{"id":7230,"date":"2006-01-01T00:00:07","date_gmt":"2005-12-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7230"},"modified":"2022-07-26T14:24:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:27","slug":"new-orleans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/01\/new-orleans\/","title":{"rendered":"New Orleans"},"content":{"rendered":"<p>1. Vorderhand sind die Chancen klar verteilt. Ein Gro\u00dfteil der Einwohnerinnen und Einwohner, die im September teils zwangsweise aus New Orleans evakuiert wurden, lebt noch immer in Fl\u00fcchtlingslagern oder privaten Notunterk\u00fcnften, die \u00fcber fast die gesamte Fl\u00e4che der USA verteilt sind. Subtile Mechanismen sorgen (neben schlichten Verboten) daf\u00fcr, dass eine soziale Auslese der R\u00fcckkehrwilligen betrieben wird. So kann man New Orleans zwar mit dem Flugzeug erreichen, nicht aber mit dem Bus. Staatliche Schulen (die von den \u00e4rmeren Schichten besucht werden) \u00f6ffnen in diesem Schuljahr fast durchgehend nicht mehr, und dasselbe gilt f\u00fcr viele Einrichtungen der \u00f6ffentlichen Wohlfahrt.<\/p>\n<p>Die Wohngebiete der Armen (und das ist beinahe identisch mit den Wohngebieten der Schwarzen) geh\u00f6ren ohnedies zu den von \u00dcberschwemmungen am h\u00e4rtesten getroffenen Vierteln. Aber auch dort, wo die H\u00e4user unversehrt blieben, ist es nicht besser.<\/p>\n<p>Leute, die zur Miete wohnten, finden bei ihrer R\u00fcckkehr fremde Menschen in ihrer Wohnung, die die doppelte Miete bezahlen. Die Gerichte in New Orleans haben Spitzenleistungen vollbracht und t\u00e4glich hunderte und aberhunderte Beschl\u00fcsse gefasst, die den Rauswurf von Mieterinnen und Mietern absegneten. Am betreffenden Haus wurde vorher ein Zettel angebracht, der auf den bevorstehenden Gerichtstermin hinwies; aber die Leute waren ja evakuiert, konnten und durften also nicht zu dem Ort kommen, an dem allein sie von ihrem bevorstehenden Rauswurf erfahren h\u00e4tten. Wochen sp\u00e4ter finden sie dann ihre M\u00f6bel, Kleider usw. an der Stra\u00dfenecke vereint mit dem unbeschreiblichen M\u00fcll und Unrat, den die \u00dcberschwemmung hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Dieselbe Justiz, die hier so eifrig war, schaffte es nicht, hunderten von Jugendlichen, die kurz vor Katrina wegen Bagatelldelikten (oder kurz darauf wegen &#8222;Pl\u00fcnderns&#8220;) eingesperrt worden waren, einen Verhandlungstermin zu gew\u00e4hren, so dass diese wochen- und monatelang in Untersuchungshaft schmoren mussten. Noch heute [14.12.] gilt eine Ausgangssperre ab 2 Uhr nachts, und man h\u00f6rt, dass Leute festgenommen wurden, die um 2 Uhr auf ihrer Veranda sa\u00dfen.<\/p>\n<p>2. Eine freiwillige Helferin \u00e4u\u00dferte im Oktober (und bis heute ist es kaum anders), New Orleans bei Nacht sehe aus wie ein Schachbrett: Das touristisch erschlossene French Quarter und die Wohnquartiere der Reichen\/Wei\u00dfen waren l\u00e4ngst wieder mit Elektrizit\u00e4t versorgt, die schwarzen Nachbarschaften gleich nebenan nun buchst\u00e4blich so schwarz, dass sie nicht mal die Stra\u00dfe vor sich erkennen konnte. Dies verweist darauf, dass der Wiederaufbau von New Orleans tats\u00e4chlich im Gange ist.<\/p>\n<p>George W. Bushs medienwirksam lancierte Milliarden haben die \u00fcblichen, schon vom Irak her bekannten Aasgeier wie Halliburton angelockt. Diese bringen private &#8222;Sicherheitsdienste&#8220; wie &#8222;Blackwell Security&#8220; mit (&#8222;die Jungs, die uns Abu Ghraib beschert haben&#8220;, hei\u00dft es in den USA). Man spricht bereits von einem &#8222;katastrophen-industriellen Komplex&#8220;, um dieses j\u00fcngste Stadium des r\u00e4uberischen Kapitalismus zu charakterisieren.<\/p>\n<p>In Zusammenarbeit mit den Eliten der Stadt wollen sie New Orleans rigoros &#8222;s\u00e4ubern&#8220;, vor allem demographisch: weniger Arme, weniger Schwarze. Diesem Zweck dient das Fernhalten der Evakuierten, bis diese aufgeben und sich auf die Armen-Ghettos der \u00fcbrigen S\u00fcdstaaten-St\u00e4dte verteilen. Ein weiterer Schritt ist die Zerst\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Wohnungsbaus. Wie der republikanische Kongressabgeordnete Richard Baker es ausdr\u00fcckt: &#8222;Endlich haben wir mit dem \u00f6ffentlichen Wohnungsbau aufger\u00e4umt. Wir selbst haben es nie schaffen k\u00f6nnen; nun hat Gott es geschafft.&#8220;<\/p>\n<p>3. Aber New Orleans w\u00e4re nicht New Orleans, wenn die Machtfrage mit dem Vorstehenden schon beantwortet w\u00e4re. Diese Stadt hat eine bemerkenswerte Tradition des Widerstands und der Selbstorganisation, und beides hat sich auch jetzt entwickelt.<\/p>\n<p>Am 7. November wurde die Br\u00fccke \u00fcber den Mississippi in den wei\u00dfen Vorort Gretna &#8222;zur\u00fcckerobert&#8220;. Hier hatten w\u00e4hrend der \u00dcberschwemmung \u00f6rtliche Polizeikr\u00e4fte mit Waffengewalt tausende Menschen zur\u00fcckgejagt, die versuchten, zu Fu\u00df das Katastrophengebiet zu verlassen &#8211; aus Sorge um das Eigentum der Evakuierten von Gretna. Dieses Polizeihandeln gilt zu Recht als eine der gr\u00f6\u00dften Gef\u00e4hrdungen der \u00f6ffentlichen Sicherheit im Zusammenhang mit der Trag\u00f6die von New Orleans, als m\u00e4chtigstes Symbol des wei\u00dfen Rassismus seit den 60er Jahren.<\/p>\n<p>&#8222;Nie wieder d\u00fcrfen Eigentumsrechte die Menschenrechte ausstechen!&#8220;, war die Forderung der DemonstrantInnen.<\/p>\n<p>Die Menschen, die sich der Zwangsr\u00e4umung der Stadt erfolgreich widersetzt haben, bauten von Anfang an Graswurzel-Strukturen der Versorgung, vor allem mit Wasser und Lebensmitteln, auf. Es gibt Telefonketten, die aktiviert werden, sobald jemand von einer bevorstehenden Zwangsr\u00e4umung Wind bekommt. Am 22. November wurde vor Gericht durchgesetzt, dass MieterInnen von beantragten Zwangsr\u00e4umungen brieflich informiert werden m\u00fcssen. Die Katastrophenbeh\u00f6rde FEMA, die \u00fcber den Verbleib der meisten Evakuierten Unterlagen hat, wurde verpflichtet, diese daf\u00fcr herauszugeben.<\/p>\n<p>Seit dem 9. Dezember finden verschiedene Demonstrationen und Aktionen statt, um das Recht auf R\u00fcckkehr in die Stadt, die Beteiligung der Bev\u00f6lkerung am Wiederaufbau, aber auch die Fortsetzung der Zahlung der Unterbringungskosten f\u00fcr die Evakuierten durchzusetzen. Auf Konferenzen vernetzen sich die Interessen und Initiativen.<\/p>\n<p>4. Das Leiden und K\u00e4mpfen der Menschen von New Orleans haben es nicht verdient, dass die Welt sie vergessen hat. Wir alle verdanken &#8222;<em>The Big Easy<\/em>&#8220; Unermessliches, nicht zuletzt die musikalischen Traditionen von Jazz, Blues und Hip Hop. Gerade das Leben in der &#8222;Sch\u00fcssel&#8220; unterhalb des Wasserspiegels hat die Stadt kulturell so produktiv gemacht.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn du so nah am Tod lebst&#8220;, sagt der schwarze Intellektuelle Cornel West, &#8222;hinter den Deichen, dann lebst du intensiver, sexuell, gastronomisch, psychologisch.&#8220;<\/p>\n<p>Die Kultur der &#8222;community&#8220;, der gegenseitigen Hilfe, deren R\u00fcckkehr Halliburton und Blackwell jetzt verhindern sollen, geh\u00f6rt ebenfalls zu diesem Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Unsere Solidarit\u00e4t mit dem Kampf gegen diese &#8222;S\u00e4uberer&#8220; kann sich von Deutschland aus am besten in finanzieller Form zeigen.<\/p>\n<p>We owe so much to the people of New Orleans &#8211; it&#8217;s time to give in return.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Vorderhand sind die Chancen klar verteilt. 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