{"id":7281,"date":"2006-01-01T00:00:42","date_gmt":"2005-12-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7281"},"modified":"2022-07-26T14:24:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:26","slug":"kibbuz-und-nachkapitalistische-sozialstrukturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/01\/kibbuz-und-nachkapitalistische-sozialstrukturen\/","title":{"rendered":"Kibbuz und nachkapitalistische Sozialstrukturen"},"content":{"rendered":"<p>Ein auf Gemeinschaftsbesitz und -leben und auf Gleichheit des realen Pro-Kopf-Einkommens orientiertes Projekt sowie eine weniger hierarchisch strukturierte Organisation mitsamt der Rotation m\u00f6glichst vieler Personen auf Leitungspositionen f\u00fchren nicht zu Chaos und massiven Einbu\u00dfen in puncto Produktion und Konsumtion.<\/p>\n<p>Die Kibbuzim gelten seit Jahrzehnten als &#8222;die weltgr\u00f6\u00dfte kommunit\u00e4re Bewegung&#8220; (Feingold-Studnik 2002, 35) mit steigender Tendenz: 1949 gab es 63.500 Kibbuzmitglieder, 1966: 81.900, 1986: 127.000 (Busch-L\u00fcty 1989, 36), 2001: 127.000 (Feingold-Studnik 2002, 6). Allerdings bleibt der Kibbuz mikrosozialistisch. Die Verh\u00e4ltnisse zwischen den Kibbuzim und ihren Gesch\u00e4fts&#8217;partnerInnen&#8216; &#8218;drau\u00dfen&#8216; unterscheiden sich nicht von sonstigen kapitalistischen Strukturen, wenn man vom internen Finanzausgleich zwischen \u00e4rmeren und reicheren Kibbuzim absieht.<\/p>\n<p>Zentral f\u00fcr den Kibbuz sind der Vorrang der Versorgung der Kibbuzmitglieder mit \u00f6ffentlichen G\u00fctern vor ihrer Ausstattung mit privaten G\u00fctern, die Abkoppelung der Lebenssicherung von der individuellen Arbeitsleistung sowie die Verlagerung der Lebenssicherung auf das Kollektiv.<\/p>\n<p>Der Anteil des gemeinschaftlichen Konsums (Ern\u00e4hrung, Erziehung, Bildung, Wohnen und Einrichtung, Transportmittel, soziale Hilfen, medizinische Versorgung) betrug im Durchschnitt der Kibbuzim 80 % des Konsumbudgets. Nur 20 % wurden an das Kibbuzmitglied in Geld ausgezahlt (Busch-L\u00fcty 1989, 64).<\/p>\n<p>In der Vergangenheit wurde dies in der Kibbuzbewegung nicht ohne Rigidit\u00e4ten praktiziert. So war in den 50er Jahren die Frage ein ernsthaftes Thema, ob die Kibbuznik eigene Teekessel besitzen durften. Der Verzicht auf differenzierte Entlohnung korrespondiert mit einer hohen Bedeutung des Bed\u00fcrfnisses nach Gestaltung der &#8222;&#8218;Verantwortungsgemeinschaft&#8216; &#8230; Das Kibbuzsystem bringt es offensichtlich zuwege, da\u00df \u00dcbertragung und Aus\u00fcbung von Autorit\u00e4t ohne nennenswerte Machtkonzentration und damit auch ohne Belastung der zwischenmenschlichen Beziehungen funktionieren kann.&#8220; (ebd., 140)<\/p>\n<p>Wesentliche Momente sind die Rotation der T\u00e4tigkeiten und das Vorhaben, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit zu verfl\u00fcssigen. Im Kibbuz wird jede Arbeit gleichrangig bewertet, &#8222;wobei intellektueller Scharfsinn nicht h\u00f6her eingesch\u00e4tzt wird als handwerkliches Geschick, oder physische Kraft nicht h\u00f6her als Organisationstalent etc.&#8220; (Rosner 1982, 61).<\/p>\n<p>Ebenfalls soll die Befreiung nicht allein <em>von<\/em>, sondern <em>in<\/em> der Arbeit praktiziert werden, indem nicht nur die Festlegung von Individuen auf haupts\u00e4chlich eine Arbeitsart vermieden, sondern auch in die Humanisierung der Arbeitsbedingungen investiert wurde.<\/p>\n<p>G\u00fcnstige Startbedingungen f\u00fcr die Enthierarchisierung ((1)) und die egalit\u00e4re Bezahlung in den Kibbuzim fanden sich in einer normativen Orientierung, die auf spezifischen, historisch einmaligen Faktoren basierte. Das Projekt einer &#8218;Eroberung der Arbeit&#8216; reagierte auf den Jahrhunderte w\u00e4hrenden Ausschluss der J\u00fcdinnen und Juden von landwirtschaftlicher und gewerblicher Bet\u00e4tigung. Der Einfluss von Jugendbewegung und Sozialismus sowie die Armut der j\u00fcdischen Pioniere in Pal\u00e4stina trugen zu einer egalit\u00e4ren und auf ein Ideal k\u00f6rperlichen Arbeitens ausgerichteten Perspektive bei. Die Kibbuzim hatten eine gesamtgesellschaftlich anerkannte Pionierrolle inne.<\/p>\n<p>Bei eher isolierten Versuchen von Enthierarchisierung und egalit\u00e4rer Bezahlung in Projekten in der deutschen Alternativbewegung (&#8218;Arbeiten ohne Chef&#8216;) fehlt die in den Kibbuzim anzutreffende normative Einbettung der Selbstverwaltung in eine \u00fcbergreifende Orientierung bez\u00fcglich des Sinns der Arbeit und des sozialen Lebens.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen die dem Kibbuz zugeschriebenen Werte au\u00dferhalb Israels verwirklicht werden <em>ohne <\/em>die un\u00fcbertragbaren israelischen Erfahrungsverarbeitungen und historischen Voraussetzungen? <\/strong><\/p>\n<p>Die Kibbuzim selbst sind durch \u00f6konomische Rahmenbedingungen und die Erosion der anfangs pr\u00e4genden normativen Voraussetzungen in die Krise gekommen. Die urspr\u00fcngliche Schubkraft verdankte sich nicht zuletzt dem Projekt der Gr\u00fcndung der israelischen Nation, der Integration von EmigrantInnen und der Siedlungst\u00e4tigkeit in Entwicklungs- und Grenzgebieten.<\/p>\n<p>Es geht nicht um die gleichm\u00e4\u00dfige Beteiligung aller an den Entscheidungsprozessen. Vielmehr soll diese als sozial-dominant und hegemonial durchgesetzt werden. Zwar vermag das Prinzip der \u00c4mterrotation nicht, &#8222;die Gesamtheit der Mitgliedschaft direkt zur Arbeit in den leitenden Instanzen heranzuziehen&#8220; (Pallmann 1966, 157).<\/p>\n<p>Aber die Rotation vergr\u00f6\u00dfert &#8222;zumindest die Schicht der zur Ausf\u00fcllung der F\u00fchrungspositionen geeigneten Siedlungsgenossen, von denen zu jeder Zeit ein bestimmter Prozentsatz vor\u00fcbergehend ohne spezielle Funktion ist und damit als F\u00fchrer der &#8218;laienhaften&#8216; Teile der \u00f6ffentlichen Meinung fungieren kann. Diese, wie man sie nennen k\u00f6nnte: &#8218;intra-elit\u00e4re Kontrolle&#8216; funktioniert nat\u00fcrlich nur unter der Bedingung, da\u00df die &#8218;Elite&#8216; nicht zur prim\u00e4ren Solidarit\u00e4tsgruppe ihrer Angeh\u00f6rigen wird.&#8220; (ebd.)<\/p>\n<p>Im Unterschied zum Sich Festsetzen von Hierarchien und Machtambitionen kam es in der Vergangenheit in den Kibbuzim zu einer Art &#8218;\u00c4mterscheu&#8216;. Die Zur\u00fcckhaltung, h\u00f6here \u00c4mter zu \u00fcbernehmen, begr\u00fcndete sich aus einem &#8222;negativen &#8218;Ertrags-Saldo&#8216; &#8230; die &#8218;Gewinne&#8216; &#8211; in Gestalt von sozialem Status, Einflu\u00df, Selbstverwirklichung &#8211; aus solchen \u00c4mtern wiegen die &#8218;Verluste&#8216; (zus\u00e4tzliche Arbeit, Belastung, \u00c4rger) nicht auf.&#8220; (Busch-L\u00fcty 1989, 106)<\/p>\n<p>Interessant ist, wie sich das Sozialprestige in Kibbuzim im Vergleich zu modernen kapitalistischen Gesellschaften verlagert hat: Auf den obersten R\u00e4ngen von Ansehen und Sympathie stehen hervorragende Arbeiter und loyale Mitglieder. Leitende Amtstr\u00e4ger nehmen in der Beliebtheit die vorletzte von sieben Positionen ein (Rosner 1982, 98f.).<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr das emphatische Selbstverst\u00e4ndnis des Kibbuzlebens war die Betonung des Alltags im Unterschied zu au\u00dferordentlichen Heldentaten oder zu heute erlebnisgesellschaftlich gesuchten &#8218;Events&#8216; wesentlich. <\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Wir erwarten uns Erneuerung nicht von einer neuen Lehre, sondern von einer bestimmten Art zu leben. Offenheit gegen\u00fcber dem Geschehen scheint uns ein entscheidend wichtiges Element dieser Haltung zu sein. Die meisten Menschen haben sich ja nicht nur einen Schutzpanzer gegen die anderen Menschen angezogen; sie stecken auch in einer Isolierschicht, die sie vor der Ber\u00fchrung durch die Lebensenergie bewahren soll. Offenheit &#8211; damit meinen wir die F\u00e4higkeit, sich treffen, sich vom Geschehen etwas sagen zu lassen. Es mag fast so klingen, als wollte ich wieder einer individualistischen Meinung das Wort reden, die sagt: der Mensch mu\u00df m\u00f6glichst viel ins Ich einsaugen, m\u00f6glichst viel sehen und erleben, &#8211; dann wird er weit und reif. &#8230; Die F\u00e4higkeit, einem Menschen richtig zuzuh\u00f6ren; die Kraft zur Hingabe an eine Arbeit, die gerade geleistet sein will; die N\u00fcchternheit ruhigen Vorw\u00e4rtsschreitens, die nicht zwischen begl\u00fccktem Aufschwung und trostloser Leere hin- und hertaumelt, sondern festgegr\u00fcndeten Sinns sich den geraden Weg bahnt, &#8211; das ist die Art, der wir vertrauen.&#8220; (Gerson 1982, 193f.)<\/p>\n<p>Problematisch ist am Kibbuz die Motivation, die aus dem sozialen Druck in einer Gemeinschaft resultiert, in der es &#8222;eigentlich keinen wesentlichen Unterschied (gibt) zwischen den Beziehungen am Arbeitsplatz und nach der Arbeit. Man lebt und arbeitet gemeinsam. Dies dr\u00fcckt sich darin aus, da\u00df man am selben Ort wohnt, kulturelle Veranstaltungen gemeinsam besucht, gemeinsame soziale Aktivit\u00e4ten hat, die Kinder werden gemeinsam erzogen. Der Kibbuz ist quasi f\u00fcr alle Lebensbereiche zust\u00e4ndig: Gesundheitswesen, Kindererziehung, Lebensstandard, Wohnm\u00f6glichkeiten, kulturelles und soziales Leben.&#8220; (Feingold-Studnik 2002, 56)<\/p>\n<p>Eine Grenze des Kibbuz besteht darin, dass es innerhalb einer ihm indifferent bis (zunehmend) feindlich gesonnenen Umwelt existiert. Die positiven Inhalte &#8211; die sozial n\u00fctzliche und human gestaltete Arbeit, der weitgehende Wegfall von Privatbesitz und Hierarchien &#8211; sind auf eine Gemeinschaft bezogen, die sich von der Au\u00dfenwelt abgrenzen muss, so dass die unmittelbare Resonanz in der Gemeinschaft zum Ma\u00df der Kibbuz-&#8218;Dinge&#8216; wird. Insofern der Kibbuz eine Gemeinschaft ist und sie durch ihre Mitglieder getragen wird, die sich frei f\u00fcr sie entschieden haben, gibt es einen zirkul\u00e4ren Begr\u00fcndungszusammenhang zwischen Individuen und Sozialgebilde. Probleme der Gemeinschaft verweisen auf die Charakterstruktur der Individuen, und Probleme der Individuen verweisen auf den Zustand der Gemeinschaft. Es f\u00e4llt dann schwer, ein Drittes als den Zustand der Gemeinschaft verursachend aufzufassen und sich zum Kibbuz objektivierend zu stellen. Denn immer, wenn von ihm die Rede ist, ist scheinbar auch zugleich unmittelbar von den tragenden Individuen die Rede. Dies unterscheidet das Verh\u00e4ltnis der Kibbuznik zum Kibbuz von dem der Mitglieder der Gesellschaft zur Gesellschaft. ((2))<\/p>\n<p>Gemeinschaften neigen immer dazu, das Problem der Individuen mit ihnen als Problem zwischen Ego und Gemeinschaftssinn aufzufassen, bspw. als Mangel an Identifikation mit dem Projekt.<\/p>\n<p>Das unmittelbare Zusammenleben in der Gemeinschaft bildet Konformit\u00e4tsmotive aus, die auch jenseits der Einsicht in das eigene Tun und dessen Zwecke, Voraussetzungen usw. wirken. Im t\u00e4glichen Leben des Kibbuz-Menschen sei &#8222;sein Hauptmotiv, ob ihn die \u00f6ffentliche Meinung in seinem Kibbuz hochsch\u00e4tzt und akzeptiert. Moni Alon hat mit Recht betont, da\u00df diese Wertsch\u00e4tzung vor allem in der Bew\u00e4hrung in der t\u00e4glichen Arbeit und der t\u00e4glichen Offenheit f\u00fcr die aktuellen Probleme des Kibbuz erworben wird und da\u00df sie ihren Ausdruck findet in der Wahl zu \u00c4mtern und Komitees des Kibbuz sowie in der Art, wie man solchen Menschen in der w\u00f6chentlichen Kibbuz-Versammlung zuh\u00f6rt.&#8220; (Gerson 1982a, 211) Mit &#8217;schlechter Arbeit&#8216; kommt man im Kibbuz &#8218;ins Gerede&#8216;.<\/p>\n<p>Amos Oz schreibt \u00fcber die hohe gemeinschaftsbildende Kraft des Klatsches im Kibbuz:<\/p>\n<p>&#8222;Jeder urteilt und jeder wird beurteilt. Keine Schw\u00e4che kann sich der Beurteilung durch die anderen entziehen. Es gibt keine heimlichen Winkel. &#8230; So sind wir allesamt gezwungen, Krieg gegen unsere Natur zu f\u00fchren, uns zu reinigen und zu veredeln. Wir schleifen einander wie Steine in einem Flu\u00dfbett und geben unserer Natur keinen Pardon. &#8230; Durch Klatsch halten wir unsere Triebe im Zaum und werden allm\u00e4hlich bessere Menschen.<\/p>\n<p>Der Klatsch bildet eine Gro\u00dfmacht unseres Lebens, weil unser Leben offen liegt wie ein Dorfplatz unter der Mittagssonne. Gilt der Klatsch anderswo nur als mieser Charakterzug, &#8230; so beteiligt er sich bei uns an der Verbesserung der Welt.&#8220; (zit. n. Heinsohn 1981, 87).<\/p>\n<p>Die Kibbuzim stellen als besondere gemeinschaftliche Sozialgebilde in einer ihnen gegen\u00fcber indifferenten bis feindlichen Umwelt zugleich ein Projekt der Realisierung allgemeiner Ziele u n d der Stabilisierung eines konkreten vorfindlichen Sozialgebildes gegen die gesellschaftliche Au\u00dfenwelt dar. Es kann dann praktisch nicht mehr zwischen diesen beiden Dimensionen des Kibbuz unterschieden werden.<\/p>\n<p>Vielmehr werden die allgemeinen Ziele nur realisierbar nach Ma\u00dfgabe einer Gruppe von bestimmten Kibbuzmitgliedern und den Imperativen ihres Zusammenlebens. In insul\u00e4ren Projekten wie dem Kibbuz werden die Imperative der Gruppenstabilisierung, des Zusammenlebens und -bleibens \u00fcberwertig &#8211; als Gemeinschaft auf der Insel, deren Begrenzung und Befestigung durch die Kibbuzmitglieder selbst gebildet werden m\u00fcssen. Die Imperative sozialer Kompatibilit\u00e4t und interner Koh\u00e4renz der Gruppe als Gruppe stehen so notgedrungen an einer Stelle, an der bei sozial verallgemeinerter Verwirklichung der allgemeinen Ziele deren Pflege und Kultivierung st\u00e4nde.<\/p>\n<p>Welche eigenen Dynamiken in Gemeinschaften ihre Kraft entfalten, davon zeugt der Kibbuz als &#8222;familienbetontes Gemeinwesen. Obgleich einige ledige oder geschiedene Personen ebenfalls stets anzutreffen sind, bilden sie &#8211; au\u00dfer in ganz jungen Siedlungen &#8211; die Ausnahme von der Regel. Die Ehen sind zumeist best\u00e4ndig. Scheidungen kommen vor, sind aber seltener als bei dem vergleichbaren Bev\u00f6lkerungsteil Israels au\u00dferhalb des Kibbuz.&#8220; (Gasiet 1981, 311)<\/p>\n<p>Durch face-to-face-Kontakte, r\u00e4umliche N\u00e4he der meisten T\u00e4tigkeiten im Kibbuz und alle einbeziehenden Aushandlungen baut sich eine Gemeinschaft auf, die in der Vermischung von pers\u00f6nlichen und das Kollektiv betreffenden Auseinandersetzungen ihre Achillesferse hat. In derart eng verflochtenen Gruppen entstehen Spannungen durch Partnerwechsel. Wo sich die Beteiligten &#8222;in allen Lebenssph\u00e4ren wieder begegnen, dort wird Promiskuit\u00e4t zum Skandal&#8220; (Heinsohn 1981, 89).<\/p>\n<p>Wir haben es hier mit einem alten, auch f\u00fcr fr\u00fchere kommunit\u00e4re Projekte notorischen Problem zu tun (vgl. Landshut 1969, 187, 193).<\/p>\n<p>Insofern der Kibbuz die allgemeinen Ziele als unmittelbare besondere Gemeinschaft realisiert, stellt es auch eine \u00dcberforderung des Individuums dar. Heinsohn (1982a, 345) beobachtet unter israelischen Linken, dass diese dem Kibbuz z.T. &#8222;ihren tiefsten Respekt bekunden, aber versichern, sie brauchten Heimlichkeit, Fremdheit, Ungewissheit, sexuelle Abwechslung und Abenteurertum, seien nicht der &#8218;richtige Typ&#8216; f\u00fcr eine egalit\u00e4re Gesellschaft&#8220;.<\/p>\n<p>All dies spricht weniger gegen die allgemeinen Ziele der Kibbuzim (Gemeineigentum, Hierarchieabbau, Humanisierung der Arbeit usw.) als gegen deren Realisierung in engen und insul\u00e4ren Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist der Dichtestress ein Moment des Kibbuz, das ihm schon quasi \u00f6kologisch eigen ist: Im Kibbuz haben &#8222;nur etwa 30 % der Besch\u00e4ftigten ihren Arbeitsplatz au\u00dferhalb des unmittelbaren Siedlungskomplexes, also z.B. in etwas entfernt liegenden Obstplantagen. Dadurch ist eine gegenseitige N\u00e4he von Produktions- und Konsumsektor, von Arbeitswelt und Freizeitbereich gegeben, wie sie sonst nur, wenn auch unter ganz anderen Produktionsverh\u00e4ltnissen und Familienstrukturen, in Form der traditionellen Gro\u00dffamilie bekannt ist.&#8220; (Liegle 1979, 161)<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Kibbuzim meist relativ weit von den St\u00e4dten entfernt liegen.<\/p>\n<p><strong>Die Entwicklung des Kibbuz in den letzten 25 Jahren steht im Kontext ung\u00fcnstiger Au\u00dfenbedingungen. <\/strong><\/p>\n<p>Relevant sind u.a.:<\/p>\n<p>die \u00f6konomische Krise der israelischen Wirtschaft, die den Druck auf die Kibbuzim erh\u00f6ht und das \u00f6konomische Effizienzdenken in ihnen verst\u00e4rkt. Ein eigener Faktor ist hierbei die Entwicklung des f\u00fcr die Kibbuzim wichtigen israelischen Gewerkschaftsverbandes Histadrut und seiner Eigenbetriebe (vgl. dazu Simhon 2005);<\/p>\n<p>die gewachsene Rolle der &#8218;rechten&#8216; Parteien (Likud als Regierungspartei) und ihr geringeres Interesse an den Kibbuzim und den sich eher &#8218;linken&#8216; Parteien zuneigenden Kibbuznik. Demgegen\u00fcber war &#8222;von 1933 bis 1977 der Linkszionismus die beherrschende Kraft sowohl in der Jewish Agency ((3)) als auch sp\u00e4ter in der Regierung Israels&#8220; (Busch-L\u00fcty 1989, 117). Waren bis 1969 unter den 120 Parlamentsmitgliedern zwischen 18 und 25 Kibbuznik, so 1984 noch 8, 1988 5 (ebd., 117f.); die massive Einwanderung von J\u00fcdinnen und Juden aus der fr\u00fcheren Sowjetunion, die kollektiven Projekten wie dem Kibbuz gegen\u00fcber eher unaufgeschlossen sind. Allein 1990 erh\u00f6hte sich die EinwohnerInnenzahl Israels (vorher: 4,5 Millionen) um 250.000;<\/p>\n<p>die notwendige Verlagerung der wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten aus dem landwirtschaftlichen in den industriellen Bereich. Bereits &#8222;von 1982 &#8211; 1988 sanken die Einnahmen der Landwirtschaft Israels um 5 %, der Landwirtschaftsertrag der Kibbuzim um 2,5 % j\u00e4hrlich&#8220; (Feingold-Studnik 2002, 40). Mit dem R\u00fcckgang der Weltmarktpreise f\u00fcr Agrarerzeugnisse verschlechterte sich die Einkommenssituation der Kibbuzim: &#8222;Allein von 1981 bis 1985 verminderte sich der Wert ihrer Agrarproduktion um ein Viertel.&#8220; (Busch-L\u00fcty 1989, 81);<\/p>\n<p>der Pal\u00e4stina-Konflikt, der die Militarisierung der israelischen Gesellschaft versch\u00e4rft, den Staatshaushalt belastet und den Tourismus als neu gewonnenes T\u00e4tigkeitsfeld der Kibbuzim infragestellt;<\/p>\n<p>die in den westlichen L\u00e4ndern allgemeine Ver\u00e4nderung der Lebensweise (&#8218;Individualisierung&#8216;), die die f\u00fcr die Gr\u00fcndergenerationen der Kibbuzim typischen Pionier- und Gemeinschaftsmentalit\u00e4ten untergr\u00e4bt. ((4)) Zwar bilden die Kibbuzim in Israel eine andere soziale Realit\u00e4t als die hierzulande marginalen Alternativprojekte &#8211; immerhin leben &#8222;mehr als ein Drittel der j\u00fcdischen, nichtst\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung im Kibbuz&#8220; (Amos Os, zit. n. Feingold-Studnik 2002, 140). Dennoch wachsen mit der Qualifikation und den gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten, erworbene Qualifikationen in Arbeitsstellen umzusetzen, die Divergenzen zwischen qualifiziert ausgebildeten Kibbuzmitgliedern und den M\u00f6glichkeiten, ihnen innerhalb des Kibbuz entsprechende Arbeiten zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Manche sprechen von einem &#8222;Niedergang der Kibbuzim&#8220; (Kapeliuk 1995). Die Zahlen sind nicht eindeutig: Die Kibbuz-Bev\u00f6lkerung hat sich zwischen 1992 und 1998 um 14.000 bzw. 11 % verringert. Von 1998 bis 1999 stieg sie um 2.300 Personen (Feingold-Studnik 2002, 46). Busch-L\u00fcty (1989, 124f.) berichtet von einer &#8222;durchschnittlichen Abwanderungsquote von 40 bis 50 % junger Kibbuznik in den letzten Jahren&#8220; und von einer durchschnittlichen Zuwanderung in den 70er Jahren von 1.000 neuen Kibbuzmitgliedern aus der israelischen Gesellschaft. In den 80er Jahren habe es durchschnittlich j\u00e4hrlich 2.000 bis 3.000 Neueintritte gegeben bei einem Verbleib in den Kibbuzim von 60 bis 70 %.<\/p>\n<p>\u00dcber die H\u00f6he der Einkommen in den Kibbuzim gibt es unterschiedliche Angaben. Die Differenz resultiert m\u00f6glicherweise aus den verschiedenen zugrundegelegten Zeitpunkten. Heinsohn spricht davon, die Einkommen im Kibbuz l\u00e4gen &#8222;im oberen Sechstel der \u00fcbrigen israelischen Einkommenspyramide&#8220; (1982a, 344). Feingold-Studnik h\u00e4lt demgegen\u00fcber fest, &#8222;der Durchschnittslohn eines Kibbuznik im Industriesektor betrug 1999 rund 76.400 Schekel und liegt damit weit unter dem eines Besch\u00e4ftigten im restlichen Israel, der durchschnittlich 89.700 Schekel erhielt. 1999 arbeiteten 72.400 Personen in den Kibbuzim, das entspricht zwei Dritteln der Gesamtbev\u00f6lkerung; das verbleibende Drittel setzt sich aus Kindern, Soldaten und \u00e4lteren Leuten zusammen&#8220; (Feingold-Studnik 2002, 49).<\/p>\n<p>Die Arbeitszeit in den Kibbuzim ist l\u00e4nger als die in der israelischen Gesellschaft: 6-Tage-Woche mit jeweils 8 Stunden plus &#8222;verschiedene zus\u00e4tzliche Pflichten laut Dienstplan (beim Abendessen, im Kinderhaus, Viehversorgung am Sabbath und an Feiertagen und \u00fcberdies Wachdienst), die durch die kollektive Lebensweise begr\u00fcndet sind&#8220; (Rosner 1982, 128).<\/p>\n<p>Allerdings befreien die Kollektiveinrichtungen die Kibbuzmitglieder von Hausarbeit und den materiellen Aspekten der Kinderbetreuung. Es &#8222;ist die Eltern-Kind-Beziehung von N\u00fctzlichkeitsaspekten fast frei. Die Eltern m\u00fcssen weder Essen zubereiten f\u00fcr die Kinder, noch sie waschen oder f\u00fcr andere Bed\u00fcrfnisse sorgen. &#8230; Die Eltern k\u00f6nnen diese Dinge erledigen, soweit sie es w\u00fcnschen&#8220; (Rosner 1982, 129f.).<\/p>\n<p>Ein Problem der Kibbuzim besteht in der Lohnarbeit, die mit der Industrialisierung der Kibbuzim an Umfang gewonnen hat. Die Zahl der Nicht-Kibbuz-Mitglieder, die (haupts\u00e4chlich im Industriebereich) im Kibbuz arbeiten, hat sich von 10.800 1991 auf 26.400 1999 erh\u00f6ht (Studnik-Feingold 2002, 41). In der den Kibbuzim positiv gegen\u00fcberstehenden Literatur wird der R\u00fcckgriff auf externe Lohnarbeit damit erkl\u00e4rt, dass &#8211; die f\u00fcr Fabriken notwendigen Gr\u00f6\u00dfendimensionen unterstellt &#8211; kibbuzintern nicht genug &#8222;Personal&#8220; vorhanden ist (Heinsohn 1982a, 345, Barkai 1982, 315 ).<\/p>\n<p>Die basisdemokratische Struktur der Kibbuzim ist ebenfalls einem Wandel unterworfen, der auch mit der Gr\u00f6\u00dfenausdehnung der Kibbuzim zu tun hat.<\/p>\n<p>&#8222;Rationalisierung und Spezialisierungen nahmen dem obersten Entscheidungsgremium der Generalversammlung einige seiner Entscheidungskompetenzen.&#8220; (Feingold-Studnik 2002, 67)<\/p>\n<p>Zahlreiche Entscheidungen wurden in Aussch\u00fcsse verlagert.<\/p>\n<p>&#8222;Auch die Rotation ist nur noch bedingt verwirklicht, vor allem auf der obersten Leitungsebene wird sie immer seltener realisiert.&#8220; (ebd.)<\/p>\n<p>Der Gefahr, dass sich aus Hierarchien &#8222;Vorgesetzte-Untergebenen-Verh\u00e4ltnisse&#8220; entwickeln, &#8222;wirkt man insofern entgegen, da\u00df es weder monet\u00e4re Ausgleiche f\u00fcr &#8218;h\u00f6here Jobs&#8216; gibt, noch geh\u00f6ren die Vorgesetzten einer h\u00f6heren Gesellschaftsschicht an. So m\u00fcssen auch die Vorgesetzten im Anschlu\u00df an die normale Arbeitszeit allgemeine Aufgaben des Kibbuz erf\u00fcllen (z.B. Wache halten oder im Chadar ochel arbeiten)&#8220; (Feingold-Studnik 2002, 108), dem Speisesaal des Kibbuz.<\/p>\n<p>Kapeliuk (1995) berichtet von einer Aufhebung der Lohngleichheit in den Kibbuzim. Feingold-Studnik schreibt \u00fcber ihre Untersuchung in zwei Kibbuzim: &#8222;Obwohl eine Gehaltseinf\u00fchrung immer mehr Thema ist, wird sie von den Kibbuzim als Mittel der Steigerung der Arbeitsmotivation oder erh\u00f6hter Arbeitszufriedenheit abgelehnt. Nach wie vor ist die Arbeitsmotivation intrinsischer Natur und ideell gelenkt.&#8220; (136)<\/p>\n<p>Die Autorin res\u00fcmiert ihre Untersuchung: &#8222;Das Prinzip der Gleichheit ist nach wie vor vorhanden; alle Chawerim (Plural von Chawer, dem Kibbuzmitglied &#8211; Verf.) haben den gleichen Lebensstandard. Jedoch ist die ehemals mechanische Verteilung von Konsumg\u00fctern einer bed\u00fcrfnisorientierten gewichen.&#8220; (ebd., 98).<\/p>\n<p>Auch wenn in Bezug auf Gleichheit und Hierarchie in den Kibbuzim Aufweichungserscheinungen zu beobachten sind, so schlie\u00dft dieser (selbst empirisch genauer zu befragende) Befund nicht die Interpretation aus, der zu folge das Projekt Kibbuz immerhin jahrzehntelang den Beweis f\u00fcr n\u00fctzliche und vergleichsweise human gestaltete Arbeit unter der Voraussetzung von Gemeinschaftsbesitz, -leben und \u00c4mter- und Arbeitsrotation erfolgreich &#8218;erbracht&#8216; hat. Die Kibbuzim sind ein Gegenbeispiel zum Dogma, nur durch materielle Stimuli, Konkurrenz und wirtschaftliche Ungleichheit sei Leistung und Effizienz m\u00f6glich. Und dieses praktische Beispiel z\u00e4hlt um so st\u00e4rker, als es unter gesamtgesellschaftlichen Bedingungen erbracht wurde, die von den Ma\u00dfgaben des Kibbuzim abweichen bzw. ihnen entgegenstehen.<\/p>\n<p>Die &#8218;Aufweichungserscheinungen&#8216; w\u00fcrden dann nicht unmittelbar <em>f\u00fcr<\/em> die Unvertr\u00e4glichkeit von sozial sinnvoller Arbeit mit Gemeinschaftsbesitz, -leben und Verzicht auf Hierarchien und Arbeitsrotation sprechen, sondern <em>gegen<\/em> eine isolierte Maximierung von Effizienz, Spezialisierung und Wirtschaftswachstum. Die Aufweichungserscheinungen in den Kibbuzim in puncto Gleichheit und Hierarchie weisen dann eher auf den Umschlagpunkt hin, an dem die isolierte Maximierung von Effizienz, Spezialisierung und Wachstum ihre sozial abtr\u00e4glichen Effekte zeigt.<\/p>\n<p>Zwar erweisen sich Effizienz, Spezialisierung und Wachstum gegenw\u00e4rtig in kapitalistischen L\u00e4ndern als Pseudonyme, hinter deren sachlich-allgemeinmenschlicher Gestalt sich spezifische kapitalistische Ursachen und Eigendynamiken verstecken (vgl. Creydt 2000). Der Kibbuz verdeutlicht, dass nachkapitalistische Sozialformen auf der Produktivkraftebene nicht mit Steinzeitkommunismus gleichzusetzen sind, zeigt aber auf vergleichsweise hohem Produktivit\u00e4tsniveau den f\u00fcr nachkapitalistische Sozialformen existierenden Zielkonflikt zwischen Effizienzkriterien des Wirtschaftens und Kriterien der Arbeits-, Lebens- und Gestaltungsqualit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein auf Gemeinschaftsbesitz und -leben und auf Gleichheit des realen Pro-Kopf-Einkommens orientiertes Projekt sowie eine weniger hierarchisch strukturierte Organisation mitsamt der Rotation m\u00f6glichst vieler Personen auf Leitungspositionen f\u00fchren nicht zu Chaos und massiven Einbu\u00dfen in puncto Produktion und Konsumtion. Die Kibbuzim gelten seit Jahrzehnten als &#8222;die weltgr\u00f6\u00dfte kommunit\u00e4re Bewegung&#8220; (Feingold-Studnik 2002, 35) mit steigender Tendenz: &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/01\/kibbuz-und-nachkapitalistische-sozialstrukturen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Kibbuz und nachkapitalistische Sozialstrukturen - graswurzelrevolution","description":"Ein auf Gemeinschaftsbesitz und -leben und auf Gleichheit des realen Pro-Kopf-Einkommens orientiertes Projekt sowie eine weniger hierarchisch strukturierte Orga"},"footnotes":""},"categories":[437,1042],"tags":[],"class_list":["post-7281","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-305-januar-2006","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7281"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7281\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}