machen. Faschismus wurde zur Show und der Herrenmensch zum Freak. Diese bewusste Provokation war immer auch Kalkulation und schlug sich nicht zuletzt in den Verkaufszahlen im In- und Ausland nieder. Rammstein zogen hierbei Leni Riefenstahls Olympiabilder von 1936 oder Bergsteigerromantik heran, um ein altdeutsches Mausoleum zu generieren.<\/p>\n<p>Nimmt man nun den Hip-Hopper Fler, laut NDW 2005 &#8222;der erste Deutsche, der richtig Welle schiebt&#8220;, genauer in Augenschein, so f\u00e4llt auf, dass zwar wieder bewusst provoziert wird, jedoch eine neue Herangehensweise gew\u00e4hlt wird. In dem Song &#8222;Neue Deutsche Welle&#8220; kommen die Zeilen &#8222;Schwarz, rot, gold. Hart und stolz&#8220; wie selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber seine Lippen. Mit dem Slogan &#8222;Am 1. Mai wird zur\u00fcckgeschossen!&#8220; wurde das Erscheinen seines Soloalbums beworben. Es handelt sich um die Abwandlung eines Hitlerzitates zum Angriff auf Polen: &#8222;Seit 5.45 Uhr wird zur\u00fcckgeschossen.&#8220; Um dem Vorwurf entgegenzutreten, dass seine Texte rechtsradikales Gedankengut beinhalten, verweist der Berliner Rapper gerne auf die Gastauftritte auf seinem Album. Da die dort vertretenen K\u00fcnstler Migranten seien, w\u00e4re der Vorwurf gegenstandslos. Fler behauptet in Interviews immer wieder, er sei kein Nazi. Au\u00dferdem wisse er selbst \u00fcberhaupt nicht, warum man ihm so etwas vorwerfe. Eine gewisse Scheinheiligkeit kann man ihm getrost attestieren. Sicher ist Fler kein rassistischer Schl\u00e4ger, der nichts besseres zu tun hat, als Asylanten zu verkloppen. Ein Nationalist ist er jedoch allemal. Da sich seine Fans \u00fcberwiegend im Pubert\u00e4tsalter befinden, geht von seiner Geisteshaltung eine Gefahr aus. Klar gibt es den Fan, der die Texte dieses Rappers als Satire ansieht. Trotzdem ist zu bef\u00fcrchten, dass viele Jugendliche die Texte unreflektiert aufnehmen und als Argumentationshilfe benutzen.<\/p>\n<p>Peter Heppner in Kollaboration mit Paul von Dyk haben mit ihrem Lied &#8222;Wir sind wir&#8220; den Versuch gestartet, die Schicksals- und Opfergemeinschaft &#8211; welche in diesem Fall nat\u00fcrlich nur das deutsche Volk sein kann &#8211; heraufzubeschw\u00f6ren. Inspiriert wurde das Duo laut eigener Aussage von dem Film &#8222;Das Wunder von Bern&#8220;, der sich mit den Fu\u00dfball-Helden von 1954 besch\u00e4ftigt und in das neu gefundene Selbstbewusstsein der Nation passt. Mit Verweisen auf die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges, die Nachkriegszeit und den Wiederaufbau wird in dem Lied geschlussfolgert: &#8222;Wir sind wir. Aufgeteilt, besiegt und doch, schlie\u00dflich gibt es uns ja immer noch. Wir sind wir, und wir werden&#8217;s \u00fcbersteh&#8217;n, denn das Leben muss ja weitergeh&#8217;n.&#8220; Ganz selbstverst\u00e4ndlich wird hier von einer Besiegung Deutschlands und nicht von einer Befreiung gesprochen. Der Fokus ist auf die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges gerichtet: &#8222;&#8230; wenn ich durch diese Stra\u00dfen geh&#8216;, seh&#8216; ich, wie die Ruinen dieser Stadt wieder zu H\u00e4usern aufersteh&#8217;n. Doch bleiben viele Fenster leer, f\u00fcr viele gab es keine Wiederkehr.&#8220;<\/p>\n<p>Damit nicht genug, wird an anderer Stelle das nicht erreichte Kriegsziel bejammert:<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt ist mal wieder alles anders, und was vorher war, ist heute nicht mehr wert. Jetzt k\u00f6nn&#8216; wir haben, was wir woll&#8217;n, aber wollten wir nicht eigentlich viel mehr.&#8220;<\/p>\n<p>Die von den Interpreten suggerierte Anteilnahme am Schicksal der Deutschen kam gut an, die Verkaufszahlen der Single sind beachtlich.<\/p>\n<p>Die Popgruppe Mia. stand in der Vergangenheit wegen ihres &#8222;betont unverkrampften&#8220; Verh\u00e4ltnisses zur deutschen Identit\u00e4t wiederholt in der Kritik. Sei es der in Metaphern gepackte Verweis auf die deutschen Nationalfarben in ihrem Skandallied &#8222;Was es ist&#8220; oder ihre ausbleibende Stellungnahme zu einem lobenden Artikel in der &#8222;Deutschen Stimme&#8220;, einer NPD-Zeitschrift, Mia polarisierten. Die Frontfrau Mieze trat bevorzugt in Schwarz-Rot-Gold auf, und auch die Fotos zur Promotion ihres Albums &#8222;Stille Post&#8220; wurden bewusst mit diesen Farben best\u00fcckt. Als Reaktion auf Boykottaufrufe ruderte die Band zur\u00fcck &#8211; die S\u00e4ngerin Mieze behauptete nun, die Gruppe sei &#8222;definitiv links&#8220;. Fortan versuchte Mia, sich als &#8222;linke&#8220; Band zu pr\u00e4sentieren, ver\u00f6ffentlichte die Single &#8222;\u00d6kostrom&#8220; und stellte einen Song f\u00fcr einen Sampler der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl zur Verf\u00fcgung (vgl. GWR 298).<\/p>\n<p>Das Bem\u00fchen der Popgruppe, sich durch solch ein Engagement von ihrem deutsch-nationalen Image zu distanzieren, hinterl\u00e4sst trotzdem ein mulmiges Gef\u00fchl. Es stellt sich die Frage, ob sich ihr bisheriges Image einfach nicht als verkaufsf\u00f6rdernd herausstellte und es deswegen zum Einlenken der Band kam.<\/p>\n<p>&#8222;Wohin das geht, das wollen wir wissen. Und betreten neues deutsches Land\u2026 Ich freu mich auf mein Leben. Mache frische Spuren in den wei\u00dfen Strand&#8220;, ein weiteres Zitat aus dem Song &#8222;Was es ist&#8220; belegt eine Intention, die auch von Aussagen der S\u00e4ngerin Mieze untermauert wird.<\/p>\n<p>&#8222;Ich seh diese Verbindung zwischen neuer deutscher Welle und uns so nicht. Damals ging es um diese \u201aNo Future&#8216;-Haltung, aber wir freuen uns auf die Zukunft. Zukunft, juuhu, her damit! Wir wollen mitgestalten!&#8220;<\/p>\n<p>Pr\u00e4sentiert wird also eine leistungsbereite, zuversichtliche Haltung, die sich PolitikerInnen bestimmt gerne f\u00fcr die Durchsetzung ihrer neoliberalen Vorhaben w\u00fcnschen. Gerne werden ambivalente Texte benutzt, damit man sich ein Hintert\u00fcrchen offen halten kann. So l\u00e4sst sich &#8222;Wir sind wir&#8220; laut <em>Die Welt<\/em> auch anders deuten, n\u00e4mlich als ein &#8222;Appell an ein wieder vereintes und doch orientierungsloses Deutschland &#8230; zu seiner eigenen St\u00e4rke zu finden so wie in den kraftvollen Aufbaujahren der F\u00fcnfziger&#8220;.<\/p>\n<p>Es wird ein eigentlich v\u00f6lkisches, geschichtsrevisionistisches Gedankengut eingemeindet und vermeintlich entsch\u00e4rft. Unterschwellig kommen die rechten Signale trotzdem an. Viele m\u00f6gen sich nun fragen, warum es explizit f\u00fcr Deutsche ein Problem ist, stolz auf die Nation zu sein.<\/p>\n<p>Um der Frage vorzubeugen, warum ein Franzose nun auf sein Land stolz sein kann, und einem Deutschen dies verw\u00e4hrt bleibt, kann ich nur wie folgt antworten: Einen Franzosen mit der Tricolore oder einen Briten mit dem Union Jack finde ich potentiell ebenso unsympathisch wie einen Deutschen, der sich in die &#8211; in den Nationalfarben gehaltenen &#8211; Modekreationen der Designerin Eva Grombach h\u00fcllt.<\/p>\n<p>Der Nationalsozialismus als Teil der Geschichte dieses Landes ist jedoch nicht wegdenkbar. Einen Schlussstrich zu ziehen und die Aufarbeitung dieser Zeit einfach hinter sich zu lassen, ist respektlos gegen\u00fcber den Opfern des Naziregimes und birgt die Gefahr eines (unterschwelligen) Wiedererstarkens nationaler und patriotischer Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Seit dem Buch &#8222;Der Brand&#8220; ist eine \u00dcberbetonung der Opfer auf deutscher Seite nicht mehr zu \u00fcbersehen. Einer nachtr\u00e4glichen Umdeutung der Geschichte wird hier der Weg geebnet. Au\u00dferdem ist es fraglich, was ein Konstrukt wie die Nation dem einzelnen Menschen an Gef\u00fchlen vermitteln soll.<\/p>\n<p>Man kann auf sein Kind stolz sein, auf ein gut gemaltes Bild oder auf die soeben geputzte Klobrille.<\/p>\n<p>Aber auf ein Land?<\/p>\n<p>Dann bleib ich doch lieber bei der Klobrille.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Magazine und Zeitungen haben sich ausgiebig der scheinbaren Problematik gewidmet, der Durchschnittsb\u00fcrger dieses Landes w\u00fcrde zuviel jammern und solle sich gef\u00e4lligst mal eine Scheibe vom &#8222;selbstverst\u00e4ndlich&#8220; propagierten Patriotismus anderer Staaten (hier werden oft Frankreich oder die USA angef\u00fchrt) und deren B\u00fcrger abschneiden. Gerne wird das Bild der Deutschen im Ausland herangezogen. 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