{"id":7305,"date":"2006-02-01T00:00:15","date_gmt":"2006-01-31T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7305"},"modified":"2022-07-26T14:15:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:01","slug":"deutscher-fusball","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/02\/deutscher-fusball\/","title":{"rendered":"Deutscher Fu\u00dfball"},"content":{"rendered":"<p>Das Motto der Fu\u00dfball-WM lautet: &#8222;Die Welt zu Gast bei Freunden&#8220;. F\u00fcr die Tausenden von Fl\u00fcchtlingen, die auch w\u00e4hrend der WM an den Grenzen zur\u00fcckgeschickt oder aus Deutschland abgeschoben werden, gilt dieses Motto sicher nicht.<\/p>\n<p>Willkommen gehei\u00dfen werden die Heerscharen von Bierflaschen schwenkenden, nationale Lieder gr\u00f6lenden Fu\u00dfballfans, die in den Stadien Schiedsrichter oder Spieler der gegnerischen Mannschaft wahlweise als Kanaken, Schwuchteln oder Weicheier beschimpfen werden, um anschlie\u00dfend ins alkoholische Koma zu versinken. In diese Menschen setzt die Bundesregierung ihre Zuversicht zwecks Belebung der Konjunktur. Viel Geld sollen sie hier lassen, z.B. in den Bierhallen oder den Bordellen, die in vielen Austragungsst\u00e4dten aus dem Boden gestampft werden, wo per modernem Sklavenhandel eingeschleuste Zwangsprostituierte unter katastrophalen Bedingungen die Aggressionen der Freier nach dem verlorenen Spiel ertragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>So sieht der Ruck, der durch Deutschland gehen soll, den Bundeskanzlerin, Bundespr\u00e4sident und Arbeitgebervertreter herbeisehnen, dann konkret aus. Die eigenen Bed\u00fcrfnisse m\u00fcssen hinten angestellt werden, und das &#8222;besitzstandwahrende&#8220; Denken soll einem Standortpatriotismus weichen. Denn &#8222;wir&#8220; m\u00fcssen endlich wieder, ob im Fu\u00dfball oder wirtschaftlich, die Nr. 1 werden (&#8222;Europa lechzt nach der F\u00fchrung&#8220;, so EU-Kommissar G\u00fcnter Verheugen).<\/p>\n<p>In der &#8222;Heimat von Zukunftsangst, Skepsis und Pessimismus&#8220; soll es endlich wieder vorangehen; es entsteht ein &#8222;Gute-Laune-Land-Deutschland&#8220; (FR, 9.1.2006). Die Bildzeitung hat es auch im Horoskop nachgelesen, dass es aufw\u00e4rts geht. Dies Land hat n\u00e4mlich das Sternzeichen Zwilling (Inkrafttreten der Verfassung am 23.5.1949), und da stehen die Sterne gut, auch wenn die Reformen durch Transzendenten von Jupiter und Merkur (oder waren es Venus und Pluto?) etwas gef\u00e4hrdet scheinen. Die Grundstimmung ist positiv.<\/p>\n<p>Was mit &#8222;Du bist Deutschland&#8220; begann, seine Fortsetzung in der n\u00e4chsten Propagandaschlacht &#8222;Deutschland &#8211; Land der Ideen&#8220; findet, erf\u00e4hrt seinen voraussichtlichen H\u00f6hepunkt in der Fu\u00dfball-WM.<\/p>\n<p>Diese emotional aufgeheizte Gemeinschafts- und Umarmungsstimmung findet ihre Symbolik in der nationalen Flagge und dem mit schwarz-rot-goldenen Flammen der Begeisterung flambierten DFB-Trikot. Die Telekom erkennt das &#8222;gr\u00f6\u00dfte Nationalteam aller Zeiten&#8220;. Die neoliberale Rhetorik propagiert eine Eigenverantwortung und freien Wettbewerb: Jeder Verlierer im Konkurrenzkampf tr\u00e4gt selbst die Verantwortung f\u00fcr sein Elend.<\/p>\n<p>Die Fu\u00dfball-Nationalmannschaft wird hierbei zur Avantgarde einer ganzen Nation. &#8222;Hier gibt es kein Ich. Hier gibt es nur Wir&#8220;, so Nationaltrainer Klinsmann in einem Kinospot. Der Teamgeist der Million\u00e4re auf dem Rasen soll identisch sein mit einem Teamgeist der bundesdeutschen Gesellschaft. Die Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Nation ist aufgehoben.<\/p>\n<p>Der &#8222;Fanclub Deutschland 06&#8220; (eine neuerliche Initiative von Bundesregierung und Industrie) startet durch und verk\u00fcndet: Du bist Weltmeister. Aber ich bin weder Deutschland noch Weltmeister oder gar Papst. Wer ich bin, entscheide ich immer noch selbst.<\/p>\n<p>Und was werden &#8222;unsere Jungs&#8220; vollbringen? Es wird wohl kommen, wie es immer kommt. Mit biederer Fu\u00dfballkost wird sich die Truppe beinharter K\u00e4mpfer und technischer Banausen bis ins Finale durchwurschteln. Und wenn es in den Viertel- oder Halbfinalen Probleme geben sollte, kann sich noch Innenminister Sch\u00e4ubles Wunsch erf\u00fcllen: Die Bundeswehr wird eingreifen, vielleicht mit einem neuen Bomber der Nation (wie einstmals Gerd M\u00fcller).<\/p>\n<p>Eine Rekordjagd kann im Juni er\u00f6ffnet werden! Wer wird wohl der beste Sch\u00fctze der WM? Der Generalleutnant der Bundeswehr oder der K\u00f6lner St\u00fcrmerstar Lukas Podolski? Kann Deutschland die WM mit der bisher h\u00f6chsten Milit\u00e4rdichte, mit der Milit\u00e4rdiktatur Argentiniens als Gastgeberin 1978, \u00fcberbieten?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte Deutschland neben dem WM-Pokal auch noch einen anderen Titel erhalten. Den mit den meisten Toten bei einer Fu\u00dfballweltmeisterschaft. Die Stiftung Warentest hat gravierende Sicherheitsm\u00e4ngel an mindestens vier Stadien (Berlin, Kaiserslautern, Gelsenkirchen, Leipzig) festgestellt. Das Organisationskomitee um den letzten Monarchen der Republik, Franz Beckenbauer, sieht darin reine Panikmache. Bei einer Massenpanik im Berliner Stadion w\u00e4ren praktisch keine Fluchtwege vorhanden, stellen die VerbraucherInnensch\u00fctzerInnen fest. Das ficht die Herren Veranstalter nicht an.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich k\u00f6nnte es noch einen Rekord geben: Noch nie wurden so viele B\u00fcrgerInnen f\u00fcr ein Sportereignis zwangsweise \u00fcberpr\u00fcft. Datensch\u00fctzerInnen gehen von ca. 250.000 Menschen aus, die beruflich mit der WM zu tun haben, vom W\u00fcrstchenverk\u00e4ufer bis zur Ordnerin. Diese sollen routinem\u00e4\u00dfig von Verfassungsschutz und Polizei auf ihre Vorgeschichte \u00fcberpr\u00fcft werden, ohne die M\u00f6glichkeit eines Widerspruchs gegen das Untersuchungsergebnis.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen auch die Fans ihren Teil zum Erfolg beitragen. Au\u00dfer Kaufen, Saufen und Raufen gilt es noch, ein reizendes &#8222;Iro-Accessoire&#8220; zu erwerben (f\u00fcr 9,95 Euro unter www.erwinmueller(!!).de) und dieses in den Nationalfarben daher kommende Punknostalgiehaarteil stolz zur Schau zu tragen.<\/p>\n<p>Der WM-Gewinn von Basel 1954 stand noch f\u00fcr die \u00dcberwindung der &#8222;nationalen Schmach&#8220; nach dem 2. Weltkrieg und schuf einen Mythos, der auch 50 Jahre sp\u00e4ter wirkt. Grundsolide und bescheidene Spieler wie Fritz Walter, ausgestattet mit allen nur erdenklichen deutschen Tugenden, lie\u00dfen die Nation wieder das Haupt erheben. 20 Jahre sp\u00e4ter versuchten Beckenbauer und Co. mit attraktiven Langhaarfrisuren wie die S\u00fcdamerikaner, durch ihren erneuten Titelgewinn das scheinbar liberale, sozialdemokratische Deutschland zu pr\u00e4sentieren. Durch attraktiveren Fu\u00dfball der Holl\u00e4nder und das verlorene Spiel gegen den Klassenfeind DDR ging diese Mission in die Hose. Schlie\u00dflich gelang 1990, unmittelbar nach der Wiedervereinigung, durch &#8222;Spielerpers\u00f6nlichkeiten&#8220; wie Math\u00e4us der Titelgewinn. Und in der Folge entbrannte ein von vielen nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehaltener Nationalismus, der sich schlie\u00dflich auch in den Pogromen gegen Fremde wie in Solingen oder Rostock entlud. Was sollte zu erwarten sein, wenn der Weltmeister 2006 wieder Deutschland hie\u00dfe?<\/p>\n<p>Ob nationales Fu\u00dfballfieber, die diesj\u00e4hrige Schwulen- und Lesbenparade unter dem Motto &#8222;Einigkeit und Recht und Freiheit&#8220; oder Kampagnen, in denen Barmer, ZDF und Bild uns &#8222;Fit f\u00fcr Deutschland&#8220; machen wollen: Hier werden in einer modern angestrichenen Masche alle Kr\u00e4fte mobilisiert f\u00fcr eine uralte Ideologie: alles f\u00fcr Staat und Nation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Motto der Fu\u00dfball-WM lautet: &#8222;Die Welt zu Gast bei Freunden&#8220;. 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