{"id":7151,"date":"2005-12-01T00:00:23","date_gmt":"2005-11-30T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7151"},"modified":"2022-07-26T14:24:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:27","slug":"erinnerung-an-rosa-parks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/12\/erinnerung-an-rosa-parks\/","title":{"rendered":"Erinnerung an Rosa Parks"},"content":{"rendered":"<p>Als ich Rosa Parks zum ersten Mal begegnet bin &#8211; das war vor fast zwei Jahrzehnten bei einem Abendessen der <em>NAACP (National Association for the Advancement of Colored People; Nationale Vereinigung f\u00fcr den Fortschritt farbiger Menschen)<\/em> -, machte sie den Eindruck einer zerbrechlichen Frau in ihren Siebzigern. Ihre Rede an diesem Abend sprach sie mit so sanfter Stimme, dass ich ihre Worte manchmal kaum entschl\u00fcsseln konnte. Aber die Zuh\u00f6rerInnen kannten ihre Geschichte bereits, und viele kamen eher, um sie zu sehen (und sp\u00e4ter erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, dass sie sie gesehen h\u00e4tten), als ihre Rede zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren war die \u00f6ffentliche Bekanntheit von Rosa Parks bereits durch jenen Augenblick im Dezember 1955 bestimmt, als sie sich weigerte, den Sitzplatz in einem Bus f\u00fcr einen wei\u00dfen Mann zu r\u00e4umen. Als ich sie kennen lernte, verdiente sie sich mit rituellen \u00f6ffentlichen Auftritten, bei denen sie ihren Widerstandsakt erz\u00e4hlte, ihren Lebensunterhalt.<\/p>\n<p>Meine Freude dar\u00fcber, ihr pers\u00f6nlich vorgestellt zu werden, wurde etwas durch meine Traurigkeit dar\u00fcber getr\u00fcbt, dass ihre Gr\u00f6\u00dfe bedingt durch die Zw\u00e4nge des Alters nicht mehr richtig zum Ausdruck kam. Sie war ber\u00fchmt geworden als diejenige Frau, deren Verhaftung den Busboykott von Montgomery ins Rollen brachte, aber ich wusste, dass \u00fcber sie so viel mehr zu erz\u00e4hlen war. Ich war weniger an dem Heldentum interessiert, das sie spontan in diesem Bus unter Beweis stellte, als an der mutigen Einstellung, die sie ihr gesamtes Leben hindurch zeigte.<\/p>\n<h3>Von Scottsboro nach Montgomery<\/h3>\n<p>Am meisten bewunderte ich sie f\u00fcr ihre Ausdauer beim Kampf um die Freiheit der African Americans ((1)). Die Gebrechlichkeit der Rosa Parks, die ich kennen lernte, verdeckte ihre essentielle Vitalit\u00e4t &#8211; und die lag in ihrem langj\u00e4hrigen Kampf gegen Rassismus.<\/p>\n<p>Schon in den drei\u00dfiger Jahren liefen sie und ihr Ehemann Raymond Gefahr, zum Opfer gewaltsamer Rachekampagnen wei\u00dfer Rassisten zu werden, als sie die umstrittene Kampagne zur Verteidigung der Angeklagten von Scottsboro unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Neun schwarze Teenager wurden durch diese Kampagne vor dem Todesurteil gerettet, das ihnen aufgrund gef\u00e4lschter Anklagen wegen Vergewaltigung fast sicher war.<\/p>\n<p>Nach wiederholten Drohungen und Beschuldigungen, Verbindungen zu KommunistInnen zu unterhalten, gab Raymond Parks seinen politischen Aktivismus auf, doch Rosa Parks blieb weiter eine feste politische Gr\u00f6\u00dfe bei der NAACP-Ortsgruppe in Montgomery.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs unterst\u00fctzte Rosa Parks engagiert die &#8222;Double-V-campaign&#8220; (Doppeltes Victory-Zeichen), mit der African Americans sowohl den Rassismus zuhause als auch den Faschismus in \u00dcbersee besiegen wollten. Als ihr j\u00fcngerer Bruder aufgefordert wurde, seinen Milit\u00e4rdienst zu leisten, obwohl er noch nicht einmal das Wahlrecht aus\u00fcben durfte, entschied sich Rosa Parks daf\u00fcr, der <em>Montgomery Voter&#8217;s League (Wahlrechtsliga von Montgomery)<\/em> beizutreten. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, sich selbst in die Wahllisten der USA einzutragen, wurde sie endlich registriert und machte 1946 erstmals von ihrem Wahlrecht Gebrauch.<\/p>\n<p>Sie begann nun, eng mit E.D. Nixon zusammen zu arbeiten, der sowohl Aktivist in der NAACP war als auch organisierender Gewerkschafter und Mitglied der <em>Brotherhood of Sleeping Car Porters (Bruderschaft der Schlafwagenbediensteten)<\/em>, die von A. Philipp Randolph gef\u00fchrt wurde. Nixon sprach zwar seinerseits von Parks oft als von &#8222;meiner Sekret\u00e4rin&#8220;, aber ihre f\u00fchrende Funktion bei der NAACP-Ortsgruppe, f\u00fcr die sie gew\u00e4hlt worden war, trug entscheidend zur bedeutsamen Rolle dieser Ortsgruppe bei den Auseinandersetzungen um Rassismus im Montgomery der f\u00fcnfziger Jahre bei.<\/p>\n<p>Rosa Parks sprach nur selten auf Kundgebungen, aber unter den B\u00fcrgerrechtsaktivistInnen in Montgomery, die den Boykott vorbereiteten, war sie bekannt. Nach der Entscheidung des Obersten Gerichts der USA in Sachen <em>Brown v. Board of Education<\/em> ((2)) im Jahre 1954 begann sie damit, die Jugendgruppe der NAACP-Ortsgruppe zu betreuen.<\/p>\n<p>Als eine dieser jugendlichen AktivistInnen, die f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Claudette Colvin, im M\u00e4rz 1955 verhaftet wurde, weil sie sich weigerte, einem wei\u00dfen Mann ihren Sitzplatz im Bus zu \u00fcberlassen, kontaktierte Rosa Parks den schwarzen Anwalt Fred Gray, um mit ihm zusammen die Verteidigung vor Gericht f\u00fcr Colvin zu organisieren.<\/p>\n<p>Weder der Fall Colvin noch eine weitere Verhaftung der achtzehnj\u00e4hrigen Mary Louise Smith l\u00f6ste einen Massenprotest unter den schwarzen BewohnerInnen von Montgomery aus.<\/p>\n<p>Doch die Entt\u00e4uschung, die Rosa Parks dar\u00fcber empfand, dass diese F\u00e4lle so wenig Aufmerksamkeit erhielten, st\u00e4rkte ihre Entschlossenheit, sich als beispielhaften Fall von Ungerechtigkeit darzustellen, als sie sp\u00e4ter selbst festgenommen wurde. Im Gegensatz zu den Teenagern war Parks bereits in mittlerem Lebensalter, sogar Kirchg\u00e4ngerin und eine in der schwarzen Gemeinde aufgrund ihres Eintretens f\u00fcr B\u00fcrgerrechte weithin respektierte Person. Ihre Verhaftung am 1. Dezember 1955 entflammte eine lang andauernde Massenbewegung.<\/p>\n<h3>Bekanntschaft mit Martin Luther King, Jr., und Septima Clark<\/h3>\n<p>Ihr politisches Engagement brachte Rosa Parks in Kontakt mit Martin Luther King, Jr., dem jugendlich wirkenden Pastor der Baptistenkirche in der Dexter Avenue von Montgomery. Gleich nach dem Eintreffen von King in Montgomery, im Laufe des Jahres 1954, \u00fcberredeten Rosa Parks und Ralph Abernathy &#8211; ein Pastor aus der Ersten Baptistenkirche in der Stadt &#8211; den Neuling dazu, sich an den politischen Aktivit\u00e4ten der NAACP zu beteiligen.<\/p>\n<p>Als King im Januar 1955 anl\u00e4sslich der Einstellung von ersten Hauptamtlichen bei der NAACP-Ortsgruppe eine Rede hielt, machte Parks handschriftliche Notizen und hielt damit als einzige die erste B\u00fcrgerrechts-Rede von King in Montgomery f\u00fcr die Nachwelt fest. Nach ihren Notizen begr\u00fc\u00dfte King zun\u00e4chst die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes in Sachen <em>Brown<\/em> als einen wichtigen Schritt vorw\u00e4rts, warnte aber zugleich: &#8222;Wir haben einen langen Weg zur\u00fcckgelegt, haben aber auch noch einen langen Weg vor uns.&#8220;<\/p>\n<p>Kurz darauf schrieb Rosa Parks an King einen Brief, in welchem sie ihn dazu einlud, im Exekutivkomitee der Ortsgruppe mitzuarbeiten, denn Kings &#8222;au\u00dfergew\u00f6hnlicher Redebeitrag&#8220; f\u00fcr die NAACP m\u00fcsse mit einer solchen Aufforderung belohnt werden.<\/p>\n<p>Aufgrund ihrer freundschaftlichen Verbindungen mit bedeutenden wei\u00dfen Liberalen ((3)) &#8211; wie etwa Virginia und Clifford Durr &#8211; konnte Rosa Parks im Sommer 1955 einen Ausbildungskurs an der <em>Highlander Folk School<\/em> besuchen. Diese Schule war zu der Zeit ein Ausbildungszentrum f\u00fcr GewerkschafterInnen und sollte fortan zu einem Trainingszentrum f\u00fcr viele B\u00fcrgerrechtsaktivistInnen der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre werden. W\u00e4hrend dieses Kurses nahm Parks an einem Workshop unter dem Titel <em>Antirassistische Desegretation: Wie die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs umgesetzt werden kann<\/em> teil.<\/p>\n<p>Sie traf dort auf Septima Clark, eine fr\u00fchere Lehrerin aus dem Bundesstaat South Carolina, die ihre Arbeit aufgrund ihrer Aktivit\u00e4t f\u00fcr die NAACP verloren hatte und sp\u00e4ter Leiterin des neuartigen p\u00e4dagogischen Programmes an der <em>Highlander Folk School <\/em>geworden war. Rosa Parks erinnerte sich, wie sie von Clarks Glauben an das ganz normalen Menschen innewohnende kreative Potential inspiriert wurde. &#8222;Wenn ich nur etwas von ihrer Begeisterung mit mir nehmen k\u00f6nnte&#8220;, sinnierte Parks sp\u00e4ter \u00fcber die Begegnung mit Clark nach.<\/p>\n<p>Rosa Parks kam nach Montgomery zur\u00fcck mit einem Geist des Widerstands, der sowohl \u00fcber die Jahre hinweg durch ihre ruhig und still erscheinende, aber dauerhaft praktizierte politische Aktivit\u00e4t wie nun auch durch ihre neue Erfahrung an der <em>Highlander School<\/em> gest\u00e4rkt worden war. Nachdem sie f\u00fcr ihren Widerstandsakt im Bus von Montgomery verhaftet und zu einigen Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt worden war, inspirierte ihr Beispiel den 381 Tage andauernden Busboykott, der Unterst\u00fctzung von schwarzen BewohnerInnen aus allen Altersstufen und Bildungsschichten erhielt &#8211; sowohl von Frauen wie von M\u00e4nnern, von Menschen aus der Arbeiterklasse wie auch von Intellektuellen.<\/p>\n<p>Rosa Parks und ihr Ehemann erhielten Drohungen und waren Repressalien ausgesetzt, nachdem der Boykott begonnen hatte. Im Gegensatz zu King hatten sie keinen Job, der sie vor rassistischer Vergeltung sch\u00fctzte. Zun\u00e4chst brachte die Bekanntheit Rosa Parks also fortw\u00e4hrende Bel\u00e4stigung und die Entlassung von ihrem Arbeitsplatz anstatt finanziellem Einkommen. Sie und ihr Ehemann waren schlie\u00dflich gezwungen, Montgomery zu verlassen und nach Detroit umzuziehen. Die betr\u00e4chtlichen Honorare f\u00fcr ihre Redeauftritte, die sie in den letzten Jahrzehnten ihres Lebens erhielt, waren keineswegs eine direkte Belohnung f\u00fcr ihren mutigen Widerstandsakt im Jahre 1955, sondern ein sp\u00e4tes Ergebnis der B\u00fcrgerrechts-Revolution, die ihr Akt in Bewegung gesetzt hatte.<\/p>\n<p>Bis zu ihrem Eintritt ins Rentenalter arbeitete Rosa Parks als Angestellte des Kongressabgeordneten John Conyers aus dem Bundesstaat Michigan. Erst danach wurde sie zu jener zerbrechlich wirkenden Bekanntheit, die ich w\u00e4hrend der achtziger Jahre kennen lernte. Im Jahre 1987 gr\u00fcndete sie das <em>Rosa and Raymond Parks Institute for Self-Development (Rosa und Raymond Parks-Institut f\u00fcr Selbst-Entwicklung)<\/em>. In ihren letzten Lebensjahren erhielt sie zahllose offizielle Auszeichnungen.<\/p>\n<p>Rosa Parks erhielt eine versp\u00e4tete Anerkennung, die sie l\u00e4ngst schon verdient hatte. Wenn wir uns an ihr Leben zur\u00fcck erinnern, k\u00f6nnten wir vielleicht gleichzeitig versuchen, uns anderer dieser Ausdauernden zu erinnern, die auf stille Weise ihr Leben daf\u00fcr einsetzten, die Welt zu verbessern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch interessant:<\/p>\n<h6 class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/03\/50-jahre-sncc\/\">50 Jahre SNCC -Die Sit-In-Bewegung in den S\u00fcdstaaten der USA (Feb.-Juni 1960) und das SNCC-Mitglied Howard Zinn (1922-2010)<\/a><\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2005\/12\/ZeitenDesKampfes.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-22502\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2005\/12\/ZeitenDesKampfes.jpg\" alt=\"\" width=\"316\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2005\/12\/ZeitenDesKampfes.jpg 316w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2005\/12\/ZeitenDesKampfes-300x475.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2005\/12\/ZeitenDesKampfes-190x300.jpg 190w\" sizes=\"auto, (max-width: 316px) 100vw, 316px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich Rosa Parks zum ersten Mal begegnet bin &#8211; das war vor fast zwei Jahrzehnten bei einem Abendessen der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People; Nationale Vereinigung f\u00fcr den Fortschritt farbiger Menschen) -, machte sie den Eindruck einer zerbrechlichen Frau in ihren Siebzigern. 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