{"id":7178,"date":"2005-12-01T00:00:05","date_gmt":"2005-11-30T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7178"},"modified":"2022-07-26T13:31:26","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:26","slug":"silent-night","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/12\/silent-night\/","title":{"rendered":"Silent night"},"content":{"rendered":"<p>Es ist einer der gr\u00f6\u00dften und erstaunlichsten Triumphe des Prinzips der Anarchie, der Selbstorganisation, \u00fcber Befehl und Gehorsam im 20. Jahrhundert. An manchen Frontabschnitten konnten die Soldaten bis weit ins Jahr 1915 hinein von ihren Offizieren nicht dazu veranlasst werden, wieder auf ihre Feinde zu schie\u00dfen &#8211; trotz Drohung mit dem Kriegsgericht, trotz intensivster Hasspropaganda.<\/p>\n<p>Zu den Eigent\u00fcmlichkeiten dieser Geschichte z\u00e4hlt, wie sorgf\u00e4ltig sie in Deutschland (und wohl auch in Frankreich) aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis ausradiert wurde. W\u00e4hrend in Gro\u00dfbritannien Zeitungen mit gro\u00dfformatigen Fotos und Augenzeugenberichten aufmachten, die die Fraternisierungen an der Front dokumentierten, war auf dem Kontinent die Zensur hellwach. Und auch die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung war lange eine rein angels\u00e4chsische Angelegenheit.<\/p>\n<p>Erst 2003 erschien hierzulande ein Buch, das sich mit diesem \u2026 ja: Ruhmesblatt der europ\u00e4ischen und deutschen Geschichte befasst. Und soeben lief in den Kinos ein Film an, der den Christmas Truce zum Thema hat: &#8222;Merry Christmas&#8220;.<\/p>\n<p>Christian Carion hat das Drehbuch zu dieser franz\u00f6sisch-deutsch-britisch-belgisch-rum\u00e4nischen Koproduktion geschrieben und Regie gef\u00fchrt; bereits im Mai wurde der Streifen au\u00dfer Konkurrenz in Cannes vorgestellt. Was man nun im sp\u00e4rlich gef\u00fcllten Kinosaal zu sehen bekommt, ist eine r\u00fchrende pazifistische Geschichte; aber die Pointen, die in dem historischen Ereignis liegen, wurden weitgehend verfehlt.<\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt bereits damit an, dass Carion einen Film vorlegt, der von der FSK die Altersfreigabe ab 12 bekam, und dementsprechend kommt der Stellungskrieg von 1914 denn auch daher. Freilich: man will das Splatterm\u00e4\u00dfige dieses Krieges nicht in allen Details serviert bekommen, die zerst\u00fcckelten Leichen, das stundenlange Schreien, R\u00f6cheln und Sterben im Niemandsland. In &#8222;Merry Christmas&#8220; aber fehlt eigentlich alles, was dem Krieg ein h\u00e4ssliches Gesicht geben k\u00f6nnte: die Ratten, die so pr\u00e4chtig gediehen, dass sie gro\u00df wie Katzen waren, der Schlamm, in dem man oft wochenlang knietief stehen musste. Auf der Leinwand ist alles adrett, es wird auch vor Weihnachten so wenig geschossen und so dezent gelitten, dass man sich fragt, warum dann eine Sehnsucht nach Frieden \u00fcberhaupt entstehen konnte.<\/p>\n<p>Wichtiger ist, dass die politische Dimension des Ereignisses nicht erfasst wurde. Im Kino sind es die Offiziere, die die Initiative f\u00fcr einen Waffenstillstand ergreifen. So etwas hat es 1914 zwar gegeben, Frontoffiziere haben mitgemacht bei den Fraternisierungen; aber die Pointe war eben, dass Selbstorganisation (in dieser Befehl-Gehorsams-Sph\u00e4re par excellence!) zum Geschichtsprinzip wurde. Schrifttafeln mit Weihnachtsgr\u00fc\u00dfen wurden hochgehalten, Tannenb\u00e4ume auf die Brustwehr gestellt, Zigarettenpackungen in den &#8218;feindlichen&#8216; Sch\u00fctzengraben geworfen. Eine Geste gab die andere, bis man sich zum gro\u00dfen Potlatch im Niemandsland traf.<\/p>\n<p>Das Kommunikationsmedium, das dabei alle Sprachbarrieren \u00fcberwand, war (neben, jawohl, dem gemeinsamen religi\u00f6sen Horizont) die Musik. S\u00e4ngerwettstreite \u00fcber die Gr\u00e4ben hinweg schufen 1914 vielfach den gemeinsamen Resonanzraum, die gemeinsame Sprache als Basis des Vertrauens, mit dem Leute, die sich vorgestern noch gegenseitig abzuschlachten trachteten, sich pl\u00f6tzlich als Gleiche begegnen konnten. Hierin steckt eine wichtige Lehre f\u00fcr alles Nachdenken \u00fcber herrschaftsfreie Vergesellschaftungen. Und es waren keine revolution\u00e4ren Arbeiterlieder, die da gesungen wurden, sondern sentimentale Weihnachts- und Heimatmelodien. Weihnachten 1914 in Flandern machte &#8222;Stille Nacht&#8220; in Gro\u00dfbritannien allererst popul\u00e4r, und deutsche Landser sangen inbr\u00fcnstig &#8222;Auld Lang Syne&#8220;. Der Film &#8222;Merry Christmas&#8220; verpasst auch hier das Wichtigste, wenn er die Musik, welche die Feinde anr\u00fchrt, nicht von einer Kompanie, sondern von einem solistischen Opernbuffo intonieren l\u00e4sst (der auch noch seine h\u00fcbsche blonde Kollegin vom Sopran, die zuf\u00e4llig auch seine Geliebte ist, mit an die Front gebracht hat &#8211; es ist unglaublich!). &#8222;Merry Christmas&#8220; kann auch sonst die entscheidende Rolle der Musik nicht plausibel machen, da es keine Sprachprobleme gibt: Alle sprechen in diesem Film flie\u00dfend Deutsch.<\/p>\n<p>Wer die atemberaubende Geschichte vom Weihnachtsfrieden an der Westfront kennen lernen will, nehme daf\u00fcr lieber das Sachbuch von Michael J\u00fcrgs in die Hand. Es wurde 2003 zuerst ver\u00f6ffentlicht und ist soeben in einer wohlfeilen Taschenbuchausgabe erschienen. Der Text J\u00fcrgs&#8216; ist auch nicht frei von M\u00e4ngeln: sehr sprunghaft, etwas zu feuilletonistisch, etwas zu distanzlos durch S\u00e4tze, so kurz, als habe sie ein Maschinengewehr abgefeuert. Aber J\u00fcrgs wird seinem reichhaltigen Quellenmaterial im Ganzen gerecht, und seine Sch\u00fctzengr\u00e4ben wirken nicht wie ein milit\u00e4risches Legoland.<\/p>\n<p>Stell dir vor, es ist Krieg, keiner ging hin, aber nach zwei Tagen oder zwei Wochen geht die Knochenm\u00fchle weiter, als w\u00e4re nichts geschehen. Wieso wurde aus dem kleinen Frieden von unten kein gro\u00dfer? Hierauf geben weder J\u00fcrgs noch Carion eine befriedigende Antwort. Im Film werden die Fraternisierer aller Nationen einfach an andere Frontabschnitte versetzt. Als in der Schlussszene die deutschen Soldaten im Reichsbahn-Waggon auf ihren Verschub nach der Ostfront warten, stimmen sie, einer nach dem anderen, trotzig ein vorher von ihren schottischen Feind-Freunden gelerntes Heimweh-Lied an.<\/p>\n<p>Wenigstens hier kommt die musikalisch induzierte Selbstorganisation zum Zuge, und sie hat im Film, anders als in der Wirklichkeit, das letzte, wenn auch bescheidene, Wort. Immerhin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist einer der gr\u00f6\u00dften und erstaunlichsten Triumphe des Prinzips der Anarchie, der Selbstorganisation, \u00fcber Befehl und Gehorsam im 20. Jahrhundert. 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