{"id":7301,"date":"2006-02-01T00:00:36","date_gmt":"2006-01-31T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7301"},"modified":"2022-07-26T14:15:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:00","slug":"patriotismus-eine-bedrohung-der-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/02\/patriotismus-eine-bedrohung-der-freiheit\/","title":{"rendered":"Patriotismus &#8211; eine Bedrohung der Freiheit"},"content":{"rendered":"<h3>Was ist Patriotismus?<\/h3>\n<p>Ist es die Liebe zum Ort unserer Geburt, zum Hort von Kindheitserinnerungen und Hoffnungen, Sehns\u00fcchten und Tr\u00e4umen?<\/p>\n<p>Ist es die Stelle, an der wir so oft in kindlicher Naivit\u00e4t den ziehenden Wolken zusahen und uns wunderten, warum es nicht auch uns gegeben war, so rasch dahinzuschweben?<\/p>\n<p>Ist es der Ort, an dem wir standen und die Milliarden glitzernder Sterne z\u00e4hlten, angstgel\u00e4hmt bei dem Gedanken, jeder einzelne \u00bbk\u00f6nnte ein Auge sein\u00ab, das bis in die tiefsten Tiefen unserer kleinen Seelen vorzudringen vermochte? Ist es der Platz, an dem wir der Musik des Vogelsangs lauschten und w\u00fcnschten, Schwingen zu haben, um, genau wie sie, in ferne L\u00e4nder fliegen zu k\u00f6nnen? Oder ist es der Ort, an dem wir, auf Mutters Knien sitzend, hingerissen waren von wundervollen Geschichten \u00fcber gro\u00dfe Taten und Siege?<\/p>\n<p>Kurz gesagt, ist es die Liebe zu jenem Fleckchen Erde, das in jedem Zentimeter Boden uns liebe und teure Erinnerungen an eine gl\u00fcckliche und verspielte Kindheit birgt?<\/p>\n<p>Wenn das Patriotismus w\u00e4re, k\u00f6nnten nur wenige Amerikaner heute patriotisch genannt werden, da ihr Spielplatz in eine Fabrik, eine Spinnerei oder ein Bergwerk verwandelt wurde, w\u00e4hrend der bet\u00e4ubende L\u00e4rm von Maschinen den Gesang der V\u00f6gel ersetzt hat.<\/p>\n<p>Auch k\u00f6nnen wir nicht l\u00e4nger den Geschichten gro\u00dfer Taten lauschen, da unsere M\u00fctter uns heute nur Geschichten der Tr\u00e4nen, der Trauer und des Schmerzes zu erz\u00e4hlen wissen.<\/p>\n<p>Was ist dann aber Patriotismus? \u00bbPatriotismus, mein Herr, ist die letzte Zuflucht der Schufte\u00ab, sagte Dr. Johnson. Leo Tolstoi, der gr\u00f6\u00dfte Gegner des Patriotismus unserer Zeit, definiert ihn als das Prinzip, das die Ausbildung f\u00fcr den Mord auf breiter Basis zu rechtfertigen erlaubt; ein Handwerk, das bessere Ausr\u00fcstung zum Mord erfordert als zur Herstellung der Lebensnotwendigkeiten wie Schuhe, Bekleidung und H\u00e4user; ein Handwerk, das bessere Entlohnung und gr\u00f6\u00dferen Ruhm garantiert als den, den der gew\u00f6hnliche Arbeiter erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gustav Herv\u00e8, ein weiterer gro\u00dfer Gegner des Patriotismus, nennt ihn zurecht einen Aberglauben &#8211; einen, der sch\u00e4dlicher, brutaler und inhumaner ist als die Religion. Der religi\u00f6se Aberglaube hatte seinen Ursprung in der Unf\u00e4higkeit des Menschen, die Ph\u00e4nomene der Natur zu erkl\u00e4ren. D.h., als der Primitive den Donnerschlag h\u00f6rte oder den Blitz sah, konnte er sich weder den einen noch den anderen erkl\u00e4ren und schlo\u00df daher, da\u00df hinter ihnen eine Macht stehen m\u00fcsse, die gr\u00f6\u00dfer war als er selbst. \u00c4hnlich vermutete er im Regen und in den anderen Naturvorg\u00e4ngen eine \u00fcbernat\u00fcrliche Macht. Patriotismus hingegen ist ein k\u00fcnstlich geschaffener Aberglaube, der durch ein Netzwerk der L\u00fcgen und Falschheiten am Leben erhalten wird; ein Aberglaube, der den Menschen seiner Selbstachtung und W\u00fcrde beraubt und seine Arroganz und \u00dcberheblichkeit f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>In der Tat sind \u00dcbernat\u00fcrlichkeit, Arroganz und Egoismus die wesentlichsten Zutaten des Patriotismus. Lassen Sie mich das illustrieren. Der Patriotismus nimmt an, da\u00df die Erde aufgeteilt ist in lauter kleine Fleckchen, von denen jedes umgeben ist von einem eisernen Gitter. Jene, die das Gl\u00fcck hatten, auf einem bestimmten Fleckchen geboren zu werden, erachten sich als besser, edler, gro\u00dfartiger und intelligenter als all jene Lebewesen, die andere Fleckchen bewohnen. Es ist daher die Pflicht jedes einzelnen, der ein solch auserw\u00e4hltes Fleckchen bewohnt, zu k\u00e4mpfen, zu t\u00f6ten und zu sterben bei dem Versuch, allen anderen seine \u00dcberlegenheit aufzuzwingen.<\/p>\n<p>Die Bewohner der anderen Fleckchen argumentieren nat\u00fcrlich in der gleichen Weise, mit dem Ergebnis, da\u00df das Bewu\u00dftsein der Menschen von fr\u00fchester Kindheit an durch blutr\u00fcnstige Geschichten \u00fcber die Deutschen, die Franzosen, die Italiener, die Russen usw. vergiftet wird. Wenn das Kind zum Manne herangereift ist, ist er gr\u00fcndlich durchtr\u00e4nkt von dem Glauben, da\u00df Gott selbst ihn auserw\u00e4hlt habe, sein Vaterland gegen Angriff und Invasion aller daran interessierten Ausl\u00e4nder zu verteidigen. Nur aus diesem Grunde verlangen wir so st\u00fcrmisch nach einer gr\u00f6\u00dferen Armee und Marine, nach mehr Kriegsschiffen und Waffen. Nur aus diesem Grunde hat Amerika innerhalb einer kurzen Zeit 400 Millionen Dollar ausgegeben. Denken Sie einen Augenblick dar\u00fcber nach &#8211; 400 Millionen Dollar, die dem Besitz des Volkes genommen wurden.<\/p>\n<p>Denn die Reichen leisten sicher keinen Beitrag zum Patriotismus. Sie sind Kosmopoliten, die sich in jedem Lande zu Hause f\u00fchlen. Wir in Amerika kennen diese Wahrheit nur zu gut.<\/p>\n<p>Sind unsere reichen Amerikaner nicht in Frankreich Franzosen, in Deutschland Deutsche und in England Engl\u00e4nder?<\/p>\n<p>Und verschwenden sie nicht mit kosmopolitischer Grandezza M\u00fcnzen, die von amerikanischen Kindern der Fabriken und Sklaven der Baumwollproduktion gepr\u00e4gt wurden? Ja, zu ihnen pa\u00dft ein Patriotismus, der ihnen gestattet, Beileidsschreiben an einen Tyrannen wie den russischen Zaren zu schicken, sobald ihm irgendein Ungl\u00fcck widerf\u00e4hrt, so wie es Pr\u00e4sident Roosevelt im Namen <em>seines <\/em>Volkes zu tun gefiel, als Sergius von den russischen Revolution\u00e4ren bestraft wurde.<\/p>\n<p>Es ist ein Patriotismus, der dem Prototyp eines M\u00f6rders, Diaz, beisteht bei der Vernichtung Tausender von Leben in Mexiko oder gar hilft, mexikanische Revolution\u00e4re auf amerikanischem Boden zu verhaften und sie, ohne den geringsten vern\u00fcnftigen Grund, in amerikanischen Gef\u00e4ngnissen eingesperrt zu halten.<\/p>\n<p>Aber dar\u00fcber hinaus ist Patriotismus gar nicht gedacht f\u00fcr jene, die Macht und Reichtum repr\u00e4sentieren. Er ist gut genug f\u00fcrs Volk. Er erinnert an die historische Weisheit Friedrichs des Gro\u00dfen, des Busenfreundes Voltaires, der sagte: \u00bbDie Religion ist ein Betrug, der um der Massen willen aufrechterhalten werden mu\u00df.\u00ab Da\u00df der Patriotismus eine ziemlich kostspielige Institution ist, wird niemand zu bezweifeln wagen nach Einsichtnahme in folgende Statistiken. Das progressive Wachstum der Ausgaben f\u00fcr die fahrenden Armeen und Flotten der Welt w\u00e4hrend des letzten Vierteljahrhunderts ((2)) ist ein so gravierendes Faktum, da\u00df es jeden verantwortungsbewu\u00dft \u00f6konomische Probleme Studierenden erschrecken mu\u00df &#8230;<\/p>\n<p>Die schreckliche Verschwendung, die der Patriotismus notwendig macht, sollte gen\u00fcgen, selbst einen Mann von durchschnittlicher Intelligenz von dieser Krankheit zu heilen.<\/p>\n<p>Das Volk wird gezwungen, patriotisch zu sein, und f\u00fcr diesen Luxus bezahlt es nicht nur durch Unterst\u00fctzung seiner \u00bbVerteidiger\u00ab, sondern auch noch durch Opferung seiner Kinder. Patriotismus verlangt Treue zur Fahne, und das bedeutet Gehorsam und Bereitschaft zur T\u00f6tung von Vater, Mutter, Bruder, Schwester &#8230;<\/p>\n<p>Nehmen wir unseren eigenen spanisch-amerikanischen Krieg, der angeblich ein gro\u00dfes und patriotisches Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten darstellt. Wie brannten unsere Herzen doch vor Emp\u00f6rung \u00fcber die grausamen Spanier!<\/p>\n<p>Richtig, unsere Emp\u00f6rung entbrannte nicht spontan. Sie war gen\u00e4hrt worden durch monatelange Agitation in den Zeitungen, lange nachdem Weyler viele edle kubanische M\u00e4nner hingeschlachtet und viele kubanische Frauen gesch\u00e4ndet hatte. Doch um der amerikanischen Nation Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mu\u00df gesagt werden, da\u00df sie sich emp\u00f6rte und bereit war zu k\u00e4mpfen, und da\u00df sie tapfer k\u00e4mpfte. Aber als sich der Rauch verzog, die Toten begraben waren und die Kosten des Krieges in Gestalt einer Verteuerung der Lebensmittel und der Mieten auf das Volk zur\u00fcckfielen &#8211; d.h., als wir ern\u00fcchtert aus unserem patriotischen Zechgelage erwachten &#8211; d\u00e4mmerte uns, da\u00df die Ursache des spanisch-amerikanischen Krieges in einer Betrachtung \u00fcber den Zuckerpreis zu suchen war; oder, um es deutlicher zu sagen, da\u00df die Leben, das Blut und das Geld amerikanischer Menschen benutzt worden waren, die Interessen der amerikanischen Kapitalisten zu sch\u00fctzen, die durch die spanische Regierung bedroht waren. Da\u00df dies keine \u00dcbertreibung ist, sondern sich auf absolute Zahlen und Daten gr\u00fcndet, l\u00e4\u00dft sich am besten durch die Haltung der amerikanischen Regierung den kubanischen Arbeitern gegen\u00fcber beweisen. Als sich Kuba fest in den Klauen der Vereinigten Staaten befand, wurde den Soldaten, die man zur Befreiung Kubas schickte, w\u00e4hrend des gro\u00dfen Tabakarbeiterstreikes, der kurz nach Kriegsende stattfand, befohlen, kubanische Arbeiter zu erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Auch stehen wir nicht allein da in der F\u00fchrung von Kriegen um solcher Gr\u00fcnde willen. Der Vorhang, der \u00fcber den Motiven des schrecklichen russisch-japanischen Krieges hing, der so viel Blut und Tr\u00e4nen kostete, beginnt sich allm\u00e4hlich zu l\u00fcften. Und wieder erkennen wir, da\u00df hinter dem f\u00fcrchterlichen Moloch des Krieges der noch f\u00fcrchterlichere Gott des kapitalistischen Handels steht. Kuropatkin, der russische Kriegsminister zur Zeit der russisch-japanischen K\u00e4mpfe, hat das Geheimnis verraten, das sich hinter ihnen verbarg. Der Zar und seine Gro\u00dfen hatten in koreanischen Niederlassungen Geld investiert, und der Krieg wurde vom Zaune gebrochen um des einzigen Grundes der raschen Akkumulation willen.<\/p>\n<p>Die Behauptung, da\u00df eine stehende Armee und eine Flotte die beste Garantie f\u00fcr den Frieden sind, ist ebenso logisch wie die Annahme, der friedfertigste aller B\u00fcrger sei jener, der schwer bewaffnet heruml\u00e4uft. Die Erfahrung des t\u00e4glichen Lebens beweist zur Gen\u00fcge, da\u00df das bewaffnete Individuum best\u00e4ndig darauf aus ist, seine St\u00e4rke zu erproben. Dasselbe gilt historisch gesprochen f\u00fcr Regierungen. Wirklich friedliche L\u00e4nder verschwenden nicht Leben und Energie auf die Vorbereitung von Kriegen und das Ergebnis ist, da\u00df der Friede erhalten bleibt.<\/p>\n<p>Der Ruf nach einer gr\u00f6\u00dferen Armee und Flotte resultiert jedoch nicht aus irgendeiner \u00e4u\u00dferen Gefahr. Er hat seine Ursache in der wachsenden Unzufriedenheit der Massen und dem Geiste des Internationalismus unter den Arbeitern. Um dem inneren Feind zu begegnen, r\u00fcsten sich die M\u00e4chte verschiedener L\u00e4nder, einem Feinde, der, wenn er erst einmal zu Bewu\u00dftsein erwacht ist, sich als gef\u00e4hrlicher erweisen wird als jeder fremde Angreifer.<\/p>\n<p>Die M\u00e4chte, die jahrhundertelang damit besch\u00e4ftigt waren, die Massen zu versklaven, haben deren Psychologie aufs genaueste studiert. Sie wissen, da\u00df die Masse der Menschen wie Kinder sind, deren Verzweiflung, Trauer und Tr\u00e4nen durch ein kleines Spielzeug in Freude verwandelt werden k\u00f6nnen. Und je pr\u00e4chtiger das Spielzeug aussieht, je schreiender die Farben, desto eher wird es dem millionenk\u00f6pfigen Kinde gefallen.<\/p>\n<p>Eine Armee und eine Marine stellen das Spielzeug des Volkes dar. Um es anziehender und akzeptabler zu machen, werden Hunderte und Tausende von Dollars ausgegeben f\u00fcr die \u00e4u\u00dfere Pracht dieses Spielzeugs. Das war die Absicht, mit der die amerikanische Regierung eine Flotte ausr\u00fcstete und sie die Pazifikk\u00fcste entlangschickte, so da\u00df jeder amerikanische B\u00fcrger den Stolz und die Glorie der Vereinigten Staaten zu f\u00fchlen bekommen sollte. Die Stadt San Franzisco gab 100.000 Dollar aus f\u00fcr die Unterhaltung der Flotte; Los Angeles 60.000; Seattle und Tacoma etwa 100.000. Sagte ich, die Flotte zu unterhalten? Um einigen wenigen h\u00f6heren Offizieren weinreiche Diners zu servieren, w\u00e4hrend die \u00bbbraven Jungen\u00ab meutern mu\u00dften, um ausreichende Mahlzeiten zu erhalten. Ja, 260.000 Dollar wurden f\u00fcr Feuerwerke, Theaterparties und Lustbarkeiten ausgegeben zu einer Zeit, da M\u00e4nner, Frauen und Kinder im ganzen Land in den Stra\u00dfen verhungerten; als Tausende von Arbeitslosen bereit waren, ihre Arbeitskraft zu jedem Preis zu verkaufen.<\/p>\n<p>260.000 Dollar! Was h\u00e4tte nicht alles mit einer solch ungeheuren Summe erreicht werden k\u00f6nnen? Aber anstatt Brot und Wohnung zu erhalten, wurde den Kindern jener St\u00e4dte die Flotte vorgef\u00fchrt, damit sie \u00bbeine bleibende Erinnerung f\u00fcr das Kind\u00ab bilde, wie eine der Zeitungen es ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Eine wunderbare Sache f\u00fcr die Erinnerung, nicht wahr? Das Werkzeug zivilisierter Menschenschl\u00e4chterei. Wenn das Bewu\u00dftsein des Kindes durch solche Erinnerungen vergiftet wird, welche Hoffnung kann es dann geben f\u00fcr eine wahre Realisierung menschlicher Br\u00fcderlichkeit?<\/p>\n<p>Wir Amerikaner behaupten, ein friedliebendes Volk zu sein. Wir hassen Blutvergie\u00dfen; wir sind Gegner der Gewalt. Doch wir sch\u00e4umen \u00fcber vor Freude \u00fcber die M\u00f6glichkeit, Bomben aus Flugzeugen auf hilflose Zivilisten werfen zu k\u00f6nnen. Wir sind bereit, jeden zu h\u00e4ngen, auf den elektrischen Stuhl zu schicken oder zu lynchen, der, aus \u00f6konomischer Notwendigkeit heraus, sein eigenes Leben wagt bei dem Versuch eines Attentats auf einen Industriekapit\u00e4n. Doch unsere Herzen schwellen vor Stolz bei dem Gedanken, da\u00df Amerika sich zur m\u00e4chtigsten Nation der Erde ausw\u00e4chst, und da\u00df es im Laufe der Zeit seinen eisernen Fu\u00df auf den Nacken aller anderen Nationen setzen wird.<\/p>\n<p>Das ist die Logik des Patriotismus.<\/p>\n<p>Betrachtet man die \u00fcblen Resultate, die der Patriotismus f\u00fcr den Durchschnittsb\u00fcrger mit sich bringt, so ist das noch gar nichts im Vergleich mit der Beschimpfung und dem Schaden, die der Patriotismus dem Soldaten selbst aufl\u00e4dt &#8211; jenem armen, verf\u00fchrten Opfer des Aberglaubens und der Unwissenheit. F\u00fcr ihn, f\u00fcr den Retter seines Landes, den Besch\u00fctzer seiner Nation &#8211; was hat denn der Patriotismus f\u00fcr ihn in petto? Ein Leben der sklavischen Unterw\u00fcrfigkeit, des Lasters, der Perversion in Friedenszeiten; ein Leben der Gefahr, des Ausgeliefertseins und des Todes in Kriegszeiten &#8230;<\/p>\n<p>Denkende M\u00e4nner und Frauen auf der ganzen Welt beginnen zu verstehen, da\u00df der Patriotismus eine zu enge und begrenzte Konzeption ist, um den Notwendigkeiten unseres Zeitalters zu begegnen. Die Zentralisation der Gewalt hat ein internationales Gef\u00fchl der Solidarit\u00e4t unter den Unterdr\u00fcckten der Nationen dieser Welt entstehen lassen; eine Solidarit\u00e4t, die eine gr\u00f6\u00dfere Interessenharmonie zwischen dem Arbeiter in Amerika und seinen Br\u00fcdern im Auslande aufweist als zwischen dem amerikanischen Bergarbeiter und seinem ausbeutenden Landsmann; eine Solidarit\u00e4t, die fremde Invasion nicht f\u00fcrchtet, weil sie alle Arbeiter dahin bringen wird, zu ihren Herren zu sagen: \u00bbGeht und vollbringt das Gesch\u00e4ft des T\u00f6tens selbst. Wir haben es lange genug f\u00fcr euch getan.\u00ab<\/p>\n<p>Diese Solidarit\u00e4t weckt sogar das Bewu\u00dftsein der Soldaten, die auch Fleisch vom Fleische der gro\u00dfen menschlichen Familie sind. Eine Solidarit\u00e4t, die sich mehr als einmal als unersch\u00fctterlich erwiesen hat in vergangenen K\u00e4mpfen, und die w\u00e4hrend der Kommune von 1871 f\u00fcr<em> <\/em>die Pariser Soldaten den Ansto\u00df gab, den Gehorsam zu verweigern, als man ihnen befahl, ihre Br\u00fcder zu erschie\u00dfen. Sie hat den M\u00e4nnern Mut gemacht, die in j\u00fcngster Vergangenheit auf russischen Kriegsschiffen meuterten. Sie wird allm\u00e4hlich den Aufstand aller Unterdr\u00fcckten und Getretenen gegen ihre internationalen Ausbeuter ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Das Proletariat Europas hat die gro\u00dfe Kraft der Solidarit\u00e4t realisiert und folglich einen Krieg gegen den Patriotismus und sein blutiges Gespenst, den Militarismus, begonnen. Tausende von M\u00e4nnern f\u00fcllen die Gef\u00e4ngnisse von Frankreich, Deutschland, Ru\u00dfland und den skandinavischen L\u00e4ndern, weil sie es wagten, dem alten Aberglauben zu trotzen. Auch ist die Bewegung nicht auf die Arbeiterklasse beschr\u00e4nkt; sie umfa\u00dft Repr\u00e4sentanten aller Gesellschaftsschichten und ihre bedeutendsten Vertreter sind K\u00fcnstler, Wissenschaftler und Schriftsteller.<\/p>\n<p>Amerika wird sich anschlie\u00dfen m\u00fcssen. Der Geist des Militarismus durchdringt bereits alle Gebiete des Lebens. Ich bin in der Tat davon \u00fcberzeugt, da\u00df der Militarismus sich hier zu einer gr\u00f6\u00dferen Gefahr ausw\u00e4chst als irgendwo anders, da der Kapitalismus hier jenen, die er zu zerst\u00f6ren w\u00fcnscht, so viele Bestechungsgeschenke anzubieten wei\u00df.<\/p>\n<p>Es beginnt schon in den Schulen. Offensichtlich h\u00e4lt es die Regierung mit der jesuitischen Devise: \u00bbGib mir das Bewu\u00dftsein des Kindes und ich werde den Mann formen.\u00ab Kinder werden in milit\u00e4rischer Taktik ge\u00fcbt, der Ruhm milit\u00e4rischer Siege stundenplanm\u00e4\u00dfig besungen und das kindliche Bewu\u00dftsein pervertiert, um der Regierung zu gefallen. Au\u00dferdem wird die Jugend durch leuchtende Plakate verlockt, zur Armee oder zur Marine zu gehen. \u00bbEine wunderbare Chance, die Welt zu sehen!\u00ab rufen die Marktschreier der Regierung. So werden unschuldige Knaben moralisch aufger\u00fcstet f\u00fcr den Patriotismus, und der milit\u00e4rische Moloch schreitet erobernd durch die Nation.<\/p>\n<p>Der amerikanische Arbeiter hat so sehr unter dem Soldaten des Staates und des Bundes gelitten, da\u00df er v\u00f6llig gerechtfertigt ist in seiner Abscheu vor und seiner Opposition gegen den uniformierten Parasiten. Blo\u00dfe Denunziation wird dies gro\u00dfe Problem allerdings nicht l\u00f6sen. Was wir ben\u00f6tigen, ist eine Erziehungspropaganda f\u00fcr den Soldaten: anti-patriotische Literatur, die ihn \u00fcber die wahren Schrecken seines Handwerks aufkl\u00e4rt, und die ein Bewu\u00dftsein seiner wahren Beziehung zum Arbeiter weckt, dessen Arbeit er seine Existenzgrundlage verdankt.<\/p>\n<p>Und genau das f\u00fcrchten die Autorit\u00e4ten am meisten. Es ist schon Hochverrat, wenn ein Soldat an einer Versammlung Radikaler teilnimmt. Zweifelsohne werden sie es auch als Hochverrat abstempeln, wenn ein Soldat ein radikales Pamphlet liest. Aber hat nicht Autorit\u00e4t von undenklichen Zeiten an jeden Schritt nach vorn als Verrat gebrandmarkt?<\/p>\n<p>Jene jedoch, die ernsthaft nach sozialer Rekonstruktion trachten, k\u00f6nnen es sich sehr wohl leisten, all dem entgegenzutreten; denn es ist wahrscheinlich sogar wichtiger, die Wahrheit zu den Soldaten in die Baracken zu tragen, als zu den Arbeitern in die Fabriken. Wenn wir erst einmal die patriotische L\u00fcge untergraben haben, wird schnell der Weg bereinigt und bereitet sein f\u00fcr die gro\u00dfartige Konstruktion, in der alle Nationalit\u00e4ten vereinigt sein werden in einer universalen Br\u00fcderschaft &#8211; einer wahrhaft FREIEN GESELLSCHAFT.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist Patriotismus? Ist es die Liebe zum Ort unserer Geburt, zum Hort von Kindheitserinnerungen und Hoffnungen, Sehns\u00fcchten und Tr\u00e4umen? Ist es die Stelle, an der wir so oft in kindlicher Naivit\u00e4t den ziehenden Wolken zusahen und uns wunderten, warum es nicht auch uns gegeben war, so rasch dahinzuschweben? Ist es der Ort, an dem &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/02\/patriotismus-eine-bedrohung-der-freiheit\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Patriotismus - eine Bedrohung der Freiheit - graswurzelrevolution","description":"Was ist Patriotismus? Ist es die Liebe zum Ort unserer Geburt, zum Hort von Kindheitserinnerungen und Hoffnungen, Sehns\u00fcchten und Tr\u00e4umen? Ist es die Stelle, an"},"footnotes":""},"categories":[439,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-7301","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-306-februar-2006","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7301"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7301\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}