{"id":7134,"date":"2005-11-01T00:00:39","date_gmt":"2005-10-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7134"},"modified":"2022-07-26T14:24:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:27","slug":"haben-sie-mein-kampf-noch-nicht-gelesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/11\/haben-sie-mein-kampf-noch-nicht-gelesen\/","title":{"rendered":"&#8222;Haben Sie <i>&#8218;Mein Kampf&#8216;<\/i> noch nicht gelesen?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren geht ein Gespenst um in der T\u00fcrkei &#8211; das Gespenst des Sabbataismus. Liberalen, DemokratInnen, LaizistInnen und SozialistInnen wird unterstellt, sie seien in Wirklichkeit Pseudo-Juden, Anh\u00e4nger des Sabbataismus. Es wird angedeutet, sie bes\u00e4\u00dfen eine geheime Agenda und st\u00fcnden im Dienste des &#8222;israelischen Staates&#8220;.<\/p>\n<p>Sie werden als eine koh\u00e4rente Fremdgruppe dargestellt, ihnen wird eine koh\u00e4rente Gruppenidentit\u00e4t angedichtet und Illoyalit\u00e4t gegen\u00fcber der t\u00fcrkischen Gesellschaft. In seinem neuesten Buch <em>&#8222;Tekelistan&#8220;<\/em> (dt. <em>&#8222;Kartellimperium&#8220;<\/em>) schreibt der ehemalige Linksradikale Yalcin K\u00fcc\u00fck, dass der t\u00fcrkische Au\u00dfenminister Abdullah G\u00fcl ein Sabbataist sei, woraufhin dieser Stellung nimmt und dementiert (vgl. <em>Milliyet,<\/em> 09.06.2005). Dies ist ein Beispiel f\u00fcr die Irritation, die diese Zuschreibung ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Antisemitische Verschw\u00f6rungstheorien haben Konjunktur: Hitlers <em>&#8222;Mein Kampf&#8220;<\/em> und <em>&#8222;Die Protokolle der Weisen von Zion&#8220;<\/em> geh\u00f6ren zurzeit zu den Bestsellern. Gelesen werden sie \u00fcberwiegend von Jugendlichen, die der nationalistischen <em>Genc Parti<\/em> (Junge Partei) und der national-rechtsradikalen <em>Milliyetci Hareket Partisi<\/em> (Nationale Aktionspartei) nahe stehen &#8211; was der Sache eine zus\u00e4tzliche Brisanz verleiht (vgl. <em>Radikal,<\/em> 16.03.2005).<\/p>\n<p>Die Gefahr, der die t\u00fcrkische Zivilgesellschaft ausgesetzt ist, liegt auf der Hand. Es geht im Folgenden darum, zu zeigen, dass es sich hierbei nicht um einen &#8222;islamischen&#8220; Antisemitismus geht, denn die g\u00e4ngigen Klischees und Stereotypen stammen aus dem Arsenal des europ\u00e4ischen Antisemitismus.<\/p>\n<p>Durch Konstruktion eines Feindbildes wollen Antisemiten ein nationales Bewusstsein erwecken.<\/p>\n<p>Wie im Osmanischen Reich war Antisemitismus bisher in der T\u00fcrkei eher eine Randerscheinung. Noch heute lobt das &#8222;Archiv f\u00fcr j\u00fcdische Kultur und Geschichte&#8220; auf seiner Internetseite (<a href=\"http:\/\/www.juedisches-archiv-chfrank.de\">http:\/\/www.juedisches-archiv-chfrank.de<\/a>) die Sicherheit und gro\u00dfz\u00fcgige Religionsfreiheit, der sich Juden im Osmanischen Reich erfreut haben sollen. Dennoch kam es in der t\u00fcrkischen Geschichte zu antisemitischen Vorf\u00e4llen. In den 30er Jahren wurden in den ostthrakischen Provinzen Pogrome von den lokalen Organisationen der (heute linksliberalen, zu der Zeit staatstragenden) Republikanischen Volkspartei (CHP) organisiert.<\/p>\n<p>Auch im Moment erstarkt der Antisemitismus wieder, doch richtet sich dieser nicht vorwiegend gegen Juden. Die Funktionen des traditionellen Antisemitismus bestanden darin, die Assimilation\/ Islamisierung der Juden ideologisch zu forcieren oder die \u00f6konomische Macht t\u00fcrkischer Juden in Frage zu stellen. Heute sind die t\u00fcrkischen Juden zahlenm\u00e4\u00dfig eine sehr kleine Gruppe, sind weder in den Medien pr\u00e4sent, noch fallen sie im Alltag besonders auf. Sofern handelt es sich heute um einen &#8222;Antisemitismus ohne Juden&#8220;.<\/p>\n<p>Angesto\u00dfen wurde die Debatte vom islamistischen Publizisten Mehmet S. Eygi, der in <em>Milli Gazete<\/em> (13.02.1999, dt. <em>Nationale Zeitung<\/em>)<em> <\/em>die Sabbataisten als eine &#8222;geheim agierende, einflussreichste, politisch m\u00e4chtigste&#8220; Interessengruppe mit einer Doppelidentit\u00e4t bezeichnet. Sie seien im Besitz von &#8222;mindestens 40 %&#8220; der t\u00fcrkischen Medien, einiger Universit\u00e4ten und &#8222;zahlreicher&#8220; privater h\u00f6herer Schulen. Daher sei es h\u00f6chste Zeit, diese Gruppe und ihre &#8222;Machenschaften&#8220; ins Licht zu r\u00fccken. Eygi will aber auf keinen Fall in den Verruf des Antisemitismus kommen; er warnt vor &#8222;\u00fcbertriebenen&#8220; Reaktionen auf seine Enth\u00fcllungen &#8211; kann es aber nicht lassen, ihnen eine &#8222;Islamfeindlichkeit&#8220; anzudichten. Dabei bezieht er sich auf religionskritische \u00c4u\u00dferungen prominenter Sabbataisten wie Ahmet E. Yalman oder Sabiha Sertel, die sich in den Medien f\u00fcr Laizismus, eine weitere Modernisierung und Liberalisierung ausgesprochen hatten. An anderer Stelle (<a href=\"http:\/\/biriz.biz\/sevi\/svi22.htm\">http:\/\/biriz.biz\/sevi\/svi22.htm<\/a>) wird Eygis Tonfall deutlich aggressiver, und er nutzt alle zur Verf\u00fcgung stehenden antisemitischen Klischees. Die &#8222;Konvertiten aus Thessaloniki&#8220; h\u00e4tten seit Jahrzehnten ihre politische, \u00f6konomische und soziale Macht immer weiter ausgebaut. Heute sei es unm\u00f6glich, es in der Weltpolitik mit ihnen aufzunehmen. Es sei ein Skandal, dass eine &#8222;Handvoll Sabbataisten&#8220; den Reichtum des Landes &#8222;verzerren&#8220;, w\u00e4hrend aufrichtige Menschen f\u00fcr ihr t\u00e4gliches Brot schuften m\u00fcssen. Den H\u00f6hepunkt seiner antisemitischen Polemik bildet eine Drohung: Die Nichtmuslime h\u00e4tten durch eigene Kurzsichtigkeit ihr &#8222;Existenzrecht&#8220; in Anatolien &#8222;verwirkt&#8220;. Den Sabbataisten drohe dasselbe Schicksal, sollten sie nicht Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der T\u00fcrkei schw\u00f6ren und ihre feindseligen &#8222;Umtriebe&#8220; einstellen.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit handelt es sich um die Nachfahren derjenigen, die im 17. Jahrhundert vom Judentum zum Islam \u00fcbergetreten sind (<em>D\u00f6nme<\/em>, dt. Konvertiten). Ihren Namen erhielten sie nach dem j\u00fcdischen Mystiker Sabbatai Zwi, der sich zu dieser Zeit zum Messias erkl\u00e4rte und f\u00fcr die Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates in Pal\u00e4stina pl\u00e4dierte. Bald darauf wurde er verhaftet und zum Tode verurteilt. Um dem Tod zu entgehen, traten er und seine Gefolgsleute zum Islam \u00fcber. Weil sie aber eine liberalere Religiosit\u00e4t praktizierten und angeblich bestimmte j\u00fcdische Gewohnheiten und Rituale beibehalten h\u00e4tten, wurde ihre islamische Identit\u00e4t immer wieder in Frage gestellt, wurden Verschw\u00f6rungstheorien \u00fcber sie in Umlauf gebracht. Solche Verschw\u00f6rungstheorien kursieren in islamistischen und ultranationalistischen Kreisen seit der Jungt\u00fcrkischen Revolution (1908) wie eine Art t\u00fcrkische Dolchsto\u00df-Legende, nach der j\u00fcdische Bankiers in Zusammenarbeit mit Sabbataisten und anderen &#8222;islamfeindlichen Elementen&#8220; die Absetzung des Sultans II. Abd\u00fclhamids geplant h\u00e4tten, weil dieser sich gegen j\u00fcdische Siedlungen in Pal\u00e4stina gewehrt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Besorgniserregend ist, dass solche Ansichten nun auch anderswo an Boden gewinnen. Prominente Beispiele sind hierf\u00fcr die Polemiken und Publikationen von Yalcin K\u00fcc\u00fck, der sich sogar in einem offenen Brief an den Staatspr\u00e4sidenten Ahmet N. Sezer wandte (<em>Yeni Harman,<\/em> 21.05.2004). Er fordert diesen auf, im Interesse der Nation Untersuchungen in der <em>Gazi Universit\u00e4t<\/em> anzuordnen. Die Sabbataisten h\u00e4tten dort das Sagen und w\u00fcrden auf subtile Weise Menschen nicht-j\u00fcdischer Abstammung von wichtigen Lehrst\u00fchlen oder Verwaltungsgremien fernhalten. Der Beweis: Der ehemalige Chef des t\u00fcrkischen Geheimdienstes S\u00f6nmez K\u00f6ksal und der ehemalige Au\u00dfenminister Ismail Cem &#8211; beide Sabbataisten! &#8211; dozierten in dieser Universit\u00e4t, ohne die daf\u00fcr notwendige Qualifikation zu besitzen. Zwei Wochen sp\u00e4ter unterstreicht K\u00fcc\u00fck in einem Interview mit der Tageszeitung <em>H\u00fcrriyet <\/em>(08.06.2004) erneut, dass die Sabbataisten ein die ganze Gesellschaft durchziehendes Netzwerk errichtet und die zentralen Stellen in Politik, Wirtschaft, Sport und Kulturindustrie besetzt h\u00e4tten. Dabei verweist er als Gew\u00e4hrsautor immer wieder auf Soner Yalcin.<\/p>\n<p>Dieser Popul\u00e4r-Historiker lieferte im vergangenen Jahr ein angeblich wissenschaftliches Buch (dt. <em>&#8222;Efendi. Das gro\u00dfe Geheimnis der wei\u00dfen T\u00fcrken&#8220;<\/em>). Er versucht dort, den Einfluss der Sabbataisten auf die t\u00fcrkische Modernisierung zu konstruieren.<\/p>\n<p>Als Fallbeispiel dient ihm eine Gro\u00dffamilie aus Izmir, deren Mitglieder eine dominante Rolle in der modernen T\u00fcrkei spielen. Zu ihr geh\u00f6r(t)en Gro\u00dfunternehmer, Finanziers, Politiker, Intellektuelle, K\u00fcnstler, Diplomaten und Wissenschaftler; beispielsweise der ehemalige t\u00fcrkische Premier Adnan Menderes (1899-1961) oder der ehemalige Au\u00dfenminister Fatin R\u00fcSt\u00fc Zorlu (1912-1961).<\/p>\n<p>Das Buch gibt sich wissenschaftlich, steckt aber voller Andeutungen und Unterstellungen. Trotz radikalem Wandel in der Parteienlandschaft und Gesellschaft w\u00fcrde es dieser Gro\u00dffamilie &#8222;merkw\u00fcrdigerweise&#8220; immer wieder gelingen, wie durch eine &#8222;unsichtbare Hand&#8220; unterst\u00fctzt, ihre Machtposition zu behaupten.<\/p>\n<p>Mehrmals wird auf eine angebliche Endogamie hingewiesen. Im gleichen Atemzug wird erw\u00e4hnt, dass der Messias Sabbatai Zwi seinen Gefolgsleuten die Annahme des islamischen Glaubens empfohlen, die Vermischung mit Moslems aber strikt verboten habe. Diese seien massenhaft in reformistische Orden eingetreten, um dort eine neue, dem &#8222;Wesen des Islams fremde Religiosit\u00e4t&#8220; zu erschaffen. Sogar die pro-ungarische und pro-israelische Au\u00dfenpolitik der T\u00fcrkei werden auf sabbataistischen Einfluss zur\u00fcckgef\u00fchrt.<\/p>\n<h3>Wie ist das Aufflammen des Antisemitismus zu erkl\u00e4ren?<\/h3>\n<p>Jede Nation erhebt Anspruch auf Einheit und Homogenit\u00e4t &#8211; so auch die t\u00fcrkische. Doch gegenw\u00e4rtig zerbr\u00f6ckelt der nationale Mythos von der Einheitlichkeit und Homogenit\u00e4t der t\u00fcrkischen Nation: Kurden bestehen auf eigene ethnische, Aleviten auf eigene religi\u00f6se Identit\u00e4t, und Armenier dr\u00e4ngen auf eine Re-Interpretation der offiziellen Geschichtsauffassung und verlangen nach offizieller Anerkennung ihrer Leiden. Hinzu kommen radikale Ver\u00e4nderungen, die im Zuge der Weltmarkt- und EU-Integration noch bevorstehen. All dies zusammen f\u00fchrt zu einer Identit\u00e4ts- und Legitimit\u00e4tskrise und ruft ein starkes Unsicherheitsgef\u00fchl hervor.<\/p>\n<p>Islamisten und Konservative antworten darauf mit der Infragestellung der Modernisierung und S\u00e4kularisierung, national eingestellte Linke mit der Infragestellung der strategischen Partnerschaft mit Israel (quasi als &#8222;Vorposten&#8220; der Neuen Weltordnung) und der Ann\u00e4herung an die EU.<\/p>\n<p>So entsteht eine &#8222;heilige&#8220; Allianz, die Konservative, Religi\u00f6se, Nationalisten, Kemalisten, Aleviten, milit\u00e4rische wie politische Eliten und Linke umfasst. Mit dem Feindbild des Sabbataisten soll der antagonistische Charakter der Vergesellschaftung verschleiert, ein nationales Bewusstsein erweckt und dadurch die gesellschaftliche\/ nationale Fragmentierung symbolisch aufgehoben werden.<\/p>\n<p>Ob es den demokratischen Kr\u00e4ften gelingen wird, die antisemitischen Ressentiments in ihre Schranken zu weisen und eine demokratische L\u00f6sung anzubieten, bleibt abzuwarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren geht ein Gespenst um in der T\u00fcrkei &#8211; das Gespenst des Sabbataismus. Liberalen, DemokratInnen, LaizistInnen und SozialistInnen wird unterstellt, sie seien in Wirklichkeit Pseudo-Juden, Anh\u00e4nger des Sabbataismus. Es wird angedeutet, sie bes\u00e4\u00dfen eine geheime Agenda und st\u00fcnden im Dienste des &#8222;israelischen Staates&#8220;. 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