{"id":7241,"date":"2006-01-01T00:00:54","date_gmt":"2005-12-31T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7241"},"modified":"2022-07-26T14:15:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:01","slug":"die-wilde-wision-einer-welthochschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/01\/die-wilde-wision-einer-welthochschule\/","title":{"rendered":"Die Wilde Wision einer Welthochschule"},"content":{"rendered":"<h3>Die Welthochschule<\/h3>\n<p>&#8222;<em>Wilde Wisionen<\/em>&#8220; &#8211; das k\u00f6nnen auch Ansichten der &#8222;Wilden&#8220; sein, der V\u00f6lker, die das Evolutionsdenken an den Anfang der Geschichte menschlicher Kulturen gestellt hat. IndianerInnen, Aborigines, &#8222;Eskimos&#8220; &#8211; V\u00f6lker, die eins gemeinsam haben: Sie haben uns Jahrhunderte lang vorgemacht, dass man zusammenleben kann, ohne dass herumkommandiert wird.<\/p>\n<p><em>Wilde Wisionen<\/em> muss nicht hei\u00dfen, dass <em>wir<\/em> diese herrschaftsfreien Gesellschaften betrachten, obwohl auch dies schon eine lohnenswerte Sache ist. Ich stelle mir vor, dass der von EthnologInnen oft vorgebrachte Satz, man k\u00f6nne von den &#8222;Wilden&#8220; lernen, endlich ernst genommen wird: Es wird in Wuppertal eine <em>Welthochschule<\/em> gegr\u00fcndet, deren Vortr\u00e4ge und Seminare ausschlie\u00dflich von Menschen geleitet werden, die nicht zu unserer europ\u00e4isch dominierten Kultur geh\u00f6ren. Vor allem eben die &#8222;Wilden&#8220;, die nichtsesshaften &#8222;Wildbeuter&#8220;, aber auch die Angeh\u00f6rigen jener sesshaften Gesellschaften, die die EvolutionistInnen einmal als &#8222;Barbaren&#8220; klassifiziert haben. Der Kontakt mit den erobernden Gesellschaften, vor allem mit den Europ\u00e4erInnen, hat nicht \u00fcberall zum Verschwinden aller Alternativen gef\u00fchrt. Hier haben sich fremde, widerst\u00e4ndige kulturelle Ph\u00e4nomene im Untergrund gehalten, da haben Kompromissbildungen Eigenst\u00e4ndiges bewahrt, dort wiederum sind alte basisdemokratische Strukturen eine Symbiose mit modernen Techniken des Widerstands eingegangen (wie im lacandonischen Regenwald).<\/p>\n<p>Die <em>Welthochschule<\/em> wird als Stiftungshochschule eingerichtet; sie muss unabh\u00e4ngig von irgendeinem Staat, erst recht von Verwertungsinteressen irgendwelcher Konzerne sein, die immer auf der Suche nach kostenloser Enteignung der medizinischen und biologischen Errungenschaften der &#8222;unterentwickelten&#8220; V\u00f6lker sind. Der Ort der Hochschule ist Wuppertal, weil hier ein wichtiger Ausgangsort christlicher Missionst\u00e4tigkeit war, und weil hier infolgedessen besonders gut verdeutlicht werden kann, dass es gilt, die Richtung des Lernens umzukehren. In der Stiftungssatzung wird als oberstes Ziel formuliert, dass nicht (wie fr\u00fcher) ExotInnen zum Bestaunen nach Europa verschifft werden, sondern dass Menschen, die dies w\u00fcnschen, unter Wahrung ihrer kulturellen Identit\u00e4t als DozentInnen berufen werden.<\/p>\n<p>Die finanzielle Ausstattung muss ausreichend sein, um den DozentInnen (wobei es sich auch einmal um eine kleine Gruppe handeln kann) die Anreise sowie eine ihren kulturellen Anspr\u00fcchen entsprechende Unterbringung und Verpflegung, sowie ggf. DolmetscherInnen zu finanzieren. Au\u00dferdem sind Mittel vorzuhalten f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit, vor allem Publikation der Ergebnisse der Seminare und der Vortragstexte, sowie f\u00fcr die Unterhaltung der Geb\u00e4ude und Anlagen.<\/p>\n<p>Ich stelle mir eine Anlage vor, die wie ein Wildbeuterlager aus kreisf\u00f6rmig angeordneten gleichartigen Geb\u00e4ude-Einheiten besteht. Dies sind die Wohnungen der DozentInnen sowie die Seminar-&#8222;H\u00fctten&#8220;. Die Kreisform bedeutet, dass alle diese Einheiten gleichen Abstand vom Zentrum haben. In diesem Zentrum, dem Mittelpunkt des Hochschulgel\u00e4ndes, steht ein gr\u00f6\u00dferes Geb\u00e4ude, das einen Vorlesungssaal, eine Bibliothek sowie K\u00fcche und Speisesaal enth\u00e4lt. Die Bibliothek symbolisiert den <em>Schatz der menschlichen Erfahrung<\/em> mit politischen Modellen, die ohne Herrschaft auskommen. Der H\u00f6rsaal symbolisiert das Prinzip des <em>Lernens<\/em>; K\u00fcche und Speisesaal die eminente Bedeutung der <em>Tischgemeinschaft<\/em> im menschlichen Zusammenleben (auch und gerade im herrschaftsfreien). Das sind die drei Leitideen, die im Zentrum der Idee der Welthochschule stehen und deshalb auch r\u00e4umlich im Zentrum angeordnet sein sollen.<\/p>\n<p>Die Mitgliedschaft in der Hochschule wird durch Teilnahme am Vorlesungsbetrieb, durch Arbeit an ihrer (s\u00e4chlichen und organisatorischen) Aufrechterhaltung und\/oder durch Zahlung eines Mitgliedsbeitrags erworben. Die Mitglieder w\u00e4hlen und kontrollieren einen Verwaltungsausschuss, der gem\u00e4\u00df den Beschl\u00fcssen der Mitgliederversammlung die laufenden Gesch\u00e4fte f\u00fchrt und den Lehrbetrieb koordiniert. Zu den Aufgaben des Verwaltungsausschusses geh\u00f6rt auch, Kontakte zu DozentInnen zu kn\u00fcpfen und zu pflegen: durch eigene Reisen und\/oder durch Zusammenarbeit mit geeigneten NGOs vor Ort. Auch dies muss durch die finanzielle Ausstattung gesichert sein.<\/p>\n<p>Ich stelle mir einen bescheidenen Anfang dieser Hochschule vor, die dennoch mit vollem Recht eine <em>Universit\u00e4t<\/em> genannt zu werden verdiente. Man k\u00f6nnte zun\u00e4chst f\u00fcr einen Monat im Jahr &#8211; etwa im September &#8211; den Vorlesungsbetrieb mit vier bis sechs DozentInnen und vielleicht zehnmal so vielen H\u00f6rerInnen aufnehmen. So k\u00f6nnte das Programm z.B. im ersten Jahr aussehen:<\/p>\n<h3>Seminar von Dozent A: &#8222;\u00d6konomische Gleichheits-Sicherung&#8220;<\/h3>\n<p>Herr A stammt von einem Volk von SammlerInnen und J\u00e4gern in S\u00fcdamerika. Das Jagdgl\u00fcck ist starken Schwankungen unterworfen, und die Ungleichheit des Jagderfolgs wird dadurch aufgehoben, dass kein J\u00e4ger von seinem selbsterlegten Fleisch, sondern nur von dem essen darf, was seine Genossen erlegt haben. Bei anderen V\u00f6lkern der Gegend wird das Wildbret nicht dem Sch\u00fctzen, sondern dem Eigent\u00fcmer des erfolgreichen Pfeils zugesprochen. In diesem Seminar wird er\u00f6rtert, wie diese und andere Mechanismen auf moderne Gesellschaften \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Macht es Sinn, einen Betrieb nach dem Erfolg <em>seiner Konkurrenten<\/em> zu gratifizieren?<\/p>\n<h3>Seminar von Dozentin B: &#8222;Gleichgewicht als Prinzip schamanischer Religiosit\u00e4t&#8220;<\/h3>\n<p>Frau B, die in Sibirien lebt, ist Schamanin. Wenn sie um Hilfe gerufen wird, muss sie Geister bek\u00e4mpfen oder beschwichtigen, die zur Bedrohung wurden, weil das gesellschaftliche Gleichgewicht gest\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>Jede Krankenheilung ist mit einem Festmahl verbunden, und wenn Reichtum (und darauffolgende Verhexung durch Neider) Ursache der Krankheit war, f\u00fchrt das Fest zur Verteilung genau dieses Reichtums. &#8211; In der Diskussion geht es in diesem Seminar weniger darum, in Mitteleuropa schamanische Spiritualit\u00e4t zu etablieren, sondern zu \u00fcberlegen, ob und wie soziales Gleichgewichtsdenken in unserem Weltbild einen Platz gewinnen kann.<\/p>\n<h3>Seminar von Dozent C: &#8222;Einf\u00fchrung ins Palaver&#8220;<\/h3>\n<p>Herr C kommt aus Kanada. In seinem (indianischen) Volk wurden Entscheidungen von jeher im Konsensverfahren bei langdauernden Versammlungen getroffen. Auch komplizierte Delegations- und Kontrollverfahren geh\u00f6ren zu dieser &#8222;Verfassung&#8220;. Die Anwendbarkeit dieses Prinzips wird als Folge dieses Seminars bei der weiteren Arbeit an den Entscheidungsstrukturen der <em>Welthochschule<\/em> getestet werden.<\/p>\n<h3>Seminar von Dozentin D: &#8222;Geschichte des Kontakts unseres Volks mit den Europ\u00e4ern&#8220;<\/h3>\n<p>Frau D kommt von einer Insel des s\u00fcdostasiatischen Archipels. Sie berichtet, wie unterschiedlich die D\u00f6rfer im unzug\u00e4nglichen Hochland der Insel einerseits, und jene an der K\u00fcste andererseits, den Kontakt mit islamischen und christlichen H\u00e4ndlern, Eroberern und Missionaren verarbeitet haben. Die von ihr geschilderten Erfahrungen und Sichtweisen werden mit Darstellungen der europ\u00e4ischen Geschichtsliteratur konfrontiert.<\/p>\n<h3>Seminar von Dozentin E1, Dozent E2 und Dozentin E3: &#8222;Internet und kulturelle Identit\u00e4t&#8220;<\/h3>\n<p>Die DozentInnen stammen aus dem s\u00fcdlichen Afrika. Sie verdeutlichen die Ambivalenzen eines neuen Mediums, das einerseits zum Gef\u00e4\u00df der Dokumentation ihrer kulturellen Tradition (z.B. Sprache) und zum Instrument der Kontaktpflege mit emigrierten Verwandten, andererseits zum Zerst\u00f6rer traditioneller Lebensabl\u00e4ufe und Strukturen geworden ist. Diese Erfahrungen werden mit denen der europ\u00e4ischen Seminarteilnehmer verglichen.<\/p>\n<p>Bestandteil des Hochschulprogramms sind w\u00f6chentliche Feste und am Ende eine gro\u00dfe Plenarveranstaltung mit gegenseitiger Pr\u00e4sentation der Ergebnisse. Im H\u00f6rsaal finden, ohne dass dies detailliert vorgeplant werden m\u00fcsste, Vortr\u00e4ge der DozentInnen zu besonderen Themen statt. Z.B. berichtet Dozentin B, welche Folgen der \u00dcbergang ihres Volkes von der Lebensform von Hirten zu einer sesshaften Bauernt\u00e4tigkeit hatte, und welche besonderen kulturellen \u00dcberlebensstrategien die Angeh\u00f6rigen ihres Volkes anwenden, welche in St\u00e4dten leben. Dozent A bietet (unter freiem Himmel) einen Workshop an, in dem die Kunst der Bereitung von Federschmuck seiner Heimat mit dem in Mitteleuropa vorfindlichen Federmaterial angewendet wird. Man lernt, dass eine Federhaube als Kopfschmuck ebenso den gesamten Kosmos repr\u00e4sentiert wie die Baustruktur der <em>Welthochschule<\/em>.<\/p>\n<p>Am Ende des Hochschul-Jahresprogramms gibt es keine Diplome und Zertifikate. In diesem Institut geht es nicht um die Vermittlung von Titeln und Positions-Chancen, sondern von <em>emanzipatorischer Erkenntnis <\/em>&#8211; oder, mit anderen Worten, von<em> Wilden Wisionen<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welthochschule &#8222;Wilde Wisionen&#8220; &#8211; das k\u00f6nnen auch Ansichten der &#8222;Wilden&#8220; sein, der V\u00f6lker, die das Evolutionsdenken an den Anfang der Geschichte menschlicher Kulturen gestellt hat. 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