{"id":7209,"date":"2005-12-01T00:00:58","date_gmt":"2005-11-30T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7209"},"modified":"2022-07-26T14:24:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:27","slug":"eine-frage-der-ehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/12\/eine-frage-der-ehre\/","title":{"rendered":"Eine Frage der Ehre"},"content":{"rendered":"<p>Am 27. Oktober 2005 wurden in der nord\u00f6stlichen Vorstadt von Paris, Clichy-sous-Bois, Ziad Benn (17 Jahre alt) und Banou Traor\u00e9 (15) get\u00f6tet und Metin (21) schwer verletzt, als sie sich vor Polizeiverfolgung in einem Stromtransformatoren-Gel\u00e4nde versteckten. Regierungschef de Villepin und sein Innenminister Nicolas Sarkozy sprachen von &#8222;Einbrechern&#8220; und bestritten die Tatsache einer Polizeiverfolgung. Schnell wurde klar, dass es an diesem Tag keinen Einbruchsversuch gegeben und die Regierung gelogen hatte. ((2))<\/p>\n<p>Am Sonntag, 30.10.2005, nach einem friedlich verlaufenen Schweigemarsch vieler BewohnerInnen von Clichy-sous-Bois, hatte die \u00fcber Nacht zusammengezogene Bereitschaftspolizei von CRS und Gendarmerie mit rassistischen Parolen und dem Wurf einer Tr\u00e4nengasgranate in den Frauengebetsraum der Moschee von Ch\u00eane Pointu, einem Stadtteil von Clichy, das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht. ((3))<\/p>\n<p>Doch zu dieser Zeit war die eigentliche Provokation, auf welche die Jugendlichen in den Vorst\u00e4dten in den folgenden N\u00e4chten immer wieder Bezug nahmen, bereits geschehen. Am 25.10.2005 hatte Innenminister Sarkozy bei einem Besuch unter Polizeischutz in der Vorstadt Argenteuil einigen BewohnerInnen zugerufen, er werde die Vorst\u00e4dte mit einem &#8222;K\u00e4rcher&#8220; (deutscher Hochdruckreiniger) von diesem &#8222;racaille&#8220; (Gesindel\/Abschaum) &#8222;nettoyer&#8220; (s\u00e4ubern). Der konservative B\u00fcrgermeister von Argenteuil, Mothron, dem tags darauf sein Auto abgefackelt wurde, kritisierte diese Ausf\u00e4lle Sarkozys, zusammen mit anderen B\u00fcrgermeistern der Vorst\u00e4dte. Auch Staatspr\u00e4sident Chirac und Regierungschef de Villepin versuchten nach den ersten Tagen der Aufst\u00e4nde, die verbalen Provokationen von Sarkozy aufzuhalten &#8211; vergeblich. Sarkozy wiederholte seine &#8222;Brandreden&#8220; im Verlauf der Auseinandersetzung mehrfach. Zuletzt sagte er bei einer Rede am 19.11.2005, als die Zahl der niedergebrannten Autos, Gesch\u00e4fte, Firmen und sozialen Einrichtungen deutlich zur\u00fcck gegangen war, der Ausdruck &#8222;racaille&#8220; sei wohl noch zu gem\u00e4\u00dfigt gewesen. ((4))<\/p>\n<h3>Sarkozy: Typus des omnipotenten Macho<\/h3>\n<p>In Frankreich ist nicht nur die Arbeiterklasse noch k\u00e4mpferisch. Auch die herrschende, b\u00fcrgerliche Klasse bringt immer wieder Personen hervor, die offensiv den Klassenkampf von oben betreiben. Das herrschende System ben\u00f6tigt solche Repr\u00e4sentanten \u00e0 la Franz-Josef Strau\u00df nicht notwendiger Weise, doch von Zeit zu Zeit macht der Typus des biederen Parteib\u00fcrokraten dem Typus des sich omnipotent gerierenden Machos Platz. Nicolas Sarkozy, derzeitiger Chef der Regierungspartei UMP (<em>Union pour une Majorit\u00e9 pr\u00e9sidentielle<\/em>) und Innenminister, will Chirac beerben und Pr\u00e4sident werden. Vor der franz\u00f6sischen \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert er sich als populistischer Macher, dem diplomatisches Herumgerede missf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Sarkozy ist ein Hans-Dampf in allen Gassen, br\u00fcstete sich etwa damit, w\u00e4hrend der Aufst\u00e4nde in den Vorst\u00e4dten 14mal das Kampfterrain vor Ort besucht zu haben &#8211; nat\u00fcrlich tags\u00fcber und unter dem Schutz der Polizei, die er selbst befehligt und in Ansprachen vor Polizeieinheiten scharf macht. ((5)) \u00dcber die praktischen Auswirkungen seiner Polizeistrategie berichtet ein Lehrer aus Clichy von dem Abend des Tr\u00e4nengaseinsatzes in der Moschee: &#8222;Viele Augenzeugen und Videos bezeugen klar und deutlich, dass die Polizei die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen suchte: Sie schrieen ihnen rassistische Beschimpfungen zu, forderten sie auf zu k\u00e4mpfen.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>F\u00fcr Nicolas Sarkozy ist die polizeistaatliche Niederschlagung des Aufstands eine pers\u00f6nliche Angelegenheit, eine Frage der Ehre. Er hat die Sozialma\u00dfnahmen f\u00fcr die Vorst\u00e4dte gek\u00fcrzt und das sozialdemokratische &#8211; die Revolte sowieso nur aufschiebende und das Elend verwaltende &#8211; Konzept einer Nachbarschaftspolizei der Regierung Jospin (<em>Partie Socialiste, PS<\/em>) beendet. Er setzt ganz auf Repression; die jetzt verk\u00fcndeten Projekte und Integrationsversprechen der Regierung de Villepin sind alle langfristig angelegt und nicht das Papier wert, auf das sie geschrieben wurden.<\/p>\n<p>Sarkozy hat mit seinen \u00c4u\u00dferungen in Argenteuil einen Ma\u00dfstab vorgelegt, dessen R\u00fccknahme oder Abschw\u00e4chung er als m\u00e4nnliche Schw\u00e4che betrachten w\u00fcrde, von einer \u00f6ffentlichen Entschuldigung ganz zu schweigen. Deswegen gelten die Regeln der politischen Klasse, nach denen ein individueller R\u00fccktritt manchmal der Durchsetzung der Staatsraison dient, f\u00fcr ihn, den omnipotenten Macho, nicht. Denn er kann nicht irren oder auch nur einmal die falsche Wortwahl treffen. Er muss als Person ganz siegen oder ganz untergehen.<\/p>\n<p>Nur ganz kurz, als die von den Medien wie ein innenpolitischer Wasserstand vermeldete Zahl der brennenden Autos noch t\u00e4glich anstieg (bis auf \u00fcber 1.400 in der Nacht auf Montag, 7.11.), schien er umstritten und war einige Tage \u00f6ffentlicher Kritik ausgesetzt; inzwischen aber r\u00fchmt er sich, nach j\u00fcngsten Popularit\u00e4tsumfragen um 11 Prozentpunkte zugelegt zu haben. ((7))<\/p>\n<p>Sarkozy sieht seine Provokations- und Repressionsstrategie als ersten Akt der Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2007. Daf\u00fcr fischt er Stimmen bei den Rechtsextremen.<\/p>\n<p>Der Begriff &#8222;racaille&#8220; hat eine lange Geschichte. Das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime benutzte ihn zur Denunziation seiner GegnerInnen.<\/p>\n<p>Heute wird der Begriff von einem anderen Propagandisten m\u00e4nnlicher Omnipotenz, Jean-Marie Le Pen, dem Chef des <em>Front National (FN)<\/em>, der w\u00e4hrend der Aufst\u00e4nde in den Vorst\u00e4dten den Einsatz der Armee und ein unbefristetes Notstandsregime forderte, zur Stigmatisierung &#8222;der massiven und unkontrollierten Immigration&#8220; benutzt. ((8)) Auff\u00e4lliger Weise sparte Le Pen in seiner \u00f6ffentlichen Kritik am angeblich zu laschen Vorgehen der Regierung gegen die Vorstadtrevolte gerade Sarkozy aus. Hier stehen sich zwei von sich selbst \u00fcberzeugte Kampfh\u00e4hne gegen\u00fcber. W\u00e4hrend Le Pen glaubt: &#8222;Was Nicolas Sarkozy sagt und tut, bringt die Leute dazu, zu glauben, dass Le Pen Recht hat&#8220;, denn die &#8222;ziehen immer das Original der Kopie vor&#8220;, ((9)) ist Sarkozy davon \u00fcberzeugt, mit seiner Strategie Le Pen das Wasser abzugraben und mit Stimmen aus dem Lager der FN Pr\u00e4sident zu werden.<\/p>\n<p>Sarkozys Strategie baut auf die Tendenz, dass die verarmten Wei\u00dfen in den Vorst\u00e4dten, die ihre Kinder aus finanziellen Gr\u00fcnden nicht in Privatschulen schicken und die im Gegensatz zum gehobenen Mittelstand die Vorstadtsilos aufgrund andernorts teurer Mietpreise nicht verlie\u00dfen, als die Familien aus der Immigration einzogen, und die seither FN w\u00e4hlen, nun ihn als den starken Mann unterst\u00fctzen. Dazu muss mann\/frau wissen, dass die Vorst\u00e4dte keine geschlossene Einheit der Bev\u00f6lkerungsgruppen bilden.<\/p>\n<p>Viele Vorst\u00e4dte im Nordosten von Paris hatten oder haben noch kommunistische B\u00fcrgermeister, wie etwa Michel Beaumale in Stains. Doch dessen Sch\u00e4fchen, die inzwischen verarmten ArbeiterInnenfamilien der Vorst\u00e4dte, waren bereits bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl 2002 in Scharen zum FN \u00fcbergelaufen, auch aus Motiven eines stillen Rassismus gegen die direkt neben ihnen wohnenden Menschen aus Immigrantenfamilien. In Stains haben der FN und seine Abspaltung MNR bei den Wahlen 2002 zusammen 21,88 Prozent der Stimmen erhalten, w\u00e4hrend der KP-Kandidat Robert Hue nur 10,29 Prozent erhielt. Stains hat eine Arbeitslosenzahl von 20 Prozent. ((10))<\/p>\n<p>Statt dass sich verarmte Wei\u00dfe mit den Familien aus der Immigration verb\u00fcndeten, konkurrierten sie und drifteten nach rechts. W\u00e4hrend der Aufst\u00e4nde hat es in manchen Vierteln Ans\u00e4tze zur Selbstjustiz wei\u00dfer Franzosen gegeben, und die Polizei musste mitten in ihren Repressionseins\u00e4tzen dazu aufrufen, dass nur PolizistInnen, nicht auch ZivilistInnen Menschen festnehmen d\u00fcrfen. Ein franz\u00f6sischer Anarchist beschreibt die Strategie von Sarkozy, diese wei\u00dfen Rassisten dem FN abspenstig zu machen, so: &#8222;Die lokale Miliz ist nicht mehr undenkbar. (&#8230;) Je tiefer die Schei\u00dfe, desto mehr kann er (Sarkozy; d.A.) Gef\u00fchle der Unsicherheit instrumentalisieren.&#8220; ((11))<\/p>\n<p>Es sind die stillen RassistInnen, die wei\u00dfen BewohnerInnen der Vorst\u00e4dte, denen Sarkozy in Argenteuil versprach, ihre Viertel vom &#8222;Gesindel zu s\u00e4ubern&#8220;.<\/p>\n<h3>Ehrenkodex der Jugendgruppen<\/h3>\n<p>&#8222;Als der Minister die Jugendlichen &#8218;racaille&#8216; genannt hat, hat sich diese Nachricht schnell in den H\u00e4usern verbreitet. Das haben Alte und Junge geh\u00f6rt. Und die Antwort, vor allem der Jugendlichen, lautete: Er will Krieg? Den kann er haben!&#8220; ((12)) So Omeyya Seddik, Sprecher des <em>Mouvement de l&#8217;immigration et des banlieues (MB)<\/em>.<\/p>\n<p>Immer wieder gaben die Jugendlichen zur Legitimierung ihrer Aktionen die Provokationen von Sarkozy an. Dabei kommt die berechtigte Forderung nach Respektierung ihrer Menschenw\u00fcrde ebenso wie die Wut \u00fcber die allt\u00e4glichen Personenkontrollen der Polizei zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Die Fixierung der Aufst\u00e4ndischen auf Sarkozy hat allerdings noch andere Gr\u00fcnde, und der Bedeutungsgehalt dessen, was die Jugendlichen unter Respekt verstehen, variiert. In diesem Zusammenhang haben die mir bekannten Analysen franz\u00f6sischer AnarchistInnen bisher einen Aspekt zu sehr ausgeklammert, den der geschlechtlichen Separation, d.h. die Tatsache, dass die n\u00e4chtlich revoltierenden Jugendlichen zu nahezu hundert Prozent M\u00e4nner sind. Wenn der franz\u00f6sische Libert\u00e4re Laurent (siehe seinen Text &#8222;Kurzgespr\u00e4ch am Tresen&#8220; in dieser GWR) die Sch\u00e4den bei Streikaktionen mit den Sch\u00e4den der Brandaktionen bei den Vorstadt-Aufst\u00e4nden gleich bewertet, vergisst er, dass sowohl bei den von ihm genannten LehrerInnenstreiks wie auch bei den in Frankreich immer wieder vorkommenden Sch\u00fclerInnenstreiks Frauen und Sch\u00fclerinnen gleichberechtigt beteiligt waren und aktiv werden konnten. Das Schulsystem war durch diese Aktionsformen zeitweise ebenfalls monatelang au\u00dfer Kraft gesetzt worden.<\/p>\n<p>Weder die &#8222;Alten&#8220; noch die &#8222;grands fr\u00e8res&#8220;, die gro\u00dfen Br\u00fcder (die sich nach dem Scheitern staatlicher MediatorInnen w\u00e4hrend der Revolte eher als Schlichter bet\u00e4tigten), noch gar die Schwestern der Jugendlichen in den Vorst\u00e4dten gehen nachts mit ihnen zusammen auf die Stra\u00dfe. Es ist eine aus M\u00e4nnern und m\u00e4nnlichen Jugendlichen bestehende soziale Bewegung, die sich von Sarkozy in ihrem Ehrenkodex angegriffen f\u00fchlt und seine Kriegsrhetorik aufgreift. Die in der Revolte aktiven M\u00e4nnergruppen entstanden in einer Situation permanenter Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Langeweile oder auch weit verbreitetem Schulversagen. Die m\u00e4nnlichen Jugendlichen finden sich au\u00dferhalb ihrer Familien zusammen und bilden informelle Cliquen. Der franz\u00f6sische Schriftsteller Jean-Claude Izzo nennt in seinen Romanen diesen Sozialisationsprozess &#8222;Chourmo&#8220; (sich mit befreundeten Jungs treffen, um was zu unternehmen). ((13))<\/p>\n<p>Werden Frauen oder M\u00e4dchen aus Vorstadtfamilien nach ihren Br\u00fcdern befragt, ergibt sich ein Bild der geschlechtlichen Separation. Entweder bleiben die Schwestern zuhause und m\u00fcssen im Haushalt helfen, oder sie gehen tags\u00fcber mit Freundinnen aus. Zur geschlechtlichen Arbeitsteilung in den Familien der Vorst\u00e4dte sagen sie: &#8222;Wir werden nicht gleich erzogen. Die Eltern sind strenger mit uns&#8220;, so eine Achtzehnj\u00e4hrige aus einer Einwandererfamilie. ((14))<\/p>\n<p>&#8222;Unsere Br\u00fcder sind Cham\u00e4leons: zuhause freundlich, drau\u00dfen schrecklich. Sie k\u00f6nnen gut zu den Eltern sein. Aber wenn sie drau\u00dfen sind, sind sie nicht wieder zu erkennen&#8220;, so eine weitere Achtzehnj\u00e4hrige. ((15)) &#8222;Wenn er mit seiner Clique zusammen ist, macht ein Junge alles mit, wie auch das Werfen eines Molotow-Cocktails. Allein w\u00fcrde er das niemals machen.&#8220; ((16))<\/p>\n<p>Zur Herausforderung durch Sarkozy auf dem Feld der Ehre: &#8222;Ihr Ruf steht auf dem Spiel, das ist ihr Stolz.&#8220; Wer aus ihrer Sicht als Junge bei Aktionen nicht mitmacht oder gar Kritik \u00fcben w\u00fcrde, schlie\u00dft sich selbst aus der Clique aus: &#8222;Dann bist du <em>bouffon <\/em>(Witzfigur, d.A.), <em>un canard <\/em>(\u00fcbertragen: feucht, durchweicht, Weichling; d.A.).&#8220; ((17)) &#8222;Es w\u00e4re der Gipfel der Scham. Selbst M\u00e4dchen k\u00f6nnten dich herumsto\u00dfen&#8220;, so eine Siebzehnj\u00e4hrige. ((18)) Und eine F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige: &#8222;In einer Gruppe reicht es, wenn einer sagt: &#8218;Stell&#8216; dich nicht so an&#8216;! Dann muss er mitmachen, wenn nicht, ist er ein <em>bouffon<\/em>. Und in der <em>cit\u00e9<\/em> bedeutet das den Tod.&#8220; ((19))<\/p>\n<p>In diesen Gruppen m\u00e4nnlicher Jugendlicher wird also nicht Individualit\u00e4t, sondern Konformit\u00e4tsdruck erzeugt. Der linke Journalist Bernhard Schmid weist in seinen Analysen ebenfalls auf die problematische Wertehierarchie der informellen Gruppen in den Vorst\u00e4dten hin: &#8222;Einer verbreiteten Mentalit\u00e4t zufolge hat &#8218;der St\u00e4rkere oder jedenfalls der R\u00fccksichtslosere&#8216; zu \u00fcberleben, die Gewalt gegen Frauen erreicht hohe Werte, und Markenartikel &#8211; jedenfalls bei Sportklamotten &#8211; sorgen f\u00fcr Faszination, da sie es scheinbar erm\u00f6glichen, auch &#8218;jemand zu sein&#8216; und &#8218;respektiert zu werden&#8216;.&#8220; ((20))<\/p>\n<p>In die Kameras oder Mikrophone der ein Vokabular der Kriegsberichterstattung ebenso gierig wie verantwortungslos aufgreifenden b\u00fcrgerlichen Medien rufen die Jungs aus solchen Gruppen heraus dann sich \u00fcberschlagende Gewaltphantasien wie: &#8222;Wenn wir uns eines Tages organisieren, werden wir Granaten, Sprengstoff und Kalaschnikows haben &#8230; Wir sehen uns dann auf der Bastille, und es wird Krieg herrschen.&#8220; ((21))<\/p>\n<p>Am 7. November 2005, auf dem H\u00f6hepunkt der Revolte, starb ein Bewohner von Stains, der 61-J\u00e4hrige J.-J. Le Chenavier. Er hatte mit einem Nachbarn um 21.15 Uhr eine brennende Abfalltonne gel\u00f6scht. Sie drehten eine Runde und stie\u00dfen auf eine Gruppe Jugendlicher, denen sie Vorhaltungen machten. Als sie blieben, um Autos zu beobachten, warfen Jugendliche Steine nach ihnen. Beide wurden dann von einem Jugendlichen, der sich aus einer 15-k\u00f6pfigen Gruppe gel\u00f6st hatte, durch Faustschl\u00e4ge getroffen und st\u00fcrzten zu Boden.<\/p>\n<p>Obwohl vorsichtige BeobachterInnen sowie der kommunistische B\u00fcrgermeister von Stains davor warnten, sofort einen Zusammenhang mit den Aufst\u00e4nden herzustellen, und erst das Ende einer Untersuchung abwarten wollten, griffen die b\u00fcrgerlichen Medien, das Fernsehen und Sarkozy den Vorfall effekthascherisch auf. Sarkozy empfing demonstrativ die Witwe des Toten. ((22))<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen &#8211; und das war das Ziel der Strategie Sarkozys &#8211; gab es kaum Solidarisierungswellen unter der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung mit den revoltierenden jugendlichen M\u00e4nnern in den Vorst\u00e4dten. Lediglich ein Zusammenschluss aus Menschenrechtsgruppen, linken Gewerkschaften und Gruppierungen aus der Bewegung f\u00fcr eine andere Globalisierung sprach sich publizistisch am 14.11.05 gegen die Notstandsgesetze aus. ((23)) Doch Solidarit\u00e4tsdemonstrationen im Pariser Zentrum kamen w\u00e4hrend der Hochphase der Revolte im Gegensatz zu anderen Mobilisierungen \u00fcber vergleichsweise wenige TeilnehmerInnen nicht hinaus. Das kann auch ein Beleg daf\u00fcr sein, dass sich mit willk\u00fcrlicher Gewaltrhetorik und -praxis zumindest mancher revoltierender Gruppen keine B\u00fcndnispartnerInnen au\u00dferhalb der Vorst\u00e4dte gewinnen lassen und somit kein Spaltpilz in die wei\u00dfe Mehrheitsbev\u00f6lkerung getrieben werden kann, was n\u00f6tig w\u00e4re, wenn der Aufstand einer Minderheit nicht ein solcher bleiben soll. So ist in Frankreich heute die Zustimmung zu den Notstandsgesetzen der Regierung Villepin erschreckend hoch.<\/p>\n<p>Wohlwissend, dass Ausgangssperren und Haussuchungen keineswegs fl\u00e4chendeckend umgesetzt werden oder gar die von immer mehr sicherheitstechnischen Anlagen und Wachdiensten gesch\u00fctzten Viertel der Reichen betreffen, sondern differenziert und gezielt auf einige Vorst\u00e4dte und ihre BewohnerInnen mit dunkler Hautfarbe angewandt werden, haben sich nach einer aktuellen Umfrage vom 9.11.2005 73 (!) Prozent der B\u00fcrgerInnen f\u00fcr die Ausnahmegesetze aus dem Jahre 1955 ausgesprochen. ((24))<\/p>\n<p>W\u00e4re eine andere Verlaufsform der Revolte denkbar gewesen, welche die Wut gegen Sarkozy ebenso entschlossen zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig Breschen in die Mehrheitsbev\u00f6lkerung geschlagen h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Wohl kaum. Chourmo-Gruppen bilden sich \u00fcber Jahre hinweg und strukturieren Verhaltensnormen (bis hinein in die Slang\/Rap-Sprache), Ehrenkodex und Ausdrucksformen. Trotzdem gab es einen kurzen Augenblick, das Aufflackern einer M\u00f6glichkeit, als n\u00e4mlich am Samstag, 29.10.2005, jener Schweigemarsch von 1.000 BewohnerInnen aus Clichy-sous-Bois f\u00fcr Ziad und Banou stattfand, auf dem DemonstrantInnen T-Shirts mit <em>mort pour rien (tot f\u00fcr nichts)<\/em> trugen, l\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung forderten, und der in der Moschee von Ch\u00eane Pointu endete. Wenn es hier einen Gedankenblitz, Geistesgegenwart oder eine Aktionsstrategie f\u00fcr einen Treck, f\u00fcr einen Marsch etwa ins Herz von Paris, auf die Champs-Elys\u00e9es, unter den Eiffelturm, vor den Elys\u00e9e-Palast oder in Reichenviertel gegeben h\u00e4tte, der in eine Belagerung mit Zeltcamps usw. \u00fcbergegangen w\u00e4re, h\u00e4tten vielleicht breitere Solidarisierungswellen und eine aktive Frauenbeteiligung erm\u00f6glicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Raus aus den Vorst\u00e4dten &#8211; Die Gesamtgesellschaft konfrontieren!&#8220;, w\u00e4re die Parole. Martin Luther King organisierte 1966 beim <em>Chicago Freedom Movement<\/em> einen Marsch der Schwarzen aus ihren eigenen Vierteln in Stadtviertel reicher Wei\u00dfer. Sie wurden angriffen. Daraufhin kam es zu Spaltungen und Solidarisierungseffekten in der wei\u00dfen US-amerikanischen \u00d6ffentlichkeit, die schnell zur Bereitstellung von Jobs und Wohnungen f\u00fcr Schwarze f\u00fchrten. ((25))<\/p>\n<p>Nur so eine Utopie &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. Oktober 2005 wurden in der nord\u00f6stlichen Vorstadt von Paris, Clichy-sous-Bois, Ziad Benn (17 Jahre alt) und Banou Traor\u00e9 (15) get\u00f6tet und Metin (21) schwer verletzt, als sie sich vor Polizeiverfolgung in einem Stromtransformatoren-Gel\u00e4nde versteckten. Regierungschef de Villepin und sein Innenminister Nicolas Sarkozy sprachen von &#8222;Einbrechern&#8220; und bestritten die Tatsache einer Polizeiverfolgung. Schnell wurde &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/12\/eine-frage-der-ehre\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Eine Frage der Ehre - graswurzelrevolution","description":"Am 27. 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