{"id":727,"date":"1996-11-01T00:00:53","date_gmt":"1996-10-31T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=727"},"modified":"2022-07-26T14:26:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:36","slug":"samstagsmutter-der-schrei-der-verschwundenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/11\/samstagsmutter-der-schrei-der-verschwundenen\/","title":{"rendered":"Samstagsm\u00fctter: Der Schrei der Verschwundenen"},"content":{"rendered":"<p>Am 27. Mai 1995 organisierte eine unabh\u00e4ngige Gruppe von Frauen und einigen M\u00e4nnern vor dem Galatasaray-Gymnasium &#8211; benannt nach der gleichnamigen t\u00fcrkischen Region &#8211; die erste Aktion. Es war der erste Schritt, und eine Reihe von weiteren Aktionen sollten folgen, um den Protest gegen die Praxis des &#8222;Verschwindenlassens&#8220; \u00f6ffentlich zu machen und neue F\u00e4lle von &#8222;Verschwundenen&#8220; zu verhindern.<\/p>\n<p>Der Aufruf machte deutlich, da\u00df es sich um eine stille Aktion handeln sollte, unabh\u00e4ngig von den politischen Gruppen, so da\u00df jede\/r und insbesondere die Familien der Verschwundenen sich beteiligen konnte. Der Entschlu\u00df zu diesem ersten Schritt wurde gefa\u00dft, nachdem am 19. Mai 1995 die Leiche von Hasan Ocak von seiner Familie gefunden wurde. Hasan Ocak verschwand am 21. M\u00e4rz 1995, nachdem er von Leuten, die sich als Polizei ausgaben, mitgenommen worden war.<\/p>\n<p>Hasan Ocak verschwand am 21. M\u00e4rz, doch sp\u00e4ter wurde herausgefunden, da\u00df seine Leiche bereits am 26. M\u00e4rz entdeckt wurde und bis zum 28. M\u00e4rz bei der Gerichtsmedizin aufbewahrt wurde. Am gleichen Tag wurde er auf einem Friedhof f\u00fcr Obdachlose begraben. Nachdem das Grab am 19. Mai ge\u00f6ffnet und eine Autopsie durchgef\u00fchrt wurde, wurde er von seiner Familie mit einer Zeremonie erneut bestattet. Das Ergebnis der Autopsie zeigte deutlich, da\u00df er durch einen Strick um den Hals ermordet wurde. Sein K\u00f6rper wies Verbrennungen durch Strom und Schnitte im Gesicht auf.<\/p>\n<p>Obwohl der Staat die Tatsachen bestritt gelang es Hasans Bruder mittels gro\u00dfer Anstrengungen, an die Dokumente der Gerichtsmedizin zu gelangen und die Wahrheit &#8211; da\u00df Hasan Ocak ermordet worden war &#8211; zu beweisen.<\/p>\n<p>Eine Woche nach der ersten Aktion wurde der Tod von Ridvan Karako\u00e7 bekannt. Er verschwand am 15. Februar 1995, nachdem er zur Polizei gebracht worden war, wurde bis zum 26. M\u00e4rz in der Gerichtsmedizin aufbewahrt und dann ebenfalls auf dem Friedhof f\u00fcr Obdachlose bestattet. Sein Fall kam aufgrund eines Verdachts eines Staatsanwalts ans Licht. Nachdem er die Familie \u00fcber seinen Verdacht informiert hatte ging diese den Hinweisen nach und konnte herausfinden, was geschehen war. Dabei sah sie sich Drohungen von Seiten der Polizei gegen\u00fcber. Am 2. Juli 1995 wurde das Grab ge\u00f6ffnet und die Autopsie ergab, da\u00df auch er durch einen Strick um den Hals erdrosselt worden war und Verbrennungen aufwies ((1)).<\/p>\n<p>Bis heute kann die Zahl der Verschwundenen mit Hunderten angegeben werden, doch die Tode von Hasan und Ridvan waren die ersten beiden, die in Erfahrung gebracht werden konnten. Obwohl diese Tatsachen die Menschen schockierten, konnten ihre Gef\u00fchle in eine konstruktive Richtung gebracht werden. Und das f\u00fchrte dazu, da\u00df die halbst\u00fcndigen samst\u00e4glichen Aktionen vor dem Galatasaray-Gymnasium sich stabilisierten und sich mehr und mehr Menschen daran beteiligten.<\/p>\n<p>Doch in der zweiten oder dritten Woche griff die Polizei ein, nachdem Mitglieder einiger linker Gruppen sich an der Aktion beteiligt und die Slogans ihrer Organisationen gerufen hatten, um ihre Teilnahme deutlich zu machen. 36 TeilnehmerInnen wurden in Gewahrsam genommen. Die Prozesse dieser Personen dauern derzeit noch an.<\/p>\n<p>Doch trotz dieser unerw\u00fcnschten Ereignisse gehen die Aktionen weiter und werden eine Gruppe von Frauen diskutiert jeweils die Form der Aktion der n\u00e4chsten Woche. Die Aktion behielt ihren stillen Charakter, doch die Bilder von Verschwundenen werden auf Plakaten gezeigt. Und jede Woche werden, falls es welche gibt, neue Verschwundene \u00f6ffentlich gemacht, oder auch F\u00e4lle von bereits fr\u00fcher Verschwundenen. Manchmal halten einige Angeh\u00f6rige von Verschwundenen eine Rede, manchmal kommen die Angeh\u00f6rigen nur zusammen und sitzen auf dem Boden. Diese sitzenden Angeh\u00f6rigen wurden von der \u00d6ffentlichkeit schnell wahrgenommen und sie werden die &#8222;Samstagsm\u00fctter&#8220; genannt.<\/p>\n<p>Nach dem gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Interesse kamen einige Vorsitzende der politischen Parteien, ParlamentatierInnen und GewerkschafterInnen, um die Gruppe zu besuchen und zu unterst\u00fctzen, aber auch um gleichzeitig Propaganda f\u00fcr die eigenen Ziele zu machen. Aufgrund dieses gro\u00dfen Interesses und der Unterst\u00fctzung gab es bis zum 8. Juni 1996 keinen weiteren Angriff von Seiten des Staates. Doch Anfang Juni begann die Habitat-Konferenz in Istanbul und in der Habitat-Region war jede Aktion verboten. Am 8. Juni wurde von einer Gewerkschaft f\u00fcr Angeh\u00f6rige des \u00f6ffentlichen Dienstes (KESK) zur gleichen Zeit eine Aktion am Galatasaray-Gymnasium durchgef\u00fchrt. Sowieso im wesentlichen ein zentrales Einkaufsgebiet, wurde Galatasaray durch die Aktion noch belebter. Als die Aktion der Samstagsm\u00fctter beginnen sollte, griff die Polizei beide Gruppen an, stie\u00df und pr\u00fcgelte auf die Menschen ein und zog sie an den Haaren weg. Mehr als 1 000 Menschen wurden zur Polizeiwache gebracht, und gegen 638 von ihnen wurde ein Verfahren eingeleitet. W\u00e4hrend der folgenden sechs Wochen &#8211; bis zum Ende von Habitat &#8211; wurde keine Aktion geduldet. Die Menschen, die kamen, wurden getreten und geschlagen und zur Polizeiwache gebracht. Nach dem Ende von Habitat kehrte man zu den Zust\u00e4nden von vorher zur\u00fcck.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Hungerstreiks der politischen Gefangen, der im Mai in allen Gef\u00e4ngnissen begann und im Juli nach dem Tod von 12 Hungerstreikenden endete (vgl. <a title=\"\u201cIch werde dieses Protokoll nie akzeptieren, denn wir haben nichts unterzeichnet\u201d\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/09\/ich-werde-dieses-protokoll-nie-akzeptieren-denn-wir-haben-nichts-unterzeichnet\/\">GWR 211<\/a> und den Artikel <a title=\"\u201cErst mu\u00df der Mensch leben, dann kann seine Ehre gesch\u00fctzt werden.\u201d\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/11\/erst-mus-der-mensch-leben-dann-kann-seine-ehre-geschutzt-werden\/\">&#8222;Erst mu\u00df der Mensch leben, dann kann seine Ehre gesch\u00fctzt werden&#8220;<\/a> in dieser Ausgabe), wuchsen die Aktionen an. Mehr als vorher wurden die Sitzdemonstrationen Teil der \u00f6ffentlichen Tagesordnung und zur Stimme der Angeh\u00f6rigen der Hungerstreikenden.<\/p>\n<p>Der Hungerstreik wurde durch die Vereinbarung des Staates mit den Gefangenen beendet. Doch einige Menschen innerhalb und au\u00dferhalb des Staatsapparates wollten das Ergebnis nicht akzeptieren, und mit dem Spruch &#8222;die Samstagsm\u00fctter sind die M\u00fctter von Terroristen&#8220; schufen sie die &#8222;Freitagsm\u00fctter&#8220;. Die Gruppe besteht aus M\u00fcttern von Soldaten, die am Krieg gegen die PKK beteiligt waren und als &#8222;M\u00e4rtyrer&#8220; starben. Der Freitag, nachdem die Gruppe benannt ist, ist in der muslimischen Religion ein heiliger Tag, und die Menschen besuchen an diesem Tag den Friedhof. Zun\u00e4chst versuchten das staatliche Fernsehen und die Medien die Propaganda der Freitagsm\u00fctter zu betreiben und sie Angesicht zu Angesicht mit den Samstagsm\u00fcttern zu bringen.<\/p>\n<p>Trotz all dieser Anstrengungen begannen einige V\u00e4ter und M\u00fctter beider Seiten, die gemeinsame Ansichten hatten, ihr jeweiliges Problem als gemeinsames Problem deutlich zu machen. Danach beendete der Staat seine Provokation und heute kann die Stimme der Freitagsm\u00fctter kaum noch geh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Seit Beginn der Aktionen gehen die Menschen zum Galatasaray-Gymnasium und verschaffen ihrer Stimme Geh\u00f6r, trotz aller Ereignisse. Jede Woche sitzen sie dort und fordern ihre Kinder vom Staat zur\u00fcck &#8211; tot oder lebend.<\/p>\n<p>Es ist mittlerweise mehrfach gesichert, da\u00df in den 10 Jahren nach dem Putsch von 1980 10 Menschen verschwanden. Danach stiegen die Zahlen an: 1991 verschwanden drei Menschen; 1992 acht Menschen; 1993 bereits 25 Menschen; 1994 52 Menschen und 1995 bis zum 12. September 10 Menschen. Insgesamt 108 Menschen wurden vom Staat entf\u00fchrt und ermordet. ((2)) Die Dunkelziffer liegt wesentlich h\u00f6her, es gibt Hunderte von F\u00e4llen, doch in diesen Zahlen sind nur die F\u00e4lle enthalten, bei denen keine Zweifel bestehen. F\u00fcr 1994 liegen die Verdachtsf\u00e4lle bei 299 und f\u00fcr 1995 bei 25 &#8222;Verschwundenen&#8220;. Die Samstagsm\u00fctter sind der Schrei all dieser Menschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. Mai 1995 organisierte eine unabh\u00e4ngige Gruppe von Frauen und einigen M\u00e4nnern vor dem Galatasaray-Gymnasium &#8211; benannt nach der gleichnamigen t\u00fcrkischen Region &#8211; die erste Aktion. Es war der erste Schritt, und eine Reihe von weiteren Aktionen sollten folgen, um den Protest gegen die Praxis des &#8222;Verschwindenlassens&#8220; \u00f6ffentlich zu machen und neue F\u00e4lle von &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/11\/samstagsmutter-der-schrei-der-verschwundenen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Samstagsm\u00fctter: Der Schrei der Verschwundenen - graswurzelrevolution","description":"Am 27. 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