{"id":7128,"date":"2005-11-01T00:00:17","date_gmt":"2005-10-31T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7128"},"modified":"2022-07-26T13:56:49","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:49","slug":"das-ideologische-wesen-der-bilder-dekolonisieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/11\/das-ideologische-wesen-der-bilder-dekolonisieren\/","title":{"rendered":"&#8222;\u2026das ideologische Wesen der Bilder dekolonisieren&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>GWR<\/em>: Im Zusammenhang mit zeitgen\u00f6ssischen Kunstausstellungen, wenn sie sich dem Thema Migration oder Rassismus zuwenden, wird immer wieder herausgestellt, wie wichtig es ist, Sichtbarkeit herzustellen f\u00fcr etwas, das vorher nicht sichtbar war oder nicht in den Blick der \u00d6ffentlichkeit geraten ist. Welchen Stellenwert hat f\u00fcr euch das Konzept der Sichtbarkeit, welche M\u00f6glichkeiten und welche Fallen birgt es?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Das Konzept der Sichtbarkeit wirft die Frage auf: Wer macht sichtbar und wer wird sichtbar gemacht? Sichtbarkeit ist nicht per se positiv. Dennoch kann es im politischen Zusammenhang wichtig sein, \u00d6ffentlichkeiten herzustellen, z.B. im Kontext der Zusammenarbeit von MigrantInnen und Mehrheits\u00f6sterreicherInnen. Wichtig ist auch die Frage, was sichtbar werden soll &#8211; Strukturen oder Personen. In einer antirassistischen feministischen Bildpolitik sollten vor allem rassistische Strukturen sichtbar gemacht werden und nicht die rassistisch Diskriminierten.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Ein zentrales und markantes Element Schwarzer Erfahrung ist das Spannungsfeld, das zwischen einer permanenten Sichtbarkeit als Objekte und kompletter Unsichtbarkeit als Subjekte besteht. Wir sind als konstruierte Objekte extrem sichtbar, \u00fcber die in dem vorherrschenden Darstellungssystem etwas gewusst wird. Das gilt auch und gerade f\u00fcr den \u00f6sterreichischen Kontext. Dem steht die vollst\u00e4ndige Unsichtbarkeit von subjektiven Schwarzen Positionen entgegen die es zu durchbrechen gilt. Dazu ein Zitat, das ich immer und immer wieder wiederhole, von der Filmemacherin Prathiba Parmar: &#8222;Bilder spielen eine entscheidende Rolle bei der Definition und Kontrolle politischer und sozialer Macht (\u2026). Das zutiefst ideologische Wesen der Bilderwelt bestimmt nicht nur, wie andere \u00fcber uns denken, sondern auch, wie wir \u00fcber uns selbst denken.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist dies eine wichtige Ausgangsposition, dass n\u00e4mlich Darstellung und Beherrschung miteinander verquickt sind, und dass es deshalb extrem wichtig ist, in dieses dominierende und unterdr\u00fcckende Imageregime ((1)) einzugreifen und sozusagen Selbstbefreiungsstrategien auszuarbeiten, also bildkritische Interventionen zu schaffen. Was ich meine ist, dass das Konzept der Sichtbarkeit f\u00fcr mich mit dem Kampf um selbstbestimmte, emanzipatorische, dekolonisierte Bilder verbunden ist. D.h. mit unseren vergangenen, gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen Schwarzen Befreiungsprozessen und der Erk\u00e4mpfung unserer Sichtbarkeiten als politische Subjekte.<\/p>\n<p><strong><em>GWR<\/em>: Lassen sich denn &#8222;andere Bilder&#8220; entwickeln? <\/strong><strong>Oder riskiert man bei dem Versuch, alternative Bilder zu produzieren nicht das, was Peter Grabher &#8222;pseudo-anti-rassistische Exploitation&#8220; nennt? Nur eine neue Form der Ausbeutung? <\/strong><\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Genauso wie Schwarze Menschen zum Spiegel f\u00fcr wei\u00dfe rassistische und sexistische Projektionen, Tr\u00e4ume und Sehns\u00fcchte instrumentalisiert werden, kommt es nat\u00fcrlich zu solchen Vereinnahmungen: Das passive Element bleibt dann bestehen und Schwarze Menschen fungieren dann als Hintergrundtapete f\u00fcr wei\u00dfe liberale Visionen und progressive Selbstinszenierungen. Aber die Definitionsmacht wird dabei nicht aufgebrochen, sondern nur neu, also pseudo-alternativ verpackt.<\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Ich denke auch, es gibt keine &#8222;andere Bilder&#8220;. Jedes Bild, das wir herstellen, ist Teil der rassistischen Strukturen, in denen wir leben und von denen wir auch gepr\u00e4gt sind. Bei antirassistischen, feministischen Bildpolitiken geht es f\u00fcr mich darum, dass Bilder kritisch diskutiert und miteinander neue hergestellt werden &#8211; von den in der Gesellschaft unterschiedlich Positionierten. Es steht auch die Frage im Raum, wie dabei Definitionsmacht abgegeben und geteilt werden kann.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Aber welche Bilder k\u00f6nnen dann hergestellt werden?<\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Ohne die Auseinandersetzung mit den so genannten Anderen lassen sich gar keine antirassistischen Bildpolitiken entwerfen. Die Position in der Gesellschaft pr\u00e4gt ja auch den eigenen Blick. Deshalb erscheint mir die Auseinandersetzung mit der Bedeutungsproduktion von Bildern und Begriffen so wichtig. Wenn Du Bilder kritisierst, bekommst Du von den MacherInnen oft die Antwort: &#8222;Das war nicht meine Intention&#8220;. Gerade dann ist es wichtig zu erkl\u00e4ren, dass diesen Bildern dennoch eine bestimmte Politik innewohnt, die auf der Ebene der Bilder, der Sprache reproduziert wird. Repr\u00e4sentationskritik &#8211; also die Frage danach, wie Bilder jenseits der Intention ihrer MacherInnen in herrschende Politiken verstrickt sind &#8211; hat in \u00d6sterreich wenig Tradition.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Die ganze Auseinandersetzung ist nat\u00fcrlich nicht vom Himmel gefallen, sondern beruht auf Kritik und ist Teil von K\u00e4mpfen. Ich glaube eben nicht, dass wei\u00dfe K\u00fcnstlerInnen eines Morgens aufgewacht sind und sich bestimmte Fragen gestellt haben. Wie feministische Positionen m\u00fcssen auch antirassistische Bilder aus K\u00e4mpfen entstehen. Ich stimme Dir zu, dass ohne die Kritik &#8222;der Anderen&#8220; bestimmte Ebenen nicht sichtbar oder nicht zu erfassen w\u00e4ren, aber dabei besteht nat\u00fcrlich die Gefahr, dass diese Kritiken als von &#8222;den Anderen antirassistisch gepr\u00fcft&#8220;-Stempel vereinnahmt wird.<\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Ich glaube, dass das auch umgekehrt funktioniert. Auch Du kannst bestimmte Dinge nicht sehen. Deshalb ist die Auseinandersetzung von Personen, die in der Gesellschaft unterschiedlich positioniert sind, wichtig.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Das stimmt schon, nur wenn wir jetzt von wei\u00dfen und von Schwarzen Positionen reden &#8211; und man kann das unendlich erweitern, ich werde vermutlich viele Heterosexismen reproduzieren usw. -, ist auch da die strukturelle Ebene nicht zu vernachl\u00e4ssigen. Wenn Du als wei\u00dfe Frau von &#8222;den Anderen&#8220; sprichst, kann man schon sagen, dass ein Stempel mit dem Aufdruck &#8222;von nicht-wei\u00dfen Anderen gepr\u00fcft&#8220; eine besondere Bedeutung hat, und zwar gerade im Kunstbereich, wo es im Moment besonders hip ist\u2026<\/p>\n<p><strong>J.S.:<\/strong> \u2026was ist gerade besonders hip?<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Es ist besonders hip, sich mit dem Konzept der &#8222;Wei\u00dfheit&#8220; ((2)) auseinanderzusetzen; es ist besonders hip, auch antirassistische Positionen zu haben. Wenn ich als wei\u00dfe K\u00fcnstlerin sagen kann, ich habe diese und jene Kooperationen gef\u00fchrt, dann ist das nat\u00fcrlich ein unglaubliches symbolisches Kapital.<\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Es kommt nat\u00fcrlich darauf an, <em>wie<\/em> die Kooperationen gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Auch wenn sie gut gef\u00fchrt werden, haben sie im Kunstkontext die M\u00f6glichkeit, als Beispiel f\u00fcr gute Kooperation in die kritische, progressive Kunstgeschichte einzugehen.<\/p>\n<p>Als Meilenstein k\u00f6nnen sie dann auch wieder ausgestellt werden.<\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Das sehe ich anders. Ich denke, dass politische Positionen im Kunstbereich total marginalisiert sind. Es gab vielleicht Anfang der 1990er Jahre die Hoffnung, dass es in diese Richtung gehen k\u00f6nnte. Jetzt sehe ich eher die Tendenz, dass K\u00fcnstlerInnen, die politisch arbeiten und Kooperationen mit marginalisierten Gruppen suchen, viel mehr im politischen Feld wahrgenommen werden als im Kunstfeld.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Klar sind das gleichzeitig auch im Kunstbereich gerade in \u00d6sterreich \u00e4u\u00dferst marginalisierte Positionen. Diese Tatsache hebt aber die von mir beschriebenen Machtverh\u00e4ltnisse und die damit verbundenen Mechanismen in diesem zugegeben kleinen Segment nicht auf.<\/p>\n<p><strong><em>GWR<\/em>: Kann eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der &#8222;Wei\u00dfheit&#8220; auch Mechanismen durchbrechen? Womit wird gebrochen, was wird reproduziert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Interessant ist auch zu \u00fcberlegen, warum wir den Begriff &#8222;Wei\u00dfheit&#8220; oder &#8222;Wei\u00dfsein&#8220; verwenden. &#8222;Wei\u00dfheit&#8220; fragt nach den Wissenstraditionen, die mit wei\u00dfer Macht und Herrschaft einhergehen. &#8222;Wei\u00dfsein&#8220; macht deutlich, dass wei\u00dfe Herkunft sich mit der Reflexion dar\u00fcber nicht einfach ablegen l\u00e4sst. Wichtig ist aber, sie nicht biologistisch zu denken, sondern als politische Position.<\/p>\n<p><strong><em>GWR<\/em>: Die Idee des &#8222;Wei\u00dfheit&#8220;-Konzeptes ist es also, die eigene Position <em>als Position <\/em>in der Gesellschaft<em> <\/em>sichtbar zu machen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Genau. Auf die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Konzept der &#8222;Mehrheitsposition&#8220; folgt nun die Besch\u00e4ftigung mit dem &#8222;Wei\u00dfsein&#8220;. Interessant an dem Konzept finde ich, dass es die Geschichte &#8211; Kolonialismus und NS-Zeit &#8211; mit einbezieht und nicht nur auf aktuelle Ungleichheiten zielt. Daher erscheint es mir sinnvoll. Problematisch ist daran aber der Import, die Critical Whiteness Studies wurden aus den USA einfach \u00fcbernommen.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Entscheidend ist ja, dass es in Schwarzen kritischen Diskursen entwickelt wurde und dass es darum ging und geht, Machtverh\u00e4ltnisse in einer Gesellschaft sichtbar zu machen. Dass die \u00f6sterreichische Realit\u00e4t bei der Anwendung von &#8222;Whiteness Studies&#8220; hier zu Lande ausgeklammert bleibt, st\u00f6rt mich daran extrem.<\/p>\n<p><strong><em>GWR<\/em>: Angesichts der Bild- und Blickregime stellt sich die Frage noch mal, wie sie sich durchbrechen lassen und ob es eine Bildpolitik geben kann, die sehr wohl etwas mit Empowerment zu tun hat. Von welchen Bildpolitiken tr\u00e4umt ihr also?<\/strong><\/p>\n<p><strong>J. S.:<\/strong> Bildpolitiken, von denen ich tr\u00e4ume, sind welche, die meine Vorstellungen \u00fcbersteigen und bei denen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen etwas miteinander teilen und es anderen mitteilen. Bildpolitiken, die antirassistisch und feministisch sind &#8211; von der \u00c4sthetik bis zur strukturellen Ebene der Bedingungen der Herstellung und Ver\u00f6ffentlichung. Und die noch genug Platz lassen f\u00fcr Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p><strong>A. J.-A.:<\/strong> Das unvorstellbare Moment erscheint mir auch sehr wichtig. Und um zu dem Parmar-Zitat zur\u00fcckzukommen: Ein Traum w\u00e4re, das ideologische Wesen der Bilderwelt zu dekolonisieren. Aber ich sehe das als fortlaufenden, niemals endenden Prozess. Denn gerade weil die Unterdr\u00fcckung so umfassend ist, muss auch unsere Befreiung umfassend sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Im Zusammenhang mit zeitgen\u00f6ssischen Kunstausstellungen, wenn sie sich dem Thema Migration oder Rassismus zuwenden, wird immer wieder herausgestellt, wie wichtig es ist, Sichtbarkeit herzustellen f\u00fcr etwas, das vorher nicht sichtbar war oder nicht in den Blick der \u00d6ffentlichkeit geraten ist. 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