{"id":7330,"date":"2006-02-01T00:00:21","date_gmt":"2006-01-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=7330"},"modified":"2022-07-26T14:24:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:26","slug":"ein-neues-verstandnis-von-politischer-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/02\/ein-neues-verstandnis-von-politischer-arbeit\/","title":{"rendered":"&#8222;Ein neues Verst\u00e4ndnis von politischer Arbeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Ossi, wie ist Deine Situation heute? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Osman Murat \u00dclke: <\/strong>Juristisch gesehen gelte ich als Deserteur, da ich mich nicht in die Einheit begab. Im Prinzip bin ich seit der endg\u00fcltigen Entscheidung des Milit\u00e4rkassationsgerichts im Herbst 1999 dem Staat noch ca. eine Woche Haftstrafe schuldig. Ich konnte durch meinen Widerstand im Gef\u00e4ngnis nicht erreichen, dass das Thema f\u00fcr mich pers\u00f6nlich zu einem Ende kommt, und der Staat konnte meinen Willen nicht brechen. ((1))<\/p>\n<p>Eine erneute Inhaftierung ist immer m\u00f6glich, aber die Armee bevorzugt den momentanen Zustand der De-facto-Illegalisierung &#8222;drau\u00dfen&#8220;, da sie dadurch unliebsame Diskussionen im In- und Ausland vermeiden kann. Nun hat nat\u00fcrlich Mehmet Tarhans Fall das Thema wieder aktuell gemacht, doch auch unter diesen Umst\u00e4nden w\u00fcrde ein weiterer KDVer im Gef\u00e4ngnis nur den Druck steigern.<\/p>\n<p>Meine Illegalisierung belastet mich nat\u00fcrlich. Ich habe keinen Zugang zu einem g\u00fcltigen Pass, zu Sozialversicherung, fester Arbeit, Bankverbindung usw. Psychisch ist es eine B\u00fcrde, weil immer eine bestimmte Ungewissheit besteht und ich viele allt\u00e4gliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten vermeiden muss oder weniger selbstverst\u00e4ndlich durchlebe. Offenkundig sind die materiellen Begrenzungen.<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzungsjobs sind zu sp\u00e4rlich, um mich \u00fcber Wasser zu halten. Neue Perspektiven zu entwickeln, f\u00e4llt mir bei diesen konstanten Einschr\u00e4nkungen schwer. Das gleiche gilt f\u00fcr meine politische Bet\u00e4tigung.<\/p>\n<p>Ich habe inzwischen einen Sohn. Dank meines internationalen Freundeskreises aus der politischen Arbeit der letzten f\u00fcnfzehn Jahre war es m\u00f6glich, eine Wohnung \u00fcber Kredite zu kaufen, wodurch zumindest meine Freundin und mein Sohn bei einer weiteren Inhaftierung einen gesicherten Platz haben.<\/p>\n<p><strong>Dein Fall wird zurzeit vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte verhandelt. Wie sch\u00e4tzt Du diesen Prozess ein?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben unsere Klage 1999 eingereicht und sie dann 2001 erneuert. Das Gericht hat entschieden, alle unsere vorgetragenen Anklagepunkte zu verhandeln, was ein gutes Zeichen ist.<\/p>\n<p>Inzwischen hat der t\u00fcrkische Staat seine Verteidigung abgeschlossen, und wir haben unseren letzten Kommentar eingereicht. Mein Anwalt hofft auf ein Urteil innerhalb der ersten H\u00e4lfte des Jahres 2006.<\/p>\n<p>Eine Einsch\u00e4tzung unserer Erfolgschancen ist schwierig. Soviel ich wei\u00df, handelt es sich um einen Pr\u00e4zedenzfall. Es gab zwar schon Kriegsdienstverweigerer, die vor dem EGMR geklagt haben, aber in den jeweiligen L\u00e4ndern gab es Regelungen zu KDV und Zivildienst.<\/p>\n<p>So hat das Gericht in einem Fall gegen einen finnischen Totalverweigerer entschieden. Daraus ergibt sich keine klare Richtlinie f\u00fcr einen Fall aus der T\u00fcrkei. Ob das Gericht sich an Empfehlungen und Standards der EU-Institutionen anlehnen wird oder die Souver\u00e4nit\u00e4t der t\u00fcrkischen Regierung in dieser Sache anerkennt, wird sich zeigen.<\/p>\n<p>Doch beinhaltet meine Klage einige Grundforderungen, sekund\u00e4r zur Forderung der Anerkennung der KDV. Die T\u00fcrkei muss der absurden Praxis, KDVer nicht als solche zu sehen und zu bestrafen, sondern als Wiederholungst\u00e4ter zu behandeln, die jeden einzelnen Befehl ablehnen, ein Ende setzen. Indem die T\u00fcrkei einer rechtlichen Definition der KDV ausweicht, und sei diese Definition negativ, begeht sie einen Versto\u00df gegen ein simples und elementares Rechtsprinzip, demnach jede Straftat nur einmal bestraft werden kann.<\/p>\n<p>Sollte das Gericht nur zu letzterem Punkt zu unseren Gunsten entscheiden, was eigentlich der Fall sein m\u00fcsste, w\u00e4re schon viel erreicht. Dadurch m\u00fcsste die T\u00fcrkei zumindest ihre Gesetze anpassen, und es w\u00e4re f\u00fcr potentielle KDVer ein kalkulierbares Risiko, zu verweigern. Nach einer bestimmten Haftstrafe w\u00e4ren keine weiteren Konsequenzen, wie z.B. erneuter Zwang zum Milit\u00e4rdienst, zu erwarten. Damit d\u00fcrften die Ausgangsbedingungen f\u00fcr eine breit gef\u00e4cherte und zahlenstarke KDV-Bewegung endlich geschaffen sein.<\/p>\n<p><strong>Solltest Du vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte gewinnen, w\u00e4re das ein gro\u00dfer Schritt auf dem Weg zur Anerkennung des Menschenrechts auf Kriegsdienstverweigerung in der T\u00fcrkei. Meinst Du, die T\u00fcrkei k\u00f6nnte sich durch internationalen Druck dazu bewegen lassen, Kriegdienstverweigerer anzuerkennen? Welche Folgen k\u00f6nnte das haben?<\/strong><\/p>\n<p>Ein deutliches Urteil, das sich nicht nur auf unsere sekund\u00e4re Forderung beschr\u00e4nkt, w\u00fcrde die T\u00fcrkei nat\u00fcrlich stark in Bedr\u00e4ngnis bringen, da die Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte bindend sind. Doch eine direkte Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung kann ich mir nicht vorstellen. Hierzu bed\u00fcrfte es wohl einer wirklich starken, gesellschaftlich anerkannten KDV-Bewegung und realpolitischer Engp\u00e4sse in den Beziehungen zur EU.<\/p>\n<p>Die KDV hat f\u00fcr internationale Akteure und die EU im Vergleich zu anderen Aspekten der Menschenrechtsproblematik keine Priorit\u00e4t. Falls es zur Vollmitgliedschaft der T\u00fcrkei in der EU kommen sollte, wird wohl KDV eine der letzten zu bereinigenden Unebenheiten sein.<\/p>\n<p>Die Folgen einer solchen Anerkennung &#8230; Ohne Zweifel haben KDVer jetzt schon eine wichtige Rolle bei der Entmystifizierung nationalistischer und etatistischer Dogmen und werden sie noch verst\u00e4rkt in der Zukunft spielen.<\/p>\n<p><strong>Der ISKD war eine der aktivsten antimilitaristischen Gruppen in der T\u00fcrkei. Der Verein hat sich w\u00e4hrend Deiner Haft intensiv f\u00fcr Deine Freilassung engagiert. Wo lagen seine Arbeitsschwerpunkte?<\/strong><\/p>\n<p>Der Verein hat seit seiner Gr\u00fcndung im Dezember 1992 immer versucht, den Militarismus als Ganzes zu thematisieren und zu bek\u00e4mpfen. KDV war nur ein wichtiger Teilaspekt, der dadurch Gewicht erlangte, dass er direkt in unseren Lebensweg eingriff. Doch wie gesagt, ging es uns darum, Ursachen von politischer und gesellschaftlicher Gewalt und Ungerechtigkeit zu verstehen und etwas dagegen zu halten. Daher arbeiteten wir auf mehreren Ebenen gleichzeitig. \u00dcber kulturelle Mittel versuchten wir, gesellschaftliche, aber auch linke Tabus aufzubrechen. \u00dcber Trainings wollten wir ein neues Verst\u00e4ndnis von politischer Aktion, Effektivit\u00e4t und Demokratie erarbeiten und weitergeben. Der ISKD war weiter ein aktiver Teil der allgemeinen Menschenrechtsbewegung.<\/p>\n<p>Der Verein hat sich mit unz\u00e4hligen Aktivit\u00e4ten, Aktionen und anderen Mitteln gegen den Krieg in Kurdistan, gegen t\u00fcrkisch-griechische Spannungen, gegen Aufr\u00fcstung, gegen totalit\u00e4re Bestrebungen, die Bev\u00f6lkerung und die Opposition zu entm\u00fcndigen, f\u00fcr Emanzipation, Minderheitenrechte, Geschichtsaufkl\u00e4rung und vieles anderes eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Der ISKD war der erste legale antimilitaristische Verein in der T\u00fcrkei. Ein Novum in dem vom Milit\u00e4r dominiertn Land. Warum wurde der Verein 2001 aufgel\u00f6st?<\/strong><\/p>\n<p>Nach meiner Entlassung hat der <em>ISKD<\/em> eine konfrontative KDV-Politik gemieden, was nach der langen, aufreibenden Soli-Arbeit verst\u00e4ndlich war. Der kollektive Burnout war hartn\u00e4ckiger als gedacht, und so kam es 2001 zur freiwilligen Aufgabe der antimilitaristischen Arbeit in Vereinsform.<\/p>\n<p><strong>Mehmet Tarhan wurde am 10. August 2005 vom Milit\u00e4rgericht in Sivas aufgrund seiner Kriegsdienstverweigerung zu einer vierj\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilt. Wie ist seine aktuelle Situation?<\/strong><\/p>\n<p>Wie bekannt, war besonders seine erste Zeit im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis sehr schwierig. Seine Mitinsassen wurden von der Gef\u00e4ngnisleitung angestiftet, ihn zu pr\u00fcgeln. Er wurde verletzt und danach von denselben Inhaftierten erpresst und mit dem Tode bedroht. Auf Eingreifen seiner Anw\u00e4ltinnen wurden diese Bedrohungen zwar unterbunden, daf\u00fcr setzte direkter Druck von der Gef\u00e4ngnisleitung ein.<\/p>\n<p>Erst durch zwei ca. je einmonatige Hungerstreiks erreichte Mehmet eine relative Stabilit\u00e4t im Gef\u00e4ngnis. Doch das Tauziehen mit der Administration geht weiter. Sie versuchen immer noch, seine Rechte zu beschr\u00e4nken und ihm damit das Leben so schwer wie m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p><strong>Mehmet Tarhan steht \u00f6ffentlich zu seiner Homosexualit\u00e4t und bezeichnet sich als gewaltfreier Anarchist. Meinst Du, das hatte Auswirkungen auf das ma\u00dflose Urteil? <\/strong><\/p>\n<p>Ich kann nicht ganz sicher sagen, dass das Urteil durch seine Homosexualit\u00e4t h\u00f6her ausgefallen ist. Es kann auch sein, dass das Milit\u00e4rgericht einfach durch ein hohes Urteil die n\u00e4chste \u00f6ffentliche Konfrontation mit ihm und der Thematik aufschieben wollte. Aber es kann sehr gut sein, dass seine Homosexualit\u00e4t eine Rolle im Strafma\u00df gespielt hat, weil sich das Milit\u00e4r vielleicht dachte, dass er als Schwuler leichter zu marginalisieren ist und l\u00e4ngerfristig weniger Solidarit\u00e4t mobilisieren und gesellschaftliche Akzeptanz erzeugen kann. Dieser oberfl\u00e4chlich stimmige Gedanke hat sich erst einmal nicht bewahrheitet. Ich w\u00fcrde sagen, dass Mehmet sich in einer &#8222;gl\u00fccklichen&#8220; Schnittmenge befindet und seine verschiedenen Eigenschaften ihm sowohl in der T\u00fcrkei als auch international ein breiteres Solidarit\u00e4tsnetz beschert haben.<\/p>\n<p><strong>Kannst Du die Situation der Schwulen- und Lesbenszene in der T\u00fcrkei beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Die Schwulen- und Lesbenszene in der T\u00fcrkei hat zwei gr\u00f6\u00dfere und sehr stabile Gruppen hervorgebracht, die KaosGL in Ankara und Lambda in Istanbul. Beide Gruppen treten wirksam an die \u00d6ffentlichkeit und ergr\u00fcnden f\u00fcr die T\u00fcrkei neue Diskussionsstr\u00e4nge. Dank der durch diese Gruppen neu gesetzten Akzente ist die Entscheidung des Milit\u00e4rkassationsgerichtes, Mehmet Tarhans Homosexualit\u00e4t medizinisch festzustellen, in den Medien scharf kritisiert worden.<\/p>\n<p>Selbst der Milit\u00e4rstaatsanwalt des lokalen Milit\u00e4rgerichts hat sich in Anlehnung an Menschenrechtsprinzipien gegen diese Entscheidung ausgesprochen.<\/p>\n<p><strong>Im Moment gibt es eine internationale Solidarit\u00e4tskampagne f\u00fcr Mehmet Tarhan. Am 9. Dezember 2005, am Vortag des Internationalen Tags der Menschenrechte, gab es in dreizehn L\u00e4ndern bzw. in \u00fcber 20 St\u00e4dten gleichzeitig Kundgebungen und Demonstrationen f\u00fcr seine Freilassung und f\u00fcr das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung. <a href=\"u2\">(2)<\/a><\/strong> <strong> Wie berichten t\u00fcrkische Medien dar\u00fcber? <\/strong><\/p>\n<p>Die Medienresonanz zu Mehmets Fall ist gut. Die Erkl\u00e4rung von amnesty international zu Mehmet am 9. Dezember wurde sogar im landesweiten Nachrichtensender NTV wiedergegeben. Es w\u00e4re sicher mehr m\u00f6glich, wenn die lokale Solibewegung besser organisiert w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Menschen haben in den letzten Jahren in der T\u00fcrkei \u00f6ffentlich ihre Kriegsdienstverweigerung erkl\u00e4rt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie hat die \u00d6ffentlichkeit und wie hat der Staat darauf reagiert?<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt haben sich bis heute 60 KDVer erkl\u00e4rt. Davon sind 11 Frauen, die ihre KDV innerhalb von 2004 erkl\u00e4rt haben.<\/p>\n<p>F\u00fcnf der 49 M\u00e4nner, die ihre KDV erkl\u00e4rt haben, haben sich sp\u00e4ter entschieden, Milit\u00e4rdienst zu leisten.<\/p>\n<p>Nach mir und vor Mehmet Tarhan gab es zwei weitere KDVer, die Gef\u00e4ngniserfahrungen gemacht haben.<\/p>\n<p>Mehmet Bal erkl\u00e4rte im Oktober 2002 seine KDV. Da er zu dem Zeitpunkt sowieso Soldat war, konnte das Milit\u00e4r das Problem nicht umgehen. Das Milit\u00e4r zeigte sich unentschlossen im Umgang mit ihm. Er wurde zuerst im Gef\u00e4ngnis sehr hart behandelt und trat in einen Hungerstreik. Nach einer Gerichtsverhandlung wurde er entlassen, woraufhin er sich freiwillig bei seiner Einheit melden sollte.<\/p>\n<p>Er wurde im Januar 2003 gezielt in einer Wohnung festgenommen und in eine psychiatrische Anstalt gebracht, um ausgemustert zu werden. Dort entschied man sich anders, und er bekam von seiner Einheit drei Monate Urlaub. Seitdem ist Mehmet Bal auf freiem Fu\u00df.<\/p>\n<p>Halil Savda wurde im November 2004 aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen, in dem er sich wegen Mitgliedschaft in einer illegalisierten bewaffneten Organisation befand. Halil hatte sich in seiner Gef\u00e4ngniszeit neu orientiert und entschieden, KDVer zu werden. Er wurde bei seiner Entlassung direkt an &#8222;seine&#8220; Milit\u00e4reinheit \u00fcberstellt. Dort schickte man ihn wegen Befehlsverweigerung ins Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis. Er wurde nach einem Monat Gef\u00e4ngnisaufenthalt mit der formellen Aufforderung, sich &#8222;seiner&#8220; Einheit zu stellen, entlassen.<\/p>\n<p>Tarhans Fall stellt eine deutliche Eskalation dar. Hier haben verschiedene Faktoren zusammengespielt. Zuallererst war es Mehmet Tarhan, der bei seiner mehr oder weniger zuf\u00e4lligen Festnahme im April 2005 jegliche Kooperation mit der Polizei ablehnte. Er h\u00e4tte die Konfrontation mit den Milit\u00e4rs verhindern k\u00f6nnen, wenn er unterschrieben h\u00e4tte, dass er sich demn\u00e4chst stellt. Damit w\u00e4re die Polizei die Verantwortung los und h\u00e4tte sich auch nicht um den weiteren Verlauf gek\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter schaltete sich das Zentraldirektorat der Rekrutierungs\u00e4mter ein und verhinderte eine Entlassung Mehmets, wie sie Halil Savda gew\u00e4hrt wurde. Damit geriet er in einen Kreislauf, wie ich damals in Eskiehir. Zuletzt wurde das Ganze mit der bisher h\u00f6chsten Einzelstrafe besiegelt, zu der ein KDVer verurteilt wurde.<\/p>\n<p>M.E. sucht das Milit\u00e4r krampfhaft nach Wegen, die KDV aus der \u00f6ffentlichen Diskussion zu verbannen. Dabei experimentiert es mit Druck und aufgesetzter Nachl\u00e4ssigkeit.<\/p>\n<p>Diese Strategie ist im Gro\u00dfen und Ganzen bisher nicht aufgegangen. Es besteht ein reges Interesse an KDV in der \u00d6ffentlichkeit. Ich sehe &#8222;neidische&#8220; und hasserf\u00fcllte Bemerkungen in den verschiedensten Internetforen, von Leuten, die meinen, die Dr\u00fcckeberger machen es sich einfach. In den gleichen Foren finden sich aber auch kleinlautere Stimmen, die die Heiligkeit von Staat und Heer in Frage stellen und Sympathie f\u00fcr KDVer bekunden. Auch wenn negative Kommentare deutlich \u00fcberwiegen, zeigt dies, dass KDV &#8211; haupts\u00e4chlich von der Jugend &#8211; wahrgenommen und diskutiert wird.<\/p>\n<p><strong>Du verstehst Dich als gewaltfreier Anarchist. Kannst Du beschreiben, wie dieses Selbstverst\u00e4ndnis entstanden und gewachsen ist?<\/strong><\/p>\n<p>Vorweg muss ich sagen, dass mein Selbstverst\u00e4ndnis seit der Aufgabe des ISKD durch den ungewollten, aber scheinbar unabwendbaren Verlust einiger Kollektive geknickt ist. Seitdem habe ich es nicht geschafft, mich in einer neuen politischen Heimat anzusiedeln. Die Illegalisierung und Distanz von der allt\u00e4glichen politischen Arbeit haben auch meine Lebensweise und Priorit\u00e4ten beeinflusst.<\/p>\n<p>Mein Selbstverst\u00e4ndnis ist von einer Wurzellosigkeit gepr\u00e4gt. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe fr\u00fch \u00f6konomische Ungleichheit und Rassismus erlebt. Die t\u00fcrkische Kultur war alles andere als eine Antwort. Als Kind wurde ich in den fr\u00fchen Achtzigern Zeuge der \u00d6ko- und der antimilitaristischen Bewegung, mit denen ich mich durch eigene Gewalterlebnisse und eine Abscheu vor Ungerechtigkeit schnell identifizieren konnte. Mit f\u00fcnfzehn kam dann der Schock der Zwangs&#8220;r\u00fcckkehr&#8220; in die T\u00fcrkei. Ich fand mich pl\u00f6tzlich in einem islamisch-faschistoiden Internat wieder. In mir, dem damals schon entschiedenen Atheisten, haben das Internat und die dortigen Praktiken viel zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Damit wurde immer klarer, dass ich in diesem Land nur im Widerstand \u00fcberleben kann und Basispolitik zu meinem Lebensweg werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie es aber jetzt, Mitte drei\u00dfig, weitergehen soll, versuche ich schon seit geraumer Zeit herauszufinden.<\/p>\n<p><strong>Was verstehst Du unter Anarchie und unter gewaltfreiem Anarchismus?<\/strong><\/p>\n<p>Anarchie ist f\u00fcr mich ganz und gar keine Extremvorstellung.<\/p>\n<p>Extrem finde ich die heutige Gesellschaftsstruktur. Die zwei Begriffe &#8222;Ordnung&#8220; und &#8222;Anarchie&#8220; vertragen sich meiner Meinung nach wunderbar, weil Anarchie f\u00fcr mich vordergr\u00fcndig ein Ordnungsideal ist, das den Menschen erm\u00f6glichen soll, sich selbst zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, eigene Potentiale zu entdecken und im &#8222;Scho\u00df&#8220; einer solidarischen Gesellschaft zu entfalten. Damit denke ich gar nicht an konfliktfreie Utopien, in denen alle nett und gl\u00fccklich sind, sondern einfach daran, dass sich der in der Gesellschaft dominierende Konsens wandelt, dass anstelle von Profit- und Konkurrenzideologie die unterst\u00fctzenswerte Selbstverwirklichung tritt.<\/p>\n<p>Anarchismus war f\u00fcr mich immer gewaltfrei, weil Gewalt Herrschaftsstrukturen nur reproduziert und vernebelt.<\/p>\n<p><strong>Du warst von 2001 bis 2004 Redakteur der t\u00fcrkisch-deutschen <em>Otk\u00f6k\u00fc<\/em> ((3)). Kannst Du die Geschichte und die Inhalte dieser gewaltfrei-anarchistischen Zeitung skizzieren?<\/strong><\/p>\n<p>Die urspr\u00fcnglichen Zielsetzungen der <em>Otk\u00f6k\u00fc<\/em> waren sehr ambitioniert und schwer unter einem Dach zu vereinen. Zum einen sollten &#8222;Deutsch-T\u00fcrken&#8220; und mit ihnen Deutsche angesprochen werden, zum anderen sollte eine Br\u00fccke zu einer Leserschaft in der T\u00fcrkei hergestellt werden. Das sind schon mal drei verschiedene Zielgruppen. Ich denke, dass potentielle Sympathisantinnen und Sympathisanten f\u00fcr gewaltfreien Anarchismus oder Neue Soziale Bewegungen (NSB) unter Deutsch-T\u00fcrken eine sehr kleine Gruppe darstellen d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Sowohl Inhalte als auch Pr\u00e4sentation m\u00fcssten im Grunde f\u00fcr alle drei Gruppen verschieden ausfallen, weil bestimmte Diskussionen sich der einen Gruppe nicht so stellen wie der anderen. Dies empfand ich konzeptionell als das gr\u00f6\u00dfte Handicap der GWR-Beilage.<\/p>\n<p>Die dritte Zielgruppe, n\u00e4mlich Leserinnen und Leser in der T\u00fcrkei, entfiel von selber, als gleich die erste Ausgabe vom t\u00fcrkischen Zoll beschlagnahmt und an das Innenministerium weitergeleitet wurde. Meine eigene Situation als Illegalisierter verhinderte eine aktive Konfrontation.<\/p>\n<p>Trotz allem erschien die <em>Otk\u00f6k\u00fc<\/em> in einem dreimonatigen Rhythmus f\u00fcr insgesamt acht Ausgaben.<\/p>\n<p>Da die <em>Otk\u00f6k\u00fc <\/em>eigenst\u00e4ndig keine Einnahmen machte, wurde sie der GWR zur finanziellen B\u00fcrde. Unter diesen Bedingungen konnte ihr nat\u00fcrlich nur begrenzt Platz einger\u00e4umt werden, der noch dazu in zwei Sprachen aufgeteilt wurde. Damit kamen tiefer gehende Artikel und ganze thematische Blocks gar nicht erst in Frage.<\/p>\n<p>So gelang es auch nicht, das Projekt in Team-Arbeit zu gestalten. Leider habe ich die <em>Otk\u00f6k\u00fc<\/em> schlie\u00dflich ohne gro\u00dfes Feedback von Leserinnen und Lesern nach eigenem Gutd\u00fcnken zusammengestellt und konnte dabei Sinn und Unsinn meines Tuns kaum einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Das alles klingt jetzt sehr negativ, aber es musste wohl versucht werden, um die Erfahrung machen zu k\u00f6nnen. Ich wei\u00df nicht, als wie n\u00fctzlich sich diese Erfahrung herausstellen wird, doch sie birgt gute Fragen f\u00fcr eventuelle Zukunftsprojekte. Auf jeden Fall muss ich aber dazu sagen, dass Du, Bernd, in jeder Phase des Projekts sehr unterst\u00fctzend warst.<\/p>\n<p>Inhaltlich handelte die Beilage meist von basisdemokratischen Ans\u00e4tzen und Aktivit\u00e4ten in der T\u00fcrkei, wenig thematisierten Menschenrechtsverletzungen, in die die t\u00fcrkische Armee verwickelt war, und Kriegsdienstverweigerung. Daneben gab es kritische Artikel zu aktuellen Themen wie z.B. Geschichtsaufarbeitung oder die vorgesehene Rolle der T\u00fcrkei im Irakkrieg.<\/p>\n<p><strong>In der <em>Otk\u00f6k\u00fc<\/em> wurde z.B. auch \u00fcber die Schwulen- und Lesbenszene in der T\u00fcrkei berichtet. Wie haben sich die Gay- und Lesbenszene, die feministischen Gruppen und allgemein die sozialen Bewegungen in der T\u00fcrkei in den letzten Jahren entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p>Nach einer Talfahrt durch die Neunziger und um die Jahrtausendwende geht es mit den NSB anscheinend wieder aufw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Wie vorhin schon gesagt, hat sich die Lesben-\/Schwulenbewegung weiterentwickelt und Freir\u00e4ume erk\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Aktivit\u00e4ten von Frauengruppen haben deutlich zugenommen.<\/p>\n<p>In den Neunzigern gab es eine Akademisierung und kaum noch Basisbewegungen. Jetzt tut sich wieder viel an der Basis.<\/p>\n<p>Sehr viel passiert in den kurdischen Provinzen, und die Vernetzung zwischen t\u00fcrkischen und kurdischen Frauen ist gut. Nat\u00fcrlich hat diese Konstellation ihre eigenen Probleme, aber auf jeden Fall sind diese dem Stillstand von vor zehn Jahren vorzuziehen.<\/p>\n<p>Frauengruppen nehmen sich auch vieler sozialer Probleme an und finden damit direkt Zugang zur \u00e4rmeren und oft entpolitisierten Bev\u00f6lkerung. Das f\u00fchrt zu holistischen Ans\u00e4tzen, in denen konkrete wirtschaftliche Fragen ein Gewicht haben.<\/p>\n<p>Nur die \u00d6kobewegung findet nicht zu ihrer anf\u00e4nglichen St\u00e4rke aus den Sp\u00e4tachtzigern zur\u00fcck. Die Gr\u00fcnen warten einen geeigneten Moment zu einer Parteineugr\u00fcndung ab, aber ich kann keine breite Bewegung oder gesellschaftliche Dynamik dahinter sehen.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist es gerade Mehmet Tarhans Fall, zu dem alle diese NSB einen Bezug herstellen k\u00f6nnen. Zwar kommt es nicht zu einer wechselseitigen Durchdringung der NSB, aber es gibt immer wieder gemeinsame Aktionen.<\/p>\n<p><strong>In der GWR 253 hast Du die <a title=\"Ot K\u00f6k\u00fc \u2013 Graswurzelbewegung in der T\u00fcrkei\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/11\/ot-koku-graswurzelbewegung-in-der-turkei\/\">Ans\u00e4tze einer Graswurzelbewegung in der T\u00fcrkei<\/a> beschrieben. Sie sei mit den gleichen Problemen konfrontiert, mit denen sich dort jede radikale gesellschaftliche Opposition herumschlagen m\u00fcsse.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zus\u00e4tzlich sei sie dem Misstrauen der traditionellen Linken ausgesetzt. <\/strong><\/p>\n<p>Hinzu kommt ein ausdr\u00fccklicher b\u00fcrgerlicher Hintergrund derer, die auf diese Ans\u00e4tze reagieren und diese mitentwickeln.<\/p>\n<p>Die Ablehnung des Establishments m\u00fcndet meist in radikale Subkulturen, was an und f\u00fcr sich nicht negativ ist.<\/p>\n<p>Hierbei kommt aber die Anbindung an harte Realit\u00e4ten dieses Landes meist abhanden, und die jungen Radikalen schaffen sich unbewusst ihre eigenen heilen Nischen, aus denen heraus sie auf gesellschaftlicher Ebene kaum noch eingreifen k\u00f6nnen. Am deutlichsten sehe ich eine fehlende Bezugnahme zu wirtschaftlichen Realit\u00e4ten und Problemen. All das gilt ebenso f\u00fcr meine eigene politische Vergangenheit durch die ganzen Neunziger. Deswegen finde ich Ans\u00e4tze von Frauengruppen in armen Stadtteilen zur Zeit spannender und muss immer wieder an kurdische Kriegsfl\u00fcchtlinge rund herum um Izmir denken, wenn ich \u00fcber meine eigene eventuelle politische Bet\u00e4tigung in der Zukunft nachgr\u00fcble.<\/p>\n<p>Dies ist alles subjektiv und von meinen eigenen einseitigen Erfahrungen gepr\u00e4gt. Ich glaube nicht, allgemeing\u00fcltige Antworten zu haben.<\/p>\n<p><strong>Welche Perspektiven siehst Du heute? <\/strong><\/p>\n<p>Eine f\u00fcr mich ernst zu nehmende Perspektive m\u00fcsste Br\u00fccken zu den wirklich Marginalisierten schlagen, heraus aus dem gem\u00fctlich-b\u00fcrgerlichen Kokon.<\/p>\n<p><strong>Lieber Ossi, herzlichen Dank.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Ossi, wie ist Deine Situation heute? Osman Murat \u00dclke: Juristisch gesehen gelte ich als Deserteur, da ich mich nicht in die Einheit begab. Im Prinzip bin ich seit der endg\u00fcltigen Entscheidung des Milit\u00e4rkassationsgerichts im Herbst 1999 dem Staat noch ca. eine Woche Haftstrafe schuldig. Ich konnte durch meinen Widerstand im Gef\u00e4ngnis nicht erreichen, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/02\/ein-neues-verstandnis-von-politischer-arbeit\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Ein neues Verst\u00e4ndnis von politischer Arbeit\" - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution (GWR): Ossi, wie ist Deine Situation heute? 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