{"id":7233,"date":"2006-01-01T00:00:13","date_gmt":"2005-12-31T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7233"},"modified":"2022-07-26T14:24:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:27","slug":"palastina-der-gewaltfreie-widerstand-des-dorfes-bilin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/01\/palastina-der-gewaltfreie-widerstand-des-dorfes-bilin\/","title":{"rendered":"Pal\u00e4stina: Der gewaltfreie Widerstand des Dorfes Bilin"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn der israelische Staat seine Expansion gestoppt und Siedlungskolonien, die nach internationalem Recht als illegal eingestuft wurden, abgebaut hat; auch wenn die Grenzziehung via Mauer am 9. Juli 2004 durch den Internationalen Gerichtshof f\u00fcr illegal erkl\u00e4rt worden ist, wurde die Mauer um das Dorf Bilin (1.500 BewohnerInnen), im Osten von Ramallah, speziell so konzipiert, dass sie die neue Siedlung Menorah mit einschlie\u00dft, ebenso wie die Ausweitung der ultraorthodoxen Kolonie Kiryat Sefer und die Siedlungen von Matityahu Misrah sowie Modi&#8217;in Ilit, deren Grund die israelische Regierung annektieren und Israel zuteilen will. Die Mauer streift die H\u00e4user des Dorfes Bilin und war bereits Ursache f\u00fcr die Konfiszierung von 150 Hektar kultivierbaren Bodens (drei Viertel des Gemeindegrundes), der vor allem f\u00fcr Olivenhaine, Mandelb\u00e4ume und Feigenbaum-Pflanzungen genutzt wurde. Sie waren das einzige Subsistenzmittel der BewohnerInnen, seit sie nicht mehr in Israel arbeiten konnten.<\/p>\n<p>Leider ist das nicht das erste Mal, dass die BewohnerInnen von Bilin mit solchem Landraub konfrontiert werden: Schon vor zehn Jahren wurden ihre Olivenhaine durch Bulldozer zerst\u00f6rt, um auf demselben Grund Siedlungen hochzuziehen. Seit der Oberste Gerichtshof die Klage der EinwohnerInnen von Bilin zur\u00fcckgewiesen hat, marschieren M\u00e4nner und Frauen des Dorfes praktisch jeden Tag zum Baugebiet und haben erreicht, dass die Regierung den Mauerbau vorl\u00e4ufig gestoppt hat. Die BewohnerInnen versuchen nun, die Bulldozer zu blockieren, die auf der vorgesehenen Mauerlinie Olivenb\u00e4ume ausrei\u00dfen. Im Gegenzug \u00fcberf\u00e4llt die israelische Armee das Dorf, am Tage wie in der Nacht. Die SoldatInnen dringen in die H\u00e4user ein und schlagen die BewohnerInnen.<\/p>\n<p>Mehrere BewohnerInnen wurden durch Sch\u00fcsse mit Kautschukkugeln verletzt (in Wirklichkeit handelt es sich um Metallkugeln, die mit einem leichten Kautschukmantel \u00fcberzogen sind); oder auch durch das Trommelfell verletzende, ohrenbet\u00e4ubende Granaten; oder wiederum Tr\u00e4nengas-Granaten &#8211; alles Waffen, die im Prinzip nicht t\u00f6dlich sind, aber die sich, abgefeuert aus kurzer Distanz, als sehr gef\u00e4hrlich erweisen k\u00f6nnen. Ein Haus in Bilin ist bereits durch den Schuss einer ohrenbet\u00e4ubenden Granate durch die Grenztruppen in Brand gesteckt worden.<\/p>\n<p>Im Dorf hat sich ein Komitee gebildet, das sich aus f\u00fcnf repr\u00e4sentativen Mitgliedern der Parteien und nichtparteif\u00f6rmigen Vereinigungen im Dorf zusammensetzt und das alle notwendigen Sofortentscheidungen verantwortet. Offiziell ist das Komitee im Januar 2005 aktiv geworden, aber es hat bereits davor andere D\u00f6rfer konsultiert, die sich im legalen und\/oder gewaltfreien Kampf gegen den Mauerbau befinden.<\/p>\n<p>Das Dorf Budrus war in dieser Hinsicht besonders inspirierend, weil es ihm nach 53 gewaltfreien Demonstrationen gelungen ist, den Verlauf der Mauer weiter weg zu verlegen.<\/p>\n<p>Nach einem Aufruf der BewohnerInnen von Bilin haben sich Gruppen der israelischen sozialen Bewegungen wie <em>Gush Shalom, Anarchists against the Wall<\/em> (vgl. <a href=\"\/304\/wall.shtml\">Bericht in GWR 304<\/a>, S. 5), <em>Ta&#8217;ayush <\/em>und <em>The Women&#8217;s Coalition for Peace<\/em> zusammengefunden, um regelm\u00e4\u00dfig jeden Freitag eine gewaltfreie Aktion durchzuf\u00fchren. Rund hundert israelische ZivilistInnen gehen also vor Ort und bilden so eine bedeutende Verbindung zur &#8222;anderen Seite&#8220;.<\/p>\n<p>Abdullah Rameh, Mitglied des Dorfkomitees, meint zur Pr\u00e4senz der israelischen AktivistInnen: &#8222;Anfangs war es schwer f\u00fcr die Menschen in Bilin zu verstehen, warum Israelis kommen und was sie hier wollen. Aber als die israelischen SoldatInnen nachts ins Dorf eingedrungen sind, sagten die AktivistInnen ihnen, sie sollten verschwinden. Alle im Dorf haben darauf positiv reagiert und verstanden, dass die Israelis ins Dorf gekommen sind, um sie zu besch\u00fctzen. Der Erfolg ihrer Aktivit\u00e4ten kann nicht geleugnet werden.<\/p>\n<p>Wir arbeiten, schlafen und essen zusammen; es ist wie in einer Familie und als solche f\u00fchren wir zusammen einen gewaltfreien Kampf. Wir arbeiten nicht nur bei den Aktionen zusammen, sondern auch, um die israelische \u00d6ffentlichkeit damit zu konfrontieren.&#8220;<\/p>\n<p>Laser, ein israelischer Aktivist, erg\u00e4nzt, wenn es keine israelische Beteiligung an den Aktionen gebe, &#8222;w\u00fcrde die israelische Armee sofort zu schie\u00dfen beginnen. Einmal haben sie uns an einem Checkpoint festgesetzt und den israelischen SoldatInnen Anweisung gegeben, \u00fcber die K\u00f6pfe der DemonstrantInnen zu schie\u00dfen, aber rund zwanzig von uns ist es gelungen, auszurei\u00dfen und r\u00fcberzukommen, also haben sie den Schie\u00dfbefehl zur\u00fcckgenommen. Warum? Weil sie Rassisten sind.&#8220;<\/p>\n<p>Sind die Aktionen des Dorfes erfolgreich? Mohammed al-Khatib, Komiteemitglied, antwortet: Das Wort &#8222;Erfolg kann viele Bedeutungen haben. Wenn es die Verschiebung des Mauerverlaufs bedeutet, das ist nicht unm\u00f6glich, aber es wird schwer. (&#8230;) Auf anderem Gebiet w\u00fcrde ich sofort ja sagen. Wir haben Erfolg damit, der ganzen Welt \u00f6ffentlich zu sagen, dass unser Dorf ein Recht hat, hier zu sein, auf unserem Grund und Boden, dass das die Wahrheit ist. Wir zeigen damit, dass die BesatzerInnen die L\u00fcgnerInnen sind. Die Besetzung verteidigt nicht die israelischen B\u00fcrgerInnen vor uns, sondern sie stiehlt unseren Boden. Wenn ich vor einem Jahr gesagt h\u00e4tte, ich komme aus Bilin, h\u00e4tte niemand gewusst, wovon ich spreche, aber heute wissen die Leute dar\u00fcber Bescheid, und sie wissen, dass wir Widerstand gegen den Mauerbau leisten. Noch wichtiger finde ich: Sie wissen auch, dass wir uns gewaltfrei wehren, und sie best\u00e4rken uns darin. Wir k\u00f6nnen heute gar nicht mehr sagen, dass der gewaltfreie Widerstand nur Bilin geh\u00f6rt, er geh\u00f6rt nunmehr den Pal\u00e4stinenserInnen.&#8220;<\/p>\n<p>Und Mohammed al-Khatib f\u00e4hrt fort:<\/p>\n<p>&#8222;Alle unsere Aktionen sind gewaltfrei. Wir lassen \u00fcber die Lautsprecher unserer Moschee durchsagen, dass wir uns f\u00fcr die Gewaltfreiheit engagieren und dass wir lediglich unseren Grund und Boden verteidigen. Seit unserer ersten Kundgebung haben wir nicht einen Stein geworfen. Das unterscheidet sich selbst von der ersten Intifada. Wir gehen nicht zur Demonstration, um Steine zu werfen. Selbstverst\u00e4ndlich befehligen wir keine Armee, und wir k\u00f6nnen nicht alle daran hindern, Steine zu werfen, wenn sie provoziert werden. Die SoldatInnen werden zur Gewalt gedrillt, und wenn die Leute sehen, wie sie auf uns schie\u00dfen oder in unsere H\u00e4user eindringen, wollen sie sich verteidigen. Sie nehmen keine Gewehre, aber sie sammeln die Steine auf, die \u00fcberall herumliegen. Im Kern wollen wir mit unseren Demonstrationen gewaltfrei bleiben. Wenn das nicht immer gelingt, liegt das nicht an den Steinw\u00fcrfen, sondern weil die Soldaten zu schie\u00dfen beginnen. Es gab aber bereits eine Demonstration, auf der die Soldaten nicht mit der Gewalt begannen, wo sie dann nicht ins Dorf eingedrungen sind und wo deshalb auch kein Stein geworfen wurde. Das war bisher der gr\u00f6\u00dfte Erfolg.&#8220;<\/p>\n<p>Was die Aktionen des Dorfes Bilin neben ihrer Gewaltfreiheit und ihrer Zusammenarbeit mit FriedensaktivistInnen, woher sie auch kommen m\u00f6gen, auszeichnet, ist die Kreativit\u00e4t und der Erfindungsreichtum der Beteiligten. So haben sich DorfbewohnerInnen und ausw\u00e4rtige AktivistInnen um Olivenb\u00e4ume oder mit selbstgebauten Metallschildern zusammengekettet; sie haben Scheinbeerdigungen mit durch Steine beschwerten S\u00e4rgen durchgef\u00fchrt, auf denen in Arabisch, Englisch und Hebr\u00e4isch geschrieben stand: &#8222;Ruhe in Frieden, das Dorf Bilin stirbt, wenn ihm seine Erde geraubt wird.&#8220; Oder Ausw\u00e4rtige und Pal\u00e4stinenserInnen haben sich in einen Eisenk\u00e4fig direkt vor den Raupen der Bulldozer eingeschlossen. Ein anderes Mal wurde ein Protestmarsch veranstaltet, der von durch die Besatzungsarmee zu Kr\u00fcppeln geschlagenen Menschen und weiteren Personen angef\u00fchrt wurde, die Tafeln mit den Namen der 3.800 Pal\u00e4stinenserInnen trugen, die seit Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 umgebracht wurden.<\/p>\n<p>Am 8. Juli 2005, dem Jahrestag des Urteils des Internationalen Gerichtshofes von Den Haag, der erkl\u00e4rt hat, dass die &#8222;Sicherheits-Barriere&#8220; internationales Recht verletzt und dass sie abgebaut werden m\u00fcsse, wurde in Bilin eine neuerliche Demonstration angesetzt. Am Vorabend wurde Abdullah Abu Rameh festgenommen, und er wurde gewarnt, dass, wenn die BewohnerInnen von Bilin ihren Kampf fortsetzten, es ihnen so ergehen k\u00f6nne wie den EinwohnerInnen von Bidu, einem Dorf, in dem die Armee vor einigen Monaten f\u00fcnf DemonstrantInnen get\u00f6tet hatte.<\/p>\n<p>Daraufhin hat bei der Demonstration Sheikh Tayseer Tamimi, der h\u00f6chste islamische W\u00fcrdentr\u00e4ger auf pal\u00e4stinensischem Territorium, zugleich Mitglied der Fatah, mit einer unglaublichen Selbstsicherheit die Stacheldrahtreihen \u00fcberwunden und ist zusammen mit anderen MuslimInnen in die verbotene Bauzone eingedrungen. Die nichtislamischen DemonstrantInnen blieben zun\u00e4chst im Hintergrund.<\/p>\n<p>Nach dieser religi\u00f6sen Episode drangen alle DemonstrantInnen in die verbotene Zone ein. Dem Milit\u00e4rkommandanten wurde versichert, die Demonstration w\u00e4re bald vorbei, die SoldatInnen zogen sich zur\u00fcck, und erstmals schien es so, als w\u00fcrde die Freitagsaktion von Bilin ohne repressive Gewalt beendet werden k\u00f6nnen. Aber die Repression folgte doch noch auf dem Fu\u00df, und brutaler als sonst, selbst nach den Ma\u00dfst\u00e4ben, die sonst in Bilin \u00fcblich sind. Es gab zahlreiche Verletzte.<\/p>\n<p>Um gegen die Einf\u00fchrung einer Ausgangssperre ab f\u00fcnf Uhr morgens vorzugehen, die nur erlassen wurde, um Aktionen zu verhindern und um pr\u00e4ventive Verhaftungen israelischer und internationaler Beteiligter durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, hat die Initiative <em>Gush Shalom<\/em> die Idee eines Klavierkonzertes umgesetzt. Kein Geringerer als Jacob Allegro Wegloop, Pianist und \u00dcberlebender des Holocaust, dessen Eltern kurz nach seiner Geburt festgenommen und nie aus den Nazi-KZs zur\u00fcckgekehrt sind, hat mit seiner Musik zu diesem symbolischen Tag des Friedens beigetragen. Im Morgengrauen des 29. September 2005 wurde das Piano vor Ort gebracht, und Jacob Allegro Wegloop hat dann den BewohnerInnen von Bilin ein Konzert geboten, bevor die w\u00f6chentliche internationale Aktion begann.<\/p>\n<p>Am 21. Oktober haben die DorfbewohnerInnen von Bilin das getan, was die Vereinten Nationen und die &#8222;Internationale Gemeinschaft&#8220; nach dem Spruch des Internationalen Gerichtshofes seit einem Jahr vergessen hatten: Sie haben die Metallstangen abtransportiert, die als Basismaterial f\u00fcr den Mauerbau dienen. Als Antwort darauf haben die israelischen SoldatInnen w\u00e4hrend mehrerer N\u00e4chte in Bilin Haussuchungen durchgef\u00fchrt, die ihnen als Beteiligte der gewaltfreien Aktionen bekannten B\u00fcrgerInnen zusammengeschart und dabei darauf geachtet, dass niemand im Dorf w\u00e4hrend der gesamten Operation schlafen konnte. Elf pal\u00e4stinensische gewaltfreie AktivistInnen, darunter ein sechzehnj\u00e4hriger Jugendlicher und drei Br\u00fcder aus einer Familie, wurden verhaftet.<\/p>\n<p>Am darauf folgenden Freitag, dem 28. Oktober, war eine neuerliche Demonstration, auf der die DorfbewohnerInnen sich an den H\u00e4nden hielten und ein zwanzig Meter langes Transparent trugen, auf dem die Namen der noch in Haft Befindlichen geschrieben standen. Am Freitag, den 4. November, wurden unter den acht Israelis, die sich an Pfeilern der Mauer angekettet hatten, vier Personen festgenommen. Auf diese Art geht, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft, &#8222;der Kampf weiter.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn der israelische Staat seine Expansion gestoppt und Siedlungskolonien, die nach internationalem Recht als illegal eingestuft wurden, abgebaut hat; auch wenn die Grenzziehung via Mauer am 9. 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