{"id":718,"date":"1996-11-01T00:00:03","date_gmt":"1996-10-31T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=718"},"modified":"2022-07-26T12:59:16","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:16","slug":"belgien-brennt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/11\/belgien-brennt\/","title":{"rendered":"Belgien brennt!"},"content":{"rendered":"<p>In einem soeben neu erschienenen Buch zu sexueller Ausbeutung und zur sexuellen Gewalt gegen Kinder, \u00fcblicherweise besch\u00f6nigend &#8222;sexueller Mi\u00dfbrauch&#8220; genannt, schreibt die renommierte feministische und antirassistische Wissenschaftlerin Birgit Rommelspacher gleich zum Einstieg:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Diskussion um den sexuellen Mi\u00dfbrauch hat inzwischen eine wechselvolle Geschichte. Sie liest sich wie eine Reise durch verschiedene Mythen, bei der sich die Wirklichkeit st\u00e4ndig verwandelt. Als Frauen in den 60er und 70er Jahren den sexuellen Mi\u00dfbrauch zum \u00f6ffentlichen Thema machten, herrschten noch v\u00f6llig andere Bilder vor als heute. Es dominierte damals der Mythos vom Triebverbrecher und vom fremden Mann, der hinter dem Busch dem kleinen M\u00e4dchen auflauert. (&#8230;) Diese Mythen wurden durch die Diskussion der Frauenbewegung entschieden in Frage gestellt. Sexueller Mi\u00dfbrauch wurde jetzt als ein \u00fcberall anzutreffendes und vor allem als ein v\u00f6llig &#8217;normales&#8216;, wenn nicht gar konstitutives Ph\u00e4nomen der patriarchalen Familie verstanden. Durch diese Debatte wurde die Aufmerksamkeit auf das innerfamiliale Geschehen gelenkt.&#8220; ((1))<\/p><\/blockquote>\n<h3>Skandal oder Alltag?<\/h3>\n<p>An den j\u00fcngsten Diskussionen um den Kinderporno- und Kinderm\u00f6rderring in Belgien und nach dem Mord an der 7j\u00e4hrigen Natalie in der N\u00e4he von Augsburg zeigt sich, da\u00df Rommelspacher die Lage leider viel zu optimistisch einsch\u00e4tzt. Weder hier wie dort wurde aktuell und \u00f6ffentlichkeitswirksam darauf hingewiesen, da\u00df der typische &#8222;Triebt\u00e4ter&#8220;, noch dazu gerade und in jedem Fall zu fr\u00fch aus dem Gef\u00e4ngnis entsprungen, keineswegs der typische T\u00e4ter ist. Bei einer vielzitierten kriminalistischen Untersuchung \u00fcber verurteilte F\u00e4lle in den Westl\u00e4ndern plus Westberlin in den 80er Jahren ((2)) ergab sich folgende T\u00e4terverteilung bei sexueller Gewalt gegen Kinder:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;6,2 % v\u00f6llig Fremde, 23,1 % Sprech- oder Sehbekanntschaft, 16,3 % Nachbarn u.\u00e4., 17,8 % Lehrer, Familienbekannter, 11.4 % Verwandtschaft (Onkel, Gro\u00dfvater), 25,4 % Familie (Vater, Stief-, Adoptivvater). Das hei\u00dft da\u00df Kinder dort, wo sie sicher und geborgen sein sollten, am meisten gef\u00e4hrdet sind.&#8220; ((3))<\/p><\/blockquote>\n<p>In Wirklichkeit ist der Anteil der V\u00e4ter wahrscheinlich noch h\u00f6her: die Dunkelziffer realer, aber nicht angezeigter oder verurteilter F\u00e4lle ist hoch. Sch\u00e4tzungen gehen von bis zu 20 mal sovielen F\u00e4llen realer sexueller Gewalt gegen Kinder aus wie diejenigen, die angezeigt werden (gesch\u00e4tzt werden heute bei 16 000 Anzeigen ca. 300 000 F\u00e4lle pro Jahr in der Gesamt-BRD). Das Tabu im gesellschaftlichen Nahbereich, das Kinder eigentlich gegen V\u00e4terherrschaft und -gewalt sch\u00fctzen sollte, wirkt sich hier zugunsten der T\u00e4ter aus: Ehefrauen und Verwandte sch\u00fctzen, verdr\u00e4ngen oder entschuldigen aus verzweifelter Abh\u00e4ngigkeit heraus die T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Schon l\u00e4nger ist in der einschl\u00e4gigen Diskussion klar, da\u00df nicht nur M\u00e4dchen, sondern auch Jungen sexuelle Gewalt erleiden (Sch\u00e4tzungen gehen bis hin zu jedem vierten M\u00e4dchen und jedem zw\u00f6lften Jungen). Neu ist hingegen die \u00fcbereinstimmende Einsch\u00e4tzung von AktivistInnen, da\u00df bis zu 10 % der T\u00e4terInnen Frauen sind ((4)). Trotzdem bleiben diese gegen\u00fcber den 90 % M\u00e4nnern weit in der Minderheit.<\/p>\n<p>Sexuelle Gewalt gegen Kinder geh\u00f6rt zum Alltag, zur Normalit\u00e4t. Der Fremde, der anormale und &#8222;asoziale&#8220; &#8222;Triebt\u00e4ter&#8220; ist die Ausnahme, nicht die Regel. Beim ersten &#8222;Weltkongre\u00df gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern&#8220;, der in der letzten Augustwoche diesen Jahres in Stockholm stattfand, kritisierten die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen einen von 130 Staaten verabschiedeten Aktionsplan, in welchem der &#8222;Kindesmi\u00dfbrauch innerhalb von Familien oder der Mi\u00dfbrauch von Hausangestellten&#8220; nicht auftaucht. Einigkeit herrschte dort lediglich in der Forderung nach h\u00e4rteren Strafen. Insbesondere wurde die Verfolgung von auch im Ausland begangenen Gewalttaten gefordert, womit Kindersklaverei im Sextourismus getroffen werden soll. ((5))<\/p>\n<p>Auch die medienwirksamen Einzelfallskandale in Belgien und Bayern f\u00fchrten zum populistischen Nachplappern der Reden erz\u00fcrnter Stammtischv\u00e4ter, die &#8222;sowas&#8220; als Regelfall in den eigenen vier W\u00e4nden vehement abstreiten w\u00fcrden. Allen voran forderten Justizminister Schmidt-Jortzig und die uns\u00e4gliche Ministerin Nolte h\u00f6here Strafen f\u00fcr vorbestrafte &#8222;Triebt\u00e4ter&#8220;, Nolte forderte gar lebensl\u00e4ngliche &#8222;Sicherungsverwahrung&#8220; und die chemische Kastration ((6)) &#8211; ein Einfall, der sich vom zivilisatorischen Niveau des Handabschlagens f\u00fcr Diebstahl kaum unterscheidet, einmal ganz abgesehen davon, da\u00df sich die R\u00fcckfallquote von Sexualstraft\u00e4tern \u00fcberhaupt nicht von derjenigen anderer Krimineller unterscheidet. Lediglich der Kinderschutzbund behielt hier \u00fcberraschenderweise die Nerven und wehrte sich \u00f6ffentlich gegen eine Versch\u00e4rfung von Haftstrafen, die sowieso nichts bringe.<\/p>\n<p>Ich selbst bin in den D\u00f6rfern um Augsburg aufgewachsen und habe die Dorfgespr\u00e4che nach der sexuellen Gewalttat gegen Natalie hautnah mitbekommen. Typische Lehre aus dem Fall ist, da\u00df Kinder von den Eltern selbst zum Spielen nicht mehr alleine aus dem Haus gelassen werden sollten &#8211; ein Quasi-Einsperren also im gesellschaftlichen Nahbereich, dort wo die meisten T\u00e4ter lauern! Mit am schlimmsten war bei der Diskussion um den Fall Natalie wieder einmal die Zeitung &#8222;Die Woche&#8220;, die &#8211; ohne die V\u00e4ter als T\u00e4ter auch nur zu erw\u00e4hnen &#8211; folgendes T\u00e4terprofil des &#8222;Mi\u00dfbrauchers&#8220; publizierte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die meisten (T\u00e4ter, d.Verf.) aber verf\u00fcgen nur \u00fcber eine geringe Intelligenz, oft sind sie geistig zur\u00fcckgeblieben, stammen aus asozialen Verh\u00e4ltnissen.&#8220; ((7))<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Herrschaftsposition des Familienpatriarchen gegen\u00fcber seinen Kindern, das patriarchale Denken, Familienmitglieder als ureigensten &#8222;Besitz&#8220; zu betrachten, das um so intensiver ist, je h\u00f6her das Geschlechtergef\u00e4lle zwischen Mann und Frau in der Familie ist, und das zum sexualisierten, lustvollen Auskosten und Befriedigen dieser Machtposition quer durch alle Schichten f\u00fchrt, wird in der Diskussion systematisch ausgeblendet.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Selbst die mediale Aufmerksamkeit, die dem Thema punktuell zuteil wird, sorgt nicht f\u00fcr mehr, sondern f\u00fcr weniger Aufkl\u00e4rung. Denn die Medien interessieren sich in der Regel nur f\u00fcr das Thema &#8218;Mi\u00dfbrauch&#8216;, wenn sexuelle \u00dcbergriffe bekannt werden, die in ihrer Monstr\u00f6sit\u00e4t die Vorstellungskraft des einzelnen sprengen. (&#8230;) Da\u00df dieses Forum kontraproduktiv wirken mu\u00df, liegt auf der Hand. Denn wer das Einmalige, Unglaubliche, Ungeheuerliche fokussiert, negiert zugleich die Allt\u00e4glichkeit sexuellen Mi\u00dfbrauchs und die Bedeutung sexuellen Mi\u00dfbrauchs im Alltag.&#8220; ((8))<\/p><\/blockquote>\n<h3>Warum brennt Belgien und Bayern nicht?<\/h3>\n<p>Doch wenn auch eine minderheitliche, so ist der T\u00e4tertypus des &#8222;Fremden&#8220; bzw. des &#8222;Sexualstraft\u00e4ters&#8220; trotzdem ebenfalls eine Realit\u00e4t und es kann nicht darum gehen, sie gegen die T\u00e4terInnen in der Familie oder im gesellschaftlichen Nahbereich auszuspielen. Das w\u00fcrde diese Realit\u00e4t schlicht negieren und w\u00e4re damit falsch.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht der Platz, auf libert\u00e4re Fragestellungen sowohl der Knastkritik, als auch des eventuellen libert\u00e4ren Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr Forderungen nach Haftstrafen f\u00fcr untherapierbare Sexualverbrecher, so lange es keine wirklichkeitsm\u00e4chtigen m\u00e4nnerpolitischen und libert\u00e4ren Alternativen gibt, als auch nach m\u00f6glichen alternativen libert\u00e4ren Ans\u00e4tzen in Richtung zum Beispiel des Konzepts von &#8222;sozialer \u00c4chtung&#8220; usw. einzugehen. ((9)) Mich interessiert aktuell vielmehr, ob die Realit\u00e4t des Skandals, des Au\u00dferordentlichen, unter bestimmten libert\u00e4ren Dynamiken nicht doch wieder in produktivem Sinne auf die sexuellen Gewalt im Alltag zur\u00fcck f\u00fchren kann. Denn, so Birgit Rommelspacher:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Betonung der Normalit\u00e4t birgt in sich das Paradoxon, einen Skandal anzuprangern und ihn gleichzeitig zu normalisieren. Der Skandal wird Alltag, die Emp\u00f6rung Routine. Der sexuelle Mi\u00dfbrauch ist normal, indem sich in ihm die Machtverh\u00e4ltnisse unserer Gesellschaft ausdr\u00fccken; er ist ein Extremfall, in dem sich die Machtverh\u00e4ltnisse zugespitzt \u00e4u\u00dfern und f\u00fcr ihren Ausdruck der besonderen Problemkonstellation bed\u00fcrfen. Dies m\u00fcssen Analysen ber\u00fccksichtigen. Insofern ist es auch nicht hilfreich, wenn die Extremsituation so in die Normalit\u00e4t hineinprojiziert wird, da\u00df sexueller Mi\u00dfbrauch zum festen Bestandteil weiblicher Sozialisation deklariert wird.&#8220; ((10))<\/p><\/blockquote>\n<p>Vor diesem Hintergrund erscheint mir die unterschiedliche Dynamik, die sich in den \u00f6ffentlich diskutierten F\u00e4llen um Natalie und einigen in der Presse danach breitgetretenen Entf\u00fchrungsf\u00e4llen in der BRD einerseits und dem Kindersklaverei-Skandal Dutroux in Belgien andererseits entwickelt hat, doch \u00e4u\u00dferst bedenkenswert. Die bayrische CSU- Landesregierung Stoiber hat sich in Stellungnahmen nach dem Fall Natalie sofort hinter die Parolen um h\u00e4rtere Verfolgung von sogenannten &#8222;Triebt\u00e4tern&#8220; gestellt. Typisch f\u00fcr das politische Management des Falles war nicht nur die Negierung der &#8222;V\u00e4ter-T\u00e4ter&#8220;, sondern vor allem die nie bezweifelte Glaubw\u00fcrdigkeit &#8211; die &#8222;Sauberkeit&#8220; &#8211; der regierungsamtlichen Emp\u00f6rung. Hier tun sich Abgr\u00fcnde auf zur politischen Dynamik, die der Dutroux-Skandal in Belgien entwickelte, und zwar in mehrfacher Hinsicht: zun\u00e4chst einmal konnte dort der Skandal nicht auf Einzelf\u00e4lle mit klarer T\u00e4teridentifikation reduziert werden. Es wurde schnell aufgedeckt, da\u00df Dutroux zwar genau dem medial propagierten Typus des entlassenen Str\u00e4flings, der r\u00fcckf\u00e4llig wird, entspricht, da\u00df jedoch sein mutma\u00dflicher Kompagnon, der Br\u00fcsseler Gesch\u00e4ftsmann Michel Nihoul, gute Kontakte in Kreise der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes besa\u00df. Die Nachforschungen hartn\u00e4ckiger belgischer Eltern, nicht nur der von vier brutal in einem Keller monatelang von Dutroux gefolterten M\u00e4dchen, sondern auch der von weiteren 13 in den letzten Jahren spurlos verschwundenen Kindern, brachten einen organisierten Verbrechensring sexueller Ausbeutung und ein Justiz- und Polizeisystem ans Licht, das die Kindersklaverei systematisch gedeckt hat. Was auf dem Stockholmer Kongre\u00df im Sommer noch vorwiegend an den Beispielen von &#8222;Drittweltl\u00e4ndern&#8220; wie Thailand, Brasilien oder Indien angeprangert worden war, systematische sexuelle Ausbeutung von Kindern, kommt als Problem nun heim nach Europa: Dutroux, der entlassene Str\u00e4fling, war durch die Kindesentf\u00fchrungen reich geworden, er befriedigte im Keller nicht nur seine p\u00e4dophilen Herrschaftsgel\u00fcste und vergewaltigte die Kinder, sondern lie\u00df diese Vergewaltigungen gleichzeitig von seiner Frau filmen. Kinderpornoproduktion und Kinderprostitution gingen Hand in Hand. Produkte der Firma Dutroux wurden bis nach Tschechien oder in die Slowakei verkauft. Mit Drogen vollgepumte entf\u00fchrte KindersklavInnen sind vor allem \u00fcber Nihouls Kontakte, so haben die Aufdeckungen ergeben, auf den sogenannten &#8222;rosa Ballettes&#8220; der gehobenen belgischen Gesellschaft angeboten worden, auf denen sich \u00c4rzte, Advokaten, Politiker, Staatssch\u00fctzer und hohe Justizbeamte vergn\u00fcgten. Diese Sexorgien sind Anfang der 80er Jahre gerichtskundig geworden, als eine Frau auf mysteri\u00f6se Weise umgekommen war, die die Beteiligung von Minderj\u00e4hrigen bezeugen wollte. Heute ist klar, da\u00df s\u00e4mtliche Ermittlungen \u00fcber die &#8222;ballets roses&#8220; gedeckt wurden: einem Richter, der Einblick in die Akten verlangte, wurde vom damaligen Justizminister das Verfahren entzogen. Die Polizei ist Hinweisen auf die F\u00e4lle der entf\u00fchrten M\u00e4dchen nur halbherzig nachgegangen. Selbst eine Hausdurchsuchung bei Dutroux war abgebrochen worden, als Dutroux auf Kinderstimmen aus dem Keller hin sagte, das seien seine eigenen Kinder. Am Montag, 14.10.96, war schlie\u00dflich als letztes Glied in dieser Kette der als engagiert geltende, von der B\u00fcrgerInnenbewegung bereits als Ausnahme angesehene Ermittlungsrichter Jean-Marc Connerotte vom Fall Dutroux suspendiert worden &#8211; eben jener Connerotte, der schon im undurchsichtigen Korruptionsmord am wallonischen Sozialisten Cools 1991 ermitteln wollte und dem auch damals schon die Zust\u00e4ndigkeit entzogen wurde. ((11))<\/p>\n<p>Insbesondere im wallonischen S\u00fcden Belgiens offenbarte sich am Fall Dutroux das ganze Ausma\u00df institutioneller Deckung verd\u00e4chtiger Politiker, der Korruption und des \u00c4mter-Nepotismus. Am 20.10.96 gab es in Br\u00fcssel mit 275 000 Menschen die gr\u00f6\u00dfte Demonstration in der Geschichte Belgiens, tage- und n\u00e4chtelang harrten Mahnwachen aus Protest vor dem Justizpalast aus, die Suche nach den verschwundenen Kindern erinnert an die M\u00fctter der Verschwundenen von der &#8222;Plaza del Mayo&#8220; in Argentinien, ArbeiterInnen aus Industriebetrieben streikten aus Solidarit\u00e4t. Der in diesen Tagen am meisten zitierte Satz hie\u00df: &#8222;Ich bin nicht stolz, Belgier zu sein!&#8220; Belgien brennt &#8211; wenn auch kein Rauch aufsteigt! So grunds\u00e4tzlich hat noch kein Skandal das Vertrauen der B\u00fcrgerInnen in alle staatlichen Institutionen, insbesondere Polizei, Justiz und Parteien, ersch\u00fcttert. Die wallonische sozialistische Partei ist so erledigt wie zuletzt nur Craxis SP in Italien.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen der Proteste auf politischer Ebene sind noch unklar. KommentatorInnen bef\u00fcrchten entweder eine Vertiefung der nationalistischen Separatismen zwischen &#8222;Flamen&#8220; und &#8222;Wallonen&#8220; (in deren Landesteil der Skandal haupts\u00e4chlich verortet ist), oder aber gerade den staatsnationalistischen Ruf nach einem &#8222;sauberen Belgien&#8220;. Ich f\u00fcr meinen Teil halte den Slogan einer Massenbewegung, &#8222;Ich bin nicht stolz, Belgier zu sein!&#8220;, f\u00fcr wohltuend anders als die in den letzten Jahren zu oft geh\u00f6rte Propaganda des &#8222;Ich bin stolz, Deutscher zu sein!&#8220; Die grundlegende und, wie es scheint, dauerhafte Entlegitimierung der gesamten politischen Klasse in Belgien ist das bisherige Ergebnis dieser sozialen Bewegung &#8211; und das hatten auch die reaktion\u00e4rsten Stammtischv\u00e4ter Belgiens weder beabsichtigt noch gewollt. Sie wurden von der Dynamik der Aufdeckung der Wahrheit, die immer auch eine libert\u00e4re Dynamik ist, \u00fcberrollt.<\/p>\n<h3>R\u00fcckbindung des Offengelegten in die Normalit\u00e4t<\/h3>\n<p>Warum kann sich in der BRD bis heute niemand eine solch korrupte politische Klasse wie in Belgien vorstellen, nach Flick- und Lambsdorff-Skandal und vielfachen Di\u00e4tendiskussionen. Wenn selbst in Stockholm moniert wurde, da\u00df die deutschen Botschaftsbeamten in Thailand p\u00e4dophilen Sextouristen, die mit Kinderprostituierten erwischt wurden, Amtshilfe leisteten und daf\u00fcr sorgten, da\u00df sie gegen Kaution freikamen und P\u00e4sse f\u00fcr die Ausreise ausstellten &#8211; warum soll das innerhalb der BRD so unwahrscheinlich sein? Ist Thailand tats\u00e4chlich so weit weg? Der Marktumsatz allein der Kinderpornos in der BRD wird derzeit auf rund 400 Millionen DM gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>&#8222;Im Fall Dutroux wurden Hunderte von Videokassetten beschlagnahmt. Marie-France Botte, eine Expertin zum Thema Kinderhandel, sch\u00e4tzt den Preis eines Kindes in solchen F\u00e4llen auf ein halbe bis eine Million belgischer Franc (25 000 bis 50 000 Mark). Eine klare Aussage \u00fcber die Kaufkraft solcher Kunden.&#8220; ((12)) Und ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die den Mythos ver\u00f6ffentlichen, die Konsumenten und T\u00e4ter seien dumm, bl\u00f6de und &#8222;asozial&#8220;.<\/p>\n<p>Auch wenn manche\/r in der belgischen Massenbewegung die Illusion vom &#8222;sauberen Staat&#8220; noch hegen mag: der konkrete Staat ist jedenfalls als korrupt diskreditiert, und zwar f\u00fcr lange Zeit. Da\u00df der moderne b\u00fcrgerliche Staat notwendig korrupt ist, da\u00df Korruption zum politischen Gesch\u00e4ft geh\u00f6rt und da\u00df es den sauberen Staat, die ordungsgem\u00e4\u00df, klassenneutral und geschlechtsspezifische sowie nationalistische Privilegien negierende Polizei oder Justiz nicht gibt und auch nie geben wird &#8211; diese Erkenntnis wird erst dann zur weit verbreiteten Einsicht, wenn der Widerspruch zwischen dem Wunsch nach dem sauberen Staat und der immer wieder elebten Entt\u00e4uschung aufgrund der korrupten Realit\u00e4t so gro\u00df wird, da\u00df er nicht mehr gekittet werden kann. Dann &#8211; und nur dann &#8211; k\u00f6nnten sich auch immer mehr Menschen \u00fcberlegen: wollen wir uns nicht Gedanken \u00fcber eine anders verfa\u00dfte Gesellschaft machen, mu\u00df es eine staatlich verfa\u00dfte sein, gibt es nicht auch Alternativen?<\/p>\n<p>Das ist eine libert\u00e4re Hoffnung, gewi\u00df, doch das belgische Beispiel zeigt schon, da\u00df sich diese libert\u00e4re Dynamik durchaus r\u00fcckbinden l\u00e4\u00dft an Analysen antisexistischer Normalit\u00e4tskritik. Das offensichtlich tiefsitzende Mi\u00dftrauen in die Unf\u00e4higkeit der Polizei, f\u00fcr den Schutz der Kinder zu sorgen, hat bereits jetzt in Belgien zu einer erh\u00f6hten Aufmerksamkeit von NachbarInnen und von Nicht-Verwandten gef\u00fchrt, wenn im Haus nebenan ein Kind schreit oder Verd\u00e4chtiges geschieht. Dieses Ph\u00e4nomen ist sicher mindestens ambivalent &#8211; neben Motiven einer \u00dcberwachungsmentalit\u00e4t spiegelt sich darin aber auch das Bewu\u00dftsein, da\u00df in der nachbarschaftlichen und famili\u00e4ren Idylle die Gewalt an Kindern zuhause sein kann. In gewisser Weise sind die Selbstrecherchen der belgischen B\u00fcrgerInnen auch eine Alternative zur unf\u00e4higen oder unwilligen Polizei, so wie etwa auch der in Ans\u00e4tzen praktizierte Schutz von Asylwohnheimen durch antirassistische Notruftelefone in den letzten Jahren in der BRD eine Alternative f\u00fcr die zum wirksamen Schutz vor Nazi-\u00dcberf\u00e4llen unf\u00e4higen oder unwilligen Polizei aufbauen sollte. Au\u00dferdem hat in Belgien durch den Fall Dutroux und die dabei beobachtbare Verkettung von p\u00e4dophiler Gewalt, Kinderpornos, Kinderprostitution, Vergewaltigung und Mord ein Bewu\u00dftsein davon gegriffen, da\u00df es ganz normale M\u00e4nner, V\u00e4ter, sind, die sich solche Pornos kaufen, und da\u00df sie keineswegs nur aus sozialen Problemschichten, gescheiterten Existenzen kommen, sondern da\u00df die Produkte der modernen Kindersklaverei quer durch alle Schichten konsumiert werden, auch von dem b\u00fcrgerlichen Familienvater von nebenan. Wenn dieser R\u00fcckschlu\u00df auf die gesellschaftliche Normalit\u00e4t, ohne deren patriarchale Herrschafts- und &#8222;Bed\u00fcrfnis&#8220;-Konstellation eine Finanzierung des gro\u00dfangelegten Gesch\u00e4fts mit sexueller Gewalt gegen Kinder nie m\u00f6glich w\u00e4re, stattfindet, ist die Dynamik solcher Bewegungen wie in Belgien vielleicht doch eher progressiv als regressiv.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem soeben neu erschienenen Buch zu sexueller Ausbeutung und zur sexuellen Gewalt gegen Kinder, \u00fcblicherweise besch\u00f6nigend &#8222;sexueller Mi\u00dfbrauch&#8220; genannt, schreibt die renommierte feministische und antirassistische Wissenschaftlerin Birgit Rommelspacher gleich zum Einstieg: &#8222;Die Diskussion um den sexuellen Mi\u00dfbrauch hat inzwischen eine wechselvolle Geschichte. 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