{"id":7118,"date":"2005-11-01T00:00:40","date_gmt":"2005-10-31T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7118"},"modified":"2022-07-26T14:24:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:27","slug":"der-leviathan-in-indien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/11\/der-leviathan-in-indien\/","title":{"rendered":"Der Leviathan in Indien"},"content":{"rendered":"<p>Der Widerstand in der Region begann 1993, als das Bergbauprojekt bekannt wurde. Damals hatten sich die Firmen Indal Co., Tata und Norsk Hydro zur Utkal Alumina International Ltd. (UAIL) zusammengeschlossen. Inzwischen ist Indal im Besitz von Hindalco, einem Unternehmen der Birla-Gruppe.<\/p>\n<p>Jahrzehntelang waren Tata und Birla die beiden gr\u00f6\u00dften Konzerne in Indien, und auch jetzt noch z\u00e4hlen sie zu den Gro\u00dfen. Norsk Hydro ist, nach Alcoa und Alcan, der drittgr\u00f6\u00dfte Aluminiumhersteller weltweit.<\/p>\n<h3>Mit den Jahren wurde der Widerstand immer st\u00e4rker, und die Zahl der beteiligten D\u00f6rfer wuchs<\/h3>\n<p>Zum Jahreswechsel 1998\/99 war ich zum ersten Mal dort. Es war eine intensive Erfahrung f\u00fcr mich, und ich mochte die Menschen dort. Schon im Augenblick unserer Ankunft sp\u00fcrten wir St\u00e4dterInnen den Unterschied. Den Unterschied zwischen dem Leben in zivilisierten, g\u00e4nzlich vom Staat durchdrungenen D\u00f6rfern und St\u00e4dten und dem Leben der Adivasi. Sicher, ihre Lebensweise war durch die Jahrzehnte staatlicher Einmischung, Manipulation und Herrschaft, durch Jahrzehnte staatlicher Pl\u00fcnderung und Zerst\u00f6rung, durch den gewaltsamen Einbruch des Marktes in ihre Gesellschaft angefressen, und sie wurden in die Bahn des normalen zivilisierten Lebens gedr\u00e4ngt &#8211; also in den Kampf ums \u00dcberleben, das offene Geheimnis der Zivilisation.<\/p>\n<p>Aber trotz alledem war von der Lebensweise der Adivasi noch etwas erhalten geblieben &#8211; in den abgelegenen D\u00f6rfern etwas mehr, in D\u00f6rfern wie Kuchaipadar, direkt an der die Region durchschneidenden Fahrstra\u00dfe gelegen, etwas weniger. Und was erhalten geblieben war, war anr\u00fchrend und sch\u00f6n. Die typische Offenheit dieser Menschen, ihr Wunsch, das, was sie besa\u00dfen, mit uns zu teilen, die W\u00e4rme und F\u00fcrsorge, mit der sie uns umgaben, ihre sch\u00f6nen T\u00e4nze und Ges\u00e4nge, der magische Klang der Trommeln, das fr\u00f6hliche Stampfen ihrer F\u00fc\u00dfe, die sch\u00f6ne Bewegung ihrer Leiber, die bezaubernde Offenheit, mit der junge M\u00e4nner und Frauen aufeinander zugehen konnten, all das ber\u00fchrte mich tief in meinem Innern.<\/p>\n<p>Ich war nicht zum ersten Mal in einem Adivasi-Gebiet. Schon fr\u00fcher hatte ich in anderen Gegenden \u00c4hnliches erlebt. Und ich hatte Lieder voll tiefen Schmerzes geh\u00f6rt, die dem Gef\u00fchl eines gro\u00dfen Verlustes entsprangen: Die tiefe Verbundenheit mit der Natur, der friedlichen, gro\u00dfz\u00fcgigen Natur, ist f\u00fcr immer zerst\u00f6rt, und das Leben wird gewaltsam und f\u00fcr immer von au\u00dfen ver\u00e4ndert, gegen den eigenen Wunsch und Willen der Menschen.<\/p>\n<p>Im Dezember 2000 schlossen sich die UreinwohnerInnen und die Dalit-Bev\u00f6lkerung in Kashipur unter dem Banner der PSSP (Prakrut Sampad Suraksha Parishad, dt.: Vereinigung zum Schutz der nat\u00fcrlichen Ressourcen) zu einer gro\u00dfen Protestaktion zusammen: Um das Bauxitabbauprojekt zu verhindern, sollte die Stra\u00dfe blockiert werden.<\/p>\n<p>Am 15. Dezember 2000 versuchte die Regierungspartei gemeinsam mit anderen politischen Parteien der herrschenden Klasse, im Dorf Maikanch eine Kundgebung zugunsten des Bauxitabbaus zu erzwingen. Es wurden Fahrzeuge bereitgestellt, um die mehrheitlich ausw\u00e4rtigen TeilnehmerInnen in die Ortschaft zu bringen. Die Bev\u00f6lkerung von Maikanch jedoch wehrte sich entschieden gegen eine solche von au\u00dferhalb und gegen ihren Willen inszenierte Veranstaltung in ihrem Dorf und vertrieb die Eindringlinge. Tags darauf kamen bewaffnete Polizeieinheiten und begannen, auf die Menschen zu schie\u00dfen. Die M\u00e4nner flohen in die Berge. Die Frauen und einige Jugendliche blieben zur\u00fcck, protestierten und versuchten, die Polizisten von ihrem T\u00f6tungsvorhaben abzubringen. Sie wurden zusammengeschlagen und von der Polizei mit dem Tode bedroht. Die Polizisten feuerten weiter auf die M\u00e4nner in den Bergen. Drei Ureinwohner wurden get\u00f6tet, Dutzende erlitten Schussverletzungen.<\/p>\n<p>In den folgenden Tagen ging der Polizeiterror weiter. Aber die Adivasi lie\u00dfen sich nicht einsch\u00fcchtern. In der Nacht kamen sie zu Tausenden und versammelten sich auf der Stra\u00dfe. Und so, wie sie es in ihrem zuvor beschlossenen Protestplan festgelegt hatten, blockierten sie die Stra\u00dfe bei Rabkana. Der Versuch, den Widerstand mit massenhafter Repression und Terror zu brechen, hatte eine geb\u00fchrende Antwort bekommen.<\/p>\n<p>Es dauerte kein Jahr, bis sich Norsk Hydro aus dem Projekt zur\u00fcckzog.<\/p>\n<p>Vermutlich wurde das Unternehmen von Teilen der norwegischen Kirche unter Druck gesetzt und erkannte, dass der Widerstand in Kashipur trotz der Repression des indischen Staates nicht so leicht zu \u00fcberwinden war.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Widerstand war dies nur ein kleiner Sieg. Klein deshalb, weil UAIL umstrukturiert wurde. Tata hatte das Projekt bereits 1998 verlassen. Hindalco und Alcan wurden jetzt, nachdem auch Norsk Hydro abgesprungen war, die einzigen Anteilseigner von UAIL.<\/p>\n<h3>Die Maschinerie des Todes und der Zerst\u00f6rung kam nicht zum Stehen<\/h3>\n<p>Den meisten Menschen in den St\u00e4dten ist es egal, was mit den UreinwohnerInnen geschieht.<\/p>\n<p>Viele, insbesondere aus dem B\u00fcrgertum, sind sogar aktive Unterst\u00fctzerInnen der Politik des Todes und der Zerst\u00f6rung. Die meisten Zeitungen, gro\u00dfe wie kleine, spucken Gift und Galle gegen den Widerstand.<\/p>\n<p>Die Journalisten sind von Alcan-Hindalco gekauft und dienen ihren Herren, den Unternehmen, den Parteien der herrschenden Klasse und auch einfach ihrem Eigeninteresse und ihrem Ehrgeiz, ein materiell reiches Leben zu f\u00fchren &#8211; in Wirklichkeit ein v\u00f6llig leeres Leben.<\/p>\n<p>Die Hunderte von Millionen armer und hungriger Menschen, die st\u00e4ndig um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen m\u00fcssen, sind dagegen ohnm\u00e4chtig. Sie sind kaum in der Lage, aktiv zu werden und in Solidarit\u00e4t mit jenen zu handeln, die sich dem t\u00f6dlichen Marsch der Industriegesellschaft widersetzen. Wir leben in einer postmodernen Welt: Der Leviathan ((1)) und seine Technologie vernichten jede andere Lebensform, zerst\u00f6ren uns selbst und die gesamte Umwelt von au\u00dfen und durchdringen uns zutiefst mit ihrer Gentechnik, Kybernetik und Biotechnologie. Was f\u00fcr eine leere, fruchtlose, vergiftete Existenz.<\/p>\n<p>In irgendeiner Ecke dieser Welt haben UreinwohnerInnen Hunderte von Generationen lang ein freies und friedliches Leben gef\u00fchrt, ohne sich selbst und ihre Umwelt zu zerst\u00f6ren, ein Leben als Teil der Natur. Jetzt k\u00e4mpfen sie, um das, was von dieser Lebensweise \u00fcbrig ist, zu verteidigen und zu sch\u00fctzen. Ihre Lebensform ist einem Krieg der Zivilisation ausgesetzt. Schon heute ist sie nur noch ein blasser Widerschein der Vergangenheit, zerbrochen und zerfetzt, gepl\u00fcndert und besch\u00e4digt durch die zivilisierten Kr\u00e4fte und Institutionen des Staates. Und dennoch ist sie immer noch freier, egalit\u00e4rer und friedlicher als jegliche zivilisierte, staatsf\u00f6rmige Gesellschaft. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Buschm\u00e4nner in der afrikanischen Kalahari, die verschiedenen Ethnien Brasiliens, Indiens und anderer L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Seit seiner so genannten Unabh\u00e4ngigkeit ist der indische Staat f\u00fcr die Adivasi-Gemeinschaften Indiens ein Regime der Zerst\u00f6rung und des V\u00f6lkermords. Die Politik der Kolonisierung war bereits Teil der indischen Zivilisation, bevor der britische Staat weite Teile Asiens kolonisierte. Jetzt, seit 1947, setzt sich diese Politik als ein beispielloser Marsch des Todes in der Tradition des britischen Kolonialismus fort. Immer wieder jedoch st\u00f6\u00dft das europ\u00e4ische Projekt, jede Ecke der Welt der Macht des Staates und des Marktes zu unterwerfen und zu kolonisieren, auf den Widerstand der UreinwohnerInnen.<\/p>\n<p>Das gemeinsame Vorgehen der Adivasi-Gemeinschaften und der Dalits gegen das Bauxitabbauprojekt in Kashipur ist Teil dieses fortgesetzten Widerstandes im Zeitalter der Globalisierung von Staat, Kapital und Markt, als deren Werkzeug der Bundesstaat Orissa agiert. Seit dem 1. Dezember 2004 \u00fcberzieht er Kashipur mit einer massiven Repressions- und Terrorkampagne. 800 oder mehr Paramilit\u00e4rs sind in der Region stationiert. Am 1. Dezember wurde mit dem Bau einer Kaserne f\u00fcr diese Truppen sowie einer neuen Polizeiwache und einem Geb\u00e4ude f\u00fcr UAIL begonnen. \u00dcber Jahre hinweg hatte der Widerstand verhindert, dass UAIL hier irgendetwas bauen konnte, und auch eine Polizeiwache hatte es bei Kuchaipadar nie gegeben. Jetzt haben sie es dank ihres \u00fcberw\u00e4ltigenden Terrorapparats geschafft. Alte, Kinder, Jugendliche, die am 1. Dezember Widerstand leisteten, wurden brutal geschlagen, verhaftet und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Seitdem marschieren die Kr\u00e4fte des Terrors und des Todes durch das ganze Gebiet. Die Menschen werden terrorisiert und gezwungen, ein Papier zu unterschreiben, mit dem sie ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Bauxitprojekt bekunden.<\/p>\n<p>Wenn Menschen versuchen, sich zu versammeln und \u00fcber die Situation zu diskutieren, werden sie bedroht, terrorisiert, geschlagen, verhaftet. Dennoch gab es Versuche, den Ausbau der Stra\u00dfe zu behindern, ohne den weder die Monstermaschinen in die Berge gelangen noch das Material zum Bau der Weiterverarbeitungsanlage oder das abgebaute Bauxit transportiert werden k\u00f6nnen. Der Premierminister des Bundesstaats Orissa erkl\u00e4rte daraufhin gegen\u00fcber der Presse, dass man den Kriminellen, die sich der Entwicklung entgegenstellten, eine Lektion erteilen m\u00fcsse und dass man keinen Widerstand gegen die industrielle Entwicklung dulden werde.<\/p>\n<p>Die Medien, die PolitikerInnen, die Claqueure der Aluminiumindustrie verbreiten die L\u00fcge, die Adivasi-Gemeinschaften w\u00fcrden durch ausl\u00e4ndische Unruhestifter aufgehetzt. Angesichts dessen, dass 45 % der UAIL-Anteile dem kanadischen Alcan-Konzern geh\u00f6ren, dem weltweit zweitgr\u00f6\u00dften, multinational agierenden Aluminiumproduzenten, ist es ebenso paradox wie dreist, dass ausgerechnet diese Kr\u00e4fte behaupten, der Widerstand der UreinwohnerInnen werde aus dem Ausland finanziert, und eine Kampagne gegen die angeblichen ausl\u00e4ndischen Strippenzieher losgetreten haben. Die absurde These, es g\u00e4be eine ausl\u00e4ndische Verschw\u00f6rung gegen die Industrialisierung Indiens, wird von den gebildeten Klassen aufgetischt und aufgeleckt. Sie haben ja selbst ein vitales Interesse am t\u00f6dlichen Marsch der Industrialisierung.<\/p>\n<h3>Die Lage in Kashipur ist inzwischen sehr kritisch<\/h3>\n<p>Die kleinen st\u00e4dtischen Solidarit\u00e4tsgruppen in Orissa und anderen indischen Bundesstaaten, die Berichte diverser Menschenrechtsgruppen, die das Gebiet besucht haben, die moralische Unterst\u00fctzung einiger Organisationen und Prominenter und die in den vergangenen zwei Jahren aktiv gewordene kanadische Solidarit\u00e4tskampagne &#8222;Alcan&#8217;t in India&#8220; ((2)) haben es nicht geschafft, Alcan und UAIL aus Kashipur zu verjagen und die Herrschaft des Terrors zu stoppen.<\/p>\n<p>Deshalb m\u00fcssen wir uns hier in Europa organisieren und mit dem Widerstand solidarisieren, bevor der Bauxitabbau beginnt und der Widerstand, und mit ihm eine ganze Lebensform, zerst\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Etwa 100 Kilometer von Kashipur entfernt laufen bereits zwei Bauxitabbauprojekte. Auch sie liegen auf Adivasi-Gebiet. Sie sind in der Hand britischer Unternehmen und marschieren unaufhaltsam voran, nachdem Repression und Terror den Widerstand im Keim erstickt haben. Und sie sind nicht die Einzigen: Viele weitere monstr\u00f6se Industrialisierungsprojekte schaffen sich Raum in Orissa, dem neuen indischen Schmelztiegel der Globalisierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Widerstand in der Region begann 1993, als das Bergbauprojekt bekannt wurde. Damals hatten sich die Firmen Indal Co., Tata und Norsk Hydro zur Utkal Alumina International Ltd. (UAIL) zusammengeschlossen. Inzwischen ist Indal im Besitz von Hindalco, einem Unternehmen der Birla-Gruppe. 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