{"id":7163,"date":"2005-12-01T00:01:22","date_gmt":"2005-11-30T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7163"},"modified":"2022-07-26T13:11:45","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:45","slug":"castor-in-zeiten-der-revolte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/12\/castor-in-zeiten-der-revolte\/","title":{"rendered":"Castor in Zeiten der Revolte"},"content":{"rendered":"<p>Es ist mal wieder November und wie jedes Jahr macht das Schlagwort &#8222;Gorleben Castor&#8220; die Runde. Mehr braucht man nicht zu sagen und alle wissen worum es geht. Jedenfalls alle mit denen man \u00fcberhaupt \u00fcber politisches reden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im Wendland wird \u00fcber Treckerdemos berichtet und der allj\u00e4hrliche Streit unter denen, die sich politisch mit dem &#8222;Gorleben Castor&#8220; besch\u00e4ftigen, dar\u00fcber, ob der Protest &#8222;politisch genug&#8220;, &#8222;thematisch zu eng&#8220; oder was auch immer ist, ist wie immer mindestens seit September auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Dieses Jahr ist das wenig anders, anders ist dass es diesmal zwei gro\u00dfe Demonstrationen im Vorfeld geben soll, wenn auch ein bisschen zuf\u00e4llig; neu ist auch, dass es diesmal eine Kampagne unter dem Titel &#8222;ausgestrahlt&#8220; (siehe Beilage in GWR 301) gibt und seit dem Sommer von einem &#8222;Comeback der Anti-Atom-Bewegung&#8220; die Rede ist (vgl. GWR 301). &#8222;Die Rede ist&#8220; bedeutet dabei nicht Anzeichen f\u00fcr eine St\u00e4rkung einer sozialen Bewegung zu entdecken oder zu erkennen, dass diese Bewegung gesellschaftlich eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt. Es bedeutet vor allem, dass auf Teufel komm raus der Erfolg einer Bewegung herbei soll, &#8222;tausende werden kommen&#8220;, &#8222;werden sich querstellen&#8220;. Nichts davon ist passiert als eine Demo, deren Aufruf das schw\u00e4chste war was die Anti-Atom Bewegung in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Wirft man einen Blick auf die von den zahnwei\u00df-strahlenden Bewegungs-Yuppies von &#8222;campact&#8220; mitdesignte Kampagne, deren &#8222;mach mit!&#8220; Symbolik leider denselben oberfl\u00e4chlichen Eindruck hinterl\u00e4sst wie eine im Moment kaum umgehbare &#8222;du bist sonstwas&#8220;-Werbung, verwundert das kaum.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck ist das nicht die soziale Bewegung, denn die l\u00e4sst sich nicht erzwingen durch lautes Pfeifen im Wald oder Kampagnen, f\u00fcr die &#8222;Fehler&#8220; nicht existieren. Im Vorfeld zeigte sich, dass manche ihrer Wut anders Luft machen als durch das Bewerben von bl\u00fchenden Monokultur-Raps-Landschaften.<\/p>\n<p>Das Abbrennen der Wohncontainer der Polizei, bei denen niemand zu Schaden kam und \u00fcber die in der Region Gorleben mehr als stille Genugtuung zu bemerken ist. So etwas gibt es vielleicht tats\u00e4chlich nur im Wendland.<\/p>\n<p>Es war schon ein bisschen l\u00e4cherlich, aber vielen Menschen war wichtig, die in den letzten Jahren eingefahrenen Rituale des Protests etwas aufzubrechen. Der Versuch in L\u00fcneburg eine lasche Demo zu politisieren, indem man die Veranstalter mit einem plakativen &#8222;sofort Stilllegen&#8220; Transparent \u00fcberrascht, war sicher nur ein kleiner Schritt: Dieser Versuch war ein bisschen machohaft, obwohl im Ergebnis die Demo f\u00fcr mich schon eher dem entsprach, was man von einer guten Auftaktdemo erwartet: gute Laune, teilweise Aggressivit\u00e4t und Motivation vieler DemoteilnehmerInnen passten &#8211; zum Gl\u00fcck &#8211; nicht recht zum sterilen &#8222;wir sind jung und engagiert&#8220;-Image der Demo und \u00fcbertrugen sich sicherlich auf die Mobilisierung f\u00fcr die &#8222;hei\u00dfe Phase&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mir solche Gedanken mache, wandere ich durch den Wald bei Leitstade in der G\u00f6hrde und treffe auf Herrn K\u00f6ppke aus Bonn. Herr K\u00f6ppke ist sehr freundlich, stellt sich gleich mit Namen vor und will in meinen Rucksack schauen. Ich erlaube ihm das, denn erstens tr\u00e4gt Herr K\u00f6ppke eine gr\u00fcne Uniform und zweitens sitzen in seinem Sixpack noch einige KollegInnen in Kampfmontur, was mir Sorgen macht. Mein Rucksack ist aber fast leer und das freut Herrn K\u00f6ppke und KollegInnen offensichtlich wirklich und alle w\u00fcnschen mir gut gelaunt &#8222;einen sch\u00f6nen Tag noch&#8220;, wollen auch gar nicht meinen Ausweis sehen oder wissen was ich eigentlich hier 20 Meter vom Castor-Gleis mache, und fahren weiter. Mir schie\u00dft durch den Kopf, dass ich mich schon sehr freundlich behandelt vorkomme, jedenfalls f\u00fcr jemanden der die Stilllegung der herrschenden Klasse fordert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich scheint die Polizei zwar den Castor als immenses logistisches Problem zu sehen, als gesellschaftliche Frage wohl eher nicht. Und doch: H\u00e4tte Herr K\u00f6ppke aus Bonn einen Tag in die Zukunft schauen k\u00f6nnen, vielleicht w\u00e4re er weniger freundlich gewesen.<\/p>\n<p>Der Castor kam also, und vieles war wirklich wie immer. Schon im letzten Jahr machte sich eine merkliche Stimmungsbesserung bemerkbar, die ich darauf zur\u00fcckf\u00fchre, dass der Erfolgszwang in den Hintergrund und das &#8222;Wie&#8220; und das Erlebnis des gemeinsamen Widerstands in den Vordergrund r\u00fcckt. Und das Gef\u00fchl den Widerstand in langsamen Schritten vorw\u00e4rts zu bringen. Dass dies nicht unbedingt eine Frage von Effektivit\u00e4t ist, zeigt der Montagmorgen, als der Castor in Rekordgeschwindigkeit die Strecke zwischen L\u00fcneburg und Dannenberg passiert. Montagmittag, zwar einige entt\u00e4uschte, m\u00fcde Gesichter, denn innerhalb weniger Stunden scheint alles vorbei zu sein, Castor durch und aus und nur wenige scheinen \u00fcberhaupt einen Plan zu haben, was zu tun ist. Trotzdem bemerke ich \u00fcberall eine gewisse, vom Erfolgsdruck befreite Lockerheit und Kampfeslust.<\/p>\n<p>In Gespr\u00e4chen der letzten Tage habe ich gemerkt, dass sich bei mir wie bei anderen dieselben Bilder von diesem Transport festgesetzt haben: Zum einen die brennenden Barrikaden von Metzingen, Gusborn oder Laase, daneben die fast schon zum absurden Theater ausgeweiteten Ankettaktionen entlang der Stra\u00dfe. Absurd im positiven Sinn, weil ihr massenhaftes Auftreten und bizarre Settings (Betonbl\u00f6cke in Leichenwagen) dem Widerstand die technische K\u00fchle nimmt, die &#8222;Ankettaktionen&#8220; in den letzten Jahren hatten. Die brennenden Barrikaden und Stra\u00dfenfeuer aber, neben einem heimlich verstohlenen Hinweis auf die Revolte in Frankreich, dr\u00fccken eine Unvers\u00f6hnlichkeit aus, die f\u00fcr die Zukunft hoffen l\u00e4sst, dass der Widerstand in der Region nicht zu befrieden sein wird. Und das macht mich optimistischer als ein herbeigew\u00fcnschtes &#8222;Comeback&#8220; oder &#8222;wieder so wie fr\u00fcher&#8220;.<\/p>\n<p>Das Wichtige ist, dass der Widerstand weiterhin regional fest verankert ist und der Grad der Organisierung jenseits des klassischen Vereins\/B\u00fcrgerinitiativen \u00fcberall zunimmt. Das ist kein Comeback, sondern eher was neues: Was in Metzingen in den letzten drei Jahren gelungen ist, den regionalen Widerstand und das Engagement der Menschen &#8222;aus den St\u00e4dten&#8220; zu verkn\u00fcpfen und einer neuen Generation die M\u00f6glichkeit zu geben, langsam, auch fragend, weiterzugehen und sich zu radikalisieren. Und das in einer Region des Wendlands, die bis Ende der neunziger Jahre auch aus der Bewegung kaum jemand kannte. Revolutionsromantisches Erlebnis und ern\u00fcchternd gleichzeitig, denn viele der LandwirtInnen, die an den Protesten teilnehmen, passen nicht zu der sozialen Wendland-Idylle von widerst\u00e4ndigen B\u00e4uerInnen, die tags\u00fcber die Schweine versorgen und abends zur Demo gehen. Einer Idylle, die schon lange nicht recht zur Wirklichkeit der Agrarindustrie passen will. Wer im Wendland einmal Gurkenflieger mit NiedriglohnarbeiterInnen und die R\u00fcbenernte, bei der der\/die LandwirtIn h\u00f6chstens AuftraggeberIn f\u00fcr Subunternehmen ist, gesehen, oder die Nebenerwerbsb\u00e4uerInnen mit Hartz IV-Bezug kennen gelernt hat, wird daran nicht mehr glauben. Viele derjenigen, die am Sonntagabend ihre Trecker zu einer Blockade zusammenstellen, sind &#8222;\u00dcberfl\u00fcssige&#8220; in der Industriegesellschaft. Vielen geht es l\u00e4ngst nicht mehr nur um Castor oder Endlager, sondern &#8211; mal mehr offen, mal mehr im Stillen &#8211; haben sie schon abgeschlossen mit einem Gesellschaftssystem, in dem sie nur noch als Verwaltete und nicht als Agierende gew\u00fcnscht sind. Dass die &#8222;Castor-Tage&#8220; wieder viel zu kurz waren, um mehr soziale Kontakte aufzubauen und sich Zeit zu nehmen zum diskutieren, vielleicht l\u00e4sst sich das beim n\u00e4chsten Mal \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Dass die Sch\u00fclerInnen aus dem Landkreis seit zwei Jahren kraftvolle Demonstrationen organisieren &#8211; auch wenn man \u00fcber ihren &#8222;Jugend&#8220; &#8211; Bonus bei der Polizei l\u00e4cheln mag. Gleichzeitig fangen sie an, sich selbst zu organisieren und sich bewusst zu werden, wie der Arbeitsalltag nach der Schulzeit einem das Leben wegnehmen kann und man aktiv dagegen arbeiten muss. Ich kann mich nicht erinnern in meiner Jugend Strukturen begegnet zu sein, die dies reflektiert und dagegen mobilisiert haben.<\/p>\n<p>Was hat das alles mit den brennenden Autos in Frankreich zu tun? Brennende Autos in Hitzacker w\u00e4ren eine seltsame Theatervorstellung, Widerst\u00e4ndigkeit zeigt sich hier anders und Breese ist auf jeden Fall kein Banlieue von Dannenberg. Dann schon eher die brennenden Barrikaden und unvers\u00f6hnlichen Blockaden. Hat es was mit Frankreich zu tun?<\/p>\n<p>Vielleicht kann ich die Frage nicht beantworten, muss ich auch nicht, sondern akzeptieren, dass Widerstand sich \u00fcberall seine passenden Formen sucht, die erst mal richtig erscheinen, wenn sie als Zeichen des &#8222;so nicht weiter&#8220; verstanden werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist mal wieder November und wie jedes Jahr macht das Schlagwort &#8222;Gorleben Castor&#8220; die Runde. Mehr braucht man nicht zu sagen und alle wissen worum es geht. 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