{"id":7271,"date":"2006-01-01T00:00:07","date_gmt":"2005-12-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7271"},"modified":"2022-07-26T12:59:01","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:01","slug":"ehre-ritter-menschenrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/01\/ehre-ritter-menschenrechte\/","title":{"rendered":"Ehre &#8211; Ritter &#8211; Menschenrechte"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit und kann keinesfalls das pers\u00f6nliche komplexe Ehrgef\u00fchl jedes Menschen aus L\u00e4ndern mit unterschiedlicher ethnisch-kultureller Genese und religi\u00f6sen Str\u00f6mungen beschreiben. Man denke nur an die gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen in den letzten 500 Jahren allein in Europa: vom Niedergang des Feudalismus, Hexenverfolgungen, das Erstarken des B\u00fcrgertums, die Franz\u00f6sische Revolution, diverse Kriege, der Kapitalismus mit einer anderen Art des Broterwerbs und dem Bedarf an der weiblichen Arbeitskraft bis zu den verschiedenen Einfl\u00fcssen von Religion und Philosophie.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es quer durch die Geschichte und Regionen bestimmte Gemeinsamkeiten in traditionell patriarchalen Gesellschaften, die in vielen L\u00e4ndern auch heute noch M\u00e4nnern wie Frauen keine individuelle Wahl ihres Lebensstils lassen.<\/p>\n<p>Bevor wir uns aber \u00fcber Ehrbegriffe unterhalten, sollte der Unterschied zwischen Scham- und Schuldkulturen erw\u00e4hnt werden. &#8222;Der Begriff Schamkultur steht im Gegensatz zur Schuldkultur, die dem westlichen Abendland zugeschrieben wird, und besagt, dass Unrecht, das niemand bemerkt, nicht belastet, wohl aber ein erkennbares Vergehen, das der eigenen Gruppe Schande bringt. Scham hat zu empfinden, wem Unrecht zugef\u00fcgt wurde. In einer Schuldkultur sollte Scham empfinden, wer Unrecht begangen hat. In einer schamorientierten Kultur gilt nicht ein ruhiges Gewissen, sondern die \u00f6ffentliche Wertsch\u00e4tzung als h\u00f6chstes Gut.&#8220; (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schamkultur\">de.Wikipedia.org<\/a>)<\/p>\n<h3>Ehr-Verbrechen<\/h3>\n<p>Derzeit spielen &#8222;Ehr-Verbrechen&#8220; in den Medien eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Dabei wird in der Regel hervorgehoben, dass Morde aus Gr\u00fcnden der Familienehre auch (sic) in einigen islamischen L\u00e4ndern vorkommen oder \u00fcblich sind und Beispiele brutaler Misshandlung oder Ermordung von Musliminnen angef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nun werden im Islam tats\u00e4chlich stark hierarchische patriarchale Familienstrukturen beschrieben. Die Gehorsamspflicht der Frauen gegen\u00fcber den M\u00e4nnern ist im Koran in aller Deutlichkeit nachzulesen, ebenso die Sanktionen, die Allah gestattet hat: &#8222;&#8230; vermahnt sie, meidet sie im Bett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt weiter nichts gegen sie!&#8220; [3,4]<\/p>\n<p>Von Mord und Totschlag ist in diesem Zusammenhang aber keinesfalls die Rede. Diese Sanktionen stammen von regionalen Traditionen (insbesondere im Nordwesten Indiens), die der Islam w\u00e4hrend seiner Ausbreitung vorgefunden hat, so dass es islamische L\u00e4nder gibt, in denen diese vor-islamischen Traditionen unbekannt sind.<\/p>\n<p>Wenn diese Verbrechen also nicht religi\u00f6s begr\u00fcndet sind: Was bringt M\u00e4nner dazu, ihre weiblichen Familienangeh\u00f6rigen umzubringen? ((1))<\/p>\n<p>Zu den &#8222;Verbrechen im Namen der Ehre&#8220; geh\u00f6ren nicht nur Mord, sondern auch Misshandlung, Unterdr\u00fcckung und Versto\u00dfung eines M\u00e4dchens oder einer Frau. Auch &#8222;Zwangsverheiratungen sind bis heute in islamischen und hinduistischen Gesellschaften verbreitet, aber auch in jesidischen, buddhistischen und christlichen Kulturen zu beklagen.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Ehrverbrechen kommen in mindestens 13 L\u00e4ndern der Welt vor, u.a. Indien, Bangladesh, Pakistan, Jordanien, Marokko, T\u00fcrkei, Brasilien, Ecuador; in Deutschland als Migrationsproblem.<\/p>\n<h3>Die Ehre<\/h3>\n<p><em>&#8222;Ein Ehrenmann darf drei Dinge nicht aus der Hand geben: das Pferd, das Gewehr und die Frau.&#8220;<\/em> (t\u00fcrkisches Sprichwort)<\/p>\n<p>Der Brockhaus betont: &#8222;Ehre gilt (..) h\u00e4ufig nicht so sehr dem pers\u00f6nlichen Wert eines Menschen als vielmehr seiner Stellung in der Gesellschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn die Gesellschaft nun eine kriegerische Stammesgesellschaft in einer feindlichen Umwelt ist, in der eine Einzelperson sehr wahrscheinlich ausgeraubt, entf\u00fchrt, vergewaltigt und umgebracht wird und die Frage nach der n\u00e4chsten Mahlzeit oft nur kurzfristig beantwortet werden kann, sind die Leute auf Selbsthilfe und -justiz angewiesen. Der Mann verteidigt seine Ehre, wenn es gilt, seinen Haushalt, seine Frauen und sein Eigentum zu sch\u00fctzen, weil es sonst niemand tut und der Zusammenhalt der Gruppe lebenswichtig ist.<\/p>\n<p>Der patriarchalische, traditionelle Ehrenkodex legt u.a. die &#8222;Rangordnung&#8220; fest, grenzt die eigene Gruppe anderen gegen\u00fcber ab und generiert Kollektividentit\u00e4t. Er betrifft immer die jeweilige Gruppe (Familie, Clan, Stamm, Dorfgemeinschaft, &#8230;) und ist vom Bekanntheitsgrad des ehrenhaften oder -verletzenden Verhaltens abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die pers\u00f6nliche Ehre des Mannes von seinen Handlungen, insbesondere von seiner Verteidigungsf\u00e4higkeit und der Sicherstellung der Vaterschaft abh\u00e4ngt, zeichnen sich die Frauen durch den Zustand der Jungfr\u00e4ulichkeit \/ unbedingten sexuellen Treue, durch schamhaftes Verhalten und Gehorsamkeit dem Mann gegen\u00fcber aus.<\/p>\n<p>Die Frau besitzt selbst keine Ehre, sie ist die Tr\u00e4gerin der Mannes- und Familienehre. Der Verlust ihrer Ehre trifft den Mann, dem sie (an)geh\u00f6rt. Selbst wenn sie ohne eigenes Zutun (Entf\u00fchrung, Vergewaltigung) oder auch nur ger\u00fcchtehalber (!) entehrt wird, kann die Familienehre durch keine Handlung ihrerseits wiederhergestellt werden. Dabei liegt die Schande insbesondere bei den m\u00e4nnlichen Angeh\u00f6rigen des jeweiligen Opfers, weil sie den \u00dcbergriff nicht verhindert haben. Und &#8222;Bevor man mit gebeugtem Kopf geht, stirbt man besser.&#8220; (t\u00fcrkisches Sprichwort) &#8222;Untersuchungen in der T\u00fcrkei haben ergeben, dass M\u00e4nner bzw. V\u00e4ter oder Br\u00fcder von als ehrlos abgestempelten Frauen, T\u00f6chtern oder Schwestern viel h\u00e4ufiger angegriffen und in Querelen hinein gezogen werden, als ehrbare M\u00e4nner. (..) Frauen mit verletzter Ehre leben mit einem st\u00e4ndigen Risiko sexueller Bel\u00e4stigung und Gewalt durch fremde M\u00e4nner.&#8220; (Prof. Dr. E. K\u00fcrsat, Zur Verpflichtung der Ehre)<\/p>\n<p>Erst wenn die Frau tot oder auch versto\u00dfen ist, gilt die Familienehre als re-etabliert, die Schande als getilgt.<\/p>\n<p>Der innere, individuelle Ehrbegriff, bei dem die Achtung, die man sich selbst gegen\u00fcber hat, unabh\u00e4ngig von der gesellschaftlichen Anerkennung ist (z.B. Kriegsdienstverweigerer, denen ja auch viel zu oft die &#8222;M\u00e4nnlichkeit&#8220; abgesprochen wird), hat sich in Europa erst im Lauf des Mittelalters entwickelt.<\/p>\n<h3>Die Ritter<\/h3>\n<p>Im 13. Jahrhundert bedeutete &#8222;ere&#8220; (mhd) &#8222;era&#8220; (ahd) u.a. Ansehen, Anerkennung, Erfolg. Damit waren Verpflichtungen vom Feudalherrn und Lehnsmann wie Achtung, Schutz, Ansehen, Besitz verbunden, wie immer diese in der Praxis auch gehandhabt wurden. Der Schutz, von dem hier die Rede ist, bezieht sich auf \u00dcbergriffe Dritter und ist keinesfalls mit &#8222;guter Behandlung&#8220; zu verwechseln (es gab z.B. das Recht eines Gutsherren bei der Heirat von H\u00f6rigen auf die erste Nacht mit der Braut). Mit der Verh\u00f6flichung der Kriegerschicht (vgl. Minnesang) durch den K\u00f6nig fand im Laufe der Zeit eine Verinnerlichung der Ehre statt, was zur Folge hatte, dass nicht mehr ausschlie\u00dflich kriegerische Kriterien eine Rolle f\u00fcr das Ansehen eines Mannes spielten. Als die Ehre zur ritterlichen Standesehre wurde, entwickelte sich ein deutlich individuelleres Pflichtgef\u00fchl. Bei einer Ehrverletzung war nicht mehr die Ehre der gesamten Gruppe bedroht, sondern zunehmend nur noch die einzelne Person betroffen.<\/p>\n<h3>Die Menschenrechte f\u00fcr die Frau<\/h3>\n<p>Das Konstrukt der &#8222;Geschlechtscharaktere&#8220; stammt aus dem 18. Jahrhundert und wird mit der &#8222;Natur des Menschen&#8220; begr\u00fcndet. F\u00fcr ihn: Rationalit\u00e4t, Kraft, W\u00fcrde, Tapferkeit; f\u00fcr sie: Sch\u00f6nheit, Bescheidenheit, Schw\u00e4che, Abh\u00e4ngigkeit, Emotionalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Erst im 20. Jahrhundert wurde als Folge der Aufkl\u00e4rung die Idee des Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben f\u00fcr alle (auch f\u00fcr Frauen) mit der Erkl\u00e4rung der Menschenrechte 1948 zur &#8222;universal g\u00fcltigen&#8220; Ethik erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Dass es f\u00fcr weitere Teile der weiblichen Bev\u00f6lkerung die M\u00f6glichkeit gibt, als m\u00fcndige Einzelperson mit eigenem Haushalt unabh\u00e4ngig von der Familie zu sein, ist ein neues Ph\u00e4nomen. Viele Frauen leben noch, die bis zur \u00c4nderung des Eherechts der BRD 1977 nicht ohne Einwilligung ihres Ehemannes\/Vaters eingestellt wurden. Die Abschaffung der &#8222;Hausfrauenehe&#8220; mit der Verpflichtung der Frau zur Hausarbeit wurde in der Bev\u00f6lkerung kontrovers diskutiert.<\/p>\n<p>In Deutschland ist Mord aus Leidenschaft aus dem Strafgesetzbuch verschwunden, und seit 1997 muss sich auch ein Ehemann wegen Vergewaltigung vor Gericht verantworten, falls es denn zu einer Anzeige kommt.<\/p>\n<p>Das sollte aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass wir in keiner friedlichen Welt leben, in der auch nur &#8222;Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person&#8220; verwirklicht ist. Um dies zu \u00e4ndern, gibt es UNO-Aktionspl\u00e4ne und Konventionen, die von den Unterzeichnerstaaten nach der Ratifizierung umgesetzt werden m\u00fcssen. Die &#8222;Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frauen&#8220; (CEDAW) wurde von 180 Staaten z.T. nur mit (m.E. massiven) Vorbehalten ratifiziert, nicht aber vom Iran, Sudan, Somalia und den USA.<\/p>\n<p>Man merkt auch heute noch, da\u00df in vielen Religionen Frauen keinesfalls gleichberechtigt, sondern dem Mann untergeordnet sind. Einige Staaten mit islamisch oder katholisch orientierter Regierung (Iran, Vatikan) waren sich bei der Weltbev\u00f6lkerungskonferenz der UN in Kairo 1994 u.a. bei Themen wie der Zug\u00e4nglichkeit von Verh\u00fctungsmitteln einig.<br \/>\nFamilienplanung, Bildung, Berufst\u00e4tigkeit und die Wahl des Ehemanns: nicht nur, aber gerade bei diesen Themen werden oft Vorbehalte angemeldet.<\/p>\n<p>Oder anders ausgedr\u00fcckt: Sp\u00e4testens, wenn \u00fcber die Entscheidungsfreiheit von Frauen bzgl. ihrer Sexualpartner und Zahl der Kinder diskutiert wird, verstehen sich die Traditionalisten der Welt mit den verschiedensten Begr\u00fcndungen ganz hervorragend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit und kann keinesfalls das pers\u00f6nliche komplexe Ehrgef\u00fchl jedes Menschen aus L\u00e4ndern mit unterschiedlicher ethnisch-kultureller Genese und religi\u00f6sen Str\u00f6mungen beschreiben. 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