{"id":7289,"date":"2006-01-01T00:00:28","date_gmt":"2005-12-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7289"},"modified":"2022-07-26T14:15:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:01","slug":"eine-symbiose-von-widerstand-und-spasgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/01\/eine-symbiose-von-widerstand-und-spasgesellschaft\/","title":{"rendered":"Eine Symbiose von Widerstand und &#8222;Spa\u00dfgesellschaft&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren sind hierzulande Bewegungsb\u00fccher erschienen,                 die in Sachen Layout neue Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt haben, zum Beispiel                 &#8222;hoch die kampf dem&#8220; und &#8222;vorw\u00e4rts bis zum nieder mit. 30 Jahre                 Plakate autonomer Bewegungen&#8220; (Assoziation A, Berlin\/Hamburg 2001).                 Nun gibt es ein weiteres Werk, das in diesem Sinne positiv auff\u00e4llt:                 &#8222;go.stop.act! Die Kunst des kreativen Stra\u00dfenprotests&#8220;. <\/p>\n<p>Ein erstes Durchbl\u00e4ttern des reich bebilderten Bandes macht neugierig,                 die Gestaltung ist herausragend und stark. <\/p>\n<p>Sein Inhalt macht Lust auf kreativen Stra\u00dfenprotest, gibt viele                 Anregungen und Ideen zur Verlachung der Herrschenden. Ein Praxisbuch,                 das vielf\u00e4ltige, oft witzige Protestgeschichten erz\u00e4hlt und (leider                 nur an wenigen Stellen) auch historische Kontinuit\u00e4ten aufzeigt,                 etwa wenn daran erinnert wird, dass spa\u00dfig-karnevalartige Umz\u00fcge                 mit Musik, Verkleidungen, Klamauk, Verfremdung und Spott schon                 vor 500 Jahren f\u00fcr muntere Beteiligung bei den Revolten des &#8222;Gesindels&#8220;                 gegen die Herrschaften sorgten. <\/p>\n<p>Sch\u00f6n sind auch die Puppistas, die nicht nur 1999 beim erfolgreichen                 Widerstand gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO)                 in Seattle f\u00fcr Aufsehen sorgten. \u00dcberhaupt: Pink &#038; Silver, Reclaim                 The Streets, Radioballett und Radiodemo, Figurentheater, politische                 Stra\u00dfenmusik und -theater, &#8230; viele bunte und subversive Aktionsformen                 werden ausgiebig dargestellt und machen dieses Buch zu einem Leckerbissen                 f\u00fcr alle linken AktivistInnen. <\/p>\n<p>Aus den 17 unterschiedlichen Kapiteln ragt der Beitrag der <i>autonomen                 a.f.r.i.k.a.-gruppe<\/i> zu &#8222;Politischer Aktivismus. Stolpersteine                 auf der Datenautobahn?&#8220; heraus. <i>&#8222;Wo Macht ist, ist auch Widerstand:                 Macht-R\u00e4ume sind stets auch Interventions- und Aktionsr\u00e4ume&#8220;<\/i>                 (S. 199), so die HerausgeberInnen des legend\u00e4ren &#8222;Handbuchs der                 Kommunikationsguerilla&#8220; (VLA, Schwarze Risse, Rote Stra\u00dfe, Hamburg                 1997) in &#8222;go.stop.act!&#8220;.<\/p>\n<p><i>&#8222;Mitte und Ende der 90er Jahre gab es verschiedene Vorschl\u00e4ge,                 Formen der direkten gewaltfreien Aktion von der Stra\u00dfe ins Internet                 zu \u00fcbertragen. Solche Vorschl\u00e4ge einer <\/i>Virtual Civil Disobedience<i>                 stellten den Versuch dar, das Netz als politischen Protestraum                 zu konstituieren, als Ort des politischen Widerstands und der                 politischen Intervention. In gewissem Sinne spiegeln sie als Antithese                 den Netz-Hype der Dotcom-\u00d6konomie wider, der das Netz vor allem                 als Einkaufsstra\u00dfe und Konsumparadies zu inszenieren suchte. Als                 Aktionsformen propagieren die Vertreter des &#8218;virtuellen zivilen                 Ungehorsams&#8216; Formen wie Netz-<\/i>SitIns<i> und Blockaden.&#8220; <\/i>(S.                 201)<\/p>\n<p>Andere Beitr\u00e4ge des Sammelbandes wirken dagegen manchmal oberfl\u00e4chlich                 und kauen nicht selten Altbekanntes wieder. F\u00fcr Unbehagen sorgt,                 dass flache und explizit &#8222;unpolitische&#8220; Aktionen als positiv dargestellt                 werden. Ein Beispiel f\u00fcr eine allzu unbedarfte Sicht der Welt                 ist folgende als &#8222;street art&#8220; dargestellte &#8222;Aktion&#8220;:<\/p>\n<p><i>&#8222;Die ersten Plakate von Lindas Ex l\u00f6sten eine wahre Flut an                 Reaktionen im Berliner Bezirk Friedrichshain aus. Der Street Artist                 pflastert den Stadtteil voll mit Botschaften an und \u00fcber seine                 fiktive oder reale Ex-Freundin Linda, die ihn verlassen hatte:                 &#8218;Linda, warum hast Du mir das angetan?&#8216;, (&#8230;) ,Linda, ich f\u00fchle                 mich zerrissen&#8216;. Er inszeniert sich selbst als verlassener Freund,                 st\u00fclpt seine Intimwelt nach Au\u00dfen und betreibt somit eine Art                 Seelenstriptease an einem Ort, der daf\u00fcr nicht gedacht ist. Und                 die Menschen reagieren auf seine Werke.&#8220;<\/i> (S. 149)<\/p>\n<p>In Dortmund gab es Anfang der 90er Jahre einen \u00e4hnlichen Fall                 von &#8222;Seelenstriptease&#8220;. Ein &#8222;Streetartist&#8220; hatte die ganze Stadt                 mit Spr\u00fcchen wie &#8222;Claudia, ich liebe dich!&#8220;, &#8222;Claudia, ich w\u00fcrde                 alles f\u00fcr dich tun&#8220;, &#8222;Claudia, warum hast du mich verlassen?&#8220;                 zugespr\u00fcht. Die Beseitigungskosten gingen in die Millionen, die                 b\u00fcrgerliche Presse spekulierte \u00fcber den &#8222;romantischen Romeo&#8220;,                 und auch die autonome Szene hegte Sympathien f\u00fcr den anonymen                 Graffiti-Sprayer. Als er schlie\u00dflich erwischt wurde, stellte sich                 heraus, dass dieser &#8222;Streetartist&#8220; die real existierende Claudia                 jahrelang als Stalker bel\u00e4stigt hatte. <\/p>\n<p>Ob es sich bei dem Berliner Sprayer um einen \u00e4hnlichen Fall handelt,                 wei\u00df ich nicht. Aber dass nicht alle Graffitis, nur weil sie illegal                 sind, auch im positiven Sinne subversiv sind, das zeigt auch der                 Fall des &#8222;Claudia&#8220;-Sprayers. Auf &#8222;sinnbefreite&#8220; Texte h\u00e4tte getrost                 verzichtet werden k\u00f6nnen. Mehr libert\u00e4re Reflexion, weniger Deskription,                 das h\u00e4tte dem Opus gut getan.<\/p>\n<p>Es finden sich auch viele Wiederholungen. So wird auf das basisdemokratisch                 organisierte Internetprojekt Indymedia in so ziemlich jedem Kapitel                 hingewiesen. Anarchistische Utopien und Theorien schimmern dagegen                 in den Texten dieses &#8211; immerhin im anarchistischen Trotzdem Verlag                 erschienenen &#8211; Buches nur selten durch die Zeilen. Es wird von                 Aktion zu Aktion gehetzt, aber das Ziel einer herrschaftsfreien                 Gesellschaft wird dabei nur bedingt sichtbar. Selbst unter der                 Rubrik &#8222;Medien- und \u00d6ffentlichkeit&#8220; (S. 224) sucht mensch anarchistische                 Medien wie <i>Graswurzelrevolution<\/i> und <i>direkte aktion<\/i>                 vergeblich. Daf\u00fcr finden sich ganzseitige Anzeigen zum Beispiel                 von <i>attac <\/i>und der gr\u00fcnen <i>Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung<\/i>.                 Letztere ist angesichts der Tatsache, dass die Gr\u00fcnen Mitverantwortung                 tragen z.B. f\u00fcr den NATO-Angriffskrieg 1999 gegen Jugoslawien,                 f\u00fcr Remilitarisierung, Sozialkahlschlag und Atompolitik, ein \u00c4rgernis.<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Das eingangs erw\u00e4hnte grandiose Outfit weckt Erwartungen, die                 &#8222;go.stop.act!&#8220; bedingt erf\u00fcllen kann. Trotz aller Kritik ist es                 ein wichtiges und lesenswertes Buch aus den sozialen Bewegungen                 f\u00fcr die sozialen Bewegungen. Es kann (\u00fcberwiegend) mit Genuss                 und Gewinn gelesen werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren sind hierzulande Bewegungsb\u00fccher erschienen, die in Sachen Layout neue Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt haben, zum Beispiel &#8222;hoch die kampf dem&#8220; und &#8222;vorw\u00e4rts bis zum nieder mit. 30 Jahre Plakate autonomer Bewegungen&#8220; (Assoziation A, Berlin\/Hamburg 2001). Nun gibt es ein weiteres Werk, das in diesem Sinne positiv auff\u00e4llt: &#8222;go.stop.act! 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